• Von McDreamy zum Killer: Die besten Filme und Serien von Patrick Dempsey im Ranking
    Nora Henze

    Nora Henze

    JustWatch-Editor

    Mit Memory of a Killer kehrt Patrick Dempsey als Serienheld zurück - diesmal nicht als Arzt mit perfekten Haaren, sondern als Profikiller, dem die eigene Vergangenheit auf den Fersen ist. Ein ungewöhnlicher Schritt für einen Schauspieler, der jahrelang als McDreamy durch die Gänge des Seattle Grace Hospital geschritten ist und damit eine ganze Generation von Fernsehzuschauern für sich gewonnen hat. 

    Dempsey war nie der naheliegendste Kandidat für einen Superstar: zu nett, zu charmant, ein bisschen zu sehr der Typ, den man mag, ohne genau zu wissen warum. Genau das hat ihn über Jahrzehnte und durch sehr unterschiedliche Rollen interessant gehalten, durch frühe Teeniekomödien, Blockbuster-Ausflüge und eine Serienrolle, die ihn für immer in die Popkultur eingeschrieben hat. Diese Liste zieht Bilanz über eine Karriere, die offenbar noch lange nicht vorbei ist.

    10. Transformers 3 (2011)

    In Transformers 3 spielt Dempsey Dylan Gould, den smarten Antagonisten eines Films, der vor allem für Explosionen, Lärm und das Fehlen von Megan Fox in Erinnerung geblieben ist. Er ist gut gekleidet, leicht unheilvoll, und dann ist er auch schon wieder weg. Dempsey macht seine Sache solide, aber der Film gibt ihm schlicht keinen Raum, irgendetwas aus der Rolle zu machen, keinen Konflikt, keine Entwicklung, keine Szene, die ihm wirklich gehört. Dass er überhaupt in einem der erfolgreichsten Blockbuster-Franchises der Nullerjahre gelandet ist, sagt zumindest etwas über seinen Marktwert nach den frühen Grey’s Anatomy-Jahren aus. Als Leistung ist das kaum zu bewerten, weil die Rolle keine Leistung verlangt, sondern nur Präsenz, und Präsenz allein reicht nicht, um in Erinnerung zu bleiben. Selbst der konventionellere Romcom-Held im nächsten Eintrag hat mehr Kontur als diese glatt polierte Franchise-Figur.

    9. Verliebt in die Braut (2008)

    Frisch aus Grey’s Anatomy heraus versuchte Dempsey 2008 den Sprung zum romantischen Kinostar, und Verliebt in die Braut ist das ehrlichste Dokument dieses Versuchs. Er spielt Tom, den ewigen Frauenfreund, der zu spät merkt, dass er verliebt ist, und dann quer durch Schottland reist, um die Hochzeit seiner besten Freundin zu sabotieren. Das Konzept ist so alt wie das Genre selbst, die Ausführung ist professionell, und Dempsey ist charmant genug, um über die Schwächen des Drehbuchs hinwegzutragen. Was dem Film fehlt, ist jede Form von Überraschung, und was Dempsey fehlt, ist ein Drehbuch, das ihn wirklich fordert statt ihn nur einzusetzen. Immerhin hat er hier die ganze Laufzeit für sich allein, ohne dreißig andere Gesichter, die um dieselbe Leinwandfläche konkurrieren, und genau das hebt ihn knapp über den reinen Funktionsauftritt in Transformers 3. Mehr als charmante Dauerpräsenz wird daraus aber noch nicht, und damit bleibt der Film unter der kleineren, aber sauberer gespielten Ensemble-Arbeit des nächsten Platzes.

    8. Valentinstag (2010)

    Valentinstag ist ein Film mit gefühlt dreißig Hauptfiguren, und Dempsey ist eine davon. Er spielt einen Mann, der seiner Freundin einen Heiratsantrag macht und dabei nicht ganz ehrlich ist, was seine Gefühle angeht, und das ist in etwa alles, was man über seine Rolle sagen kann. Robert Altman hat dieses Vielstimmen-Format einst perfektioniert, hier geht es vor allem darum, möglichst viele bekannte Gesichter in möglichst viele kurze Szenen zu packen. Dempsey liefert, was gefragt ist, aber gefragt ist nicht viel, und die Rolle bleibt eine Skizze, die nie die Chance bekommt, ein vollständiges Bild zu werden. Trotzdem wirkt er in dieser begrenzten Konstellation wacher und präziser als im weichgespülten Romcom-Autopiloten von Verliebt in die Braut. Viel weiter trägt ihn das noch nicht, weil der Film ihn nie wirklich ausstellt. Erst der nächste Titel gibt ihm wieder eine Figur, die nicht bloß nett sein darf, sondern mit Anstand verlieren muss.

    7. Sweet Home Alabama - Liebe auf Umwegen (2002)

    In Sweet Home Alabama spielt Dempsey Andrew, den makellosen New Yorker Verlobten von Reese Witherspoon, der von Anfang an keine Chance hat, weil der Film klar macht, dass sie zurück zu ihrem Ex-Mann gehört. Er ist gut gekleidet, aufmerksam, erfolgreich, und er verliert trotzdem mit einer Würde, die man leicht übersieht, weil Witherspoon jede Szene dominiert und der Film kein Interesse daran hat, Andrew als mehr als eine Folie zu behandeln. Sweet Home Alabamawurde ein Kassenschlager, und Dempsey trägt dazu bei, ohne je im Mittelpunkt zu stehen. Es ist eine undankbare Aufgabe, und er erledigt sie mit mehr Handwerk als die Rolle eigentlich einfordert, was zeigt, dass er aus wenig mehr machen kann als erwartet. Genau dieses Mehr hebt den Film über Valentinstag: Hier bleibt nicht nur ein Gesicht hängen, sondern eine Haltung. Für die Top-Hälfte reicht das trotzdem noch nicht, weil der nächste Eintrag zeigt, wie viel stärker Dempsey wirkt, sobald er nicht bloß zweite Wahl im Liebesdreieck ist.

    6. Bridget Jones’ Baby (2016)

    Als Jack, der sympathische Amerikaner mit dem besten Timing der Filmgeschichte, tritt Dempsey 2016 in Bridget Jones’ Baby gegen Colin Firths Mark Darcy an, und er schlägt sich dabei besser als erwartet und besser als der Film ihm eigentlich erlaubt. Der Film weiß, dass Firth die emotionale Bindung der Zuschauer auf seiner Seite hat, und gibt Dempsey stattdessen die Leichtigkeit: die besseren Witze, die entspanntere Energie, den Charme ohne das Gewicht jahrelanger Seriengeschichte. Es reicht nicht für den Sieg innerhalb des Films, aber als reine Leistung ist es einer seiner unterschätztesten Auftritte überhaupt, weil er eine Figur spielt, der man wirklich eine Chance geben würde, auch wenn das Drehbuch das letztlich nicht zulässt. Darin ist Bridget Jones’ Baby klar stärker als Sweet Home Alabama: Diesmal bleibt Dempsey nicht bloß der anständige Verlierer, sondern ein echter Gegenentwurf zum vorgesehenen Happy End. Noch höher geht es nicht, weil der nächste Film etwas besitzt, das hier trotz aller Leichtigkeit fehlt: echten Ursprung, echtes Risiko und eine Rolle, die fast vollständig auf seinen Schultern liegt.

    5. Can’t Buy Me Love (1987)

    Mit 21 Jahren spielte Dempsey in Can’t Buy Me Love einen Außenseiter, der eine Mitschülerin dafür bezahlt, ihn für einen Monat als Freund zu behandeln, und dabei selbst den Überblick verliert. Der Film ist ein präzises Zeitdokument der Achtziger, und Dempseys Ronald Miller ist verletzlicher als die meisten Teenie-Romanhelden dieser Ära, was ihn interessanter macht als das Konzept vermuten lässt. Can’t Buy Me Love hat Kultstatus gewonnen, weil er ehrlicher ist als er aussieht, und Dempsey hat dabei früh gezeigt, dass er Sympathie erzeugen kann, ohne sie zu erzwingen. Er spielt noch ohne die routinierte Leichtigkeit, die ihm später zur zweiten Natur wurde, und gerade diese Rauheit macht die Rolle sehenswert und erklärt, warum der Film bis heute funktioniert und warum Dempsey danach nicht in der Versenkung verschwand. Das ist mehr als ein cleverer Nebenlauf wie in Bridget Jones’ Baby, weil hier schon das Grundgerüst seiner Leinwandpersona sichtbar wird. Weit oben ist der Film trotzdem nicht, weil der nächste Eintrag zeigt, dass Dempsey auch mit weniger Charme und mehr Zurücknahme hängen bleiben kann.

    4. Freedom Writers (2007)

    Neben Hilary Swank spielt Dempsey in Freedom Writers Scott Gruwell, den Ehemann, der die Energie seiner Frau für ihre Schüler bewundert und daran trotzdem scheitert, weil das Leben keine Ausnahmen für gute Absichten macht. Es ist eine undankbare Nebenrolle in einem Film, der vollständig um Swank herum gebaut ist, aber Dempsey nutzt den Platz, den er bekommt, mit einer Zurückhaltung, die auffällt und die zeigt, was er kann, wenn er nicht der Sympathieträger sein muss. Er spielt keinen überforderten Ehemann als Karikatur, sondern einen Mann mit echten Gründen für echte Entscheidungen, und das in einem Film, der eigentlich keine Zeit für Nebenfiguren hat und es trotzdem zulässt, dass diese hängen bleibt. Freedom Writers wird selten in einem Atemzug mit Dempseys Namen genannt, und das ist ungerecht. Gegenüber Can’t Buy Me Love ist das der reifere, präzisere Beweis seiner Fähigkeiten, weil hier nichts über Jugendbonus oder Kultnostalgie läuft. Für die Top 3 fehlt am Ende nur das eine große Plus des nächsten Titels: echte Mainstream-Strahlkraft, verbunden mit einer Figur, die das gesamte Projekt mitträgt.

    3. Verwünscht (2007)

    Verwünscht ist der Film, in dem Dempsey beweist, dass er auch dann funktioniert, wenn die Hauptfigur jemand anderes ist. Als Robert, der nüchterne New Yorker Scheidungsanwalt, der plötzlich eine Märchenprinzessin beherbergt, spielt er die perfekte Gegenfolie zu Amy Adams’ strahlender Giselle: skeptisch, trocken und langsam aufgetaut von etwas, das er nicht einordnen kann und das ihn trotzdem verändert. Der Film ist einer der klügsten Disneystoffe der Nullerjahre, weil er die eigenen Konventionen kennt und damit spielt, und Dempsey ist der Anker, der das Ganze erdet, ohne je die Aufmerksamkeit von Adams zu stehlen. Mit über 340 Millionen Dollar weltweit war Verwünscht sein größter Kinohit, und diesen Erfolg trägt er nicht nur dekorativ mit, sondern durch echte Präzision in Ton und Timing. Damit zieht der Film an Freedom Writers vorbei: Dort beeindruckt die Zurückhaltung, hier kommt zu dieser Zurückhaltung noch Reichweite, Rhythmus und ein deutlich größerer kultureller Abdruck. Nur zwei Projekte in seiner Karriere gehen darüber hinaus, weil sie nicht bloß starke Auftritte zeigen, sondern eine neue Phase markieren.

    2. Memory of a Killer (2026)

    McDreamy als Profikiller mit brüchiger Moral und einer Vergangenheit, die ihn einholt: Memory of a Killer ist Dempseys bislang mutigste Rollenentscheidung und sein großer US-Network-Serienauftritt nach dem Ende von Grey’s Anatomy. Er spielt Angelo Doyle, einen Auftragskiller, dessen Gedächtnis nachlässt und der dadurch anfängt, Fragen zu stellen, die er früher nie gestellt hätte und die das Publikum gezwungen ist, gemeinsam mit ihm zu stellen. Die Serie nutzt Dempseys Charme bewusst als Waffe gegen den Zuschauer: Man mag ihn, bevor man merkt, wen man da eigentlich mag, und dieses Unbehagen ist in dieser Form neu in seiner Karriere und zeigt eine Dimension, die bisher kaum jemand so prominent aus ihm herausgeholt hat. Gerade deshalb steht Memory of a Killer über Verwünscht: Hier trägt er nicht nur mit, hier riskiert er sein vertrautes Image und gewinnt dafür eine neue Schärfe. An Platz 1 kommt die Serie trotzdem noch nicht vorbei, weil selbst der mutigste Neuanfang nicht dieselbe kulturelle Wucht entfaltet wie die Rolle, die Patrick Dempsey überhaupt erst zu Patrick Dempsey gemacht hat. 

    1. Grey’s Anatomy (2005)

    Zehn Staffeln lang war Derek Shepherd die emotional verlässlichste Figur in einem Krankenhaus voller Krisen, Katastrophen und chirurgischer Ego-Duelle, und Dempsey hat diese Rolle mit einer Wärme gespielt, die das Format weit überlebt hat. McDreamy ist längst ein Kulturphänomen: ein Spitzname, der in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen ist und den Dempsey bis heute mit sich trägt, ob er will oder nicht. Grey’s Anatomy hat aus ihm einen Star gemacht, aber er hat aus Derek Shepherd mehr gemacht als das Drehbuch verlangt hätte: einen Mann mit echtem Gewicht, echten Fehlern und Momenten, die sich ins Gedächtnis brennen. Genau hier endet das Ranking logisch, weil kein anderes Projekt in seiner Karriere Wirkung, Wiedererkennungswert, Popkulturstatus und emotionale Bindung so vollständig bündelt. Memory of a Killer zeigt eine neue, dunklere Seite von ihm und ist als Entscheidung fast mutiger, aber Grey’s Anatomy bleibt das Werk, an dem sich alles andere misst. Kein anderer Spitzname aus dem Fernsehen dieser Ära sitzt so tief im kollektiven Gedächtnis wie McDreamy.

  • Der Cast von “Paradise” verrät seine Guilty Pleasures - von “Gilmore Girls” bis “The Office”
    Nora Henze

    Nora Henze

    JustWatch-Editor

    Staffel zwei von Paradise ist gerade zu Ende gegangen, und der postapokalyptische Thriller hat sich längst als eine der meistdiskutierten Serien der letzten zwei Jahre etabliert. 

    Sarah Shahi, Krys Marshall und Nicole Brydon Bloom gehören zum Kern des Ensembles: Shahi spielt die Psychotherapeutin Dr. Gabriela Torabi, Marshall die knallharte Secret-Service-Agentin Nicole Robinson, und Brydon Bloom verkörpert Jane Driscoll, deren dunkle Geheimnisse die erste Staffel in den letzten Folgen komplett auf den Kopf gestellt haben. Abseits des Thrillers haben die drei im „Sorry, not Sorry"-Format von JustWatch verraten, was sie privat auf dem Bildschirm entspannt, und die Antworten könnten unterschiedlicher kaum sein.

    Sarah Shahi und die ewige Faszination der “Gilmore Girls”

    Sarah Shahis Guilty Pleasure ist Gilmore Girls - und wer die Serie kennt, versteht sofort, warum sie funktioniert. Stars Hollow, das pittoreske Kleinstadtidyll, Lorelai und Rory mit ihrem halsbrecherischen Dialogtempo und dem gemeinsamen Kaffeekonsum als Lebensphilosophie: Das ist das genaue Gegenteil von dem, was Shahi in Paradise spielt. Dort analysiert sie Traumata in einer unterirdischen Bunkerstadt am Ende der Welt - in Gilmore Girls geht es darum, ob man rechtzeitig zum Frühstück im Diner erscheint. Genau diese Leichtigkeit macht solche Serien zur perfekten Auszeit, und Shahi scheint das sehr bewusst zu genießen.

    Krys Marshall und “Amélie”: eine echte Liebeserklärung

    Krys Marshall lässt keinen Zweifel an der Intensität ihrer Zuneigung: „Ich könnte den Film einmal am Tag schauen, jeden Tag, bis zum Ende aller Tage!" Die fabelhafte Welt der Amélie ist Jean-Pierre Jeunets verspieltes Meisterwerk aus dem Jahr 2001, in dem Audrey Tautou als schüchterne Pariserin das Leben anderer Menschen heimlich verbessert und dabei ihr eigenes Glück fast verpasst. Der Film lebt von seiner Bildsprache, seinem Witz und einer Art zärtlichem Blick auf die Welt, der sich nicht so leicht nachmachen lässt. Dass ausgerechnet Marshall, die in Paradise eine der kompromisslosesten Figuren der Serie spielt, diesem zarten Film so verfallen ist, hat eine gewisse Ironie - und macht die Aussage nur umso sympathischer.

    Nicole Brydon Bloom wirft “The Office” in den Raum

    Nicole Brydon Bloom wählt bewusst unspektakulär - und dann doch nicht ganz: „Ich werfe mal The Office in den Raum." Auf Nachfrage ihrer Kolleginnen, welche Version sie bevorzuge, gesteht sie ohne Zögern: die amerikanische. „Ich liebe Steve Carell." Das ist eine Aussage, die in manchen Kreisen als mutig gilt - die britische Originalversion von Ricky Gervais hat schließlich ihre leidenschaftlichen Anhänger - aber Brydon Bloom schert sich offensichtlich wenig darum. Die amerikanische Version von The Office läuft seit Jahren als eine der meistgestreamten Serien weltweit und hat den Begriff „Comfort Show" gewissermaßen miterfunden. Der deutsche Ableger ist uns ebenfalls bestens bekannt: Stromberg.

  • Audrey Nuna weint bei „Das große Krabbeln“ – und entschuldigt sich für gar nichts
    Markus Brandstetter

    Markus Brandstetter

    JustWatch-Editor

    Noch vor einem Jahr war Audrey Nuna außerhalb der Indie-R&B-Szene kaum ein Begriff. Dann kam KPop Demon Hunters (2025). Als Gesangsstimme der Figur Mira in der fiktiven K-Pop-Girlgroup Huntr/X wurde die 26-jährige koreanisch-amerikanische Sänngerin aus New Jersey mit einem Schlag zum globalen Phänomen. 

    Der Netflix-Film avancierte zur meistgestreamten Produktion der Plattform aller Zeiten, der Soundtrack-Song Golden verbrachte acht Wochen an der Spitze der Billboard Hot 100 und sammelte über vier Milliarden Streams. Dabei war der Weg dorthin alles andere als geradlinig. Nuna begann als Teenager damit, Coverversionen auf Instagram hochzuladen, studierte am Clive Davis Institute der NYU – und brach ab, weil die Musik nicht warten wollte. Ihr Debüt-EP a liquid breakfast erschien 2021, blieb aber weitgehend ein Geheimtipp. Wer Audrey Nuna jetzt noch nicht kennt, hat vermutlich kein Internet.

    Sorry Not Sorry

    In unserer JustWatch-Reihe „Sorry Not Sorry" verrät Audrey Nuna ihr persönliches Guilty Pleasure – und es hat überraschend wenig mit K-Pop zu tun. Das große Krabbeln (1998, englischer Titel: A Bug’s Life) sei einer der emotional stärksten Filme, die sie je gesehen habe, sagt sie. Sie müsse jedes Mal weinen. Nicht wegen der Action, nicht wegen der Optik – sondern wegen Flik. „Er versagt immer wieder, die ganze Kolonie hält ihn für nutzlos, und er will doch nur helfen. Dieses Konzept trifft mich jedes Mal." Kein falsches Zögern, kein ironisches Augenzwinkern – sie meint das vollkommen ernst. Und dann legt sie noch nach: Nacho Libre (2006) sei einer der größten Filme ihrer Generation. Nicht ganz so ein heißer Take, gibt sie zu – aber auch das ohne Entschuldigung.

    Unterschätzter Pixar-Klassiker

    A Bug's Life ist Pixars zweiter Spielfilm und erzählt die Geschichte von Flik, einer Außenseiterameise, die versehentlich den jährlichen Nahrungsvorrat ihrer Kolonie zerstört und sich aufmacht, Krieger-Insekten zu rekrutieren – nur um stattdessen eine Truppe kläglicher Zirkusartisten anzuheuern. Der Film gilt bis heute als einer der unterschätztesten Pixar-Klassiker, regelmäßig übersehen zwischen Toy Story und Monsters, Inc. Dass ausgerechnet Nuna, die selbst weiß, wie es ist, als Außenseiterin in einer Welt voller Erwartungen zu bestehen, tief in Fliks Geschichte einzutauchen – das macht Sinn.

  • Die 6 besten Filme und Serien mit Chris Pratt: Vom Tollpatsch zum Action-Star
    Ahmet Iscitürk

    Ahmet Iscitürk

    JustWatch-Editor

    Chris Pratt hat eine der faszinierendsten Karrieren der jüngeren Hollywood-Geschichte hingelegt, die ihn vom gemütlichen Sidekick in einer Sitcom zum absoluten Kassenmagneten und Gesicht globaler Franchises transformierte.

    Angefangen mit seiner ikonischen Rolle in der Serie Parks and Recreation (2009), bewies er früh ein komödiantisches Timing, das in der Branche seinesgleichen sucht. Es ist beeindruckend zu beobachten, wie er diese Leichtigkeit später in monumentale Blockbuster wie Guardians of the Galaxy (2014) integriert hat, ohne dabei seine menschliche Bodenhaftung zu verlieren. 

    Dieser Artikel widmet sich seinen fünf besten Auftritten und analysiert, warum er gerade in diesen Produktionen so brillant funktioniert, während er gleichzeitig den modernen „Everyman-Helden“ völlig neu definiert. Für Fans von vielseitigem Entertainment ist dieser Rückblick der ultimative Leitfaden, der zeigt, wie Pratt selbst in hochspannenden, dramatischen Werken wie Zero Dark Thirty (2012) bestehen kann und warum er heute zu Recht zur absoluten A-Riege der Traumfabrik gehört.

    Guardians of the Galaxy (2014)

    Man kann unmöglich über Chris Pratt sprechen, ohne den Film zu nennen, der ihn über Nacht in die oberste Liga katapultierte und das Marvel-Universum für immer veränderte. Als Peter Quill, auch bekannt als Star-Lord, lieferte Pratt in Guardians of the Galaxy (2014) eine perfekte Mischung aus schelmischem Charme, tänzelnder Leichtigkeit und emotionaler Tiefe ab. Der Film brach mit der damals oft eher düsteren Formel des Genres und setzte stattdessen auf einen nostalgischen Soundtrack sowie eine bunte Truppe von Außenseitern. Pratt ist das strahlende Herzstück dieses Ensembles; er verkörpert den „legendären Outlaw“ mit einer Selbstironie, die man in seinen späteren, deutlich ernsteren Rollen wie in The Tomorrow War (2021) vermisst. Für Fans von humorvoller Science-Fiction, die sich selbst nicht zu ernst nimmt, ist dieser Titel ein absolutes Muss. Er schafft es hier, eine Figur zu kreieren, die gleichermaßen cool wie verpeilt ist, was ihn deutlich von seinem eher stoischen Charakter in Jurassic World (2015) abhebt.

    Parks and Recreation (2009)

    Bevor er ganze Galaxien rettete, stahl Chris Pratt die Herzen der Zuschauer als der liebenswürdige, aber geistig oft abwesende Andy Dwyer in der Mockumentary-Serie Parks and Recreation (2009). Ursprünglich war sein Charakter nur für eine kurze Gastrolle vorgesehen, doch Pratts Improvisationstalent und seine natürliche Ausstrahlung machten ihn schnell zum unverzichtbaren Fan-Favoriten. Diese Rolle ist der ultimative Beweis für sein komödiantisches Genie; viele der lustigsten Momente der Serie waren von ihm spontan improvisiert. Die Zielgruppe sind hier ganz klar Liebhaber von intelligentem, warmherzigem Sitcom-Humor, die Pratt in seiner unverfälschten Form erleben wollen. Im direkten Vergleich zu seiner heldenhaften Rolle in Guardians of the Galaxy wirkt Andy Dwyer fast wie eine Karikatur von Pratts späterer Persona, doch genau diese ungefilterte Freude am Spiel macht den Reiz aus. Es ist eine essenzielle Performance, um zu verstehen, wie er seine Fähigkeit entwickelte, das Publikum allein durch einen naiven Gesichtsausdruck für sich zu gewinnen, bevor er zum “Leading Man” wurde.

    The Tomorrow War (2021)

    In The Tomorrow War (2021) zeigt Chris Pratt, dass er einen großformatigen Science-Fiction-Actionfilm auch abseits der Marvel-Pfade tragen kann und dabei eine deutlich reifere, emotionalere Facette präsentiert. Er spielt Dan Forester, einen Familienvater und Ex-Soldaten, der in die Zukunft reisen muss, um einen apokalyptischen Krieg gegen außerirdische Invasoren zu führen. Im Gegensatz zum eher leichtfüßigen Star-Lord aus Guardians of the Galaxy steht hier die Verantwortung gegenüber seiner Familie im Vordergrund, was der Figur mehr Ernsthaftigkeit und Tiefe verleiht. Dieser Film ist perfekt für Fans von bildgewaltigen Blockbustern, die eine Mischung aus Militär-Action und futuristischem Überlebenskampf suchen. Pratt agiert hier als geerdeter Actionheld, was einen spannenden Kontrast zu seinem herrlich albernen Andy Dwyer in Parks and Recreation darstellt. Der Film ist deshalb so relevant, weil er Pratt als verlässlichen Action-Helden etabliert, der die Brücke zwischen dem harten Realismus aus Zero Dark Thirty und dem fantastischen Eskapismus von Jurassic World schlägt.

    Zero Dark Thirty (2012)

    Kurz vor seinem großen Durchbruch als bunter Blockbuster-Held zeigte Pratt in Zero Dark Thirty (2012) eine völlig andere, weitaus ernstere Seite seines schauspielerischen Könnens. In dem packenden Thriller über die jahrelange Jagd auf Osama bin Laden spielt er ein Mitglied der Navy SEALs mit einer beeindruckenden, unterkühlten Intensität. Es gibt hier absolut keinen Platz für Slapstick oder lustige Sprüche; Pratt ist physisch transformiert, fokussiert und strahlt eine gefährliche Professionalität aus. Dieser Film ist ideal für Zuschauer, die intensive, realistische Militär-Dramen und politische Thriller bevorzugen, die gänzlich ohne die üblichen Klischees auskommen. Für Pratt war diese Rolle der entscheidende Wendepunkt, da er hier bewies, dass er die nötige Gravitas für dramatische Rollen besitzt, was ihm später half, die Ernsthaftigkeit in The Tomorrow War glaubhaft zu vermitteln. Wenn man diesen Film neben den humorvollen Auftakt von Guardians of the Galaxy stellt, wird die enorme Bandbreite seiner Karriere sowie sein Mut zur optischen und charakterlichen Verwandlung erst richtig deutlich.

    Jurassic World (2015)

    Mit Jurassic World (2015) zementierte Chris Pratt endgültig seinen Status als moderne Action-Ikone und bewies, dass er ein gigantisches Franchise als Hauptdarsteller erfolgreich wiederbeleben kann. Als Velociraptor-Trainer Owen Grady bringt er eine neue Art von Coolness in das Dinosaurier-Universum – eine Mischung aus raubeinigem Abenteurer und einfühlsamem Tierflüsterer. Der Film ist das ultimative Popcorn-Kino für alle, die monumentale Spezialeffekte und klassische Monster-Action lieben, wobei Pratt als der stabile Anker in einem Chaos aus CGI-Kreaturen fungiert. Im Vergleich zu seinem Star-Lord in Guardians of the Galaxy agiert er hier deutlich stoischer und autoritärer, was zeigt, dass er den klassischen „Leading Man“ auch ohne ständige Witze beherrscht. Dennoch blitzt in den Interaktionen mit dem restlichen Cast gelegentlich jene Wärme auf, die man schon bei seinem Charakter in Parks and Recreation so sehr schätzt. Der Film bestätigt, dass Pratts ernste Seite, die er in Zero Dark Thirty präsentierte, absolut massentauglich ist und er selbst neben gigantischen Urzeitmonstern bestehen kann.

    The Terminal List (2022)

    Wenn du nach der bisher düstersten und kompromisslosesten Performance von Chris Pratt suchst, dann solltest du unbedingt der Serie The Terminal List (2022) eine Chance geben. Pratt spielt hier James Reece, einen Navy SEAL, der nach einem missglückten Einsatz einen Rachefeldzug startet, um eine große Verschwörung aufzudecken. Diese Rolle ist die logische Weiterentwicklung seiner Arbeit in Zero Dark Thirty, geht jedoch psychologisch deutlich tiefer, da sie die traumatischen Folgen von Krieg und Verlust thematisiert. Die Zielgruppe sind Zuschauer, die packende Militär-Thriller mit einer Prise Paranoia lieben. Im Vergleich zu seinem charmanten Auftreten in Guardians of the Galaxy wirkt er hier unheimlich fokussiert und völlig humorlos. Diese Serie ist als Meilenstein seiner Karriere besonders relevant, da sie beweist, dass Pratt auch im Serien-Format eine enorme Gravitas besitzt und komplexe, gebrochene Charaktere über mehrere Episoden hinweg glaubhaft verkörpern

  • “Pretty Lethal” & 7 weitere blutige Ballerina-Filme
    Nora Henze

    Nora Henze

    JustWatch-Editor

    Ballettfilme haben etwas herrlich Unheimliches. Alles wirkt makellos, aufgerichtet und kontrolliert, und genau deshalb reicht oft schon ein kleiner Riss, damit die ganze Fassade spannend wird. Hinter Spitzenschuhen, Disziplin und Bühnenlicht steckt im Kino aber erstaunlich oft keine süße Kunstwelt, sondern ein Raum voller Ehrgeiz, Schmerz und regelrechter Besessenheit. 

    Schon Die roten Schuhe hat gezeigt, wie eng Schönheit und Selbstzerstörung zusammenliegen können, aber neuere Genre-Filme drehen diese Idee noch weiter auf und machen aus der Ballerina gleich eine Rächerin, ein Monster, eine Überlebende oder ein wandelndes Nervenzusammenbruch-Wunder. Hier geht es nicht um schöne Auftritte, sondern um genau die Filme, in denen das Ganze kippt. Sobald aus Training etwas wird, das weh tut, und aus Kontrolle etwas, das nicht mehr aufzuhalten ist. Und genau da stehen plötzlich Figuren im Mittelpunkt, die nicht mehr beobachtet werden, sondern selbst bestimmen, was als Nächstes passiert.

    1. Pretty Lethal (2026)

    Fünf junge Ballerinas sind auf dem Weg zu einem wichtigen Wettbewerb, als die Reise kippt und aus einer nervösen Gruppenfahrt ein echter Überlebenskampf wird. Pretty Lethal versteht ziemlich genau, was an dieser Mischung so Spaß macht: Spitzenschuhe, Rivalitäten, Schweiß und dann plötzlich bewaffnete Gangster in einem unheimlichen Gasthaus im Nirgendwo. Der Film bleibt nicht bei der hübschen Idee stehen, sondern zieht sie mit ordentlich Tempo durch. Die Tänzerinnen sind hier keine ätherischen Kunstfiguren, sondern ein chaotisches Team, das unter Druck improvisieren muss, sich zusammenrauft und seine Ausbildung in etwas überraschend Handfestes verwandelt. Gerade das macht den Reiz aus. Pretty Lethal ist kein feierlicher Psychothriller, sondern ein blutiger, leicht durchgeknallter Genrefilm, der seine Prämisse nicht versteckt, sondern mit sichtbarer Freude auskostet.

    2. From the World of John Wick: Ballerina (2025)

    Eve Macarro überlebt als Kind ein Blutbad und wächst später bei den Ruska Roma in einer Welt auf, in der Ballettunterricht und Killertraining praktisch dieselbe Sprache sprechen. Aus dieser Herkunft wird in From the World of John Wick: Ballerina kein hübscher Hintergrund, sondern der ganze Motor des Films. Jede Bewegung sitzt, jeder Angriff wirkt einstudiert, als hätte der Körper längst entschieden, bevor der Kopf nachkommt. Das macht den Reiz aus, weil der Film nicht so tut, als seien Anmut und Gewalt Gegensätze. Hier gehören sie zusammen. Eve ist keine fragile Rächerin, sondern eine Figur, die Schmerz in Methode verwandelt hat. Wo Black Swan zeigt, wie Perfektion eine Frau innerlich zerlegt, verwandelt dieser Film dieselbe Disziplin in nackte Offensive. Genau dadurch fühlt sich das Ganze nicht nur stylish, sondern wirklich gefährlich an. 

    3. Ballerina (2023)

    In diesem südkoreanischen Rachethriller jagt eine ehemalige Leibwächterin den Mann, der ihre beste Freundin in den Tod getrieben hat. Ballerina hat mit klassischem Bühnenballett zwar weniger zu tun als andere Titel auf dieser Liste, aber der Film trägt denselben Reiz in jeder Szene: absolute Körperkontrolle, konzentrierte Wut und eine Heldin, die fast unheimlich präzise durch ihre Mission geht. Er ist kühl, geradlinig und sehr klar darin, was er sein will. Keine große Mythologie, kein Umweg, kein sentimentales Innehalten. Stattdessen zieht der Film seine Linie durch und gewinnt gerade daraus seine Wucht. Anders als Abigail, das seine Gewalt mit Lust am Chaos serviert, bleibt hier alles straff und fokussiert. Das macht die Hauptfigur so stark, weil sie nie wie eine Actionmaschine wirkt, sondern wie jemand, der nur noch aus Entschlossenheit besteht. 

    4. Red Sparrow (2018)

    Dominika Egorova verliert nach einer schweren Verletzung ihre Zukunft als Primaballerina und wird in ein russisches Ausbildungsprogramm gezwungen, das Menschen zu manipulativen Geheimwaffen formt. Red Sparrow beginnt genau dort, wo viele Ballettgeschichten ihren Glanz suchen würden, und macht daraus stattdessen einen bitteren Auftakt. Der Film interessiert sich nicht für Romantik, sondern für Macht, Demütigung und die Frage, was mit einem Menschen passiert, dessen Körper plötzlich allen anderen gehört. Jennifer Lawrence spielt Dominika nicht als gebrochene Frau, sondern als Figur, die sehr schnell lernt, wie man Systeme gegen sich selbst verwendet. Das ist oft unangenehm, manchmal bewusst kalt und gerade deshalb so effektiv. Wo Suspiria den Tanz in ein okkultes Ritual verwandelt, bleibt hier alles weltlich und damit noch fieser. Diese Form von Kontrolle hat nichts Magisches - es sind nur Menschen, die einander benutzen. 

    5. Abigail (2024)

    Eine Gruppe Krimineller entführt die Tochter eines mächtigen Mannes und glaubt, mit einer verängstigten kleinen Ballerina leichtes Spiel zu haben. Natürlich ist genau das der Denkfehler. Abigail hat einen herrlichen Spaß daran, dieses Bild von kindlicher Unschuld erst sauber aufzubauen und dann mit sehr viel Blut an die Wand zu fahren. Der Film ist schnell, bissig und deutlich humorvoller als vieles andere in diesem Feld, ohne dabei harmlos zu werden. Gerade die Ballettfigur in der Mitte funktioniert so gut, weil sie auf den ersten Blick nach Tutu, Training und Talent aussieht und sich dann als pure Eskalation entpuppt. Das ist ein sehr lustvoller Genrefilm, der sein Konzept versteht. Während Bloody Ballet den Wahnsinn langsam in die Garderobe sickern lässt, tritt Abigail die Tür ein und macht aus dem ganzen Abend ein Massaker mit Bühnenhaltung. 

    6. Bloody Ballet (2018)

    Eine junge Tänzerin tritt einer renommierten Kompanie bei und landet in einer Umgebung, in der Konkurrenz, psychischer Druck und möglicher Horror schnell untrennbar werden. Bloody Ballet ist kein eleganter Prestige-Psychothriller, sondern ein kleinerer Genrebeitrag, der seine Faszination sehr direkt aus dem Ballettmilieu zieht. Gerade das macht ihn interessant für diese Liste. Der Film nimmt diese abgeschlossene Welt aus Probenräumen, Rivalität und verletztem Ehrgeiz und behandelt sie wie einen Ort, an dem sich etwas Böses fast von selbst festsetzt. Vieles ist größer, roher und weniger fein austariert als bei den berühmteren Titeln, aber genau das hat seinen Reiz. Wo Black Swan jede Nervenzuckung seziert, mag Bloody Ballet lieber den dramatischen Ausschlag. Das Ergebnis ist kein Meisterwerk, aber ein wunderbar pulpiger Beweis dafür, wie gut sich Ballett und Horror vertragen. 

    7. Suspiria - In den Krallen des Bösen (1977)

    Der Regen prasselt, die Türen schlagen zu, und noch bevor jemand ein Wort gesagt hat, fühlt sich diese Tanzschule falsch an. Suspiria - In den Krallen des Bösen braucht keine lange Anlaufzeit, um klarzumachen, dass hier mehr passiert als Training und Proben. Die junge Tänzerin, die neu ankommt, wird Teil eines Systems, das nach außen streng organisiert wirkt, im Inneren aber längst kippt. Dario Argento erzählt das nicht über klassische Dramaturgie, sondern über Gefühl. Farben leuchten zu stark, Musik drückt sich förmlich in die Szenen, Räume wirken plötzlich unlogisch. Und mittendrin dieser Ballettbetrieb, der alles zusammenhält, während es gleichzeitig auseinanderfällt. Gerade diese Verbindung macht den Film so besonders, weil die Disziplin des Tanzes hier nicht beruhigt, sondern die Spannung noch verstärkt. Wenn es eskaliert, dann ohne Vorwarnung und ohne Zurückhaltung. Suspiria geht nicht vorsichtig vor, sondern zieht durch und hinterlässt genau dadurch diesen bleibenden Eindruck. Dass es Jahrzehnte später mit Suspiria ein Remake gab, das denselben Stoff ganz anders aufzieht, zeigt nur, wie stark diese Grundidee bis heute nachwirkt.

    8. Black Swan (2010)

    Nina kämpft in New York um die Hauptrolle in Schwanensee und beginnt unter dem Druck von Konkurrenz, Perfektion und eigener Unsicherheit langsam die Kontrolle über sich selbst zu verlieren. Black Swan ist der große moderne Ballettfiebertraum, weil der Film so präzise versteht, wie schnell Disziplin in Selbstzerstörung kippen kann. Alles, was Nina ausmacht, wirkt zugleich bewundernswert und alarmierend. Ihre Hingabe, ihre Härte gegen sich selbst, ihr Wunsch, makellos zu sein. Der Film sitzt ihr dabei so dicht im Nacken, dass man fast körperlich spürt, wie eng diese Welt wird. Natalie Portman trägt das mit einer Intensität, die den Film nie geschniegelt, sondern immer angespannt hält. Neben der glatten Kampfmechanik von From the World of John Wick: Ballerina wirkt Black Swan wie die nach innen gekehrte Schwester dieses Motivs. Dort wird Präzision zur Waffe. Hier wird sie zum Gift.

  • Must-Watch im April: 10 Filme, die auf Netflix, Prime & Co. gerade hoch im Kurs stehen
    Ahmet Iscitürk

    Ahmet Iscitürk

    JustWatch-Editor

    Die aktuellen Streaming-Charts zeichnen ein faszinierendes Bild davon, was die deutschen Haushalte derzeit vor die Bildschirme fesselt. Während das lineare Fernsehen immer weiter an Bedeutung verliert, erleben wir einen beispiellosen Boom an hochwertigen Produktionen, die oft zeitgleich oder nur kurz nach ihrem Kinostart auf den Plattformen landen. 

    Interessant ist: Die aktuelle Top-Liste wird dabei nicht nur von massiven Blockbustern dominiert. Wir haben uns zehn Chartstürmer genauer angesehen, um zu analyisieren, für wen sich das Einschalten wirklich lohnt. Wir blicken gemeinsam auf eine Mischung aus adrenalinhaltiger Action, einem tiefgreifenden Blick hinter die Kulissen und einer gehörigen Prise Fremschäm-Humor.

    Crime 101 (2026)

    Der packende Heist-Thriller Crime 101 (2026) hat sich in Windeseile einen Platz an der Spitze der Amazon-Charts gesichert – und das aus gutem Grund. Basierend auf der Vorlage des Erfolgsautors Don Winslow liefert der Film ein spannendes Katz-und-Maus-Spiel an der US-Westküste, das in seiner kühlen Inszenierung fast schon an Klassiker wie Heat (1995) erinnert. Die schauspielerische Intensität des hochkarätigen Casts hebt den Film über das übliche Genre-Niveau und richtet sich an ein Publikum, das spannungsgeladene Kriminalgeschichten mit moralischen Grauzonen schätzt. Chris Hemsworth, Mark Ruffalo und Halle Berry verleihen ihren Figuren die dafür nötige Tiefe und Komplexität. Crime 101 richtet sich somit an Filmfans, die Charakterentwicklung dem puren Spektakel vorziehen und gerne mitfiebern, wer wem einen Schritt voraus ist. Während F1 (2025) auf dem Asphalt für Adrenalin sorgt, entsteht der wahre Nervenkitzel in Crime 101 nicht in den Actionszenen, sondern irgendwo dazwischen. 

    Humint (2026)

    Im Netflix-Spionage-Thriller Humint (2026) geht es nicht um krasse Gadgets und bondmäßige Superbösewichte, sondern um die schmutzige Arbeit der „Human Intelligence“ – das Manipulieren, Ausnutzen und letztliche Verraten von Menschen für ein vermeintlich höheres Ziel. Der Film fängt die Einsamkeit des Agentendaseins so unerbittlich ein, dass man sich nach dem Abspann erst einmal die Hände waschen möchte. Humint richtet sich an ein Publikum, das die moralische Ambivalenz eines John le Carré liebt und kein Problem damit hat, dass es hier keine strahlenden Helden gibt. Dass dieser Streifen die Charts stürmt, ist die logische Antwort auf eine weltpolitischen Lage, die immer undurchsichtiger wird. Im direkten Kontrast zu dem medienkritischen Spektakel in The Running Man (2025) durchleuchtet dieser Film die zermürbende, fast schon nihilistische Seite des Spionagewesens. Er zeigt uns, dass Informationen die grausamste Währung der Welt sind, und genau darin liegt sein Gegenentwurf zum gängigen Blockbusterkino.

    Anaconda (2026)

    Man durfte durchaus befürchten, dass das Reboot von Anaconda (2026) nur ein weiteres seelenloses Remake wird. Stattdessen präsentiert sich der Film als überraschend selbstironischer Creature-Horror, der klassische Genre-Elemente mit einem spürbaren Augenzwinkern und einer coolen Meta-Ebene kombiniert. Die Inszenierung setzt die titelgebende Schlange als reale Bedrohung in Szene, konterkariert das Geschehen jedoch immer wieder durch bewusst überzeichnete Figurenmomente. Gerade dieses Wechselspiel aus Spannung und absurder Zuspitzung sorgt dafür, dass man nie ganz sicher ist, ob man sich gruseln oder amüsieren soll. Der Film richtet sich klar an ein Publikum, das einfach mal abschalten und sich unterhalten lassen will – und kein Problem mit Logiklöchern oder Klamauk hat. Während Avatar: Fire and Ash (2025) in eine digital perfektionierte Welt entführt, bietet Anaconda die Slapstick-Variante eines Dschungelabenteuers und macht dabei schlichtweg Spaß, ohne mehr sein zu wollen als ein unterhaltsames B-Movie.

    Finding Harry: Die Kunst hinter der Magie (2026)

    Eine Doku ganz weit oben in den Streaming-Charts? Finding Harry: Die Kunst hinter der Magie (2026) ist der Beweis dafür, dass das Phänomen Harry Potter noch immer die Massen begeistert. In nur 26 Minuten gewährt der Film einen faszinierenden Blick hinter die Kulissen der kommenden HBO-Serie. Wer glaubt, dass heute alles aus dem Computer kommt, wird überrascht sein, wie viel hier aus echtem Holz, Stein und Stoff entsteht, bevor CGI zum Einsatz kommt. Wer verstehen möchte, warum diese Welt auch nach Jahrzehnten nichts von ihrer Faszination verloren hat, findet die Antwort in der Leidenschaft und Fantasie der beteiligten Künstler. Die Zielgruppe sind nicht nur eingefleischte Fans, sondern alle, die Respekt vor echter handwerklicher Filmarbeit haben. Diese HBO-Dokumentation erinnert daran, dass auch in der hochtechnisierten Traumfabrik hinter jedem Werk leidenschaftliche Menschen mit einer klaren Vision stehen.

    Avatar: Fire and Ash (2025)

    James Cameron lässt uns in Avatar: Fire and Ash (2025) keine Wahl: Man muss diesen Film sehen, wenn man wissen möchte, wo die technische Grenze des derzeit Machbaren verläuft. Mit der Einführung des vulkanischen Bioms und des kriegerischen Volkes der Varang bekommt die Welt von Pandora mehr Aggressivität und Reibung und einen düsteren Vibe, der den Vorgängern fehlte. Der Film ist ein visuelles Monster, das im Heimkino jedes Setup an seine Grenzen bringt und den Zuschauer förmlich in die fremde Flora und Fauna einsaugt. Fire and Ash richtet sich an alle, die das Kino als transzendentale, rein audiovisuelle Erfahrung begreifen möchten. Dass ein Cameron-Film die Charts dominiert, ist fast schon ein Naturgesetz und während Finding Harry uns zeigt, wie handgemachte Magie entsteht, lässt Avatar 3 die Grenzen zwischen Realität und CGI komplett verschwimmen. 

    Zoomania 2 (2025)

    Disneys Zoomania 2 (2025) ist kein simpler Kinderfilm, sondern eine bunte, aber kluge Parabel auf unsere Gesellschaft. Säugetiere gegen Reptilien, Missverständnisse, Vorurteile – die Fortsetzung greift komplexe Themen auf, ohne sie mit erhobenem Zeigefinger zu präsentieren. Der Film ist ideal für Familien, die beim gemeinsamen Schauen nicht einfach die Kinder „parken“, sondern danach auch über das Gesehene sprechen möchten. Im Vergleich zu The Super Mario Bros. Movie (2023), der auf Unterhaltung und Spektakel setzt, beweist Zootopia 2 erzählerische Tiefe, die sowohl Spaß als auch Reflexion bietet. Der Film ist ein Paradebeispiel dafür, dass Animationskino gesellschaftliche Relevanz transportieren kann, ohne seinen unterhaltsamen Kern zu verlieren.

    The Running Man (2025)

    Edgar Wright liefert mit The Running Man (2025) eine Verfilmung ab, die der Galligkeit von Stephen Kings Originalvorlage gerecht wird. Vergessen wir Arnolds Muskel-Spektakel der 80er-Jahre: Glen Powell spielt hier keinen unbesiegbaren Actionhelden, sondern einen verzweifelten Mann am Rande der Existenz, der für die Quote einer zynischen Medienmaschinerie buchstäblich zum toten Humankapital degradiert wird. Wrights kinetische Inszenierung verwandelt die Hetzjagd in einen audiovisuellen Überfall, der die Grenze zwischen voyeuristischer Unterhaltung und blankem Terror gezielt verwischt. Im krassen Gegensatz zum unterkühlten Intrigenspiel in Humint findet die Gewalt hier unter dem grellen Scheinwerferlicht der Prime-Time statt. Kritiker bemängeln die fehlende Subtilität und die starke Überzeichnung, doch als unterhaltsame Action-Satire funktioniert The Running Man ohne Frage.

    F1 - Der Film (2025)

    Joseph Kosinskis Film F1 (2025) ist kein klassisches Sportdrama, sondern eine physische Erfahrung, die den Zuschauer mit 300 km/h regelrecht in die Couch drückt – und dabei auf maximale Authentizität setzt. Brad Pitt spielt einen gealterten Rennfahrer, der für ein junges Team ins Cockpit zurückkehrt, wobei die Kameras so nah am Geschehen sind wie nie zuvor. Besonders die On-Board-Aufnahmen erzeugen ein Mittendrin-Gefühl, das im Kino seinesgleichen sucht, selbst wenn die Handlung recht formelhaft bleibt. Der Film ist die perfekte Wahl für Formel-1-Fans und Filmbegeisterte, die handgemachte Action über reine CGI-Schlachten stellen. Dass sich F1 so weit oben in den Streaming-Charts hält, liegt nicht nur an der Starpower, sondern vor allem an der schieren audiovisuellen Wucht. Dieser Film lädt nicht zum Nachdenken ein, sondern zum Staunen – und bringt die Faszination für den Motorsport perfekt auf den Punkt.

    Stromberg – Wieder alles wie immer (2025)

    Dass Bernd Stromberg heute noch in den Amazon-Prime-Charts ganz oben mitspielt, spricht Bände über die Anziehungskraft des polarisierenden Mockumentary-Helden. Stromberg – Wieder alles wie immer (2025) katapultiert den ehemaligen Abteilungsleiter in eine Arbeitswelt, die er nicht mehr versteht: Zwischen Gender-Leitfäden, flachen Hierarchien und totaler Isolation im Homeoffice wirkt Bernd wie ein gestrandeter Dinosaurier. Kritiker bemängeln, dass die Witze von 2005 im Jahr 2026 oft nicht mehr zünden und die Grenze von „lustig-peinlich“ zu „einfach nur unangenehm“ längst überschritten sei. Selbst Christoph Maria Herbst gab in Interviews zu, dass er lange gezögert habe, weil er fürchtete, die Figur sei erzählerisch auserzählt. Stromberg richtet sich an ein Publikum, das mit der politischen Korrektheit im Büro hadert, dabei aber anerkennt, dass sich die Welt weiterentwickelt hat und „Früher war das ganz normal“ kein stichhaltiges Argument ist. Im Vergleich zu der progressiven Meta-Ebene von Zoomania 2 erscheint der Film in seiner Message deutlich unschärfer.

    Der Super Mario Bros. Film (2023)

    Selbst drei Jahre nach seinem ursprünglichen Release bleibt The Super Mario Bros. Movie (2023) ein unkaputtbarer Dauerbrenner in den Streaming-Charts. Der aktuelle Höhenflug ist natürlich dem massiven Hype rund um den kürzlichen Kinostart von Der Super Mario Galaxy Film (2026) geschuldet, der das gesamte Franchise wieder zielsicher in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt hat. Beide Streifen bieten das ultimative Nostalgie-Erlebnis für alle, die schon mal einen Controller in der Hand hatten. Sie erinnern uns ohne unnötigen Ballast daran, wie sich pure, unbeschwerte Freude anfühlt – ein Spaß für jede Altersgruppe und der perfekte Ankerpunkt für einen Familiennachmittag. Während Zoomania 2 auf Gesellschaftskritik setzt, bietet Mario die wohlige, sichere Fantasiewelt, die niemandem wehtut. Als bunter Abschluss unserer Liste beweist dieses CGI-Spektakel eindrucksvoll: Manche Heldinnen und Helden sind unsterblich, weil sie Generationen verbinden und das Kind in uns allen lebendig halten.

  • Hommage an eine Ikone: Diese 12 Filme stecken in Taylor Swifts Musikvideo zu „Elizabeth Taylor“
    Nora Henze

    Nora Henze

    JustWatch-Editor

    Manchmal braucht es einen Popsong, um einen Menschen neu zu entdecken. Gerade hat Taylor Swift das Musikvideo zu „Elizabeth Taylor“ veröffentlicht: Eine reine Filmschnitt-Hommage ohne Swift selbst im Bild, nur Archivmaterial und präzise gesetzte Kinomomente. Und das ist mehr als ein cleverer PR-Schachzug. 

    Das Video setzt sich aus Elizabeth Taylor- Szenen zusammen, die sich sofort vertraut anfühlen, auch wenn man sie nicht immer direkt zuordnen kann. Genau darin liegt seine Stärke: Es zwingt einen, die Bilder neu zu lesen. Und plötzlich steht da nicht mehr nur eine Ikone der Filmwelt, sondern eine Schauspielerin mit einer erstaunlichen Bandbreite, mit Brüchen und mit Momenten, die weit über das Offensichtliche hinausgehen. Diese Auswahl wirkt nicht zufällig, sondern wie eine bewusste Verdichtung dessen, was Elizabeth Taylor ausgemacht hat. Hier sind die Filme, die Swift dafür heranzieht - und was in ihnen steckt, wenn man sie heute noch einmal mit frischem Blick betrachtet.

    1. Die unvollkommene Dame (1948) 

    Im Musikvideo flackert Die unvollkommene Dame nur kurz auf, und doch ist der Moment bezeichnend: eine blutjunge Elizabeth Taylor, keine zwanzig, mit einer Präsenz, die man nicht kaufen und nicht trainieren kann. Die turbulente Komödie dreht sich um eine chaotische Mutter, die nach Jahren des Verschwindens zur Hochzeit ihrer Tochter auftaucht, und Liz Taylor spielt die Tochter, frisch verliebt und mit einem Lächeln, das den ganzen Raum einnimmt. Swift hat diesen frühen Auftritt nicht zufällig in ihr Video aufgenommen: Er zeigt den Anfang, den Funken, bevor die Welt überhaupt wusste, was sie da vor sich hatte. Wer den Film heute schaut, schaut in den Ursprung einer Karriere, die alles andere überstrahlen würde. Und genau darin liegt auch seine eigentliche Wirkung: Man sieht hier noch keine Ikone, sondern eine junge Darstellerin, die sich scheinbar mühelos in den Mittelpunkt schiebt, ohne es bewusst zu tun. Dieses natürliche Strahlen, dieses Unangestrengte, macht den kurzen Moment im Video so passend. Es ist der Blick auf einen Anfang, der sich im Nachhinein fast größer anfühlt als alles, was danach kam.

    2. Vater der Braut (1950) 

    Swift schneidet im Video immer wieder auf Momente, in denen Elizabeth Taylor einfach strahlt - und Vater der Braut liefert davon reichlich. Eigentlich ist es Spencer Tracys Film, er trägt ihn, er ist überall, aber es ist Elizabeth Taylor, an die man sich erinnert: die Tochter, die heiraten will, überzeugt davon, dass das alles ganz einfach ist. Diese Leichtigkeit und diese unbekümmerte Gewissheit - Elizabeth Taylor verkörpert sie mit einer Natürlichkeit, die man nicht unterrichten kann. Was Swift mit dem Einschluss dieses Films sagt, ist deutlich: Hier ist eine Frau, die auch im leichtesten Material etwas hinterlässt. Ein warmes, vergessenes Kleinod, das gerade seine zweite Chance bekommt. Und vielleicht liegt genau darin der Reiz heute: Der Film zeigt nicht den Mythos, sondern den Moment davor, in dem alles noch selbstverständlich wirkt. Kein Pathos, keine Schwere, sondern ein Timing, das so präzise ist, dass es gar nicht auffällt. Diese scheinbare Mühelosigkeit ist es, die die Bilder im Video so stark macht – weil sie nicht behauptet werden muss.

    3. Ein Platz an der Sonne (1951) 

    Ein Platz an der Sonne taucht im Musikvideo in einem der schönsten Momente auf - ein Großaufnahme-Blick, in dem man sofort versteht, warum Swift genau diese Einstellung gewählt hat. George Stevens' düsteres Melodram zeigt Elizabeth Taylor als Angela, reich und strahlend, die Frau, für die ein Mann bereit ist, alles zu zerstören. Aber Taylor spielt das nicht als Verführerin. Sie spielt einen echten Menschen, aufrichtig verliebt und ahnungslos angesichts der Tragödie um sie herum. Es ist einer der Filme, die Elizabeth Taylor zu einer Schauspielerin anderen Kalibers machten, und Swifts Video erinnert uns daran: Diese Aufnahmen haben nichts von ihrer Kraft verloren. Was diesen Moment heute noch so besonders macht, ist die Klarheit, mit der er funktioniert. Kein großes Schauspiel und keine offensichtliche Dramatisierung, sondern nur ein Blick, der alles trägt. Genau das macht ihn im Video so wirkungsvoll, weil er nicht laut sein muss, um im Gedächtnis zu bleiben.

    4. Die süße Falle (1952) 

    Nicht jeder Film auf Swifts Liste ist ein Klassiker, und Die süße Falle ist ein ehrliches Beispiel dafür. Dies ist eine leichte Romantikkomödie, und zeigt Elizabeth Taylor als tanzbegeisterte junge Frau, die sich in einen älteren Rechtsanwalt verliebt, der eigentlich nichts davon wissen will. Das Musikvideo streift diesen Film eher beiläufig, und doch steckt Absicht dahinter: Swift zeigt Elizabeth Taylor nicht nur in ihren Meisterwerken, sondern auch im Alltag einer Karriere. Und selbst dort, in dünnem Material, hat Elizabeth Taylor diese Fähigkeit, die Kamera auf sich zu ziehen, als ob Leuchten keine Frage des Stoffs wäre, sondern der Person. Gerade diese Momente machen den Film heute interessanter, als er vielleicht auf den ersten Blick wirkt. Man sieht, wie sie selbst einfache Szenen mit einer Klarheit füllt, die über das Drehbuch hinausgeht. Im Video funktioniert dieser kurze Ausschnitt deshalb nicht als Lückenfüller, sondern als Beleg dafür, dass ihre Präsenz unabhängig vom Material funktioniert.

    5. Symphonie des Herzens (1954) 

    In Swifts Musikvideo gibt es Sekunden, in denen man Elizabeth Taylors Gesicht in gedämpftem Licht sieht, nachdenklich, fast melancholisch - Aufnahmen, die aus Symphonie des Herzens stammen könnten, diesem üppigen, etwas schwerfälligen Melodram über eine Frau zwischen zwei Männern. Elizabeth Taylor spielt eine Figur, die schwankt, sucht und sich nicht entscheiden kann, und sie gibt ihr mehr Tiefe, als das Drehbuch verlangt. Man glaubt ihr die Erschöpfung, die Sehnsucht, das innere Hin und Her. Swift hat Symphonie des Herzens vermutlich nicht ohne Grund eingeschlossen: Auch in einem weniger gefeierten Film ist Elizabeth Taylor vollständig präsent und vollständig sie selbst. Gerade diese leisen, nach innen gerichteten Momente sind es, die im Video hängen bleiben. Sie zeigen eine andere Seite, weniger offensichtlich, aber vielleicht gerade deshalb so wirkungsvoll, weil sie nicht sofort als ikonisch erkannt wird.

    6. Elefantenpfad (1954) 

    Elefantenpfad gehört zu den Filmen, deren Entstehung berühmter ist als das Ergebnis: gedreht in der Hitze Sri Lankas, unter schwierigen Bedingungen und kurz nach Elizabeth Taylors Durchbruch. Im Musikvideo taucht er eher als Fragment auf, als ein Bild und eine Stimmung, aber er erzählt trotzdem etwas. Elizabeth Taylor spielt eine Frau in einer zerrütteten Ehe, die sich langsam verliert, und sie tut das mit echtem Ernst, auch wenn der Film sie nicht immer gut bedient. Swift zeigt mit diesem Einschluss, dass eine Karriere nicht nur aus Triumphen besteht , und dass Elizabeth Taylor auch dann da war und voll präsent, wenn das Material sie im Stich ließ. Gerade diese Brüche machen die Auswahl interessant, weil sie den Blick auf die Filmografie erweitert. Es geht nicht nur um die großen, bekannten Momente, sondern auch um die Zwischentöne, in denen sich zeigt, wie konstant ihre Präsenz tatsächlich war.

    7. Giganten (1956) 

    Wenn Swifts Musikvideo einen Höhepunkt hat, dann vermutlich in den Sekunden aus Giganten: drei Stunden Texas, Öl und Stolz, und Elizabeth Taylor mittendrin als Leslie Benedict, die von außen kommt und nie ganz dazugehört. Sie spielt das über Jahrzehnte, von der jungen Frau bis zur reifen kämpfenden Mutter, und wächst dabei wirklich. Man sieht zu, wie Leslie lernt, wie sie sich verändert, wie sie Positionen bezieht. Swift hat diesen Film nicht zufällig aufgenommen: Hier ist Elizabeth Taylor auf Augenhöhe mit Rock Hudson und James Dean - und geht dabei nicht unter. Sie strahlt. Und genau diese Entwicklung ist es, die die Bilder im Video so stark macht. Man spürt, dass hier mehr passiert als nur ein einzelner Moment. Es ist eine Figur, die sich über Zeit definiert, und genau das gibt den kurzen Ausschnitten eine zusätzliche Tiefe.

    8. Die Katze auf dem heißen Blechdach (1958) 

    Im Musikvideo ist es kaum möglich, die Aufnahmen aus Die Katze auf dem heißen Blechdach nicht sofort zu erkennen - diese aufgestaute Energie und diese Hitze, die nie entladen wird. Elizabeth Taylor spielt Maggie, die Frau, die liebt und nicht geliebt wird, die kämpft und scheitert und trotzdem nicht aufgibt. Paul Newman spielt gegen sie, und das Prickeln zwischen den beiden ist mit Händen zu greifen. Swift hat diese Szenen ins Video geholt, weil sie zeigen, was Elizabeth Taylor konnte: stillhalten, aushalten und brennen, ohne nachzugeben. Diese Intensität entsteht nicht durch große Gesten, sondern durch das, was unausgesprochen bleibt. Genau deshalb wirken die Bilder auch im Video so stark, weil sie nicht erklärt werden müssen, sondern sofort ein Gefühl erzeugen.

    9. Plötzlich im letzten Sommer (1959) 

    Plötzlich im letzten Sommer ist kein bequemer Film, und Swift hat ihn trotzdem ins Musikvideo aufgenommen - vielleicht auch gerade deshalb. Elizabeth Taylor spielt Cathy, die etwas Unfassbares gesehen haben soll und deren Erinnerung um jeden Preis ausgelöscht werden soll. Sie spielt diese Rolle mit einer Intensität, die manchmal fast schmerzt: dieser Zustand zwischen Verzweiflung und Klarheit, zwischen dem Wunsch, gehört zu werden, und der Angst vor der Wahrheit. Im Kontext des Musikvideos wirkt dieser Auftritt wie ein Kontrapunkt zum Glamour der anderen Szenen - ein Beweis, dass Elizabeth Taylor nie nur schön war. Sie war mutig. Und genau diese Kompromisslosigkeit ist es, die die kurzen Ausschnitte so eindringlich macht. Sie bleiben nicht hängen, weil sie schön sind, sondern weil sie etwas auslösen.

    10. Cleopatra (1963) 

    Natürlich ist Cleopatra im Musikvideo - es wäre undenkbar, es nicht zu zeigen. Die teuerste Produktion ihrer Zeit, ein Chaos epischen Ausmaßes, und Elizabeth Taylor als ägyptische Königin, die das alles trägt. Swift nutzt die Bilder aus diesem Film besonders gezielt: die Kostüme, die Kulissen, diesen ganzen überwältigenden Apparat – und mittendrin Elizabeth Taylor, die nicht von ihm erdrückt wird, sondern ihn überragt. Kleopatra denkt, plant, liebt strategisch und trotzdem echt. Dass Swift diesen Film ins Zentrum ihres Videos stellt, macht Sinn: Er ist das sichtbarste Symbol für eine Frau, die größer war als alles, was man um sie herum gebaut hat. Und genau deshalb funktionieren diese Bilder bis heute so mühelos - weil sie nicht nur aufwändig sind, sondern klar.

    11. Wer hat Angst vor Virginia Woolf? (1966)

     Es gibt im Musikvideo einen Moment, in dem man Elizabeth Taylor kaum wiedererkennt, und genau das ist der Punkt. Wer hat Angst vor Virginia Woolf? zeigt sie als Martha, laut, trinkend, verletzend und so lebendig, dass es wehtut. Hier ist kein Glamour und keine Schönheit im klassischen Sinne, nur eine Frau, die kämpft und dabei alles gibt. Swift hat diese Aufnahmen bewusst eingebaut: Sie zeigen, dass Elizabeth Taylor nicht nur ein Bild war, das man bestaunen konnte, sondern eine Schauspielerin, die sich nichts ersparte. Richard Burton spielt ihren Ehemann, und die Energie zwischen beiden ist atemberaubend echt. Ein Film, den man nicht vergisst und ein Auftritt, der alles Vorangegangene noch einmal neu bewertet. Gerade diese Radikalität macht die Szenen im Video so wirkungsvoll, weil sie sich jeder Erwartung entziehen.

    12. Brandung (1968) 

    Swift schließt ihre Hommage mit Brandung - und das ist eine mutige Wahl. Der Film ist kein Erfolg geworden, er ist merkwürdig, symbolüberladen, irgendwo zwischen Traumlogik und Größenwahn. Elizabeth Taylor spielt eine sterbende Milliardärin auf ihrer Mittelmeerinsel, und sie tut das mit einer Lust am Übertriebenen, die fast selbstironisch wirkt. Im Kontext des Musikvideos bekommt dieser Auftritt eine besondere Note: Swift zeigt Elizabeth Taylor am Ende einer Ära, exzentrisch, unerschrocken, ohne Rücksicht auf Erwartungen. Es ist vielleicht der ehrlichste Schluss, den das Video hätte wählen können - eine Frau, die bis zuletzt sie selbst war. Und genau deshalb bleibt auch dieser Moment hängen, weil er nicht versucht zu gefallen, sondern einfach existiert.

  • Vergiss „Toy Story“: „Poppy Playtime“ bekommt einen Horrorfilm
    Markus Brandstetter

    Markus Brandstetter

    JustWatch-Editor

    Eine verlassene Spielzeugfabrik. Ein ehemaliger Mitarbeiter, der zurückkehrt um herauszufinden, was passiert ist. Und irgendwo in den Gängen: Huggy Wuggy – fünf Meter blauer Plüsch, Rasierklingen-Zähne hinter einem cartoonhaften Lächeln, und die Gabe, sich genau dann zu bewegen, wenn man gerade nicht hinschaut. Poppy Playtime ist seit 2021 auf Steam erhältlich, kostet ein paar Euro, hat kein Millionen-Marketingbudget, und hat trotzdem das Internet überrannt.

    Jetzt kommt der Film. Legendary Entertainment entwickelt eine Live-Action-Adaption – und Mob Entertainment, das Indie-Studio hinter dem Spiel, hat gerade bestätigt, dass Chapter 6 in Arbeit ist. Das Franchise ist nicht am Ende, es ist mittendrin.

    Was Poppy Playtime überhaupt ist

    Die Prämisse klingt simpel und ist es nicht. Man spielt einen namenlosen Protagonisten, der die Fabrik von Playtime Co. betritt – einst ein florierendes Spielzeugimperium, dessen gesamte Belegschaft 1995 spurlos verschwand. Das Unternehmen produzierte lebensechte Spielzeuge, was sich, wie sich herausstellt, etwas zu wörtlich genommen hat: Die Spielzeuge sind tatsächlich lebendig, Produkte eines illegalen Experiments namens „Bigger Bodies Initiative", bei dem Waisenkinder in monströse organische Versionen der beliebtesten Produkte verwandelt wurden. Huggy Wuggy, das blaue Maskottchen der Firma, Experiment Nr. 1170, war ursprünglich ein Waisenkind. Jetzt ist er fünf Meter groß, rennt auf allen Vieren durch Lüftungsschächte, und er hat Hunger.

    Das Spiel setzt nicht auf Jump Scares, sondern auf das Gefühl, beobachtet zu werden. Huggy steht zu Beginn als Statue in der Lobby – reglos, freundlich winkend. Wenn man den Raum betritt und sich umdreht, ist er weg. Aus dieser Stimmung sind fünf Kapitel entstanden, ein wachsendes Universum aus Charakteren und Lore, und eine Fanbase, die von Vierjährigen mit Huggy-Wuggy-Plüschtieren bis zu erwachsenen Horrornerds reicht – ein Spagat, den Mob Entertainment bisher erstaunlich unfallfrei hinbekommen hat.

    Die Spielzeuge, die im Mittelpunkt stehen

    Huggy Wuggy ist das Gesicht des Franchise, aber nicht sein einziger Grund zu existieren. Mommy Long Legs – rosa, gummiartig, in der Lage, ihre Gliedmaßen auf unmögliche Längen zu strecken – verfolgt den Spieler durch ein Spinnennetz aus Schienen in Chapter 2 und ist dabei gleichzeitig kokett und absolut unheimlich, was eine bemerkenswerte Balance ist. CatNap, eine katzenartige Kreatur, die roten Nebel versprüht, der Halluzinationen auslöst, und The Prototype – der eigentliche Antagonist des gesamten Arcs, still, intelligenter als alle anderen, in Chapter 5 endlich im Zentrum der Geschichte – vervollständigen ein Ensemble, das konsequenter gebaut ist, als man von einem Indie-Horrorspiel erwarten würde.

    Was alle diese Figuren verbindet: Sie sehen aus wie Spielzeuge, die für Kinder gemacht wurden, und sind es nicht. Die Diskrepanz zwischen der cartoonhaften Ästhetik und dem, was darunter liegt – buchstäblich, im Fall von Huggy Wuggy, der menschliche Augen hinter seinen schwarzen Plastik-Pupils hat – ist das eigentliche Konzept des Spiels. Five Nights at Freddy's (2023) hat diesen Mechanismus bereits ins Kino gebracht und damit 297 Millionen Dollar weltweit eingespielt, auf einem Budget von 20 Millionen. Das dürfte Legendary gut bekannt sein.

    Chapter 6, der Film – und warum jetzt

    Mob Entertainment hat im März 2026 bestätigt, dass Chapter 5 nicht das Ende war – die Brüder Zach und Seth Belanger, die das Studio von einem Zwei-Mann-Projekt zu einem 50-köpfigen Unternehmen gewachsen haben, beschreiben die aktuelle Stelle im Gesamt-Arc schlicht als „dritten Akt". Chapter 6 kommt. Der Film ist bei Legendary in Entwicklung als Live-Action-Produktion, ohne bestätigten Starttermin. Mob selbst hat erklärt, dass die Richtung langfristig dunkler werden soll – dass die dreijährigen Fans von 2021 eben älter werden, und das Franchise mit ihnen. Das ist entweder sehr klug geplant oder eine Garantie für intensive Elterngespräche über Altersfreigaben, während im Hintergrund Chapter 7 bereits in der Schublade liegt.

  • Von Cringe-Humor bis Oscar-Drama: Die 8 besten Filme und Serien mit Steve Carell
    Ahmet Iscitürk

    Ahmet Iscitürk

    JustWatch-Editor

    Vom peinlichen Regional-Manager zum tiefgründigen Charakterdarsteller – Steve Carell hat in den letzten zwei Jahrzehnten eine Entwicklung hingelegt, die im heutigen Hollywood ihresgleichen sucht. Er ist längst nicht mehr nur der Typ, der für Cringe-Momente sorgt, bei denen du am liebsten wegschauen möchtest, sondern ein echter Allrounder, der die gesamte Klaviatur der Emotionen beherrscht.

    In diesem Artikel haben wir für dich die acht besten Werke zusammengestellt, die seine unglaubliche Bandbreite am besten widerspiegeln. 

    Wir schauen uns an, wie er vom lauten Slapstick-Humor zu den ganz leisen, fast schon schmerzhaften Tönen gewechselt ist und dabei nie seine Authentizität verloren hat. Egal, ob du ihn für seine frühen Komödien liebst oder seine düsteren Thriller-Rollen feierst, in dieser Auswahl ist für jeden Geschmack etwas dabei, um die Genialität dieses Ausnahmeschauspielers neu zu entdecken.

    8. Crazy, Stupid, Love. (2011)

    In Crazy, Stupid, Love. (2011) erlebst du die perfekte Symbiose zwischen dem unbeholfenen Slapstick von Steve Carells frühen Jahren und der emotionalen Reife seiner späteren Filme. Er spielt hier Cal Weaver, einen Ehemann in der Midlife-Crisis, dessen Welt in Scherben liegt, nachdem seine Frau ihn betrogen hat. Die Story folgt seiner Verwandlung unter der Anleitung eines charmanten Playboys, was für jede Menge cleveren Humor sorgt. Warum dieser Film einen Platz im Ranking verdient hat? Weil er zeigt, dass Carell eine romantische Hauptrolle tragen kann, ohne seine komödiantische Identität zu opfern. Der perfekte Streifen, wenn du eine kluge Rom-Com mit echtem Herz suchst. Im Vergleich zur fast rein karikaturistischen Überzeichnung in Jungfrau (40), männlich, sucht... (2005) wirkt seine Performance hier deutlich geerdeter und menschlicher. Während er dort noch der absolute Außenseiter war, verkörpert er hier einen Vater, der um seine Familie kämpft – eine emotionale Reise, die an die versteckte Einsamkeit von Michael Scott in The Office (2005) erinnert, aber in einem realistischeren Rahmen präsentiert wird.

    7. Ganz weit hinten (2013)

    Mit Ganz weit hinten (2013) zeigt Steve Carell eine Seite, die man so nicht von ihm erwartet: Er spielt hier einen absoluten Unsympathen. Als Trent, der herablassende und passiv-aggressive Freund von Duncans Mutter, ist er schmerzhaft authentisch in seiner Arroganz. Mit beiläufigen Sticheleien untergräbt er systematisch das Selbstwertgefühl des Jungen und wirkt dabei durchgehend wie ein Kotzbrocken. Ich habe diesen Film bewusst ausgewählt, weil er perfekt demonstriert, wie Carell sein natürliches Charisma ins Manipulative kippen lässt, um eine zutiefst unsympathische Figur zu erschaffen. Wer den oft wohlmeinenden Chef aus The Office kennt, wird schockiert sein, wie wenig Wärme hier übrig bleibt. Allerdings empfehle ich den Film nicht nur wegen Carells Performance: Dieser Coming-of-Age-Geheimtipp gehört für mich zu den stärkeren Indie-Perlen, weil Humor, Herz und emotionale Tiefe präzise austariert sind.

    6. Battle of the Sexes – Gegen jede Regel (2017)

    In dem historischen Drama Battle of the Sexes – Gegen jede Regel (2017) schlüpft Steve Carell in die Rolle des Tennis-Showmans Bobby Riggs. Faszinierend ist vor allem, dass er eine reale Person verkörpert, die selbst permanent eine Maske trug, um die mediale Aufmerksamkeit anzuheizen. Der Film gehört hier rein, weil Carell die Balance zwischen chauvinistischem Marktschreier und alterndem Mann, der verzweifelt um Relevanz kämpft, souverän hält. Der Streifen richtet sich an alle, die Biopics mit gesellschaftlicher Relevanz und einer Prise Witz schätzen. Im Kontrast zu Foxcatcher (2014), wo Carell ebenfalls eine reale, exzentrische Person verkörpert, ist Riggs deutlich lauter und energiegeladener. Dabei greift er auf seine komödiantischen Werkzeuge aus Jungfrau (40), männlich, sucht… zurück, muss aber die Schwächen der Figur hinter der Fassade eines selbstverliebten Sexisten verstecken. Gerade das macht die Performance so interessant: Carell lässt Riggs nie zur bloßen Witzfigur verkommen, sondern gibt ihm eine tragische Würde, die das Duell mit Emma Stone erst wirklich trägt.

    5. Jungfrau (40), männlich, sucht... (2005)

    Dies ist der Film, mit dem für Steve Carell auf der Kinoleinwand alles begann und der heute als Kultklassiker gilt. Jungfrau (40), männlich, sucht… (2005) ist weit mehr als eine plumpe Teenie-Komödie; er funktioniert als erstaunlich herzliche Studie über Einsamkeit und echte Freundschaft. Warum du ihn sehen musst? Weil Carell Andy Stitzer mit einer unschuldigen Naivität spielt, die vollkommen glaubwürdig ist und ihn sofort liebenswert macht. Wer schrägen Humor mit einer Prise Romantik mag, wird sich hier keine Sekunde langweilen. Im Vergleich zu Carells Auftritt in Ganz weit hinten ist Andy das komplette Gegenteil: offen, naiv und verletzlich. Die legendäre Szene mit der Haarentfernung war übrigens echt und zeigt, wie weit Carell für einen guten Gag geht. Für mich gehört der Film in die Top 8, weil er den Grundstein für seine Kinokarriere gelegt hat und seine unglaubliche Ausdrucksstärke unterstreicht. Gleichzeitig erkennt man hier bereits die physische Energie, die Carell später in dramatischen Werken wie The Big Short (2015) in eine nervöse, kontrollierte Anspannung überführt – ein klarer Beleg für seine Entwicklung als Schauspieler.

    4. Foxcatcher (2014)

    Mit dem düsteren Psychodrama Foxcatcher (2014) zementierte Steve Carell endgültig seinen Status als einer der besten Charakterdarsteller Hollywoods. Unter einer dicken Schicht Latex ist er als Multimillionär John du Pont kaum wiederzuerkennen. Seine Darstellung ist unterkühlt, bedrohlich und in ihrer Stille zutiefst verstörend. Ich habe diesen Film so weit oben platziert, weil er den radikalsten Bruch in Carells Filmografie markiert und zeigt, wozu er abseits von Comedy fähig ist. Das Bio-Pic richtet sich an Zuschauer, die anspruchsvolle, düstere Dramen schätzen und eine langsame Erzählweise nicht als Nachteil empfinden. Im direkten Vergleich mit seinem charmanten Auftritt in Crazy, Stupid, Love. fällt es schwer zu glauben, dass es sich hier um denselben Schauspieler handelt. Und während er in Battle of the Sexes – Gegen jede Regel noch mit einer gewissen Show-Mentalität arbeitet, ist sein Spiel hier radikal reduziert. Gerade diese Minimalistik macht die Performance so unangenehm intensiv: Carell braucht keine Witze, um den Zuschauer in seinen Bann zu ziehen und eine durchgehend beklemmende Atmosphäre zu erzeugen.

    3. Little Miss Sunshine (2006)

    Als suizidgefährdeter Proust-Gelehrter Frank Ginsberg lieferte Carell in dem Indie-Erfolg Little Miss Sunshine (2006) eine seiner nuanciertesten Leistungen ab. In diesem brillanten Ensemble-Stück über eine dysfunktionale Familie auf einem Roadtrip bildet er den ruhigen Pol der Verzweiflung. Der Film ist ein Meisterwerk des modernen Arthouse-Kinos und für jeden geeignet, der das Lachen im Angesicht der Tragödie sucht. Carell beweist, dass er in einem starken Team absolut glänzen kann, ohne sich in den Vordergrund drängen zu müssen. Im Vergleich zu seiner extrovertierten Hauptrolle in The Office ist Frank deutlich melancholischer und stiller. Es ist faszinierend zu beobachten, wie er die komödiantische Kraft von Jungfrau (40), männlich, sucht... komplett herunterfährt, um Platz für schmerzhaft echte menschliche Emotionen zu machen. Dieser Film zeigt Carells enorme Fähigkeit zur Empathie und ist für mich ein absoluter Herzensfilm, der die Absurdität des Lebens perfekt einfängt und dabei zeigt, dass Scheitern manchmal der einzige Weg zum Glück ist.

    2. The Big Short (2015)

    In der rasanten Finanz-Satire The Big Short (2015) spielt Carell den Hedgefonds-Manager Mark Baum, der von einer gerechten Wut auf das korrupte Finanzsystem getrieben wird. Warum dieser Film so wichtig ist? Er schafft es, trockene Wirtschaftsthemen durch Carells gewaltige Ausdrucksstärke greifbar und menschlich zu machen. Baum ist laut, impulsiv und steht ständig am Rande eines Ausbruchs – eine Energie, die stark an die hysterischeren Momente von Michael Scott aus The Office erinnert, hier aber in moralischen Zorn mündet. Wenn du Unterhaltung mit intelligenten Dialogen und politischer Relevanz schätzt, dann bist du hier goldrichtig. Im Vergleich zur fast schon leblosen, unheimlichen Bedrohlichkeit in Foxcatcher ist Carell hier wie ein Vulkan, der in jeder Szene zu explodieren droht. Er ist der moralische Kompass des gesamten Films und macht aus einer eigentlich komplizierten Materie ein packendes Drama. Es ist eine seiner stärksten Leistungen, da Carell hier Witz und Ernsthaftigkeit in einer Weise kombiniert, die kaum ein anderer Schauspieler so überzeugend rüberbringen kann.

    1. The Office (2005)

    Es gibt schlichtweg keine andere Wahl für den ersten Platz: The Office (2005) und die Rolle des Michael Scott sind Steve Carells absolutes Lebenswerk. Über sieben Staffeln hinweg schuf er eine Figur, die gleichermaßen peinlich, unausstehlich und zutiefst liebenswert ist. Die Serie ist ein Muss für jeden, der modernen Humor und die Absurdität des Büroalltags verstehen will. Carell meistert hier eine der schwierigsten Aufgaben für einen Schauspieler: einen Charakter zu verkörpern, der ständig Grenzen überschreitet und den man am Ende jeder Folge trotzdem umarmen möchte. Im Vergleich zu seinen Kinorollen, von der Leichtigkeit in Crazy, Stupid, Love. bis zur Wut in The Big Short, hatte er hier über Jahre hinweg Zeit, eine psychologische Tiefe zu entwickeln, die im Film kaum möglich ist. Michael Scott vereint den Charme aus Jungfrau (40), männlich, sucht… mit der Melancholie aus Little Miss Sunshine. Es ist die vollkommene Symbiose seines Talents – eine Performance, die das Comedy-Genre nachhaltig geprägt hat. Viele Fans gehen sogar so weit zu sagen, dass die Figur Michael Scott die US-Version über das Original von Ricky Gervais hebt.

  • Zwischen Drachen und Dodgeball: Die „Guilty Pleasures“ des „A Knight of the Seven Kingdoms“-Casts
    Arabella Wintermayr

    Arabella Wintermayr

    JustWatch-Editor

    Mit A Knight of the Seven Kingdoms (seit 2026) schlägt das „Game of Thrones“-Universum einen leichtfüßigeren Erzählton an. Statt politischer Großmanöver stehen Figuren im Zentrum, die sich ihren Platz erst erarbeiten müssen.

    Im Mittelpunkt steht der umherziehende Ritter Ser Duncan der Große, der gemeinsam mit seinem jungen Knappen Egg durch Westeros reist und dabei in Turniere, lokale Konflikte und die feinen Risse einer scheinbar geordneten Welt gerät.

    Getragen wird die Geschichte von Figuren, die bewusst nicht auf makellose Heroik setzen. JustWatch hat im „Sorry Not Sorry“-Format mit den Darstellerinnen und Darstellern gesprochen – und sie nach ihren persönlichen „Guilty Pleasures“ gefragt.

    Peter Claffey: Ritter bei Tag, Vampir-Drama bei Kater

    Peter Claffey spielt mit Ser Duncan einen unbeholfenen, aber gutherzigen Mann, der mit Integrität um seinen Platz in der Welt ringt. Und „unbeholfen“ ist auch ein Wort, das zum „Guilty Pleasure“-Lieblingsfilm des irischen Schauspielers passt.

    Claffey, der früher Rugby spielte und vor A Knight of the Seven Kingdoms passend zu seiner Statur im „Vikings“-Spin-off Valhalla (2022-2024) zu sehen war, entscheidet sich für einen Stoff, der zwischen Kult und Spott verhandelt wird: „Ich glaube, das ist unser Kater-Tag-Film. […] Wir schauen die Twilight-Reihe ständig. Wirklich ständig,“ betont er im Gespräch.

    Wahrscheinlich macht das die Reihe bis heute so anschlussfähig: Twilight ist kein Film, den man entschlüsseln muss, sondern einer, in den man sich hineinbegeben kann – selbst mit Kopfschmerzen.

    Sam Spruell: Der grantige Humor von Larry David

    Sam Spruell wiederum gibt in A Knight of the Seven Kingdoms den strengen Prinz Maekar und damit eine Figur, die durch Autorität statt Humor auffällt: ein erfahrener Krieger, Bruder des Thronfolgers Baelor und Vater mehrerer Söhne – darunter Daeron, Aerion und der junge Egg –, der seine Familie und seinen Stand mit harter Hand und wenig Geduld für Schwäche führt. Seine Serienwahl wirkt daher durchaus passend.

    Der britische Schauspieler, der zuletzt etwa in der fünften Staffel von Fargo (2023) zu sehen war, betont selbst: „Ich bin ein grummeliger alter Mann, also schaue ich wahnsinnig gern ‘Curb Your Enthusiasm’. Immer und immer wieder.“

    Die HBO-Sitcom von Larry David, die hierzulande besser als Lass es, Larry! (2000-2024) bekannt ist, ist im Grunde ein Dauerlauf durch soziale Minenfelder. Jede Episode eskaliert aus einer Kleinigkeit – ein missverstandener Blick, ein unpassender Kommentar – hin zu maximaler Peinlichkeit. Der Witz entsteht dabei vor allem aus Situationen, die sich unangenehm in die Länge ziehen. 

    Shaun Thomas: Von der Comedy getroffen

    Shaun Thomas ist in A Knight of the Seven Kingdoms als Raymun zu sehen, ein junger Knappe aus dem Hause Fossoway, der beim Turnier von Ashford auf Ser Duncan und Egg trifft. Den britischen Schauspieler selbst kennt man vor allem aus dem Drama How to Have Sex, das 2023 in Cannes uraufgeführt wurde.

    Shaun Thomas’ Karriere ist mit rauen britischen Stoffen verwoben, die selten Rücksicht nehmen. Umso klarer seine Präferenz, wenn es um reines Vergnügen geht: „Ich liebe ‘Dodgeball’, mit Ben Stiller. Ich finde den Film einfach so verspielt, so lustig.“

    Die Sportkomödie, die in Deutschland vor allem unter dem Titel Voll auf die Nüsse bekannt ist, ist ein Paradebeispiel für Humor der frühen 2000er Jahre: Schnell, laut, und völlig überdreht. Ben Stiller spielt einen Fitnessstudio-Besitzer, der mit missionarischem Eifer und viel zu engen Outfits gegen ein Team von Underdogs antritt. Die Witze sind oft simpel, manchmal albern. Und genau das macht den Film zu einem Klassiker für all jene, die keine Lust auf Subtext haben. 

    Tanzyn Crawford: Animierter Eskapismus mit Biss

    Tanzyn Crawford, die als Tanselle in der Serie eine dornische Puppenspielerin verkörpert, die sich am Rande des Turniers von Ashford bewegt und mit ihren Aufführungen die Ereignisse kommentiert, ohne selbst Teil der höfischen Machtspiele zu sein, nimmt in A Knight of the Seven Kingdoms eine besondere Beobachterposition ein.

    Thematisch bleibt die australische Schauspielerin mit ihrer „Sorry not Sorry“-Wahl in der Nähe des Westeros-Kosmos: „Ich liebe die Serie so sehr,“ sagt sie mit heller Begeisterung über Disenchantment (2018-2023). „Ich habe sie bestimmt hundertmal komplett durchgeschaut.”

    Die Animationsserie von Matt Groening verbindet ihr Fantasy-Setting mit beißendem Humor und einer überraschend melancholischen Grundstimmung. Könige, Prinzessinnen, Abenteuer – alles da, aber mit einem Hang zur Selbstparodie und -reflexion. Vielleicht die ideale Ergänzung zum „Game of Thrones“-Universum.

  • Best of Taylor Sheridan: Seine Top-10-Serien im Ranking
    Ahmet Iscitürk

    Ahmet Iscitürk

    JustWatch-Editor

    Vom unterschätzten Nebendarsteller in Sons of Anarchy (2008) zum milliardenschweren Architekten eines eigenen TV-Imperiums: Taylor Sheridan hat das moderne Fernsehen grundlegend transformiert.

    Seine Geschichten atmen den Staub der amerikanischen Grenzgebiete, egal ob es um den Kampf um Land in Montana oder die dunklen Machenschaften der Ölindustrie geht. Sheridan hat es geschafft, Hollywood-Legenden wie Harrison Ford, Helen Mirren und Sylvester Stallone für das serielle Erzählen zu gewinnen und dabei ein treues Millionenpublikum zu begeistern.

    Mit einem unverwechselbaren Gespür für raue Männlichkeit, komplexe Familienloyalitäten und die ungeschminkte Realität des modernen Westens hat er das „Sheridan-Versum“ zu einer der stärksten Marken der Unterhaltungsindustrie gemacht. In diesem Ranking werfen wir einen Blick auf seine Werke und zeigen dir, welche seiner Serien du unbedingt gesehen haben musst.

    10. Marshals (2025)

    Marshals (2025) markiert Sheridans Ausflug in das klassische Network-Fernsehen und fungiert als direktes Sequel zu Yellowstone (2018), das die Reise des jüngsten Dutton-Sprosses Kayce fortsetzt. Luke Grimes überzeugt erneut als ehemaliger Navy SEAL, der nach dem schmerzhaften Verlust seiner Frau Monica zur Strafverfolgung zurückkehrt. Die Serie schlägt jedoch einen deutlich konventionelleren Weg ein als Sheridans andere Werke, was wohl daran liegt, dass er hier primär als Produzent agiert und die kreative Kontrolle anderen überlassen hat. Im Gegensatz zur tiefgründigen Charakterentwicklung in 1883 (2021) bleiben hier manche Figuren etwas blass. Auch wenn die malerischen Landschaften Montanas erhalten bleiben und die Sheridan-DNA stets durchschimmert, erinnert das Format eher an ein typisches Polizei-Procedural. Wer unkomplizierte Kriminalfälle vor Western-Kulisse mag, wird bedient, doch wer die raue Originalität von Landman (2024) sucht, wird möglicherweise enttäuscht.

    9. Mayor of Kingstown (2021)

    Mit Mayor of Kingstown (2021) beweist Sheridan, dass sein Interesse weit über die reine Cowboy-Kultur hinausgeht. Jeremy Renner spielt Mike McLusky, der in einer fiktiven Stadt in Michigan als Vermittler zwischen Cops, Häftlingen und Gangbossen fungiert. Die Serie ist ein düsteres Porträt des systemischen Verfalls im US-Justizwesen und mutet dem Zuschauer eine Menge an Nihilismus und Gewalt zu. Für Fans von kompromisslosen Krimi-Dramen ist Mike McLusky eine faszinierende Figur, doch im Vergleich zur charismatischen Leichtigkeit eines Tulsa King (2022) wirkt diese Welt oft erdrückend freudlos. Mein persönlicher Kritikpunkt ist, dass Sheridan nach der ersten Staffel gefühlt das Interesse verlor, was der narrativen Dichte schadete. Dennoch bleibt es ein wichtiges Werk für ein Publikum, das sich für die hässlichen Facetten von Korruption und Macht interessiert. Es ist das „schmutzige“ Gegenstück zu den heroischen Tönen in Lawman: Bass Reeves (2023).

    8. The Madison (2026)

    Die jüngste Sheridan-Schöpfung The Madison (2026) ist eine intime Studie über Trauer und Neuanfänge, die Michelle Pfeiffer in ihrer vielleicht besten Rolle seit Jahrzehnten zeigt. Als New Yorker Society-Lady Stacy Clyburn zieht sie nach einer persönlichen Tragödie mit ihrer Familie nach Montana, um auf dem Land ihres verstorbenen Schwagers Frieden zu finden. Die Serie ist deutlich langsamer erzählt und verzichtet auf Schießereien, was sie zum emotionalen Ruhepol im Sheridan-Versum macht. Pfeiffer brilliert als zerbrechliche, aber willensstarke Matriarchin, auch wenn die restlichen Familienmitglieder erzählerisch noch etwas farblos bleiben. Im Vergleich zum rasanten Adrenalinkick von Lioness (2023) ist The Madison ein mutiges Experiment, das fast schon in den Gefilden von Arthouse-Dramas wildert. Die Serie richtet sich an Zuschauer, die Charakterentwicklung über Action stellen und die Schönheit Montanas einmal ohne den ständigen Kampf um Leben und Tod genießen wollen. Dennoch fehlt ihr im Vergleich zu 1883 noch die epische Wucht.

    7. Landman (2024)

    Landman (2024) führt uns tief in die Welt der texanischen Ölindustrie und zeigt den modernen Goldrausch mit all seiner Gier und Gefahr. Billy Bob Thornton ist als Krisenmanager Tommy Norris eine absolute Wucht; man nimmt ihm jede Falte und jeden sarkastischen Kommentar sofort ab. Die Serie wechselt meisterhaft zwischen tödlichem Ernst und absurdem Humor, was sie erfrischend unvorhersehbar macht. Besonders spannend ist der Kontrast zwischen dem harten Ölgeschäft und den familiären Eskapaden, was Erinnerungen an die Dynamik von Friday Night Lights (2006) weckt. Meiner Meinung nach ist Mr. Thornton der Grund, warum man jede Woche einschaltet, da er eine Gravitas mitbringt, die selbst Harrison Ford in 1923 (2022) Konkurrenz macht. Die Serie ist absolut fokussiert, auch wenn sie gegen Ende der zweiten Staffel etwas den roten Faden zu verlieren droht. Im Vergleich zum eher statischen Yellowstone wirkt die Welt von Landman deutlich agiler und moderner.

    6. Yellowstone (2018)

    Es ist die Serie, mit der Sheridans Weltherrschaft begann: Yellowstone (2018) ist ein kulturelles Phänomen, das den modernen Western für ein Millionenpublikum etabliert hat. Kevin Costner als John Dutton verkörpert den ultimativen Patriarchen, der sein Land mit archaischer Härte verteidigt. Die Mischung aus Familien-Seifenoper und rauer Gewalt traf einen Nerv, auch wenn sich Sheridan später etwas zu sehr in stimmungsvollen Bildern verlor und die Handlung vernachlässigte. Besonders das Zerwürfnis zwischen Costner und Sheridan führte zu einem überhasteten und unbefriedigenden Abschluss, der dem Erbe der Serie nicht ganz gerecht wird. Trotzdem bleibt die Chemie zwischen Charakteren wie Beth und Rip unerreicht und dient als Vorbild für alle späteren Produktionen. Wer das Sheridan-Versum verstehen will, kommt an diesem Epos nicht vorbei, auch wenn spätere Ableger wie 1883 erzählerisch deutlich disziplinierter und emotional packender agieren. Es ist der fesselnde Grundstein für alles, was danach kam.

    5. Lioness (2023)

    Mit Lioness (2023) verlässt Sheridan die staubigen Pfade Montanas und liefert einen hochspannenden Spionage-Thriller ab, der in der Tradition von Sicario (2015) steht. Zoe Saldaña glänzt als Joe, eine CIA-Agentin, die zwischen ihrer gefährlichen Mission gegen den Terrorismus und ihrem zerrütteten Privatleben aufgerieben wird. Die Serie ist handwerklich brillant inszeniert und bietet eine Intensität, die man sonst nur auf der großen Leinwand findet. Für mich ist Joe eine der stärksten Frauenfiguren im gesamten Genre, da sie keine unbesiegbare Heldin ist, sondern eine Frau unter ständigem Druck. Im Vergleich zum eher gemütlichen Tempo von The Madison ist Lioness ein ununterbrochener Adrenalinrausch. Die Serie richtet sich an Fans von geopolitischen Thrillern, die eine Pause von der üblichen Ranch-Thematik brauchen. Durch die Mitwirkung von Nicole Kidman erreicht die Show ein Niveau an schierer Star-Power, das mit Yellowstone und Tulsa King konkurrieren kann.

    4. Tulsa King (2022)

    Tulsa King (2022) ist der Beweis, dass Sheridan auch Humor beherrscht, wenn er den richtigen Hauptdarsteller hat. Sylvester Stallone liefert als Dwight „The General“ Manfredi seine beste Leistung seit Jahren ab und bringt eine Mischung aus Mafia-Autorität und charmantem Kulturclash in das ländliche Oklahoma. Die Serie ist deutlich lockerer als das bleischwere Mayor of Kingstown – und es macht einfach Spaß zu beobachten, wie Dwight seine neue Crew aus Außenseitern zusammenstellt. Stallone hat das Projekt sichtlich für sich eingenommen, was der Show eine ganz eigene, fast schon verspielte Note verleiht. Mein persönlicher Take: Es ist die perfekte „Wohlfühl-Serie“ für alle, die klassische Gangstergeschichten mit einem modernen Twist mögen. Der Kontrast zwischen New Yorker Attitüde und texanischer Gemächlichkeit sorgt für großartige Unterhaltung, die deutlich zugänglicher ist als die komplexen Intrigen in 1923. Wer Stallone liebt, wird diese Serie feiern – auch wenn die Qualität von Staffel zu Staffel abnimmt.

    3. Lawman: Bass Reeves (2023)

    In Lawman: Bass Reeves (2023) widmet sich Sheridan der wahren Geschichte eines der ersten schwarzen U.S. Marshals und liefert damit ein historisch wertvolles und schauspielerisch überragendes Werk ab. David Oyelowo verkörpert Reeves mit einer moralischen Integrität und physischen Präsenz, die dem Zuschauer sofort den Atem raubt. Die Serie ist deutlich geerdeter und ernsthafter als der fiktive Kayce Dutton in Marshals und verzichtet auf unnötiges Melodram zugunsten einer interessanten Biografie. Die Unterstützung durch Legenden wie Donald Sutherland verleiht der Produktion eine zusätzliche Gravitas. Für mich ist dies einer der wichtigsten Beiträge zum Western-Genre, da er eine oft vergessene Perspektive mit großer Würde erzählt. Im Vergleich zum nihilistischen Mayor of Kingstown bietet Lawman eine Heldenfigur, an der man sich wirklich orientieren kann. Interessanter Fakt zum Schluss: Die Miniserie war ursprünglich als Prequel zu 1883 geplant.

    2. 1883 (2021)

    1883 (2021) ist in meinen Augen das poetische Herzstück des gesamten Sheridan-Verse. Die Geschichte der ersten Duttons auf ihrem mörderischen Treck gen Westen ist kein klassischer Western, sondern eine tragische Odyssee über den Preis der Freiheit. Tim McGraw und Faith Hill liefern überraschend starke, geerdete Leistungen ab, doch der wahre Star ist Isabel May als Elsa Dutton. Ihre Erzählstimme verleiht der Serie eine lyrische Melancholie, die man in Sheridans moderneren Serien wie Landman selten findet. Kritiker bemängeln jedoch, dass die Serie dadurch hin und wieder ins Kitschige abgleitet. Jede Episode fühlt sich wie ein eigenständiger kleiner Film an, der die Härte der Odyssey ungeschminkt zeigt. Der Kontrast zwischen der unberührten Wildnis und dem unbändigen Willen der Pioniere ist tief berührend. Wer emotionale Tiefe und visuelle Brillanz sucht, wird hier fündig, besonders im Vergleich zum eher formelhaften Marshals. Das schockierende Finale bleibt einer der mutigsten erzählerischen Momente, die das Fernsehen in den letzten Jahren hervorgebracht hat und festigt den Kultstatus dieser Miniserie.

    1. 1923 (2022)

    An der Spitze unseres Rankings steht unangefochten 1923 (2022), da diese Serie alles vereint, was Taylor Sheridan großartig macht: massive Star-Power, eine epische Erzählweise und tiefgreifende historische Konflikte. Harrison Ford und Helen Mirren als Jacob und Cara Dutton sind ein Traumpaar; ihre Chemie trägt die Serie selbst in den stillsten Momenten. Indem die Serie den Überlebenskampf auf der Montana-Ranch mit Spencer Duttons Abenteuern in Afrika verbindet, erreicht sie eine erzählerische Dimension, die alle anderen Top-10-Einträge übertrifft. Es ist ein meisterhaft konstruiertes Epos, das die Ära der Prohibition und der Weltwirtschaftskrise so lebendig macht wie kaum ein anderes Werk. Im Vergleich zum eher statischen Familienzwist von Yellowstone bietet 1923 eine deutlich komplexere und visuell beeindruckendere Welt. Es ist der absolute Goldstandard für modernes, serielles Erzählen. Meiner Ansicht nach ist Spencer Dutton der ‚altmodischste‘ Charakter, den Sheridan bisher erschaffen hat. Er verkörpert die Magie klassischer Hollywood-Legenden wie Errol Flynn, Clark Gable oder Tyrone Power – und in diesem Kontext passt das wie die Faust aufs Auge.

  • Zum Comeback von „Malcolm mittendrin“: Die 10 besten Sitcoms aller Zeiten
    Nora Henze

    Nora Henze

    JustWatch-Editor

    Seit Jahrzehnten prägen Sitcoms das Fernsehen -  und ausgerechnet eine chaotische Mittelstandsfamilie aus dem amerikanischen Nirgendwo bringt die Leute wieder zum Reden. Malcolm mittendrin kommt zurück, und das ist kein schlechter Zeitpunkt, um sich zu fragen, warum manche Sitcoms einfach nicht loszulassen sind. 

    Während das Serienfernsehen seit Jahren in Prestige-Drama und Weltschmerz-Miniserien investiert, sitzt die Sitcom auf dem Sofa, isst Chips und wartet darauf, dass alle wieder zur Vernunft kommen. Denn kaum ein Format versteht es so gut, aus dem gewöhnlichen Wahnsinn des Alltags etwas Magisches zu machen: eine kaputte Familie, ein nerviger Arbeitsplatz, ein Wohnzimmer, in dem das Leben ständig aus den Fugen gerät. Diese zehn Serien haben das besser hinbekommen als alle anderen. Und eine davon ist gerade wieder auferstanden.

    1. Malcolm mittendrin (1999)

    Hal fährt auf Rollschuhen durch das Wohnzimmer, Reese kocht Chemikalien zu etwas potenziell Gefährlichem zusammen, und irgendwo dazwischen steht Malcolm und schaut in die Kamera, als wäre er der einzige Mensch auf der Welt, der versteht, wie absurd das alles ist. Malcolm mittendrin hat dem Sitcom-Genre etwas geschenkt, das es bis dahin kaum kannte: einen Helden, der gleichzeitig zu klug und zu jung ist, um seiner eigenen Familie zu entkommen. Bryan Cranston spielt Hal als liebevollen Katastrophenmenschen, Jane Kaczmarek spielt Lois als die wohl anstrengendste und gleichzeitig verständlichste Mutter der Fernsehgeschichte. Keine andere Sitcom hat so konsequent daran gearbeitet, ihre Zuschauer in jedem einzelnen Moment zum Lachen zu bringen, und keine andere hat dabei so selten nachgelassen. Dass Malcolm jetzt zurückkommt, ist keine bloße Nostalgie, sondern eine längst fällige Anerkennung: Diese Familie hat gefehlt.

    2. Seinfeld (1989)

    In einem Diner in New York sitzen vier Menschen und reden über nichts, und dabei entsteht das vielleicht einflussreichste Fernsehen, das die Neunziger hervorgebracht haben. Seinfeld hat das Sitcom-Format so gründlich neu erfunden, dass man heute kaum noch eine Comedyserie schreiben kann, ohne an ihr gemessen zu werden. Larry David und Jerry Seinfeld haben damals ein philosophisches Experiment gestartet: Was passiert, wenn Figuren ohne moralischen Kompass durch das Leben navigieren und dabei permanent scheitern? Das Ergebnis ist Fernsehen, das sich mit der Zeit nicht abgenutzt hat, sondern schärfer geworden ist. Jede Wiederholung zeigt neue Details, neue Grausamkeiten, neue Gründe zum Lachen.

    3. Friends (1994)

    Keine Kellnerin und kein Schauspieler der Welt könnte sich diese New Yorker Wohnungen leisten, und irgendwie hat das nie jemanden wirklich gestört. Friends hat nicht damit gewonnen, dass es besonders realistisch war, sondern weil es ein Gefühl von Zusammengehörigkeit erzeugt, das schwer zu beschreiben, aber sofort zu spüren ist. Die Chemie zwischen den sechs Hauptdarstellern war kein Zufall, sondern das Ergebnis eines Castings, das in der Fernsehgeschichte seinesgleichen sucht. Dreißig Jahre später läuft die Serie noch immer auf Bildschirmen in aller Welt, und jede neue Generation findet darin dieselbe simple Wahrheit: Es geht ums Dabeisein. Und um den Couch-Platz in der Mitte.

    4. The Big Bang Theory (2007)

    Geek-Kultur war im amerikanischen Fernsehen lange eine Pointe, keine Perspektive, und dann kam Sheldon Cooper und hat das gründlich verändert. The Big Bang Theory hat aus dem Nerd-Klischee etwas gemacht, was vorher kaum jemand für möglich gehalten hätte: einen echten Sympathieträger. Jim Parsons spielt Sheldon als soziales Fossil mit fotografischem Gedächtnis und null Selbstreflexion, und das Publikum hat ihn dafür geliebt statt gehasst. Die Serie hat über zwölf Staffeln nie vergessen, dass Sitcoms von Figuren leben, nicht von Witzen. Was passiert, wenn hochintelligente Menschen mit völlig normalen Lebensproblemen konfrontiert werden, ist meistens komisch, manchmal rührend und selten so dünn wie Kritiker immer behauptet haben.

    5. Golden Girls (1985)

    Das amerikanische Fernsehen hat ältere Frauen jahrzehntelang als Randfiguren behandelt, und dann haben vier Schauspielerinnen in Miami einfach das Gegenteil bewiesen. Golden Girls war 1985 ein kleiner Skandal und ist heute ein Kultphänomen, weil die Serie schlicht recht hatte: Ältere Frauen sind komisch, komplex und interessant. Bea Arthur als sarkastische Dorothy, Betty White als unerschütterlich naive Rose, Rue McClanahan als unverbesserliche Blanche und Estelle Getty als schlagfertige Sophia haben gemeinsam etwas erschaffen, das weit größer ist als die Summe seiner Teile. Themen wie Einsamkeit, Altern und Sexualität wurden hier mit einer Leichtigkeit verhandelt, die man in der Branche noch heute vergeblich sucht. Der Cheesecake dazu war übrigens keine Dekoration, sondern Programm.

    6. How I Met Your Mother (2005)

    Neun Staffeln lang erzählt ein Vater seinen Kindern, wie er ihre Mutter kennengelernt hat, und dieses Konzept klingt nach Qual, funktioniert aber als eine der durchdachtesten Untersuchungen über Freundschaft und Erinnerung, die das Serienfernsehen je gewagt hat. How I Met Your Mother hat die nicht-lineare Erzählstruktur für die Sitcom entdeckt und dabei bewiesen, dass das Format mehr kann als Einzeiler und Lacher vom Band. Neil Patrick Harris spielt Barney Stinson als Figur, die auf dem Papier ein Monster ist und auf dem Bildschirm nie aufhört zu faszinieren. Dass das Finale bis heute für Debatten sorgt, spricht eher für die Serie als dagegen: Nur Geschichten, die wirklich etwas bedeuten, hinterlassen so einen Krater.

    7. King of Queens (1998)

    Ein Paketbote kommt nach Hause, und dann beginnt der eigentliche Kampf des Tages. King of Queens hat nie so getan, als wäre es etwas anderes als das, was es ist: eine klassische Ehe-Sitcom mit einer Beziehungsdynamik, die so präzise beobachtet ist, dass man sich manchmal ertappt fühlt. Kevin James spielt Doug als ewigen Optimisten mit überschaubaren Ambitionen, Leah Remini spielt Carrie als Frau, die genau weiß, was sie will, und es trotzdem nie bekommt. Das heimliche Herzstück der Serie ist aber Jerry Stiller als Arthur Spooner, der im Keller lebt. Er stiehlt in jeder Szene allen anderen die Show, indem er das Kunststück vollbringt, gleichzeitig saukomisch, unverschämt und bemitleidenswert zu sein. In Deutschland lief die Serie jahrelang im Dauerbetrieb, weil sie etwas Seltenes hatte: echte Wärme, die nie in Sentimentalität kippt.

    8. Der Prinz von Bel-Air (1990)

    Aus Philadelphia kommt ein Teenager nach Bel-Air, und von diesem Moment an ist eigentlich alles Improvisation. Der Prinz von Bel-Air hat aus einem simplen Klassenunterschied-Konzept eine der unterhaltsamsten und überraschend herzlichen Sitcoms der frühen Neunziger gemacht. Will Smith spielt sich selbst als Naturgewalt, einen Jugendlichen mit zu viel Energie und zu wenig Respekt vor sozialen Hierarchien, und das Aufeinandertreffen mit der Welt der Banks-Familie hat nie aufgehört, Funken zu schlagen. Die Serie hat sich nie gescheut, zwischen Slapstick und echten Emotionen zu wechseln, am eindrücklichsten in jener Szene mit dem abwesenden Vater, die vermutlich jeder einmal gesehen hat und trotzdem nicht vergessen kann.

    9. Eine schrecklich nette Familie (1987)

    Damenschuhe zu verkaufen ist Al Bundys Job, sein Schicksal und sein persönliches Kreuz, und aus dieser einen Tatsache hat Eine schrecklich nette Familie eine ganze Comedyphilosophie destilliert. Die Bundys sind das direkte Gegenteil der heilen Fernsehfamilie, die das amerikanische TV bis dahin dominiert hatte: Peg kocht nicht, Kelly denkt wenig, Bud erreicht meistens gar nichts, und Al sitzt auf der Couch mit der Miene eines Mannes, der alles verstanden hat und trotzdem verloren hat. Ed O'Neill spielt das mit einer trockenen Resignation, die gleichzeitig tragisch und umwerfend komisch ist. Die Serie hat das Sitcom-Genre von innen gesprengt und dabei eine Figur erschaffen, die trotz allem sympathisch bleibt, weil Al Bundy im Grunde einfach ehrlicher ist als alle anderen.

    10. Hör mal, wer da hämmert (1991)

    Mehr PS, mehr Leistung, mehr von allem: Das ist Tims Lösung für jedes Problem, und in acht Staffeln hat kein einziges seiner Projekte diesen Ansatz unbeschadet überlebt. Hör mal, wer da hämmert hat aus diesem simplen Prinzip eine erstaunlich warme Familienserie gemacht, die nebenbei mehr über Männlichkeit nachgedacht hat als die meisten Formate, die das explizit wollten. Tim Allen spielt Tim Taylor als liebenswürdigen Aufschneider, der es gut meint und fast immer das Gegenteil erreicht. Der geheimnisvolle Nachbar Wilson, dessen Gesicht nie ganz zu sehen ist, liefert dabei in jeder Folge mehr Lebensweisheit als alle anderen Figuren zusammen, und das durch einen Gartenzaun hindurch. Eine Serie, die immer dann am besten war, wenn sie so getan hat, als wäre sie nur eine Heimwerkershow.

  • 10 Filme wie „Die Passion Christi": Biblische Epen für die Osterzeit
    Nora Henze

    Nora Henze

    JustWatch-Editor

    Jedes Jahr zur Osterzeit passiert dasselbe: Die Passion Christi klettert in den Charts nach oben, in manchen Ländern bis auf Platz eins, und Millionen Menschen schauen einen Film, der 2004 das Kino in eine Art Gottesdienst verwandelt hat. 

    Mel Gibsons Werk ist brutal, kompromisslos und von einer visuellen Wucht, die sich ins Gedächtnis brennt. Es gibt nicht viele Filme, die so offen nach Transzendenz greifen und sie manchmal sogar berühren. Aber es gibt sie. Das Kino hat immer wieder versucht, das Große, das Schwere, das Mythische auf die Leinwand zu bringen: Götter und Könige, Propheten und Krieger, Schlachten und Opfer, die sich anfühlen, als würde Geschichte vor den eigenen Augen entstehen. Diese zehn Filme tun genau das.

    1. Die Passion Christi (2004)

    Mel Gibson hat mit diesem Film etwas gemacht, das in Hollywood niemand für möglich gehalten hatte. Er brachte ein zweistündiges, weitgehend aramäisch- und lateinischsprachiges Leidensepos ohne Happy End in die Kinos, und die Welt hat zugeschaut. Die Passion Christi zeigt die letzten zwölf Stunden im Leben Jesu mit einer Kompromisslosigkeit, die bis heute polarisiert. Jim Caviezel spielt Christus als körperlich zerstörten, spirituell unerschütterlichen Mann, und die Kamera schaut dabei nicht weg. Was Gibson gedreht hat, ist kein frommer Sonntagsfilm, sondern ein physisches Erlebnis, das den Zuschauer in die Enge treibt. Dass der Film trotzdem, oder genau deswegen, zum Phänomen wurde, sagt viel über das aus, was Menschen im Kino manchmal suchen.

    2. Ben Hur (1959)

    Elf Oscars, eine der berühmtesten Actionsequenzen der Filmgeschichte und eine Laufzeit von fast vier Stunden: Ben Hur hat sich das alles redlich verdient. Die Geschichte des jüdischen Prinzen Judah Ben-Hur, der durch Verrat in die Sklaverei getrieben wird und seinen Weg zurück durch Rache, Krieg und schließlich Glaube findet, ist eines der ambitioniertesten Projekte, das Hollywood je in Angriff genommen hat. Das Wagenrennen gegen Messala gehört zu den Momenten, die das Kino definiert haben, aber was den Film wirklich trägt, ist Charlton Hestons Präsenz: stoisch, verletzt und am Ende erschüttert von etwas, das größer ist als er. Ein Epos im ältesten und besten Sinne des Wortes.

    3. Die Zehn Gebote (1956)

    Cecil B. DeMille hat für diesen Film buchstäblich den Nil geteilt, zumindest auf der Leinwand, und das mit einer Chuzpe, die auch siebzig Jahre später noch beeindruckt. Die Zehn Gebote erzählt das Leben des Moses vom Findelkind am Hof des Pharaos bis zum alten Mann vor dem Gelobten Land, und tut das mit einer Opulenz, die heute kaum noch jemand wagen würde. Charlton Heston spielt Moses als Naturgewalt, Yul Brynner spielt Ramses als würdigen Gegner, und dazwischen entfaltet sich ein Spektakel, das das biblische Epos als Kinoformat überhaupt erst erfunden hat. Wer wissen will, wo alles angefangen hat, fängt hier an.

    4. Gladiator (2000)

    Rom brennt, die Arena brüllt, und Maximus will nur nach Hause. Ridley Scotts Gladiator hat das Sandalenfilm-Genre aus dem Mottenkugeln-Regal geholt und für eine neue Generation neu erfunden. Was auf dem Papier eine straighte Rachegeschichte ist, funktioniert auf der Leinwand als moralisches Drama über Ehre, Verlust und die Frage, was einen Menschen aufrecht hält, wenn alles andere weggebrochen ist. Russell Crowe spielt Maximus mit einer grollenden Würde, die den Film weit über seine Actionmomente hinaushebt, und Hans Zimmers Musik hat sich so tief ins kollektive Gedächtnis gebrannt, dass man sie beim ersten Takt sofort erkennt. Ein Film, der das Gewicht seiner eigenen Mythen kennt und damit spielt.

    5. Troja (2004)

    Homer hat die Geschichte der Ilias in Verse gegossen, Wolfgang Petersen hat daraus drei Stunden Kino gemacht, und Brad Pitt hat Achilles gespielt, als wäre er selbst unsterblich. Troja ist kein perfekter Film, aber ein beeindruckend ehrgeiziger: Die Schlachten haben Gewicht, die Figuren haben Widersprüche, und die Grundfrage des Epos, ob Ruhm wirklich ein Leben wert ist, bleibt bis zum Ende offen. Eric Bana als Hektor ist dabei die eigentliche moralische Mitte des Films, ein Mann, der einen Krieg führt, den er für falsch hält, und das mit einer Haltung, die mehr Würde hat als jede Heldenpose. Der Untergang Trojas hat selten so nach echtem Verlust geklungen.

    6. 300 (2007)

    Zack Snyder hat für diesen Film eine Bildsprache erfunden, die so stilisiert ist, dass sie fast schon als Malerei durchgeht und macht dabei dreihundert Spartaner gegen die persische Armee zu einem visuellen Manifest. 300 ist kein realistisches Historienepos, sondern ein kalkulierter Rausch: jede Einstellung ist komponiert wie ein Gemälde, jede Zeitlupe ein Kommentar auf das, was Heldentum bedeutet und was es kostet. Gerard Butler spielt Leonidas als Mann, der seinen Tod nicht fürchtet, sondern plant, und das mit einer Energie, die den Film auch dann mitreißt, wenn die Logik aussetzt. Ob das nun Propaganda oder Poesie ist, darüber lässt sich streiten. Beides ist es ein bisschen, und genau darin liegt der Reiz.

    7. Exodus - Götter und Könige (2014)

    Moses noch einmal, diesmal durch die Augen von Ridley Scott und mit Christian Bale in der Hauptrolle: ein zweifelnder, gequälter Mann, der eine göttliche Mission empfängt und bis zuletzt nicht sicher ist, ob er ihr gewachsen ist. Exodus - Götter und Könige hat bei seinem Erscheinen gemischte Kritiken kassiert, aber als Epos verdient er mehr Respekt als er bekommen hat. Scott interessiert sich weniger für Wunder als für den Menschen dahinter, und das gibt dem vertrauten Stoff eine Reibung, die angenehm unbequem ist. Die Plagen Ägyptens werden hier nicht als göttliche Lichtshow inszeniert, sondern als Naturkatastrophen mit apokalyptischem Ausmaß, und das sitzt.

    8. Der Prinz von Ägypten (1998)

    Dass ein Animationsfilm auf dieser Liste steht, mag überraschen, aber Der Prinz von Ägypten hat sich diesen Platz vollständig verdient. DreamWorks hat die Moses-Geschichte mit einer emotionalen Ernsthaftigkeit erzählt, die viele Realfilme nicht erreichen, und mit einer visuellen Kraft, die in manchen Momenten tatsächlich atemberaubend ist. Die Szene, in der das Rote Meer sich teilt, gehört bis heute zu den eindrucksvollsten Darstellungen dieser Geschichte in irgendeinem Medium überhaupt. Dazu kommt ein Gespür für das Gewicht des Stoffes, das den Film weit aus dem Schatten des typischen Familienfilms heraushebt, und eine Ernsthaftigkeit im Umgang mit Glaube und Zweifel, die man von einem Animationsfilm selten erwartet und noch seltener bekommt. Dieser Film hat definitiv das Recht, neben den großen Realfilm-Epen dieser Liste zu stehen.

    9. Königreich der Himmel (2005)

    Die Kreuzzüge als Kulisse, Orlando Bloom als zweifelnder Schmied und Ritter, und Ridley Scott zum zweiten Mal auf dieser Liste, diesmal mit einem Film, der in seiner Kinofassung unterschätzt wurde und in der Director's Cut Version eine ganz andere Qualität entfaltet. Königreich der Himmel stellt die unbequeme Frage, wofür heilige Kriege eigentlich geführt werden, und lässt keine der beteiligten Seiten ungeschoren davonkommen. Was den Film trägt, ist nicht die Handlung, sondern die Atmosphäre: Jerusalem als Stadt, die drei Religionen für sich beanspruchen und die alle drei immer wieder verwüsten. Am Ende stehen Ruinen, und Scott lässt den Zuschauer selbst entscheiden, was das über den Glauben sagt, in dessen Namen sie entstanden sind.

    10. Die Odyssee (2026)

    Christopher Nolan hat jahrelang davon geträumt, diesen Stoff zu verfilmen, und mit einem Budget von 250 Millionen Dollar und dem ersten Film der Geschichte, der komplett mit IMAX-Kameras gedreht wurde, bekommt Homers unsterbliches Epos nun seine bisher größte Leinwand. Die Odyssee kommt demnächst in die deutschen Kinos und erzählt die Heimreise des Odysseus nach dem Trojanischen Krieg, mit Matt Damon in der Hauptrolle und einem Ensemble, das von Tom Holland bis Charlize Theron reicht. Noch ist der Film nicht erschienen, und ein echtes Urteil muss warten. Aber wer einen Regisseur sucht, der das Schwere, das Große und das Menschliche in einem Atemzug erzählen kann, hat mit Nolan zumindest die richtige Wahl getroffen.

  • McKenna Grace: Die besten Filme und Serien, gerankt
    Markus Brandstetter

    Markus Brandstetter

    JustWatch-Editor

    McKenna Grace hat mit sechs Jahren angefangen zu drehen. Sie ist jetzt neunzehn und hat bereits mehr Franchise-Einträge hinter sich als die meisten Erwachsenen in einem ganzen Berufsleben. Von Horror-Franchises bis Geisterjägerkult, von Blockbustern bis Topserien. Was dabei auffällt: Sie ist nicht einfach eine Kinderdarstellerin, die das Erwachsenwerden vor der Kamera überlebt hat. 

    Sie war von Anfang an präziser als das Umfeld, in dem sie spielte. Gifted (2017) war ihr erster ernsthafter Beweis dafür. Ghostbusters: Afterlife (2021) der zweite. Der Rest ist eine Filmografie voller Gastauftritte, Franchisepflichten und echter Momente. Hier sind die besten davon.

    Young Sheldon (2018–2023)

    Eine Gastrolle, die mehr leistet als sie müsste. In Young Sheldon spielt Grace Paige Swanson, ein Kind, das genauso hochbegabt ist wie Sheldon Cooper — nur sozial kompetenter, was ihn zur Weißglut treibt. Die Rolle ist auf den ersten Blick ein klassischer Serienkniff: Rivalin als Spiegel, Folie für den Hauptcharakter. Aber Grace spielt Paige nicht als Funktion, sondern als Person. Man sieht eine Figur, die mit denselben Problemen kämpft wie Sheldon, sie aber anders löst — oder eben nicht löst. Für eine Gaststrecke in einer Network-Sitcom ist das mehr emotionale Tiefe, als das Format eigentlich verlangt.

    Annabelle Comes Home (2019)

    Der dritte Annabelle-Film ist kein Meisterwerk des Horrorgenres, aber er ist solider als sein Ruf. Grace spielt Judy Warren, die Tochter von Ed und Lorraine Warren, die eine Nacht im Haus ihrer Eltern verbringt — umgeben von Artefakten, die alle ihr eigenes Böses mitbringen. Annabelle Comes Home nutzt das Setting klug, und Grace ist der Anker des Films: ruhig, neugierig, nicht hysterisch. Sie spielt Horror ohne die übliche Kinderfilm-Hysterie, was den Gruseleffekten mehr Raum gibt. Kein großer Film, aber ein guter Beweis dafür, dass sie Genres trägt, die auf ihre Mitarbeit nicht angewiesen wären.

    Scream 7 (2026)

    Scream 7 ist der erste Teil der Reihe, den Kevin Williamson selbst inszeniert, und Grace spielt Hannah Thurman, eine Highschoolfreundin der Hauptfigur. Die Rolle endet früh und blutig — ein Scream-klassiker. Was Grace daraus macht, ist trotzdem interessant: Sie spielt keine generische Slasher-Figur, sondern jemanden, dem man in den wenigen Minuten, die er hat, tatsächlich glaubt. Das ist schwerer als es klingt, weil das Genre aktiv dagegen arbeitet. Dass sie mittlerweile in Franchise-Kontexten funktioniert, ohne in ihnen zu verschwinden, ist das eigentlich Bemerkenswerte an diesem Auftritt.

    The Haunting of Hill House (2018)

    Mike Flanagans Netflix-Serie ist einer der seltenen Fälle, in denen Horrorfernsehen den Sprung ins Literarische schafft, ohne die Schockwirkung zu opfern. In The Haunting of Hill House spielt Grace die junge Theo Crain, eine der fünf Geschwister, die ihre Kindheit in einem Haus verbracht haben, das ihnen kollektiven Schaden zugefügt hat. Was Grace dabei leistet, ist bemerkenswert: Sie spielt nicht einfach eine verängstigte Version einer Figur, sondern zeigt die spezifische Art von Kind, das zu früh zu viel versteht. Die Szenen zwischen den Geschwistern als Kinder tragen das emotionale Gewicht der Serie, und Grace hält dabei mit Kate Siegel, die dieselbe Figur als Erwachsene spielt, problemlos mit. Eine Gastrolle, die sich wie eine tragende Figur anfühlt.

    I, Tonya (2017)

    Was I, Tonya gut macht, ist das Gleichgewicht zwischen Bewunderung und Mitleid, das der Film für seine Hauptfigur herstellt — und das beginnt bei Grace. Sie spielt die junge Tonya Harding, bevor Margot Robbie übernimmt, und muss eine Figur einführen, der das Publikum gleichzeitig zujubeln und die es bemitleiden soll, ohne sich für eine Haltung entschieden zu haben. Sie schafft das, weil sie Hardings Sturheit und Verletzlichkeit gleichzeitig transportiert. Der Film hat einen Golden Globe gewonnen, drei Oscarnominierungen bekommen, und Grace ist ein wichtiger Grund, warum man den Figuren darin glaubt.

    Ghostbusters: Frozen Empire (2024)

    Die Fortsetzung stellt Phoebe Spengler vor ein neues Problem: Sie darf nicht mehr als Ghostbuster arbeiten, weil sie minderjährig ist. Das ist dramaturgisch ein cleverer Schritt, weil es Grace erlaubt, die Figur in eine andere Richtung zu entwickeln. Phoebe ist in Ghostbusters: Frozen Empire unruhiger, verletzlicher, weniger sicher. Der Film ist insgesamt ungleichmäßiger als Afterlife, aber Grace trägt ihn mit einer Präzision, die das Beste aus dem Material herausholt. Sie ist zu diesem Zeitpunkt längst das emotionale Zentrum der modernen Franchise.

    The Handmaid's Tale (2021–2022)

    Die schwierigste Rolle in ihrer Filmografie und vermutlich die wirkungsvollste. In The Handmaid's Tale spielt Grace Esther Keyes, eine Jugendliche, die als Kind zwangsverheiratet wurde und in der vierten und fünften Staffel als gebrochene, wütende Figur auftaucht, die sich zu einem Mayday-Asset entwickelt. Das ist kein Material, das Erleichterung anbietet. Grace spielt es ohne Absicherungsnetz: Esther ist keine sympathische Figur im klassischen Sinn, sondern eine, die das System, das sie missbraucht hat, vollständig verinnerlicht hat und daraus etwas Gefährliches gemacht hat. Für diese Rolle wurde Grace Emmy-nominiert. Sie war zu diesem Zeitpunkt fünfzehn.

    Gifted (2017)

    Der entscheidende Film in Graces früher Karriere. In Gifted spielt sie Mary Adler, ein hochbegabtes Mädchen, das zwischen ihrem Vormund-Onkel (Chris Evans) und ihrer ehrgeizigen Großmutter zum Streitobjekt wird. Der Film stellt ihr eine einfache Falle: Er könnte jederzeit in süßlichen Oscar-Bait abgleiten. Grace verhindert das, indem sie Mary nicht als Symbol für irgendetwas spielt, sondern als Kind, das präzise weiß, was um es herum vorgeht, und trotzdem nicht völlig damit fertig wird. Die Szenen mit Evans funktionieren, weil sie nicht nachgibt. Critics' Choice Nominierung. Recht so.

    Ghostbusters: Afterlife (2021)

    Der Film, mit dem Grace zum Gesicht eines Franchise wurde. Ghostbusters: Afterlife ist bewusst nostalgisch konstruiert, ein Film, der die Fans der Originale bedienen will, ohne die neue Generation zu verlieren. Grace als Phoebe Spengler trägt diesen Spagat. Phoebe ist lakonisch, analytisch, sozial unbeholfen auf eine Art, die nicht verniedlicht wird. Regisseur Jason Reitman bat Grace, mehr von sich selbst in die Figur einfließen zu lassen. Das Ergebnis ist eine der überzeugendsten Neueinführungen in einem Legacy-Sequel seit Jahren. Dass Grace zum Zeitpunkt des Drehs dreizehn war und gerade eine Skoliose-Diagnose hinter sich hatte, ohne je die Protonenpistole wegzulegen, macht das Endergebnis nicht kleiner.

  • Megan Foxs verkanntes Horror-Juwel bekommt eine Fortsetzung – und diesmal versteht die Welt es
    Markus Brandstetter

    Markus Brandstetter

    JustWatch-Editor

    Jennifer's Body (2009) hat 31 Millionen Dollar eingespielt. Bei einem Budget von 16 Millionen klingt das nach Gewinn …bis man bedenkt, dass der Film als einer der größten Enttäuschungen des Jahres galt, dass Megan Fox in jedem Interview über ihr Aussehen und nicht über ihre Arbeit befragt wurde, und dass Diablo Cody, die für Juno (2007) gerade einen Oscar gewonnen hatte, sich erklären musste, warum ihr nächstes Projekt bei Kritikern so wenig ankam. 

    Sechzehn Jahre später schreibt Cody die Fortsetzung. Und sie sagt, es sei das erste Mal seit langem, dass sich Drehbuchschreiben nicht wie Arbeit angefühlt hat. Das sagt eigentlich alles.

    Ein Film, der seinem Publikum um zehn Jahre voraus war

    Was 2009 passierte, ist inzwischen gut dokumentiert, aber es lohnt sich, es noch einmal in seiner vollen Absurdität zu betrachten: Fox Atomic vermarktete Jennifer's Body als Horrorfilm für Jungs, der auf Megan Fox in einem Minirock basierte. Die Zielgruppe, die den Film tatsächlich hätte lieben sollen – junge Frauen, die eine Geschichte über Trauma-Exploitation, toxische Freundschaft und den Preis des Begehrens sehen wollten –, erfuhr davon kaum. Die Jungs, die man ins Kino locken wollte, sahen einen feministischen Rachefilm und verstanden ihn nicht. Beide Seiten gingen enttäuscht nach Hause.

    Dabei war der Film präzise. Jennifer Check wird von einer Band mittelmäßiger Männer rituell geopfert, weil sie glauben, ein Mädchen zu besitzen, das sie begehren. Die Pointe: Sie überleben als Rockstars. Sie verbrauchen Jennifer für ihren eigenen Erfolg – und das ist kein Horror-Gimmick, sondern eine ziemlich genaue Beschreibung von etwas, das Frauen in der Unterhaltungsindustrie sehr gut kennen. Megan Fox selbst hat später in Interviews bestätigt, dass sie die Erfahrungen am Set des Films als direktes Echo ihrer eigenen Erlebnisse in Hollywood empfunden hat. Dass das Publikum das 2009 nicht hören wollte, ist keine Überraschung. Dass es das heute tut, auch nicht.

    Was die Neuentdeckung bedeutet

    TikTok hat viel damit zu tun, wie immer. Das #jennifersbody-Tag hat über zwei Milliarden Aufrufe, was eine Zahl ist, die man kurz wirken lassen sollte: zwei Milliarden. Für einen Film, der 2009 als Flop galt. Halsey samplete eine gelöschte Szene für killing boys (2020). Letterboxd-Einträge, Essaysammlungen, Filmkurse – Jennifer's Body ist inzwischen Gegenstand einer Art nachträglicher Kanonisierung, die so schnell und so vollständig verlief, dass sie selbst für Kultklassiker ungewöhnlich ist.

    Was das Publikum entdeckte, war nicht nur ein guter Film, der falsch vermarktet wurde – sondern ein Film, dessen Themen sich in der Zwischenzeit als dringlicher herausgestellt hatten als ursprünglich erkennbar. Die Freundschaft zwischen Jennifer und Needy, die von Bewunderung, Eifersucht, Begehren und Abhängigkeit gleichzeitig durchzogen ist, lässt sich nicht auf eine einfache Formel bringen, und genau das macht sie so schwer loszulassen. Die Art, wie Jennifer buchstäblich von Männern ausgebeutet und dann als Monster behandelt wird, wenn sie aufhört, gefällig zu sein – das klingt 2026 nicht wie Metapher, sondern wie Beschreibung.

    Die Fortsetzung – und was Cody diesmal anders machen kann

    Diablo Cody schreibt Jennifer's Body 2, Karyn Kusama führt wieder Regie, und Amanda Seyfried hat klar gemacht, dass sie nur dabei ist, wenn Megan Fox dabei ist – was wiederum bedeutet, dass die Frage, ob Fox zurückkommt, die eigentliche offene Frage bleibt. Cody selbst beschreibt den Prozess in einem Interview mit Bloody Disgusting mit einer Direktheit, die man selten von Drehbuchautorinnen hört: Sie fühle sich diesmal entfesselt. Alles, worin sie beim ersten Film eingeschränkt war, sei jetzt möglich. Die Fortsetzung sei thematisch eine direkte Antwort auf die Wiederentdeckung des Originals – nicht Nostalgie, sondern Weiterdenken.

    Was das konkret bedeutet, weiß noch niemand. Aber die Ausgangsbedingungen sind radikal andere als 2009: Cody muss ihren Film nicht mehr einem Publikum erklären, das die Referenzen nicht kennt. Das Publikum kennt sie. Es hat den ersten Film nicht nur gesehen, sondern analysiert, diskutiert, zerlegt und wieder zusammengesetzt. Jennifer's Body 2 startet mit einem Vertrauensvorschuss, den das Original nie hatte – und mit einer Drehbuchautorin, die das weiß.

    Ob das reicht, wird sich zeigen. Kultklassiker-Fortsetzungen haben eine lange Geschichte des Scheiterns, weil sie versuchen, nachzubauen, was beim Original durch Zufall oder Missverständnis entstanden ist. Aber wenn irgendjemand weiß, was Jennifer's Body bedeutet und warum es wichtig ist, dann ist es Cody. Und diesmal hört ihr jemand zu.

  • “Bridget Jones - Schokolade zum Frühstück” wird 25: Wie gut ist die Rom-Com gealtert?
    Nora Henze

    Nora Henze

    JustWatch-Editor

    Manche Romantic Comedies altern so, dass man sie irgendwann nur noch als Zeitdokument schauen kann. Bei Bridget Jones - Schokolade zum Frühstück ist es komplizierter und genau das macht den Film 25 Jahre später noch so interessant. Zum Jubiläum im April lohnt sich der Blick zurück nicht nur aus Nostalgie, sondern weil der Film bis heute erstaunlich lebendig wirkt und gleichzeitig an einigen Stellen sehr deutlich verrät, aus welcher Zeit er stammt. 

    2001 kam Bridget Jones – Schokolade zum Frühstück ins Kino, wurde ein großer Erfolg und machte Bridget endgültig zur festen Größe der Rom-Com-Geschichte. Dass die Figur bis heute weiterlebt und mit Bridget Jones – Am Rande des Wahnsinns, Bridget Jones’ Baby und zuletzt Bridget Jones – Verrückt nach ihm noch weitere Kapitel bekommen hat, zeigt, wie stark diese Reihe kulturell hängen geblieben ist. Das Jubiläum ist ein guter Zeitpunkt, um Bridget Jones – Schokolade zum Frühstück noch einmal mit Zuneigung, aber nicht ganz unkritisch anzuschauen. Denn vieles funktioniert immer noch verblüffend gut und anderes wirkt heute spürbar anders als damals.

    Was immer noch wunderbar funktioniert

    Das Beste an Bridget war nie nur die Dreiecksromanze. Es war immer die Art, wie sie sich wie ein echter Mensch anfühlt und nicht wie eine geschniegelt geschriebene Rom-Com-Heldin mit ein paar dekorativen Macken. Bridget ist chaotisch, eitel, unsicher, lustig, oft komplett neben der Spur und dabei nie bloß eine Karikatur, und das macht den Film auch heute noch so angenehm. Er beobachtet eine Frau, die sich pausenlos selbst bewertet, aber trotzdem nicht nur als Witzfigur existiert. Man lacht zwar über sie, aber der Film lacht selten grausam über sie. 

    Auch die Komik ist überraschend gut gealtert. Vieles ist Fremdscham, aber nicht in dieser später oft sehr anstrengenden Form, bei der man nur noch weggucken möchte. Bridget Jones – Schokolade zum Frühstück weiß ziemlich genau, wann Schluss ist. Die Katastrophen sind groß genug, um lustig zu sein, aber nie so überdreht, dass Bridget nur noch zur Gag-Maschine wird. Das gibt dem Film eine Wärme, die vielen neueren Rom-Coms fehlt.

    Dazu kommt, dass Renée Zellweger die Figur mit einer Ernsthaftigkeit spielt, die dem ganzen Film Halt gibt. Das war schon damals ein großer Teil seines Erfolgs, und daran hat sich nichts geändert. Dass ihre Performance mit einer Oscar-Nominierung belohnt wurde, fühlt sich rückblickend völlig folgerichtig an. Sie macht Bridget nie bloß niedlich. Sie macht sie verletzlich, trotzig und manchmal auch ein bisschen unerquicklich, also genau so, wie Menschen eben oft sind.

    Wo der Film heute sichtbar aus der Zeit gefallen ist

    Am deutlichsten knirscht es beim Thema Körperbild. Dass Bridget im Film fast permanent so behandelt wird, als sei sie deutlich zu dick, wirkt aus heutiger Sicht beinahe surreal. Die Figur wird von ihrem Umfeld, von ihrer eigenen inneren Stimme und vom gesamten kulturellen Rahmen in eine Ecke gedrängt, in der ihr Gewicht wie ein zentrales Lebensproblem erscheint. Das ist nicht bloß eine kleine Unschärfe, sondern einer der Punkte, an denen man beim Wiedersehen wirklich merkt, wie stark frühe 2000er-Medien von Diätkultur und Body-Shaming geprägt waren. Auch die öffentliche Diskussion rund um Renée Zellwegers Gewichtszunahme für die Rolle gehört rückblickend genau in dieses Bild.

    Auch die Männer um Bridget sehen heute etwas anders aus als damals. Daniel Cleaver ist natürlich noch immer charmant, und Hugh Grant spielt diese Sorte glatten Katastrophenmann mit einer Leichtigkeit, die fast unfair ist. Aber der Film gönnt ihm stellenweise mehr verführerischen Glanz, als man ihm mit heutigem Blick eigentlich geben möchte. Viel von dem, was damals als sexy Frechheit durchging, liest sich heute klarer als Manipulation, Unzuverlässigkeit und emotionale Feigheit. Das ist nicht zwingend ein Problem des Films, eher ein interessanter Effekt. Daniel ist heute nicht weniger unterhaltsam, aber deutlich weniger romantisch.

    Bei Mark Darcy ist es fast umgekehrt. Er funktioniert besser, je älter man wird und je weniger man nur auf das übliche Rom-Com-Prinzip hereinfällt, dass der lautere Mann automatisch der reizvollere ist. Gleichzeitig lebt auch seine Figur stark von einem Ideal, das der Film eher behauptet als komplett ausarbeitet. Mark ist der gute Mann, weil er stiller, anständiger und verlässlicher ist. Das stimmt auch, aber der Film liebt ihn manchmal schon, bevor er ihn ganz erklärt hat. Dass das trotzdem aufgeht, liegt stark an Colin Firth und natürlich daran, dass die ganze Konstruktion bewusst mit Stolz und Vorurteil spielt.

    Feminismus, Karriere und das seltsame Bridget-Paradox

    Interessant ist, dass Bridget Jones – Schokolade zum Frühstück gleichzeitig fortschrittlicher und altmodischer wirkt, als man zunächst denkt. Einerseits ist Bridget eine berufstätige Frau mit eigenem Leben, eigener Wohnung, eigener Stimme und einem klaren Innenleben. Der Film nimmt ihre Perspektive ernst. Er interessiert sich für ihre Scham, ihre Hoffnungen, ihre Sexualität und ihren Wunsch, geliebt zu werden, ohne sie dafür zu bestrafen. Das ist ein echter Grund, warum die Figur so hängen geblieben ist. Bridget darf unperfekt sein. Sie muss nicht cool sein. Sie muss nicht alles unter Kontrolle haben. Und genau darin lag immer etwas Befreiendes.

    Andererseits bleibt der Film doch auffallend stark in einer Welt verankert, in der weibliche Selbstbewertung fast automatisch über Begehren, Paarstatus und äußere Erscheinung läuft. Bridget arbeitet, klar, aber ihre Karriere wirkt nie ganz so wichtig wie ihr Liebesleben, ihr Gewicht oder die Frage, ob sie sich vor anderen wieder komplett blamiert. Das ist für eine klassische Rom-Com nicht ungewöhnlich, fällt heute aber stärker auf, weil sich das Genre verändert hat und Zuschauerinnen inzwischen oft mehr erwarten als nur die charmant verpackte Suche nach dem Richtigen. Die späteren Filme zeigen dabei durchaus, wie sich dieser Blick verschoben hat. Bridget wird älter, selbstsicherer und weniger stark über ihr Gewicht oder ihren Beziehungsstatus definiert, auch wenn die Reihe nie ganz aus ihren klassischen Rom-Com-Mustern ausbricht.

    Vielleicht ist genau das der Grund, warum der Film nach 25 Jahren so interessant geblieben ist. Er ist nicht makellos gealtert. An manchen Stellen wirkt er fast wie eine Zeitkapsel der frühen 2000er, inklusive toxischer Schönheitsmaßstäbe und einer Romantik, die weibliche Unsicherheit gern als Normalzustand mitverkauft. Aber er hat etwas überlebt, das viele andere Filme aus dieser Zeit nicht überlebt haben: seinen Menschenblick. Bridget ist keine Idee von einer Frau, sondern eine Figur mit Ecken, Widersprüchen und echtem Gefühl. Deshalb kann man heute kritisch auf den Film schauen und ihn trotzdem noch mögen. Vielleicht sogar mehr denn je, nur eben mit offeneren Augen.

  • „The White Lotus“ meets „Succession“? Warum „Privilèges“ die nächste großartige Serie über Luxus, Macht und Intrigen ist
    Arabella Wintermayr

    Arabella Wintermayr

    JustWatch-Editor

    In den vergangenen Jahren hat sich ein bemerkenswerter Fokus im Serienmarkt verschoben: Weg von klassischen Aufstiegsgeschichten – hin zu Milieustudien über jene, die bereits ganz oben angekommen sind. Serien wie The White Lotus (seit 2021) oder Succession (2018-23) interessieren sich für Reichtum als Status, ebenso wie für die Mechaniken dahinter: Die Funktionsweisen der Macht, ihre Inszenierung, und die unsichtbaren sozialen Codes.

    Privilèges (2026), eine neue französische HBO-Produktion, wirkt auf den ersten Blick wie eine logische Fortsetzung dieses Trends. Ein Pariser Luxushotel steht im Fokus, und damit ein Mikrokosmos aus Reichtum und Dienstleistungen der Extraklasse. Mittendrin aber bewegt sich mit Adèle (Manon Bresch) eine junge Frau, die dort eigentlich nicht hingehört – und dadurch entfaltet das zunächst Vertraute schnell eine eigene Dynamik.

    Ein Hotel als Gesellschaft im Kleinen

    Dass das Luxushotel in Privilèges mehr ist als bloße Kulisse, wird schnell deutlich. Es fungiert als in sich geschlossenes System, als verdichtete Gesellschaftsstruktur. „Uns hat fasziniert, wie viele Gegensätze in diesem Ort stecken – zwischen dem, was man sieht, und dem, was hinter den Kulissen passiert. Es ist wie eine eigene Mini-Gesellschaft“, sagt Showrunnerin Marie Monge im Interview mit JustWatch.

    Gemeinsam mit Co-Showrunner Vladimir de Fontenay näherte sie sich dem Setting daher nicht über klassische Dramaturgie, sondern über Beobachtung: Wer bewegt sich wo? Wer kontrolliert wen? Und vor allem: Was bleibt unsichtbar?

    Vladimir de Fontenay beschreibt diesen Zugang als Ausgangspunkt der Serie: Man habe verstehen wollen, „was unter der Oberfläche passiert, was dieses System eigentlich am Laufen hält – all die Dinge, die Außenstehenden verborgen bleiben“. Das Hotel wird so zur Bühne permanenter Aushandlung, und das mit einem deutlich stärkeren Fokus auf die Mitarbeitenden als es zuletzt noch in The White Lotus der Fall war.

    Adèle: Eine ambivalente Überlebenskünstlerin

    Die Perspektive ins Innere liefert Adèle, eine junge Strafgefangene, die im Rahmen eines Resozialisierungsprogramms ausgerechnet als Page in einem Pariser Luxushotel beginnt. Auf diesen Job ist sie existenziell angewiesen: Verliert sie ihn, sind auch ihre Aussichten auf Bewährung dahin. Diese strukturelle Abhängigkeit bindet sie nicht zuletzt an die Hotelleitung – allen voran an Direktor Édouard Balzaim (Melvil Poupaud), der gezielt auf ehemalige Häftlinge als Mitarbeiter setzt, weil sie sich leichter kontrollieren und ausnutzen lassen. 

    Für Adèle bedeutet das: Sie wird zunehmend in ein System hineingezogen, in dem sie selbst die absurdesten, mitunter riskanten Aufträge erfüllen muss, um die Wünsche der hochkarätigen Gäste um jeden Preis zu bedienen.

    Mehr noch als die gesonderte soziale Stellung aber fasziniert an Adèle ihre Uneindeutigkeit. Sie ist weder klassische Außenseiterin noch kalkulierende Aufsteigerin. Sie bewegt sich zwischen den Welten, passt sich mal an, widersetzt sich dann wieder – und bleibt dabei bis zum Finale schwer greifbar. Diese Ambivalenz war bewusst angelegt, wie Marie Monge erklärt: „Wir wollten eine Figur, die ehrgeizig und auch rücksichtslos sein kann, die schwierige Entscheidungen trifft – und der man trotzdem immer weiter folgt.“

    Manon Bresch, die hierzulande noch weitgehend unbekannt ist, in Frankreich aber gerade an Popularität gewinnt, verleiht dieser Figur eine bemerkenswerte Doppeldeutigkeit. „Sie ist sehr instinktiv, hat eine enorme Energie, aber gleichzeitig ist sie auch sehr klug, sehr schnell, strategisch“, sagt Marie Monge über die Schauspielerin. 

    Das Janusköpfige überträgt sich durchaus auf Adèle, die sich im Rahmen der sechs Episoden durch unterschiedliche soziale Räume bewegt, ohne ihre eigene Identität vollständig preiszugeben. Bis zum Schluss der spannenden Drama-Serie ist Adèle weder Opfer noch Täterin im klassischen Sinne – sondern eine Figur, die das System testet, während sie selbst von ihm verändert wird.

    Allianzen abseits von Klassenbarrieren

    Der Vergleich mit The White Lotus liegt nahe: ein Luxushotel, wohlhabende Gäste, ein Blick hinter die Fassade. Doch Privilèges setzt andere Schwerpunkte. Während Erstere stark von satirischer Zuspitzung lebt, interessiert sich Letztere für Verbindungen auch über professionelle Ebenen hinweg.

    „Wir wollten vermeiden, dass es nur zwei Lager gibt – die, die bedienen, und die, die bedient werden“, erklärt Marie Monge. Vielmehr sei es spannend gewesen zu zeigen, „dass man mit einem Gast manchmal mehr gemeinsam hat als mit den eigenen Kolleginnen und Kollegen“. 

    Tatsächlich entstehen Beziehungen in Privilèges nicht entlang klarer Hierarchien, sondern durch Nähe, Zufall und vor allem durch Herkunft. Adèle versteht sich etwa besser mit Hotelgästen, die ursprünglich aus der gleichen Klasse wie sie, der Unterschicht, stammen, als mit Mitarbeitenden der höheren Ebene. Durch dieses komplexe Geflecht gewinnt die Erzählung an Tiefe – ihre Figuren sind keine reinen Repräsentanten verschiedener Lager, sondern originelle, widersprüchliche Charaktere.

    Neben dem Vergleich zu The White Lotus liegt auch jener zu Succession nahe. Doch der Fokus liegt stärker auf besagter „Fish out of Water“-Perspektive – also auf einer Figur, die in eine ihr fremde Welt hineingezogen wird – als auf den abgeschotteten Machtkämpfen innerhalb einer milliardenschweren Familiendynastie, die ihr Imperium unter sich aufteilt.

    Eine künstliche, doch glaubwürdige Welt

    Auch visuell erinnert Privilèges an die besagten Produktionen, geht letztlich aber einen eigenen Weg. Statt auf bestehende Luxushotels zurückzugreifen, wurde das zentrale Setting vollständig neu entworfen.

    „Wir wollten nicht einfach einen Ort nutzen, sondern eine eigene Welt erschaffen“, führt Marie Monge im Interview mit JustWatch aus. Gemeinsam mit Szenenbildnerin Emmanuelle Duplay (Emilia Pérez, Anatomie eines Falls) habe man über ein Jahr hinweg an einem ganz eigenen Entwurf für ein exklusives Luxushotel gearbeitet.

    Diese Entscheidung zahlt sich aus. Das Design des Hôtel Citadel schreibt die Hierarchien in der Serie visuell sichtbar fort: Materialien, Farbwelten und räumliche Übergänge markieren Zugehörigkeit und Ausschluss, während wiederkehrende Muster und Sichtachsen bestimmen, wer wahrgenommen wird – und wer unsichtbar bleibt. Nähe und Distanz ist hier also nie zufällig, sondern ganz bewusst inszeniert, als Teil einer Architektur, die soziale Ordnung aktiv (re-) produziert.

    Warum „Privilèges“ fesselt

    Serien über Vermögenseliten laufen oft Gefahr, sich in Zynismus oder bloßer Beobachtung zu erschöpfen. Privilèges entgeht dieser Falle, indem die Serie ihr Setting nutzt, um eine eigenständige Geschichte zu erzählen, die zwar mit vertrauten Klassenmotiven spielt, ihre Figuren jedoch ernst genug nimmt, um sie nicht darauf zu reduzieren – eine Tendenz, die The White Lotus im Verlauf seiner Staffeln zunehmend zugunsten reizlos plakativer Typisierung verschoben hat.

    Die französische HBO-Serie ist sicherlich selbst keine präzise soziologische Studie, in vielen Momenten ist sie etwas zu bewusst auf Spannung hin komponiert – und bleibt doch aufgrund nuancierter schauspielerischer Leistungen als Charakterstück überzeugend.

    Wer sich auf Privilèges einlässt, sollte zwar eine gewisse Geduld für kleinere erzählerische Unsauberkeiten mitbringen. Insgesamt erweist sich die Serie jedoch als stilvolle Erneuerung eines Subgenres, das es sich schon jetzt in vertrauten Mustern bequem gemacht hat.

  • 9 provokante Filme, die erstaunlich gut gealtert sind
    Ahmet Iscitürk

    Ahmet Iscitürk

    JustWatch-Editor

    Das Kino lebt von Grenzüberschreitungen und das Urteil „anstößig“ fällt dabei oft zu schnell. Es gibt Werke, die gezielt mit Vorurteilen spielen, um diese nicht etwa zu bestätigen, sondern sie durch radikale Übersteigerung oder ehrliche Empathie als absurd zu entlarven. Während viele plumpe Pointen-Sammlungen heute zu Recht in Vergessenheit geraten sind, gibt es eine Gruppe von Filmen, die ihre provokante Prämisse als Sprungbrett für eine tiefere, oft unbequeme Wahrheit nutzen. 

    Diese Filme fordern uns heraus, über Themen zu lachen, die normalerweise mit betretener Stille quittiert werden, während sie gleichzeitig soziale Normen und unsere eigene Heuchelei hinterfragen. In einer Kinolandschaft, die heute oft auf Nummer sicher geht, wirken diese mutigen Grenzgänger erfrischend ehrlich. Wir haben deshalb acht Werke ausgewählt, die auf den ersten Blick problematisch wirken, sich aber als erstaunlich reflektiert und zeitlos entpuppen.

    Der Wilde Wilde Westen (1974)

    Mel Brooks’ Meisterwerk Der Wilde Wilde Westen (1974) wird oft als der Film zitiert, den man „heute so nicht mehr drehen dürfte“. Doch wer das behauptet, übersieht meist den entscheidenden Punkt: Der Film nutzt rassistische Klischees und Sprache nicht, um zu beleidigen, sondern um die Absurdität und Dummheit von Rassisten vorzuführen. In einer Zeit, in der wir intensiv über systemische Vorurteile diskutieren, wirkt die Figur des schwarzen Sheriffs Bart, der die ignorante Kleinstadt mit Witz und Intellekt rettet, fast schon prophetisch. Während andere Komödien der 70er heute oft peinlich wirken, bleibt dieser Western eine messerscharfe Satire auf amerikanische Mythen. Er richtet sich an ein Publikum, das bereit ist, über den Tellerrand von Slapstick hinauszuschauen und die bittere Wahrheit hinter den Pointen zu erkennen. Im Vergleich zu Tropic Thunder (2008), der Hollywoods Selbstverliebtheit parodiert, geht Brooks hier direkt an die Wurzeln gesellschaftlicher Spaltung und bleibt dabei unerreicht komisch.

    Tropic Thunder (2008)

    Es gibt kaum einen kontroverseren Aspekt in der modernen Filmgeschichte als Robert Downey Jr. in Blackface in Tropic Thunder. Doch genau hier liegt das Genie des Films: Die Satire richtet sich nicht gegen People of Color, sondern gegen den absurden Method-Acting-Wahn und den „White Savior“-Komplex von Hollywood-Stars, die glauben, jede Rolle spielen zu können, solange sie nur genug „recherchieren“. Der Film ist heute relevanter denn je, da die Debatte um authentische Besetzung und die Egomanie der Filmindustrie ständig neue Höhepunkte erreicht. Er ist die perfekte Wahl für Filmbegeisterte, die Meta-Ebenen schätzen und keine Angst vor unbequemen Witzen haben. Ein interessanter Vergleich lässt sich zu Borat (2006) ziehen: Während Sacha Baron Cohen echte Menschen mit ihren Vorurteilen konfrontiert, nutzt Ben Stiller die künstliche Welt eines Filmsets, um die Heuchelei der Traumfabrik zu entlarven. Ein mutiger Balanceakt, der auch fast zwei Jahrzehnte später noch ins Schwarze trifft.

    Borat (2006)

    Als Borat in die Kinos kam, löste der kasachische Reporter eine Welle der Empörung aus. Sacha Baron Cohen nutzt die Figur des ignoranten Fremden als eine Art menschliches Lackmuspapier, um latenten Rassismus und die Engstirnigkeit seiner Interviewpartner sichtbar zu machen. In der heutigen Ära von Fake News und extremer politischer Polarisierung wirkt der Film stellenweise fast wie eine Dokumentation über den kaputten Zustand der Gesellschaft. Er ist nichts für schwache Nerven oder für Menschen, die subtilen Humor bevorzugen; vielmehr ist Borat ein Frontalangriff auf die Lachmuskeln, der tief sitzende und weit verbreitete Ressentiments offenlegt. Kurzum: Pflichtprogramm für alle, die bereit sind, den Schmerz der Fremdscham auszuhalten, um zu einer tieferen sozialen Wahrheit vorzudringen. Während South Park: Der Film (1999) Heuchelei und Zensur durch überspitzte Animation ins Lächerliche zieht, konfrontiert Cohen sein Publikum mit den eigenen Widersprüchen und Vorurteilen, was Borat zu einem der unbequemsten und wertvollsten Comedy-Klassiker macht.

    South Park: Der Film – größer, länger, ungeschnitten (1999)

    Überdreht, provokant, brillant: Matt Stone und Trey Parker haben Cartoons zu einem Mikroskop menschlicher Engstirnigkeit gemacht und zeigen mit dem Film zur Serie, dass man das Kinopublikum clever provozieren und gleichzeitig zum Lachen bringen kann. South Park: Der Film (1999) ist eine der brillantesten Satiren über Zensur und elterliche Heuchelei, die je produziert wurden. Story: Das Komödiantenduo Terrance & Phillip sorgt in den USA für Aufruhr, was dazu führt, dass die Vereinigten Staaten Kanada den Krieg erklären. Der Film stellt die Frage, warum wir uns über „böse Wörter“ echauffieren, während wir Gewalt und Krieg im Fernsehen als völlig normal akzeptieren – eine Debatte, die im Zeitalter von Social-Media-Algorithmen und „Cancel Culture“ aktueller ist denn je. Das Werk ist ein Muss für Fans von intelligentem Grobian-Humor und Flatulenz-Musical-Parodien. Wer über die Oberfläche aus Fäkalwitzen hinwegsieht, findet hier ein messerscharfes Plädoyer für die Meinungsfreiheit.

    Voll verarscht – Dabei sein ist alles (2005)

    Auf den ersten Blick wirkt die Prämisse von Voll verarscht – Dabei sein ist alles (2005) – im Original The Ringer – wie ein absolutes Tabu: Johnny Knoxville spielt einen Mann, der sich aus Geldnot bei den Special Olympics einschleust, indem er eine Behinderung vortäuscht. Doch was als geschmacklose Farce beginnt, entpuppt sich als eine der sensibelsten und respektvollsten Darstellungen von Menschen mit Behinderung in der Hollywood-Geschichte. Statt sich über die Athleten lustig zu machen, feiert der Film ihre Individualität und stellt den arroganten Hochstapler als denjenigen dar, der am Ende die wichtigste Lektion seines Lebens lernt. Der Film ist heute aktueller denn je, da er zeigt, wie leicht wir uns von Vorurteilen täuschen lassen. Er richtet sich an ein Publikum, das bereit ist, hinter die provokante Fassade zu blicken, um eine Mischung aus Humor und echter Aufklärung zu finden. Im Vergleich zu Schwer verliebt (2001), der ebenfalls mit physischen Wahrnehmungen spielt, nimmt diese Komödie seine Protagonisten in jeder Sekunde ernst.

    Bad Santa (2003)

    Wer genug von zuckersüßen Feiertagsfilmen hat, findet in Bad Santa (2003) das ultimative Gegengift. Billy Bob Thornton liefert eine ikonische Performance als rauchender, trinkender und fluchender Kaufhaus-Weihnachtsmann ab, der eigentlich nur darauf aus ist, den Safe des Einkaufszentrums zu knacken. Was diesen Film heute so wertvoll macht, ist seine absolute Verweigerung, in Kitsch abzugleiten. Er porträtiert Einsamkeit und soziale Ausgrenzung mit einer Ehrlichkeit, die unter der derben Schale tief berührt. Die Zielgruppe sind Menschen, die schwarzen Humor lieben, aber auch die Tragik hinter der Komik erkennen. Voll verarscht – Dabei sein ist alles zeigt, wie eine Gemeinschaft eine verlorene Seele wieder aufrichtet, während Billy Bob Thorntons Figur in Bad Santa durch die Freundschaft zu einem Außenseiter-Kind ihre Erlösung findet. Es ist ein Film über die hässlichen Seiten des Lebens, der gerade deshalb so authentisch wirkt, weil er sich nicht für die menschliche Unvollkommenheit entschuldigt.

    Natural Born Killers (1994)

    Oliver Stones Natural Born Killers (1994) ist ein psychedelischer Fiebertraum, der bei seinem Erscheinen einen riesigen Shitstorm auslöste und das Publikum tief spaltete. Der Film, basierend auf einer Story von Quentin Tarantino, erzählt von Mickey und Mallory, einem mörderischen Liebespaar auf einem blutigen Roadtrip durch die USA. Doch was viele Kritiker damals als reine Gewaltverherrlichung missverstanden, ist in Wahrheit eine prophetische und gallige Satire auf die Sensationsgier der Medien und die gefährliche Verklärung von Verbrechern zu gefeierten Popstars. In einer Zeit von True-Crime-Obsession und dem Drang nach „Likes“ für jede Gräueltat wirkt dieser visuelle Exzess heute aktueller denn je. Der Film richtet sich an ein Publikum, das bereit ist, sich einer audiovisuellen Reizüberflutung auszusetzen, um die hässliche Fratze des modernen Starkults zu sezieren. Kein leises Statement, sondern ein markerschütternder Schrei gegen die moralische Verwahrlosung der journalistischen Berichterstattung.

    White Chicks (2004)

    White Chicks (2004) ist ein faszinierendes Relikt der Popkultur, das heute fast wie eine soziologische Studie der frühen 2000er wirkt. Die Wayans-Brüder nutzen das kontroverse Mittel des „Whiteface“, um als zwei schwarze FBI-Agenten undercover in die Welt der reichen It-Girls einzutauchen. Was oberflächlich wie eine alberne Verkleidungskomödie wirkt, ist in Wahrheit eine beißende Satire auf Klassenschranken, Schönheitsideale und die Besessenheit von Promi-Klatsch. Der Film ist perfekt für Nostalgiker, die den überdrehten Slapstick dieser Ära vermissen, aber auch die Ironie hinter der Maskerade verstehen. Er hat den Test der Zeit bestanden, weil er eben nicht eine Minderheit, sondern Oberflächlichkeit und Heuchelei parodiert. Ähnlich wie in Bad Santa werden hier extreme Personas genutzt, um soziale Mauern einzureißen – nur eben mit deutlich mehr Lipgloss und ikonischen Tanzszenen, die bis heute als Memes das Internet dominieren.

    Schwer verliebt (2001)

    Mit Schwer verliebt schufen die Farrelly-Brüder einen Film, der heute noch für heftige Diskussionen sorgt, weil er gleich mehrere Tabus bricht. Jack Black spielt Hal, der nach einer Hypnose nur noch die innere Schönheit von Menschen sieht, was dazu führt, dass er die stark übergewichtige Rosemary (Gwyneth Paltrow) als schlanke Schönheit wahrnimmt. Trotz der heute kritisch gesehenen Verwendung eines „Fat Suits“ bleibt die zentrale Botschaft unerschütterlich: Unsere Fixierung auf äußere Merkmale macht uns blind für den wahren Wert eines Menschen. Es ist ein Film für alle, die an die Kraft der inneren Werte glauben und bereit sind, über die teils groben Gags der frühen 2000er hinwegzusehen. Verglichen mit der warmherzigen Authentizität von Voll verarscht – Dabei sein ist alles, wirkt die Prämisse hier an den Haaren herbeigezogen – doch am Ende vermittelt der Film eine umso ehrlichere Lektion in Mitgefühl und Menschlichkeit.

  • 8 Film-zu-Serien-Adaptionen, von denen HBOs “Harry Potter” sich etwas abschauen kann
    Nora Henze

    Nora Henze

    JustWatch-Editor

    Der erste Trailer zur neuen Harry Potter-Serie ist draußen, der Start für Ende 2026 geplant, und plötzlich steht wieder diese eine große Frage im Raum: Wie erzählt man eine Geschichte, die jeder kennt, noch einmal so, dass sie sich neu anfühlt? Genau hier entscheidet sich, ob die Serie mehr wird als nur eine verlängerte Version der Filme.

    Es geht nicht darum, Szenen ausführlicher nachzuerzählen, sondern darum, Figuren, Ton und Welt anders zu greifen und wirklich auszuspielen. Andere Franchises haben diesen Übergang bereits geschafft und gezeigt, worauf es ankommt, wenn ein Stoff vom Kino ins Fernsehen wechselt. Diese Beispiele liefern ziemlich klare Antworten darauf, was funktionieren kann und was eine Serie unbedingt leisten muss, damit sich der Schritt lohnt.

    1. M*A*S*H (1970/1972)

    Die Serie erzählt vom Alltag eines mobilen Armeelazaretts im Koreakrieg und entwickelt daraus über Jahre ein dichtes Ensemble, das zwischen Humor und Tragik pendelt. Ausgangspunkt ist der Film M.A.S.H. (1970), der bereits den Ton vorgibt, aber deutlich pointierter und kompakter bleibt. Die Serie M*A*S*H (1972) nutzt das gleiche Setting, nimmt sich aber viel mehr Zeit für Figuren, Beziehungen und leise Momente, die sich erst über mehrere Episoden entfalten. Genau darin liegt die Stärke dieses Übergangs. Statt die Filmidee einfach zu strecken, entsteht ein Format, das emotional tiefer geht und sich erlaubt, Alltag wirklich auszuspielen. Für Harry Potter ist das entscheidend, weil viele der stärksten Szenen nicht in den großen Ereignissen liegen, sondern in den Zwischenräumen. M*A*S*H zeigt, wie aus einem klar definierten Filmkonzept eine Serie wird, die Figuren langfristig begleitet und ihnen Entwicklung erlaubt.

    2. Buffy – Der Vampir-Killer (1992 / 1997)

    Im Mittelpunkt steht Buffy Summers, die als Jägerin gegen übernatürliche Bedrohungen kämpft und gleichzeitig mit den Herausforderungen ihres Alltags ringt. Der Film Buffy – Der Vampir-Killer (1992) liefert die Grundidee, bleibt dabei aber deutlich leichter und weniger fokussiert. Erst die Serie Buffy – Im Bann der Dämonen (1997) findet eine klare Identität und verbindet Horror, Humor und emotionale Themen zu einem konsistenten Ton. Die Serie nimmt sich Zeit, Figuren wachsen zu lassen und ihre inneren Konflikte konkret erfahrbar zu machen. Genau das macht den Unterschied. Aus einer eher lockeren Vorlage entsteht ein Format, das seine Themen ernst nimmt und konsequent weiterentwickelt. Für Harry Potter bedeutet das, dass eine werkgetreue Adaption allein nicht reicht. Entscheidend ist, wie klar die Serie ihren eigenen Zugang definiert und die emotionalen Ebenen der Geschichte wirklich ausarbeitet.

    3. Das Boot (1981 / 2018)

    Der Film Das Boot (1981) begleitet die Besatzung eines deutschen U-Boots im Zweiten Weltkrieg und erzählt diese Erfahrung extrem dicht, klaustrophobisch und aus einer klar begrenzten Perspektive. Die Serie Das Boot (2018) greift diese Welt auf, erweitert sie aber deutlich und verlässt das enge Setting des U-Boots immer wieder, um auch andere Schauplätze und Figuren einzubeziehen. Dadurch entsteht ein viel breiteres Bild des Krieges, das politische, persönliche und militärische Ebenen miteinander verbindet. Genau darin liegt die Besonderheit dieses Übergangs. Die Serie versucht nicht, den Film zu wiederholen, sondern öffnet das Universum und erzählt neue Geschichten innerhalb desselben Rahmens. Für Harry Potter ist das ein interessanter Ansatz, weil auch hier eine Welt existiert, die weit über die Hauptfigur hinausgeht. Das Boot zeigt, wie eine Serie funktionieren kann, wenn sie den Blick weitet und den Fokus bewusst verschiebt, ohne die Grundstimmung der Vorlage komplett zu verlieren.

    4. What We Do in the Shadows (2014 / 2019)

    Der Film 5 Zimmer Küche Sarg (2014) erzählt von einer Gruppe von Vampiren, die sich ihren Alltag teilen und dabei in absurde Situationen geraten. Die Serie What We Do in the Shadows (2019) greift diese Idee auf und entwickelt daraus ein viel größeres Figurenensemble, das sich über mehrere Staffeln entfalten kann. Dabei verschiebt sich der Fokus stärker auf den Alltag und die Dynamik zwischen den Figuren. Kleine Situationen bekommen mehr Gewicht, Gespräche und Routinen werden zu zentralen Bausteinen der Erzählung. Genau das macht die Welt greifbar. Die Serie zeigt, dass eine Adaption nicht nur über große Handlungspunkte funktioniert, sondern über Details, die sich erst mit der Zeit entfalten. Für Harry Potter ist das entscheidend, weil die Magie nicht immer nur in den großen Momenten liegt, sondern in den vielen kleinen Dingen, die das Leben in dieser Welt ausmachen.

    5. Fargo (1996 / 2014)

    Der Film Fargo (1996) erzählt eine abgeschlossene Kriminalgeschichte, die stark über Atmosphäre, Figuren und einen sehr eigenen Ton funktioniert. Die Serie Fargo (2014) greift genau diese Elemente auf, erzählt aber in jeder Staffel neue Geschichten innerhalb derselben Welt. Entscheidend ist, dass sich die Serie nicht auf Wiederholung verlässt, sondern die Essenz des Films versteht und weiterträgt. Stimmung, Moral und Figurenzeichnung bleiben erhalten, während die Handlung jedes Mal neu gedacht wird. Dadurch entsteht eine Serie, die sich vertraut anfühlt, ohne sich zu wiederholen. Für Harry Potter ist genau dieses Gespür zentral. Die Stärke liegt nicht nur im Plot, sondern im Zusammenspiel aus Atmosphäre, Figuren und Ton. Fargo zeigt, wie eine Adaption funktioniert, wenn sie genau dieses Zusammenspiel ernst nimmt und konsequent umsetzt.

    6. Stargate (1994 / 1997)

    Im Film Stargate (1994) wird ein uraltes Portal entdeckt, das Reisen zu fernen Planeten ermöglicht, und ein kleines Team tritt durch dieses Tor in eine fremde Welt, die stark von ägyptischer Mythologie geprägt ist. Die Serie Stargate (1997) greift genau diese Idee auf und entwickelt daraus über viele Staffeln ein weit verzweigtes Universum mit klaren Regeln, wiederkehrenden Bedrohungen und wachsender Mythologie. Statt die Filmhandlung einfach fortzuführen, erweitert die Serie konsequent das Konzept und macht aus einer einzelnen Mission ein dauerhaftes System von Expeditionen, politischen Strukturen und kulturellen Begegnungen. Figuren bekommen Zeit, sich zu entwickeln, Beziehungen verändern sich und neue Perspektiven entstehen. Genau darin liegt die zentrale Stärke dieses Übergangs. Für Harry Potter ist das besonders relevant, weil auch hier eine Welt existiert, die weit über die Hauptgeschichte hinausgeht. Stargate zeigt, wie stark eine Serie wird, wenn sie diese Welt nicht nur zeigt, sondern strukturiert, vertieft und über Zeit hinweg wachsen lässt.

    7. Bates Motel (2013 / 1960)

    Die Serie erzählt die Jugend von Norman Bates und seine komplizierte Beziehung zu seiner Mutter, lange bevor die Ereignisse aus Psycho (1960) einsetzen. Bates Motel nimmt sich dabei große Freiheiten, behält aber den psychologischen Kern der Vorlage bei. Statt den bekannten Plot nachzuerzählen, verschiebt die Serie den Fokus komplett auf Figurenentwicklung und innere Dynamik. Norman wird nicht als fertige Figur präsentiert, sondern als jemand, dessen Verhalten sich Stück für Stück formt und verändert. Genau dadurch entsteht Spannung, obwohl das Ziel der Geschichte im Grunde bekannt ist. Die Serie nutzt ihre Laufzeit, um Nuancen sichtbar zu machen, die ein Film nur andeuten kann. Für Harry Potter ist das eine wichtige Erinnerung daran, wie viel Potenzial in Figuren steckt, die man bereits kennt. Eine Serie kann sich Zeit nehmen, Motive, Konflikte und Beziehungen detaillierter auszuleuchten und dadurch eine ganz andere emotionale Wirkung erzeugen.

    8. Ash vs Evil Dead (2015 / 1981)

    Die Serie setzt Jahre nach den Ereignissen von Tanz der Teufel (1981) ein und folgt Ash Williams, der erneut mit dämonischen Kräften konfrontiert wird. Ash vs Evil Dead baut auf dem Ton und der Energie der Filme auf, erweitert diese aber in ein Serienformat, das gleichzeitig brutaler, komischer und deutlich charaktergetriebener ist. Besonders stark ist, wie konsequent die Serie ihre eigene Identität durchzieht, ohne die Wurzeln zu verlieren. Humor, Horror und Tempo greifen ineinander und schaffen ein sehr klares Gesamtgefühl. Figuren bekommen mehr Raum, Nebencharaktere werden wichtiger und die Dynamik entwickelt sich über mehrere Episoden hinweg weiter. Für Harry Potter liegt die Lektion darin, dass eine Adaption nicht vorsichtiger werden darf, nur weil sie länger erzählt. Ash vs Evil Dead zeigt, wie entscheidend es ist, den Ton klar zu definieren und ihn konsequent durchzuhalten, damit die Serie nicht beliebig wirkt, sondern eine eigene, erkennbare Handschrift entwickelt.

  • Die Schauspieler hinter Homelander & Co.: Daher kennt man den Cast der 5. Staffel von „The Boys“
    Arabella Wintermayr

    Arabella Wintermayr

    JustWatch-Editor

    Mit der fünften Staffel von The Boys (seit 2019) steuert die wohl bissigste Anti-Superhelden-Erzählung aller Zeiten auf ihr großes Finale zu. Die Serie setzt weiterhin auf ihr bewährtes Ensemble aus etablierten Stars, ergänzt dieses aber auch in den neuen Folgen gezielt um neue Gesichter. Besonders das Wiedersehen zweier Supernatural-Veteranen sorgt für Aufmerksamkeit. 

    Wer sich fragt, woher man die Schauspielerinnen und Schauspieler kennt, bekommt hier einen Überblick über die wichtigsten Namen – inklusive ihrer prägenden Rollen aus Film und Fernsehen.

    Karl Urban als Billy Butcher

    Als kompromissloser Anführer der Boys ist Billy Butcher einer der zentralen Protagonisten der Serie. Verkörpert wird er von Karl Urban, der schon lange vor The Boys (seit 2019) in großen Produktionen zu sehen war.

    Das Fantasy-Publikum kennt ihn vor allem aus Der Herr der Ringe: Die zwei Türme (2002) und Der Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs (2003), in denen er als Éomer zu sehen war. Zudem spielte er Dr. McCoy im Reboot von Star Trek (2009) sowie dessen Fortsetzungen. Und im Actionfilm Dredd (2012) übernahm er die Rolle des titelgebenden Gesetzeshüters. 

    Jack Quaid als Hughie Campbell

    Hughie Campbell ist so etwas wie der emotionale Anker der Serie, als gewöhnlicher Mensch, der in eine brutale, von Supes dominierte Welt hineingezogen wird und dort zunehmend über sich hinauswächst. Gespielt wird er von Jack Quaid, der sich in den letzten Jahren als vielseitiger Darsteller etabliert hat – und zugleich aus einer echten Hollywood-Familie stammt: Er ist der Sohn von Dennis Quaid und Meg Ryan.

    Sein Filmdebüt gab er in Die Tribute von Panem – The Hunger Games (2012), wo er als Marvel zu sehen war. Darüber hinaus ist er als Sprecher in der Animationsserie Star Trek: Lower Decks (seit 2020) aktiv. 

    Antony Starr als Homelander

    Homelander ist ein Superheld, der nach außen makellos wirken will, innerlich jedoch von Unsicherheit und Größenwahn zerfressen ist. Antony Starr verleiht dieser düsteren Figur eine verstörende Intensität. Seine Darstellung in The Boys gehört zu den eindrucksvollsten Antagonistenleistungen der letzten Jahre, da sie zwischen charismatischer Fassade und brutaler Eskalation oszilliert.

    Bekannt wurde der aus Neuseeland stammende Schauspieler  vor allem durch die Serie Banshee (2013–2016), in der er einen Ex-Häftling mit neuer Identität spielte. Auch im Film Wish You Were Here (2012) war Antony Starr zu sehen.

    Erin Moriarty als Annie January / Starlight

    Annie January alias Starlight wiederum verkörpert das moralische Gewissen der Serie, als  Figur, die sich gegen die korrupte Maschinerie von Vought behauptet und dabei einen bemerkenswerten Wandel durchläuft –  von einer idealistischen jungen Heldin hin zu einer selbstbestimmten Kämpferin, die sich immer entschlossener gegen das  System stellt.

    Gespielt wird sie von Erin Moriarty. Vor ihrer Rolle in The Boys (2019–) war die amerikanische Schauspielerin unter anderem im Thriller Blood Father (2016) zu sehen. Zudem trat sie in der Marvel-Serie Jessica Jones (2015–2019) auf und war auch in der ersten Staffel von True Detective (2014) in einer Nebenrolle zu sehen.

    Jessie T. Usher als A-Train

    Als Superheld, der zwischen Ruhm, Schuld und persönlichem Verfall gefangen ist, gehört A-Train zu den tragischsten Figuren der Serie. Verkörpert wird er von Jessie T. Usher, auf überraschend vielschichtige Weise: A-Train ist nicht nur Täter, sondern auch ein Produkt des Systems, das ihn zugleich feiert und zerstört.

    Ein größeres Publikum erreichte er durch Independence Day: Wiederkehr (2016), wo er als junger Pilot Teil eines globalen Abwehrkampfes gegen eine Alien-Invasion war. Auch im Horrorfilm Smile – Siehst du es auch? (2022) war er zu sehen. In The Boys zeigt er jedoch seine bislang stärkste Leistung, indem er die innere Zerrissenheit seiner Figur glaubwürdig und zunehmend verhängnisvoll zuspitzt.

    Laz Alonso als Mother’s Milk

    Mother’s Milk bringt Struktur und Rationalität in die Gruppe der Boys. Als Familienmensch mit klaren Prinzipien steht er im deutlichen Kontrast zu Butchers kompromissloser Radikalität und fungiert oft als moralischer und strategischer Ausgleich innerhalb des Teams. Gespielt wird er von Laz Alonso.

    Der amerikanische Schauspieler war zuvor Teil großer Produktionen wie Avatar – Aufbruch nach Pandora (2009), James Camerons Science-Fiction-Epos, in dem er Tsu'tey spielte. Zudem spielte er im Actionfilm Cash Truck (2021) eine Nebenrolle. Auch in Filmen wie Fast & Furious 5 (2011) war er mit dabei.

    Chace Crawford als The Deep

    The Deep ist ein gescheiterter Held, der verzweifelt nach Anerkennung sucht und dabei immer wieder mit seiner eigenen Selbstwahrnehmung hadert. Chace Crawford spielt ihn mit Selbstironie und tragischer Lächerlichkeit, die die Figur zu einer der ambivalentesten der Serie macht. Hinter der oft komischen Oberfläche steckt ein Charakter, der sich permanent zwischen Größenfantasien und tiefer Verunsicherung bewegt.

    Bekannt wurde Chace Crawford durch die Teen-Serie Gossip Girl (2007–2012), in der er Nate Archibald spielte. Der Kontrast zu seiner Rolle in The Boys ist besonders reizvoll: Nach dem charmanten Serienliebling mimt der amerikanische Schauspieler den dysfunktionalen Antihelden, der trotz aller Versuche nie wirklich über sich hinauswächst.

    Jensen Ackles als Soldier Boy

    Soldier Boy bringt eine neue Dimension in die Welt der Supes ein – als Figur, die das klassische Heldenbild vergangener Jahrzehnte verkörpert und zugleich dekonstruiert. Gespielt wird er von Jensen Ackles, der seiner Rolle eine Mischung aus nostalgischem Heldenpathos und unterschwelliger Bedrohlichkeit verleiht. Diese Ambivalenz macht Soldier Boy zu einer der spannendsten Figuren im erweiterten Kosmos von The Boys

    Seinen Durchbruch feierte Jensen Ackles mit der Serie Supernatural (2005–2020), in der er über 15 Staffeln hinweg Dean Winchester spielte. Diese langjährige Erfahrung mit komplexen Figuren spiegelt sich auch in seiner Performance wider: In The Boys verbindet er Charisma, Härte und eine irritierende Unberechenbarkeit zu einer interessanten Figur.

    NEU: Jared Padalecki 

    Mit Jared Padalecki stößt ein weiterer prominenter Name zum Cast hinzu. Seine Rolle wird bislang geheim gehalten, sorgt aber bereits im Vorfeld für große Erwartungen – nicht zuletzt wegen des Wiedersehens mit seinem langjährigen Serienkollegen Jensen Ackles. 

    Jared Padalecki wurde ebenfalls durch die Serie Supernatural weltbekannt, in der er Sam Winchester spielte. Anschließend übernahm er die Hauptrolle im Reboot Walker (2021–2024). Darüber hinaus war er bereits früh in Serien wie Gilmore Girls (2000–2007) zu sehen. 

    NEU: Mason Dye als Bombsight

    Auch Bombsight, gespielt von Mason Dye, stößt für das Finale neu hinzu. Der Charakter gilt als einer der ältesten Supes im Universum von The Boys und könnte eine wichtige Rolle dabei spielen, die Geschichte von Vought und seinen frühen Experimenten weiter auszuleuchten. 

    Mason Dye wurde vor allem durch seine Rolle in Stranger Things (2016–2026) bekannt, wo er in der vierten Staffel als Jason Carver auftrat. Darüber hinaus war er im Thriller Flowers in the Attic (2014) sowie in der Jugendserie Teen Wolf (2011–2017) zu sehen. Besonders spannend: Bombsight soll auch im geplanten Spin-off Vought Rising auftreten, was seine Bedeutung für das Franchise zusätzlich unterstreicht.

  • 10 Filme, die zu deiner Stimmung passen
    Nora Henze

    Nora Henze

    JustWatch-Editor

    Es gibt Abende, da merkt man ziemlich schnell, dass es keinen Sinn hat, einfach irgendeinen Film anzumachen. Man klickt sich durch alles, bleibt nirgendwo hängen und spürt sofort, wenn etwas nicht passt. Nicht, weil die Filme schlecht sind, sondern weil man selbst gerade in einer ganz bestimmten Stimmung steckt. 

    Mal ist man geladen, mal müde, mal hängt man irgendwo zwischen Sehnsucht und Leere fest. Genau dann bringt es nichts, sich von Genre, Hype oder Bewertungen leiten zu lassen. Es geht nicht um den „besten“ Film, sondern um den richtigen für genau diesen Moment. Diese Liste setzt genau da an. Zehn sehr klare Zustände, die man nicht erklären muss, weil man sie kennt, und zehn Filme, die genau dort reingehen. Nicht als Ablenkung, sondern als etwas, das überraschend gut trifft, wie man sich gerade fühlt.

    1. Wenn du Druck hast: "Mad Max: Fury Road" (2015)

    Manchmal braucht dieses Gefühl keinen sanften Umgang, sondern einen Film, der es aufnimmt, beschleunigt und in Bewegung verwandelt. Genau das macht Mad Max: Fury Road von der ersten Minute an. Max gerät in Furiosas Flucht vor Immortan Joe, und danach gibt es praktisch nur noch Druck, Lärm, Sand und den ständigen Impuls, nach vorn zu brechen. Der Film diskutiert Wut nicht aus, er gibt ihr Motoren, Metall und eine Richtung. Gerade das macht ihn so stark. Alles wirkt wie ein Ventil, das mit jedem neuen Angriff weiter aufgedreht wird. Gleichzeitig bleibt die Geschichte glasklar, fast brutal fokussiert, sodass sich diese Energie nie verläuft. Wenn man geladen ist, innerlich brodelt oder das Gefühl hat, etwas in sich festzustecken, trifft Mad Max: Fury Road diesen Zustand fast erschreckend genau.

    2. Wenn du traurig bist: "Manchester by the Sea" (2016)

    Das hier ist nicht die laute, filmisch schön aufbereitete Trauer, sondern diese sperrige, müde, stumpfe Art, die einfach da ist und sich nicht überreden lässt. Manchester by the Sea schafft es, genau die auf den Bildschirm zu bringen. Lee kehrt nach dem Tod seines Bruders in seine Heimat zurück und muss sich einem Leben stellen, das für ihn längst an einem anderen Punkt stehen geblieben ist. Der Film drängt nie auf Tränen und macht aus Schmerz kein Spektakel. Er bleibt still, beobachtet genau und lässt zu, dass Gespräche abbrechen, dass Gefühle nicht ordentlich verpackt werden und dass manches einfach nicht besser wird. Gerade deshalb ist er so stark. Wenn man traurig ist, kann ein Film schnell falsch wirken, weil er zu viel will. Manchester by the Sea will nichts erzwingen. Er bleibt bei diesem Gefühl und nimmt es ernst, ohne sich wichtig zu machen.

    3. Wenn dir etwas nicht geheuer ist: "Get Out" (2017)

    Hier herrscht keine Angst vor, sondern dieses langsam wachsende Unbehagen, wenn etwas nicht stimmt und alle so tun, als sei alles völlig normal. Get Out baut genau daraus seine Kraft. Chris fährt mit seiner Freundin zu deren Eltern, und schon sehr früh liegt über allem ein seltsamer Ton, den man erst nicht greifen kann und dann nicht mehr loswird. Der Film arbeitet mit Blicken, mit kleinen Verschiebungen, mit Situationen, die auf dem Papier harmlos klingen und sich trotzdem falsch anfühlen. Gerade dadurch kriecht die Spannung so sauber unter die Haut. Es ist kein Horrorfilm, der nur auf Schocks setzt. Er versteht, wie Angst entsteht, wenn man der eigenen Wahrnehmung immer weniger traut. Wenn man in einer nervösen, angespannten Stimmung ist, verstärkt Get Out das ganz bewusst und macht daraus ein Kinoerlebnis, das einen bis zum Schluss festhält.

    4. Wenn dich etwas anwidert: "Triangle of Sadness" (2022)

    Das hier ist Ekel, der nicht nur körperlich wird, sondern auch sozial, moralisch und menschlich. Triangle of Sadness nimmt reichen Luxus, schöne Oberflächen und peinlich glatte Rollenbilder und zerlegt das alles mit einer Lust, die fast schon gemein ist. Erst wirkt vieles noch wie eine böse Satire auf schöne Menschen mit hässlichen Prioritäten, dann kippt der Film immer weiter ins Unangenehme und bleibt genau dort stehen, wo andere längst zurückzucken würden. Gerade das macht ihn so passend für dieses Gefühl. Ekel ist schließlich selten fein. Er ist direkt, abwehrend und oft auch ein bisschen befreiend, wenn man ihm einmal nachgibt. Triangle of Sadness gibt diesem Zustand viel Raum und hat keinerlei Interesse daran, irgendetwas hübscher wirken zu lassen, als es ist. Das macht den Film unangenehm und gleichzeitig erstaunlich befriedigend.

    5. Wenn du melancholisch bist: "In the Mood for Love" (2000)

    In the Mood for Love trifft den melancholischen Ton mit einer Präzision, die fast unverschämt ist. Zwei Nachbarn merken, dass ihre Partner sie betrügen, und aus dieser Verletzung entsteht zwischen ihnen eine Nähe, die immer da ist und doch nie ganz gelebt werden kann. Der Film ist voller Blicke, Wiederholungen, kleiner Wege durch enge Flure und einem Gefühl von Zeit, die sich gleichzeitig zieht und entgleitet. Nichts daran ist laut, und genau deshalb trifft es so tief. Melancholie braucht keinen Film, der übertreibt. Sie braucht einen, der versteht, wie viel in Zurückhaltung liegen kann. In the Mood for Love ist genau so ein Film und bleibt noch lange im Raum, wenn er schon vorbei ist.

    6. Wenn du dich leer fühlst: "Lost in Translation" (2003)

    Leere ist dieses diffuse Gefühl, bei dem nichts akut falsch sein muss und sich trotzdem alles ein wenig entrückt anfühlt. Lost in Translation lebt von diesem Zustand. Bob und Charlotte begegnen sich in Tokio, beide seltsam abgekoppelt vom eigenen Leben, beide ein bisschen unterwegs, ohne wirklich irgendwo anzukommen. Der Film versucht nie, diese Leere zu füllen oder schnell in etwas Schönes umzudeuten. Er lässt sie stehen, schaut sie an und macht gerade daraus etwas sehr Echtes. Vieles passiert zwischen den Sätzen, in Hotelfluren, in müden Gesprächen mitten in der Nacht, in Momenten, die fast beiläufig wirken und gerade deshalb hängen bleiben. Wenn man selbst in so einer merkwürdig luftigen Leere steckt, ist das der seltene Film, der sich nicht falsch anfühlt. Lost in Translation versteht, dass auch ein ungreifbarer Zustand eine eigene Form haben kann.

    7. Wenn du gestresst bist: "Der schwarze Diamant" (2019)

    Das hier ist nicht nur ein bisschen Hektik, sondern dieser völlig überdrehte Zustand, in dem alles gleichzeitig passiert, jeder etwas will und der eigene Puls längst eine eigene Meinung entwickelt hat. Der schwarze Diamant ist dafür fast schon absurd passend. Howard, ein New Yorker Juwelier, redet, rennt, lügt, hofft, verzockt sich und gräbt sich mit jeder Entscheidung tiefer ein. Der Film gibt dir dabei keine Pause. Gespräche laufen ineinander, Türen gehen auf und zu, Telefone klingeln, Menschen schreien, und alles fühlt sich an, als würde es gleich endgültig kippen. Genau diese Überforderung ist hier das Prinzip. Das klingt nicht gerade nach Entspannung - das soll es aber auch gar nicht sein. Manchmal will man keinen beruhigenden Film, sondern einen, der den inneren Ausnahmezustand aufnimmt und auf die Spitze treibt. Uncut Gems macht genau das und ist darin fast schon unangenehm brillant.

    8. Wenn du Sehnsucht hast: "Call Me by Your Name" (2017)

    Sehnsucht ist dieses warme, ziehende Gefühl, das schön ist und gleichzeitig wehtut, weil man schon ahnt, dass es nicht bleiben wird. Call Me by Your Name ist ganz in dieser Stimmung gebaut. Elio verbringt einen Sommer in Norditalien, als Oliver als Gast seines Vaters auftaucht und aus Neugier, Reibung und Anziehung langsam etwas Größeres wird. Der Film ist dabei nie hektisch. Er nimmt sich Zeit für Blicke, für stille Beobachtungen, für die langen Umwege, die Gefühle nun einmal gern nehmen, bevor sie sich zeigen. Gerade dadurch entsteht diese besondere Intensität. Nichts wird überzeichnet, und doch liegt über allem ein leiser Schmerz, weil man spürt, wie kostbar und begrenzt dieser Moment ist. Wenn man in Sehnsucht hängt, hilft selten ein Film, der schnell auflöst. Call Me by Your Name bleibt lieber in diesem Gefühl stehen und macht genau das richtig.

    9. Wenn du dich zerbrechlich fühlst - "Little Miss Sunshine" (2006)

    Hier bekommst du Trost - nicht in der zuckrigen Variante, sondern als etwas, das einen langsam wieder zusammensetzt, ohne zu behaupten, dass plötzlich alles gut ist. Little Miss Sunshine begleitet eine Familie, die in einem klapprigen VW-Bus zu einem Kinder-Schönheitswettbewerb fährt und unterwegs eigentlich nur noch offensichtlicher zeigt, wie kaputt, liebevoll, genervt und eng verbunden sie ist. Das Schöne an diesem Film ist, dass er Trost nicht über glatte Lösungen herstellt, sondern über Nähe, Peinlichkeit, Zusammenhalt und den kleinen Mut, sich trotzdem weiterzubewegen. Niemand wird hier magisch geheilt. Alle bleiben kompliziert, und gerade deshalb fühlt sich das Ergebnis so ehrlich an. Wenn man Trost braucht, ist oft genau das entscheidend. Kein falscher Glanz, kein aufgesetztes Happy-End, sondern das gute Gefühl, dass Menschen einander selbst im Chaos noch auffangen können. Little Miss Sunshine kann das erstaunlich gut.

    10. Wenn du ausgelassen bist - "Mamma Mia!" (2008)

    Das hier ist diese große, unvernünftige und sonnige Freude, die nicht lange erklärt werden will, sondern einfach in den Raum platzt. Mamma Mia! ist genau dafür gemacht. Sophie will auf einer griechischen Insel heiraten und lädt heimlich drei Männer ein, die ihr Vater sein könnten, während um sie herum gesungen, getanzt, gestritten und geliebt wird, als gäbe es gerade wirklich nichts Dringenderes auf der Welt. Natürlich ist das alles überdreht, und genau darin liegt die Wirkung. Der Film schämt sich nicht für seine gute Laune, und das macht ihn so ansteckend. Man spürt bei jeder Szene, dass hier niemand auf Coolness aus ist. Wenn man Freude braucht, hilft manchmal nichts Halbherziges. Mamma Mia! geht komplett rein und ist gerade deshalb so zuverlässig darin, einen Abend merklich heller zu machen.

  • Die 8 besten Osterfilme für Kinder
    Nora Henze

    Nora Henze

    JustWatch-Editor

    Ostern und Kino - das ist eine erstaunlich unergiebige Liaison. Während Weihnachten gefühlt hundert Filme hat, die jedes Jahr aus dem Schrank geholt werden, muss Ostern mit einer Handvoll auskommen. Dabei steckt in diesem Fest alles drin, was gute Kindergeschichten brauchen: Aufbruch, Verwandlung, und die Frage, wer man sein will.

    Kein Wunder, dass ausgerechnet Hasen so oft die Hauptrollen übernehmen -  nervöse, witzige, manchmal überforderte Figuren, die trotzdem irgendwie ihren Weg finden. Diese acht Filme haben direkt oder indirekt mit Ostern zu tun - manche laut und bunt, manche leise und warm, aber alle auf ihre Art richtig gut. Eine Liste für Kinder, die auch Eltern nicht langweilt.

    1. Here Comes Peter Cottontail (1971) 

    Bevor Ostern im Kino überhaupt eine Rolle spielte, gab es dieses Stop-Motion-Special von Rankin/Bass, den Machern von Rudolph mit der roten Nase. Peter Cottontail soll der neue Osterhase werden, doch sein Rivale Irontail - ein verbitterter Hase mit einer eisernen Prothese statt Schwanz – stellt ihm ein Bein. Was folgt, ist eine Zeitreise durch alle Feiertage des Jahres, weil Peter seine Ostereier einfach nicht loswerden kann. Here Comes Peter Cottontail trägt den wackeligen Charme echter Handarbeit mit Stolz: Die Figuren bewegen sich ein bisschen ruckartig, die Lieder klingen wie aus einer anderen Welt, und Vincent Price legt als Bösewicht Irontail eine schurkische Energie rein, die man in einem Osterspecial schlicht nicht erwartet. Für Kinder, die sonst nur glatte CGI kennen, ist das eine echte Entdeckung.

    2. Die Peanuts: Es ist doch der Osterbeagle (1974) 

    Peppermint Patty ist fest entschlossen, Ostereier zu färben, und Marcie ist fest entschlossen, ihr dabei zu helfen. Das Ergebnis ist eine mittlere Katastrophe – hartgekochte Eier, gebratene Eier, Eier in jedem denkbaren Aggregatzustand, nur nicht im gewünschten. Währenddessen wartet Linus auf ein Wesen, das er sich vermutlich selbst ausgedacht hat, und Snoopy verfolgt ganz eigene Pläne für den Feiertag. Die Peanuts: Es ist doch der Osterbeagle funktioniert genau wie alle großen Peanuts-Specials: Es passiert eigentlich nicht viel, und trotzdem sitzt man bis zum Schluss dran. Die Gags sind so trocken, dass Erwachsene manchmal lauter lachen als die Kinder, und Vince Guaraldis Musik legt sich wie selbstverständlich warm über alles drüber. Kurz, herzlich, zeitlos – und nach dreißig Minuten ist man bereit, es direkt nochmal zu schauen.

    3. Der Prinz von Ägypten (1998) 

    Moses wächst als Prinz in einem ägyptischen Palast auf, bis er begreift, wer er wirklich ist – und was das von ihm verlangt. Der Prinz von Ägypten ist der DreamWorks-Animationsfilm, den die meisten unterschätzen, bis sie ihn sehen. Hans Zimmer und Stephen Schwartz haben einen Soundtrack geschrieben, der sich festsetzt und nicht mehr loslässt, und die Geschichte erzählt von Freiheit, Pflicht und dem schwierigen Abschied von einem Leben, das man geliebt hat. Dass Moses und Ramses einmal Brüder waren, gibt jeder Szene zwischen ihnen ein Gewicht, das man so in einem Zeichentrickfilm nicht erwartet. Für Kinder ab etwa sieben Jahren funktioniert er als großes Abenteuer, und für Erwachsene ist er ein ernsthafter, bewegender Film, der sich nicht hinter seinem Animationsstil versteckt.

    4. Wallace & Gromit – Auf der Jagd nach dem Riesenkaninchen (2005) 

    Irgendwo in einer englischen Kleinstadt wütet ein riesiges Kaninchen und bedroht den alljährlichen Gemüsewettbewerb, und Wallace und Gromit sollen als Schädlingsbekämpfer das Problem lösen. Sie stellen allerdings bald fest, dass es womöglich sehr viel näher liegt als gedacht. Wallace & Gromit – Auf der Jagd nach dem Riesenkaninchen ist einer der besten Animationsfilme überhaupt, und er hat diesen Ruf verdient. Nick Park und sein Team haben Witze in jede Ecke jeder Szene eingebaut, von denen Kinder die offensichtlichen sofort sehen und Erwachsene den Rest erst beim zweiten Hinschauen entdecken. Dazu haben sie eine liebevoll absurde Horrorfilm-Parodie gebaut, die nie gruselig wird. Den Oscar hat dieser Film vollkommen zu Recht gewonnen.

    5. Hop – Osterhase oder Superstar? (2011) 

    E.B. ist der Sohn des Osterhasen und soll das Familienunternehmen übernehmen, will aber lieber Schlagzeuger werden – also haut er nach Hollywood ab. Dort trifft er auf Fred, einen arbeitslosen Faulpelz, der selbst nicht genau weiß, was er mit seinem Leben anfangen soll. Hop – Osterhase oder Superstar? ist kein großer Film, aber ein ehrlicher: Beide Figuren sind ein bisschen feige, beide drücken sich vor dem, was von ihnen erwartet wird, und beide finden trotzdem irgendwie zusammen. Russell Brand leiht E.B. eine herrlich unbekümmerte Stimme, und Wolfgang Stumph gibt dem deutschen Osterhase-Papa eine altmodisch-gediegene Aura, die man so schnell nicht vergisst. Die Szene, in der David Hasselhoff als Juror einer Castingshow auftritt und sich selbst völlig ernst nimmt, ist für sich genommen den Abend wert.

    6. Die Hüter des Lichts (2012) 

    Was wäre, wenn der Weihnachtsmann, die Zahnfee, der Sandmann und der Osterhase echte Helden wären – und Jack Frost der Neue im Team, an den noch kein Kind glaubt? Die Hüter des Lichts stellt diese Frage mit echter Überzeugung und ist deshalb besser als sein Ruf. Der Osterhase ist hier kein weiches Plüschtier, sondern ein zäher australischer Kämpfer mit Bumerangs, der keinen Unsinn duldet und dem man das sofort glaubt. Der Film stellt außerdem eine Frage, die sich nicht nur Kinder stellen: Was passiert einem, wenn niemand mehr an einen glaubt? Das gibt ihm eine Ernsthaftigkeit, die man in einem Animationsfilm über den Osterhasen nicht unbedingt erwartet. Für Familien, die nach dem Weihnachtsfilm-Äquivalent für Ostern suchen, ist das die nächstbeste Sache.

    7. Peter Hase (2018) 

    Beatrix Potters berühmtester Hase trifft auf einen Londoner, der unbedingt Gemüsegärtner werden will und keinen frechen Hasen in seinem Beet braucht. Peter Hase ist lauter und frecher als die Bücher, auf denen er basiert, aber das ist keine Schwäche – der Film weiß genau, was er ist, und er macht das mit Energie, Tempo und echter Spielfreude. James Corden gibt Peter eine herrlich selbstgefällige Stimme, und Domhnall Gleeson spielt den überforderten Gärtner mit einem komödiantischen Timing, das den Film trägt. Die englische Landschaft sieht dabei so aus, als hätte jemand einen Frühlingskatalog zum Leben erweckt. Kinder lieben die Verfolgungsjagden, Erwachsene schätzen die trockenen Zwischentöne – das ist eine Kombination, die nicht selbstverständlich ist.

    8. Peter Hase 2 – Ein Hase macht sich vom Acker (2021) 

    Peter hat seine Familie, seinen Garten, sein Leben – und trotzdem das nagende Gefühl, dass er eigentlich ein Schurke ist. Also läuft er weg, landet in der Stadt und findet dort tatsächlich eine Welt, in der sein Chaos willkommen ist. Peter Hase 2 – Ein Hase macht sich vom Acker ist in fast jeder Hinsicht besser als der erste Teil, weil er Peter wirklich an sich selbst zweifeln lässt, ohne dabei schwerfällig zu werden. Die Stadtkulisse gibt dem Film einen neuen Rhythmus, und David Oyelowo spielt den aalglatter Verleger-Bösewicht mit einer Grandezza, die man sich merkt. Wer sich selbst manchmal fragt, ob man die Person ist, die andere in einem sehen, wird diesen Hasen verstehen – und das ist für einen Osterfilm eine ungewöhnlich ehrliche Frage.

  • Von Antihelden bis zu Kultfiguren: Diese Nebenfiguren stehlen allen die Show
    Ahmet Iscitürk

    Ahmet Iscitürk

    JustWatch-Editor

    In der Welt des Kinos und der Serien ist die Hierarchie eigentlich klar definiert: Die Hauptdarsteller tragen die Handlung, während die Nebenrollen das Gerüst stützen. Doch oft sind es gerade diese Rollen aus der zweiten Reihe, die den tiefsten Eindruck hinterlassen. Diese Charaktere verfügen über eine magnetische Präsenz, die das Publikum fesselt und die eigentlichen Protagonisten zeitweise komplett verblassen lässt. 

    Ob durch exzentrisches Verhalten, eine tragische Hintergrundgeschichte oder schlichtweg geniale schauspielerische Leistungen – sie verwandeln jede Szene in ein echtes Ereignis.

    Deshalb werfen wir mit diesem Artikel einen Blick auf außergewöhnliche Nebenrollen, die den Begriff “Scene Stealer” neu definiert haben. Dabei zeigt sich immer wieder: Wahre Stärke wird nicht in Minuten an Bildschirmzeit gemessen, sondern in der narrativen Durchschlagskraft. Wir präsentieren dir Charaktere, die mit nur wenigen Szenen die gesamte Filmdynamik verändert, das Werk nachhaltig geprägt haben und dadurch in der Popkultur unvergessen bleiben.

    Joker in “The Dark Knight” (2008)

    Heath Ledgers Darstellung des Jokers in The Dark Knight (2008) ist ein Paradebeispiel für eine Nebenrolle, die die Hauptfigur geradezu überschattet. Obwohl Christian Bale als Batman die zentrale Figur ist, wird der Film von der reinen, anarchischen Energie des Jokers angetrieben. Was Ledgers Performance so einzigartig macht, ist die Verkörperung des Chaos ohne jegliches Motiv, was ihn weitaus unberechenbarer erscheinen lässt als etwa Hans Landa aus Inglourious Basterds (2009). Im Gegensatz zu Landa, der seine Grausamkeit hinter Etikette und Kadavergehorsam verbirgt, ist das einzige Ziel des Jokers, die Welt brennen zu sehen. Meiner Meinung nach hat Ledger mit dieser Darstellung eine Messlatte für Filmbösewichte gesetzt, die bis heute unerreicht ist. Er transformiert einen Comic-Antagonisten in eine existenzielle Bedrohung, deren Wirkung weit über das Genre des Superheldenfilms hinausgeht. Ledgers Performance ist eine absolute Masterclass für düstere Charakterstudien.

    Hans Landa in “Inglourious Basterds” (2009)

    Christoph Waltz' Darstellung des Standartenführers Hans Landa in Inglourious Basterds ist unheimlich fesselnd und dominiert Tarantinos gesamten Film. Seine gefährliche Melange aus zivilisierter Eloquenz und eiskalter, berechnender Brutalität wird schonungslos in der Eröffnungsszene enthüllt.Auch später stiehlt Landa Brad Pitt und dem gesamten Ensemble mit spielerischer Leichtigkeit die Show, indem er Sprache virtuos als präzise Waffe einsetzt. Im krassen Gegensatz zu einer fast stummen Naturgewalt wie Anton Chigurh aus No Country for Old Men (2007) entfaltet Landa seine furchteinflößende Wirkung durch seinen messerscharfen Intellekt und seine zutiefst charmante Bösartigkeit. Er ist die Idealbesetzung für alle Filmfans, die komplexe, wortgewandte Antagonisten zutiefst schätzen – jene, die ohne massive physische Präsenz bedrohlich wirken. Trotz der Abscheulichkeit seiner Taten bleibt Landa unentrinnbar faszinierend – ein charismatisches, intellektuelles Monster, gegen das selbst Charles Manson wie ein einsilbiger Langweiler wirkt.

    Negan in “The Walking Dead” (2010)

    Als Jeffrey Dean Morgan als Negan in The Walking Dead (2010) das erste Mal mit seinem Baseballschläger „Lucille“ auftrat, veränderte sich die Dynamik der gesamten Serie schlagartig. Negan brachte einen schwarzen Humor und eine sadistische Leichtigkeit in die postapokalyptische Welt, die den bisherigen Helden fast den Atem raubte. Er ist eine Figur, die man liebt zu hassen. Vergleicht man ihn mit dem Joker aus The Dark Knight, so nutzen beide Theatralik und Terror, um ihre Umgebung zu kontrollieren. Doch während der Joker die totale Anarchie anstrebt, nutzt Negan die Gewalt, um eine strikte, wenn auch grausame Ordnung unter seinem Kommando zu erzwingen. Morgan liefert eine so charismatische und intensive Performance, dass man Negans moralische Verfehlungen beinahe entschuldigen möchte – schließlich müssen in der Zombie-Apokalypse auch fragwürdige Entscheidungen getroffen werden, oder? Auf jeden Fall ist Negan ein Paradebeispiel dafür, wie eine spät eingeführte Figur eine Serie komplett umkrempeln und ihr völlig neuen Schwung verleihen kann.

    Noho Hank in “Barry” (2018)

    Ein moderner Geniestreich in Sachen Nebenrollen ist Noho Hank aus der Serie Barry (2018). Anthony Carrigan spielt diesen tschetschenischen Gangster mit einer so herzlichen Naivität und einem Optimismus, dass er zum heimlichen Star der düsteren Killer-Comedy wurde. Während der Protagonist Barry oft in Melancholie versinkt, sorgt Hank für die dringend benötigte humoristische Auflockerung. In seinem absurden Kontrast zwischen seinem kriminellen Umfeld und seinem sonnigen Gemüt erinnert er in seiner Exzentrik fast an Nobody aus Dead Man (1995). Beide Charaktere bringen eine völlig unerwartete, fast schon sanfte Perspektive in ihre jeweilige Welt. Wer trockenen Humor und skurrile Charakterentwicklungen schätzt, wird Noho Hank lieben. Er zeigt, dass man auch als böser Gangster das Herz des Publikums gewinnen kann, wenn man nur genug Charme und bizarre Höflichkeit mitbringt.

    Anton Chigurh in “No Country for Old Men” (2007)

    Javier Bardem erschuf mit Anton Chigurh in No Country for Old Men (2007) eine der unheimlichsten Gestalten der Filmgeschichte. Mit seinem Bolzenschussgerät und der unnatürlichen Ruhe verkörpert er das unaufhaltsame Schicksal. Er agiert fast wie ein Geist, der durch die texanische Wüste zieht, was ihn deutlich von emotional getriebenen Charakteren wie Robert Ford in Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford (2007) unterscheidet. Im Gegensatz zu Ford, der von Neid und dem Streben nach Anerkennung angetrieben wird, handelt Chigurh nach einem völlig unpersönlichen, streng fatalistischen Verhaltenskodex. Wie eine Figur mit dem Aussehen eines kognitiv beeinträchtigten Mannes, der noch bei seiner Großmutter wohnt, so diabolisch wirken kann, bleibt mir nach wie vor ein Rätsel. Er macht den Film zu einem Muss für Liebhaberinnen und Liebhaber atmosphärischer Thriller mit einem Hauch von Unberechenbarkeit. Anton Chigurh ist keine klassische Figur, sondern eine personifizierte Naturgewalt.

    Robert Ford in “Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford” (2007)

    In Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford liefert Casey Affleck eine faszinierende Charakterstudie ab: Er porträtiert eindringlich, wie aus anfänglicher Bewunderung allmählich tödlicher Neid erwächst. Obwohl Mega-Star Brad Pitt den legendären Jesse James spielt, ist es Afflecks subtile Performance, die den emotionalen Kern des Films bildet. Er fängt die Unsicherheit eines Mannes ein, der im Schatten seines Idols verzweifelt nach Bedeutung sucht. Im Vergleich zum Joker aus The Dark Knight, der durch seine absolute Furchtlosigkeit besticht, ist Robert Ford eine zutiefst menschliche, schwache und bemitleidenswerte Figur. Ich kann dir diesen Film wärmstens ans Herz legen, falls du eine Vorliebe für entschleunigte, visuell beeindruckende Charakterstudien hast. Der Film macht deutlich, dass die größte Bedrohung nicht unbedingt von den Starken ausgeht, sondern von den Schwachen, die sich besonders gekränkt fühlen.

    Ernie McCracken in “Kingpin” (1996)

    In der kultigen Sportkomödie Kingpin (1996) liefert Bill Murray als Ernie McCracken einen der fiesesten und zugleich lustigsten Auftritte seiner Karriere ab. Als arroganter Bowling-Star spielt er Woody Harrelson in jeder gemeinsamen Szene an die Wand. McCracken ist der Inbegriff von ehrlosem Ehrgeiz, gepaart mit einem schmierigen Auftreten, das gleichermaßen fasziniert und abstößt. Sein Humor ist zynisch, seine Manipulationsfähigkeit unerreicht, und er nutzt jede Gelegenheit, um andere lächerlich zu machen – sei es in seinen triumphalen Siegen auf der Bowlingbahn oder in den subtilen Gemeinheiten, die er vom Stapel lässt. Ja, der Film ist bitterböse, aber auch zutiefst menschlich. Wer schwarzen Humor, schräge Außenseiter und Figuren liebt, deren moralische Verwerflichkeit auf beeindruckende Weise unterhaltsam und sogar irgendwie liebenswert inszeniert wird, kommt an Kingpin nicht vorbei. 

    Nobody in “Dead Man” (1995)

    Gary Farmer als der Außenseiter Nobody in Jim Jarmuschs Dead Man ist das spirituelle Herz dieses hypnotischen Anti-Westerns. Er führt den Protagonisten William Blake durch eine surreale Schwarz-Weiß-Landschaft und stiehlt Johnny Depp mit seinen philosophischen Weisheiten und seinem staubtrockenen Witz regelmäßig die Show. Seine Präsenz ist einer der Gründe, warum das Werk heute als Kult-Klassiker gilt. Interessant ist Nobody auch, weil er Stereotypen über indigene Charaktere radikal aufbricht. Die Figur ist nicht bloß ein witziger Sidekick oder ein Werkzeug, um den Protagonisten auf ein Podest zu heben, sondern die zentrale intellektuelle Kraft der Erzählung. Nobody repräsentiert die kultivierte und gebildete Instanz in der Erzählung, im Gegensatz zum „weißen Mann“, der völlig planlos durch die Wildnis irrt.

  • "Bridget Jones’ Baby" und 10 weitere Filmen mit alternativen Enden, von denen du nichts wusstest
    Nora Henze

    Nora Henze

    JustWatch-Editor

    Bei Bridget Jones’ Baby ist schon die Ausgangslage herrlich chaotisch: Bridget ist schwanger, zwei Männer kommen als Vater infrage, und ausgerechnet bei der entscheidenden Frage bleibt lange alles in der Schwebe. Noch schöner ist, dass der Film dieses Prinzip sogar hinter der Kamera weitergespielt hat.

    Für die Produktion wurden mehrere Enden gedreht, damit wirklich niemand vorab weiß, welche Auflösung am Ende zählt. Genau da beginnt der eigentliche Reiz dieses Themas. Viele Filme wirken im Rückblick so, als hätten sie nur genau so enden können, dabei standen manche von ihnen kurz vor einem völlig anderen letzten Ton - mal düsterer, mal kälter, mal absurder, mal einfach emotional in eine ganz andere Richtung gekippt. Und plötzlich merkt man, wie viel Macht in den letzten Minuten eines Films steckt. 

    1. Bridget Jones’ Baby (2016)

    Diesmal ist Bridget nicht mehr nur zwischen zwei Männern, sondern mitten in einer Lebensfrage gelandet, die sich nicht mit einem peinlichen Tagebucheintrag und einem Glas Wein wegmoderieren lässt. Die Schwangerschaft ist der Motor des Films, und genau deshalb passt es perfekt, dass auch das Ende selbst lange offen gehalten wurde. Für Bridget Jones’ Baby entstanden mehrere Schlussversionen, damit weder das Publikum noch große Teile des Casts frühzeitig erfahren, wer tatsächlich der Vater ist. Das ist mehr als ein cleverer PR-Trick. Es spiegelt die ganze Energie des Films, dieses ständige Wanken zwischen Romantik, Panik und dem Versuch, im absoluten Gefühlschaos irgendwie Haltung zu bewahren. Die veröffentlichte Fassung gibt Bridget am Ende einen warmen, runden Zielpunkt. Mit einer anderen Version hätte derselbe Film viel unruhiger, gemeiner oder schlicht verspielter nachgehallt. 

    2. Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt (1979)

    Am Ende dieses Films ist eigentlich schon alles gesagt. Ein Schiff voller Schrecken liegt hinter Ripley, das Monster scheint besiegt, und genau in dieser erschöpften Stille liegt die Größe von Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt. Umso wilder wirkt die verworfene Idee, die einmal im Raum stand. Dort hätte das Alien Ripley getötet, ihre Stimme imitiert und anschließend eine falsche Erfolgsmeldung zur Erde geschickt. Das wäre ein grandios fieser letzter Haken gewesen, aber auch einer, der den Film in einen anderen Modus zwingt. Die fertige Version lässt das Grauen nachhallen, ohne noch einmal laut auf den Tisch zu schlagen. Gerade das macht sie so stark. Statt eines letzten Showstopper-Twists bleibt ein Ende, das sich anfühlt wie Überleben um Haaresbreite und deshalb bis heute so unangenehm lange unter der Haut bleibt. 

    3. Blade Runner (1982)

    Nichts in Blade Runner fühlt sich eindeutig an, und genau deshalb ist das Ende hier keine Nebensache, sondern fast der ganze Punkt. Ein abgekämpfter Ermittler gerät in eine flüchtige Liebesgeschichte und bewegt sich durch eine Zukunft, die von Neonlicht und Dauerregen geprägt ist. In der ursprünglichen, offeneren Version blieb von all dem vor allem Ungewissheit übrig. Später kam ein versöhnlicherer Schluss mit Voice-over und klarerem Ausblick dazu, der den Film plötzlich zugänglicher machen sollte. Nur wirkt genau das bis heute wie ein Fremdkörper. Dieses Universum lebt nicht von Antworten, sondern vom Restzweifel. Sobald Blade Runner anfängt, sich selbst zu erklären, verliert er einen Teil seiner Magie. Das alternative Ende ist deshalb so spannend, weil es zeigt, wie schnell aus einem rätselhaften Zukunftsfilm ein deutlich glatterer Studioabschluss hätte werden können. 

    4. Clerks – Die Ladenhüter (1994)

    Ein Tag im Mini-Markt, endlose Gespräche, schlechte Laune, absurde Kundschaft und das Gefühl, dass das Leben irgendwo zwischen Kasse, Kühlschrank und Zigarettenregal festhängt -  so läuft Clerks – Die Ladenhüter über weite Strecken: trocken, lustig und mit dieser schluffigen Energie, die aus Nichts plötzlich sehr viel macht. Gerade deshalb ist das alternative Ende so verblüffend. Ursprünglich sollte Dante am Schluss bei einem Überfall erschossen werden. Kein bitteres Nachdenken, kein offener Alltag, sondern ein harter Schnitt ins Dunkle. Diese Version hätte den Film nicht nur beendet, sondern regelrecht überfallen. Alles, was vorher beiläufig und kaputt-charmant wirkt, bekäme im Nachhinein etwas Tragisches. Dass Kevin Smith diesen Schluss verwarf, war die richtige Entscheidung. Die fertige Fassung bleibt bei ihrer Welt, in der das Elend eher zäh als dramatisch ist und genau deshalb so gut funktioniert. 

    5. I Am Legend (2007)

    Ein Mann lebt nach einer globalen Pandemie allein in einer ausgestorbenen Stadt, streift durch leere Straßen und verlassene Hochhäuser, ringt zunehmend mit sich selbst und findet nur in seinem Hund noch so etwas wie Nähe. So baut I Am Legend zuerst ein klassisches Endzeitbild auf, bevor das Finale in der Kinoversion ganz auf Opfermut und Heldengeste setzt. Das alternative Ende dreht diese Perspektive leise, aber komplett. Plötzlich geht es nicht mehr nur um einen tapferen Überlebenden gegen Monster, sondern um jemanden, der die Wesen vor sich vielleicht fundamental falsch gelesen hat. Die vermeintlich wilden Angreifer bekommen Struktur, Bindung und ein Motiv, das den Film mit einem Schlag ambivalenter macht. Genau das ist der Reiz dieser Version. Sie ist weniger knallig, aber viel interessanter, weil sie das moralische Zentrum verschiebt. Auf einmal steht nicht nur die Welt am Abgrund, sondern auch das Bild, das der Film bis dahin von seinem Helden gebaut hat. 

    6. Titanic (1997)

    Der Film endet bekanntlich nicht mit lautem Pathos, sondern mit einem stillen Moment, der sich fast schwerelos anfühlt: Eine alte Frau, ein Diamant, das Meer, und plötzlich ist da nur noch Erinnerung. Gerade diese Ruhe macht das Ende von Titanic so wirksam. In der alternativen Fassung wird genau dieser Augenblick jedoch unterbrochen. Rose ist nicht allein, andere Figuren mischen sich ein, reagieren, reden und kommentieren den Moment, den der fertige Film ganz bewusst privat hält. Und sofort kippt die Szene. Was im Kino wie ein zarter, beinahe intimer Abschied wirkt, bekommt etwas Erklärendes und fast schon Geschäftiges. Das ist nicht unbedingt katastrophal, aber deutlich schwächer. Titanic lebt am Ende davon, dass James Cameron seinem Bild vertraut und nicht noch einmal alles in Worte packt. Die verworfene Version zeigt ziemlich eindrucksvoll, wie schnell ein Schluss seine Poesie verlieren kann, sobald zu viele Leute darin herumstehen. 

    7. Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt (2010)

    Schon der Grundgedanke des Films Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt ist herrlich überdreht. Ein Typ verliebt sich, und um mit dieser Frau zusammen zu sein, muss er sich erst einmal durch ihre sieben bösen Ex-Partner prügeln, als wäre Herzschmerz ein Arcade-Spiel. Hinter all dem Krach und Witz steckt aber eine ziemlich klare Frage: Wird Scott erwachsener oder bleibt er bloß ein netter Chaot mit guter Frisur. Genau deshalb ist das alternative Ende so interessant. Dort landet er nicht bei Ramona, sondern bei Knives. Das verändert nicht einfach nur das Paar am Schluss, sondern die ganze Richtung der Figur. Plötzlich wirkt seine Entwicklung weniger wie ein Schritt nach vorn und mehr wie eine bequeme Schleife zurück. Die veröffentlichte Version ist nicht deshalb besser, weil sie romantischer ist, sondern weil sie den Film sauberer zu Ende denkt. Das alternative Ende hat dagegen etwas bewusst Unfertiges. 

    8. Get Out (2017)

    Was als unangenehmes Kennenlernen beginnt, wird in Get Out Szene für Szene enger, giftiger und unerträglicher. Der Film weiß ganz genau, wie man Höflichkeit in Horror verwandelt, und arbeitet auf ein Finale zu, das nicht nur spannend, sondern auch politisch aufgeladen ist. Die frühe Endfassung war allerdings noch erbarmungsloser. Dort wird Chris am Ende verhaftet und landet im Gefängnis - keine Rettung, kein kurzes Aufatmen und nicht einmal ein schmaler Spalt Hoffnung. Diese Version hätte die Aussage des Films brutal zugespitzt, aber eben auch jede Entlastung aus dem Saal geprügelt. Die veröffentlichte Fassung lässt dagegen einen winzigen Moment Luft hinein, ohne den Schrecken kleinzureden. Genau das macht sie so clever. Der Film bleibt bitter, aber er schließt nicht mit kompletter Ausweglosigkeit. Das alternative Ende ist deshalb faszinierend, weil es zeigt, wie knapp Get Out an einem noch viel härteren letzten Schlag vorbeiging. 

    9. Der kleine Horrorladen (1986)

    Zwischen einer Pflanze, die Blut will, einem schüchternen Außenseiter und einer leisen, melancholischen Liebesgeschichte klingt in Der kleine Horrorladen alles erstaunlich fröhlich, obwohl unter der Oberfläche längst etwas ziemlich Düsteres wächst. Der Film ist genau deshalb so schön schräg, weil er niedlich beginnt und dann immer boshafter wird. Das bekannte Kinoende nimmt diese Bosheit allerdings ein Stück weit zurück. Ursprünglich war ein riesiges, düsteres Finale geplant, in dem Audrey II gewinnt, Seymour und Audrey untergehen und die Pflanzen gleich noch die Welt mitnehmen. Das ist so herrlich maßlos, dass man fast bedauert, wie viele Zuschauer damals damit überfordert waren. Denn genau wegen ihrer Konsequenz hat diese Version Kultstatus bekommen. Die Kinofassung ist runder und deutlich freundlicher, aber das alternative Ende passt eigentlich viel besser zu dem fiesen Kern, der die ganze Zeit schon unter den lustigen Liedern lauert. 

    10. Voll auf die Nüsse (2004)

    Schon der Titel verspricht keinen stillen Sportfilm, sondern eine Komödie, die mit voller Wucht auf ihre Pointe zuläuft. Ein loser Haufen Underdogs tritt gegen geschniegelt aufgepumpte Fitness-Typen an, und natürlich rechnet alles mit dem großen Triumph am Ende. Genau diesen Triumph wollte Voll auf die Nüsse ursprünglich aber verweigern. Im alternativen Schluss verlieren die Average Joes tatsächlich das Finale. Die Gegenseite jubelt, der Film bricht fast höhnisch ab, und man sitzt kurz da wie nach einem schlechten Scherz, der erstaunlich gut funktioniert. Das ist ziemlich lustig, gerade weil es so frech gegen jede Sportfilm-Erwartung läuft. Trotzdem versteht man, warum die fertige Version den Sieg liefert. Diese Art Film lebt von Erleichterung, von Ausgleich, von dem einen Moment, in dem die falschen Leute eben doch nicht gewinnen. Das alternative Ende ist köstlich gemein, aber das Kinoende gibt dem Chaos die sauberere Landung. 

    11. Pretty Woman (1990)

    Heute wirkt es fast unvorstellbar, dass Pretty Woman einmal nicht als modernes Märchen enden sollte. Vivian und Edward sind so sehr Teil des romantischen Filmgedächtnisses geworden, dass man leicht vergisst, wie viel härter diese Geschichte anfangs gedacht war. In frühen Fassungen bleibt keine große Geste, kein Rettungsmoment, kein Feuerleiter-Finale, sondern einfach eine Transaktion, die endet wie begonnen. Kalt, praktisch und ohne emotionales Netz. Das hätte dem Film jede Leichtigkeit genommen. Statt Charme und Sehnsucht bliebe vor allem ein bitterer Blick auf Macht, Geld und Abhängigkeit. Natürlich wäre auch das ein legitimer Film gewesen, nur eben ein völlig anderer. Die veröffentlichte Version entscheidet sich ganz bewusst für Herzklopfen statt Ernüchterung. Und genau deshalb ist das alternative Ende hier so spannend, weil man an kaum einem anderen Beispiel besser sieht, wie sehr ein Schluss festlegt, an was für einen Film wir uns am Ende überhaupt erinnern.

  • Vom Osterhasen zum Albtraum: Diese 10 Hasen vergisst du nicht
    Nora Henze

    Nora Henze

    JustWatch-Editor

    Ostern steht für bunte Eier, Schokolade und diesen einen harmlosen Mythos, der sich seit Jahrzehnten durch die Popkultur hoppelt. Der Hase ist eigentlich das freundlichste Wesen, das man sich vorstellen kann, und genau deshalb funktioniert es so gut, wenn Filme dieses Bild komplett verdrehen. 

    Was passiert, wenn aus dem süßen Maskottchen plötzlich etwas Unberechenbares wird oder wenn hinter der niedlichen Fassade etwas ganz anderes steckt. Genau dieser Moment macht Hasen im Kino so spannend, weil sie fast immer mehr sind als nur Dekoration. Während viele Klassiker Tiere als Projektionsfläche für Emotionen nutzen, gehen die folgenden Filme einen Schritt weiter und spielen bewusst mit Erwartung und Irritation - mal subtil, mal komplett eskalierend, aber immer so, dass man den nächsten Hasen auf der Leinwand automatisch ein kleines bisschen anders anschaut.

    1. Donnie Darko (2001)

    Ein Teenager wird von einer unheimlichen Gestalt im Hasenkostüm aus dem Schlaf gerissen und gerät in eine Spirale aus Zeitreisen, Vorahnungen und wachsendem Kontrollverlust. Schon nach wenigen Minuten steht fest, dass dieser Hase nichts mit Kindheit oder Unschuld zu tun hat. Donnie Darko lebt von genau diesem permanenten Unbehagen, das sich nicht laut aufdrängt, sondern langsam unter die Haut kriecht. Frank ist dabei keine klassische Horrorfigur, sondern eher ein Symbol für etwas, das sich nicht greifen lässt, aber ständig präsent ist. Die Mischung aus Coming-of-Age-Drama und metaphysischem Rätsel macht den Film so eigen, weil er nie komplett erklärt, was wirklich passiert. Im Vergleich zu den später deutlich direkteren Horror-Hasen in der Liste wirkt das hier fast leise, aber genau dieses Zurückhalten macht den Effekt stärker.

    2. Alice im Wunderland (2010)

    Alice folgt einem weißen Kaninchen und landet in einer Welt, die sich jeder Logik entzieht. Was als neugieriger Moment beginnt, kippt schnell in ein Gefühl von permanenter Überforderung, weil nichts stabil bleibt und jede Figur ihre eigenen Regeln hat. Alice im Wunderland nutzt den Hasen als Auslöser für diese Reise, als eine Art nervösen Taktgeber, der ständig in Bewegung ist und nie wirklich greifbar wird. Die Welt dahinter ist bunt und verspielt, gleichzeitig aber auch seltsam entrückt und manchmal fast unangenehm. Gerade dieses Hin und Her sorgt dafür, dass der Hase mehr ist als nur ein Wegweiser. Im Vergleich zu den komplett eskalierenden Hasenfiguren später bleibt hier alles kontrollierter, aber die unterschwellige Irritation ist jederzeit da.

    3. Easter Bunny Kill! Kill! (2006)

    Jetzt kommt der Osterhase ins Spiel! Eine Frau mit traumatischer Vergangenheit gerät in die Gewalt eines Mannes im Osterhasenkostüm, der seine Opfer mit brutaler Konsequenz jagt. Schon der Titel macht keinen Hehl daraus, wohin die Reise geht, und genau das zieht der Film kompromisslos durch. Easter Bunny Kill! Kill! ist roh, unangenehm und bewusst billig inszeniert, aber gerade diese Direktheit passt perfekt zum Konzept. Der Hase wird hier nicht verfremdet oder symbolisch aufgeladen, sondern ganz platt zur Bedrohung gemacht. Das wirkt teilweise fast absurd, verliert aber nie seine aggressive Grundstimmung. Der Film wirkt teilweise fast überzeichnet, aber genau diese Direktheit gehört zum Konzept, weil sie keinen Raum für Distanz lässt. Es geht nicht darum, etwas zu entschlüsseln, sondern darum, diese aggressive Energie auszuhalten, die sich durch jede Szene zieht und keine Pause kennt.

    4. The Bunnyman Massacre (2011)

    Eine Gruppe junger Leute gerät an einen Mann im Hasenkostüm, der mit einer Kettensäge durch die Gegend zieht und sie systematisch verfolgt. Bunnyman setzt stark auf das Bild selbst, auf diesen Moment, in dem ein vertrautes Kostüm plötzlich zur reinen Gewaltfigur wird. Vieles entsteht über die Präsenz dieser Figur, die kaum erklärt wird und gerade dadurch unberechenbar bleibt. Der Hase wirkt wie eine leere Hülle, hinter der nichts Greifbares mehr existiert, was jede Begegnung noch intensiver macht. Die Geschichte bleibt schlicht, aber genau das hält den Fokus auf dieser einen Idee, die sich konsequent durchzieht. Dadurch entsteht eine Spannung, die nicht aus Komplexität kommt, sondern aus der direkten Wirkung der Figur.

    5. Hop – Osterhase oder Superstar? (2011)

    Der Sohn des Osterhasen weigert sich, die Familientradition zu übernehmen, und träumt stattdessen von einer Karriere als Rockstar, was schnell zu Chaos führt. Hop – Osterhase oder Superstar? dreht das Bild des perfekten Osterhasen in eine andere Richtung und zeigt eine Figur, die faul, selbstbezogen und überraschend respektlos ist. Gerade dadurch bekommt der Hase eine neue Dynamik, weil er sich nicht an Erwartungen hält, sondern ständig gegen sie arbeitet. Die Geschichte bleibt leicht, aber die Figur sorgt dafür, dass alles in Bewegung bleibt und immer wieder aus dem Gleichgewicht gerät. Dieses Spiel mit Erwartungen gibt dem Film seine eigene Energie, die sich deutlich vom klassischen Bild abhebt.

    6. Space Jam (1996)

    Michael Jordan landet in einer Cartoon-Welt und muss gemeinsam mit Bugs Bunny ein Spiel gewinnen, das über alles entscheidet. Space Jam nutzt den Hasen als zentrale Kraft, die das Geschehen ständig verändert und nie zur Ruhe kommen lässt. Bugs Bunny kontrolliert das Tempo, bricht Regeln und verschiebt Situationen, sobald sie festzufahren drohen. Seine Präsenz sorgt dafür, dass alles in Bewegung bleibt und sich immer wieder neu formt. Dabei entsteht ein Spiel aus Chaos und Kontrolle, das den gesamten Film prägt und ihm seine Energie gibt. Der Hase ist hier nicht nur Teil der Geschichte, sondern der Motor, der alles antreibt und gleichzeitig immer wieder durcheinanderbringt.

    7. Mein Freund Harvey (1950)

    Ein Mann ist überzeugt, dass sein bester Freund ein zwei Meter großer unsichtbarer Hase ist, und bringt damit seine Umgebung aus dem Gleichgewicht. Mein Freund Harvey lebt von dieser Unsicherheit, weil nie eindeutig geklärt wird, ob diese Figur real ist oder nur im Kopf existiert. Harvey selbst bleibt ruhig und freundlich, bekommt aber durch seine Unsichtbarkeit eine schwer greifbare Qualität, die alles leicht verschiebt. Gespräche verlaufen anders, Situationen kippen subtil, ohne dass sich klar sagen lässt, warum. Genau daraus entsteht eine leise Spannung, die sich durch den gesamten Film zieht und nie aufgelöst wird. Diese Unklarheit sorgt dafür, dass der Hase präsent bleibt, auch wenn er nie sichtbar ist.

    8. Wallace & Gromit – Auf der Jagd nach dem Riesenkaninchen (2005)

    Ein riesiges Kaninchen verwüstet nachts Gärten, frisst sich durch Beete und wird für ein ganzes Dorf zum Ausnahmezustand. Genau das macht den Hasen in Wallace & Gromit – Auf der Jagd nach dem Riesenkaninchen so einprägsam, weil er nicht einfach nur ein lustiges Monster ist, sondern aus einem eigentlich niedlichen Tier plötzlich eine echte Bedrohung wird. Dieses Wesen hat etwas wunderbar Widersprüchliches: flauschige Form, lange Ohren, große Augen und trotzdem die Wucht eines klassischen Filmmonsters. Gerade dieser Bruch funktioniert so gut, weil der Hase nie nur wie ein Gag behandelt wird. Er hat Präsenz, richtet Chaos an und verändert die ganze Stimmung im Dorf, sobald er auftaucht. Man schaut ihn an und schwankt ständig zwischen Lachen und Alarm, und genau deshalb bleibt dieses Riesenkaninchen so hartnäckig im Kopf.

    9. Falsches Spiel mit Roger Rabbit (1988)

    Roger Rabbit ist kein stiller, putziger Hase, der dekorativ durchs Bild hoppelt, sondern ein komplettes emotionales Chaos auf zwei Beinen. In Falsches Spiel mit Roger Rabbit platzt er in Szenen hinein, redet zu viel, reagiert zu schnell und bricht zusammen und macht aus jeder Situation sofort einen Ausnahmezustand. Genau das macht diese Hasenfigur so besonders, weil sie nie nur auf Niedlichkeit setzt, sondern auf pure Überforderung, Hektik und nervöse Energie. Roger wirkt wie jemand, der seiner eigenen Existenz kaum hinterherkommt, und genau daraus entsteht sein Witz, aber auch seine Wirkung. Hinter dem Lärm steckt trotzdem etwas Verletzliches, das ihn viel greifbarer macht als eine reine Cartoon-Karikatur. Dieser Hase bleibt nicht hängen, weil er süß ist, sondern weil er jede Szene so behandelt, als wäre sie gerade fünf Sekunden vor der Explosion.

    10. Rabbits (1972)

    Hier sind Hasen nicht Begleiter, Maskottchen oder schräge Nebenfiguren, sondern die eigentliche Gefahr. In Rabbits werden aus Kaninchen plötzlich aggressive, riesige Kreaturen, die sich unkontrolliert vermehren und eine ganze Gegend bedrohen. Gerade dieser radikale Zugriff macht die Tiere so unvergesslich, weil das vertraute Bild komplett zerlegt wird. Der Hase steht normalerweise für Harmlosigkeit, für etwas Scheues und Friedliches, und genau dieses Bild wird hier frontal angegriffen. Plötzlich ist da keine flauschige Unschuld mehr, sondern Masse, Bewegung und eine Bedrohung, die immer näher rückt. Das Erstaunliche an diesen Hasen ist, dass sie nicht als Witz angelegt sind, sondern mit vollem Ernst in Stellung gebracht werden. Dadurch bekommen sie etwas herrlich Verstörendes, weil man die ganze Zeit merkt, wie sehr dieses Tier eigentlich nicht für diese Rolle gemacht scheint und genau deshalb so hängen bleibt.

  • Von „Harry Potter“ bis „Vaiana“: Wo ist die Farbe geblieben? Warum Filme und Serien immer grauer wirken
    Arabella Wintermayr

    Arabella Wintermayr

    JustWatch-Editor

    Wer sich aktuell durch Trailer und erste Bilder kommender Produktionen klickt, stößt auffallend häufig auf dieselbe visuelle Grundstimmung: Sie ist gedämpft, kühl und kontrolliert. Farben wirken verblasst, Vieles seltsam dunkel und selbst Welten, die einst von visueller Opulenz lebten, wirken plötzlich überraschend zurückgenommen.

    Besonders augenfällig wird das gerade bei der neuen HBO-Adaption von Harry Potter (2026) sowie beim Live-Action-Remake von Vaiana (2026). Beide Projekte stehen sinnbildlich für eine Entwicklung, die nicht mehr als Einzelfall erscheint, sondern als gestalterischer Standard.

    Von Magie zu Matsch: Wenn opulente Welten ihren Glanz verlieren

    Die ursprüngliche Harry Potter-Reihe liefert gewissermaßen die Blaupause für diese Verschiebung: Während die frühen Filme noch mit warmen Goldtönen und einem fast märchenhaften Licht arbeiteten, wurde die Bildsprache mit jedem Teil kühler und zunehmend entsättigt. Dieser Wandel ließ sich erzählerisch begründen, da die Geschichte zunehmend dunklere Themen aufgriff. 

    Doch inzwischen scheint sich dieses visuelle Konzept von seinem narrativen Ursprung gelöst zu haben. Die Düsternis ist nicht mehr Konsequenz der Handlung, sondern ihr vorausgehender Rahmen. Mit Veröffentlichung des Trailers fragen sich nun viele Fans: Wird die HBO-Serie die visuelle Magie von Harry Potter wiederaufleben lassen können, auch wenn vor allem matschige Beigetöne das Bild zu dominieren scheinen?

    Von tropischer Farbexplosion zu realistischer Zurückhaltung

    Auch der Animationsfilm Vaiana (2016) war einst ein Fest der Farben, ein Spiel aus leuchtendem Türkis, satten Grüntönen und überhöhten Lichtstimmungen, die weniger Realität als vielmehr Emotion transportierten. Die Live-Action-Version hingegen scheint sich stärker an einer naturalistischen Bildsprache zu orientieren, und auch hier reagieren die Fans zunächst mit Enttäuschung. Und das nicht zu Unrecht: Gerade Geschichten, die ursprünglich von visueller Überhöhung lebten, verlieren einen Teil ihrer Identität, wenn diese Überhöhung zugunsten von vermeintlicher Authentizität zurückgenommen wird.

    Diese beiden Beispiele aber sind letztlich nur aktuelle Ausprägungen eines größeren Trends, der sich seit Jahren durch Kino- und Streaming-Welten zieht. Produktionen unterschiedlichster Genres greifen zunehmend auf ähnliche, gedämpfte Farbwelten zurück – unabhängig davon, ob der Stoff diese Zurückhaltung eigentlich verlangt. Doch warum eigentlich?

    Prestige statt Pop: Warum Studios auf Entsättigung setzen

    Hinter dieser Entwicklung steht eine über Jahre gewachsene Logik. Spätestens seit The Dark Knight (2008) hat sich die Vorstellung verfestigt, dass visuelle Reduktion mit erzählerischer Reife einhergeht. Farbe wird dabei nicht selten mit Leichtigkeit oder gar Oberflächlichkeit assoziiert, während gedämpfte Paletten hingegen Seriosität signalisieren sollen. Gleichzeitig ermöglicht eine kontrollierte Farbgestaltung eine größere visuelle Einheitlichkeit, die sich global vermarkten lässt. Hinzu kommt ein praktischer Aspekt: Digitale Effekte fügen sich in dunkleren, kontrastärmeren Bildern oft nahtloser ein, als sie es in hellen und farbenfrohen Umgebungen tun. Zugespitzt ausgedrückt: Entsättigung ist damit nicht nur Stilmittel, sondern auch ökonomische Absicherung.

    Streaming hat das Bild verdunkelt 

    Hinzukommt: Mit der Verschiebung vom Kino zum Streaming haben sich auch die Sehgewohnheiten verändert, allerdings nicht immer zum Wohle der Bildwirkung. Produktionen wie Game of Thrones (2011-19) haben gezeigt, wie stark dunkle Bildgestaltung im Alltag des Publikums an technische Grenzen stößt. Denn Filme und Serien werden unter optimalen Bedingungen farblich bearbeitet und abgestimmt (im sogenannten Color Grading, also der gezielten Nachbearbeitung von Helligkeit, Kontrast und Farbwirkung), auf professionellen Referenzmonitoren, in abgedunkelten Räumen und mit exakt kalibrierten Kontrasten.

    Die meisten Heimgeräte hingegen – Fernseher, Laptops, Tablets, oder gar: Smartphones – sind dafür schlicht nicht ausgelegt. Sie werden oft bei Tageslicht genutzt, sind selten korrekt eingestellt und können feine Abstufungen in dunklen Bildbereichen nur unzureichend darstellen. Was im Studio noch differenziert wirkt, erscheint zu Hause schnell als einheitliche Fläche, Schatten verlieren ihre Struktur und Details verschwinden. Die viel zitierte „Dunkelheit“ ist daher nicht immer eine bewusste ästhetische Entscheidung, sondern auch eine unbeabsichtigte Folge eines Missverhältnisses zwischen Produktionsstandard und tatsächlicher Nutzungsrealität.

    Fan-Reaktionen: Zwischen Meme, Müdigkeit und Missmut

    Die Reaktionen des Publikums sind entsprechend deutlich. In den sozialen Netzwerken hat sich eine regelrechte Bildkritik-Wut etabliert, die Trailer und erste Szenenbilder nicht nur inhaltlich, sondern vor allem visuell seziert. Auch der Trailer zu Der Teufel trägt Prada 2  (2026) wurde mit den genannten Vorwürfen konfrontiert: zu grau, zu flach, zu wenig Glanz für eine Geschichte, die eigentlich von Stil und visueller Opulenz lebt. Wenn ein Film für Glamour, Fantasie oder Exzess steht, soll sich das auch im Bild niederschlagen – so der Tenor.

    Markenästhetik und Monotonie: Wenn Farben zur Formel werden

    Das Beispiel verdeutlicht sehr gut, dass entsättigte Bildwelten nicht grundsätzlich problematisch sind, sondern ihr Dauereinsatz für Missmut sorgt. Denn in bestimmten Kontexten kann eine reduzierte Farbpalette eine enorme Kraft entwickeln, etwa wenn sie die emotionale Lage einer Geschichte präzise spiegelt oder eine bestimmte Welt glaubhaft verdichtet. Problematisch wird es dort, wo sie zum Selbstzweck wird – und hier lohnt sich ein kritischer Blick auf Plattformen wie HBO, mehr aber noch Netflix.

    Insbesondere deren Prestige-Produktionen folgen auffallend häufig einer sehr ähnlichen visuellen Logik. Gedämpfte Farben und starke Kontraste sollen einen (vermeintlich) „cinematischen“ Look schaffen. Was ursprünglich als ästhetische Entscheidung gedacht war, wird so zur wiedererkennbaren Markenästhetik.

    Wenn visuelle Sprache jedoch nicht mehr aus der Erzählung hervorgeht, sondern vorab festgelegt wirkt, entsteht ein Eindruck von Austauschbarkeit – unabhängig davon, ob es sich um Fantasy, Drama oder Thriller handelt. Dann verliert das Bild seine spezifische Aussagekraft. Es wirkt nicht mehr wie eine bewusste Entscheidung, sondern wie ein Standard, der als immer gleicher Filter über die Inhalte gelegt wird – ob er nun zu ihnen passt oder nicht.

    Hat die Branche Angst vor Farbe?

    Der Trend ist durchaus kritikwürdig, denn Farbe ist in Filmen und Serien immer auch ein Bekenntnis. Sie kann überhöhen, irritieren, verführen oder auch bewusst übertreiben. Vielleicht scheint sie in einer Branche, die gerade im Franchise- und Streaming-Bereich zunehmend auf Kontrolle und Kalkulierbarkeit setzt, ein Risiko darzustellen. Entsättigung vermittelt da womöglich Sicherheit. Sie wirkt bedacht, kontrolliert und anschlussfähig. Doch genau darin liegt ihre Schwäche. Das Filmische, das sich zu sehr an Sicherheit orientiert, verliert jene sinnliche Unmittelbarkeit, das es so spannend macht.

    Fazit: Die Rückkehr der Farbe ist überfällig – aber nicht garantiert

    Wie zentral die Farbgebung für Filme und Serien ist, unterstreichen am besten solche Beispiele, die ganz bewusst eingesetzte, teils sogar überhöhte Farbwelten inszenieren – sei es, um Emotionen klarer zu markieren, Genres sichtbarer zu machen oder sich überhaupt erst wieder visuell voneinander zu unterscheiden. Poor Things (2023) etwa entwirft eine eigensinnige, fast surreal leuchtende Bildsprache, die sich demonstrativ vom Diktat des Naturalismus löst und gerade dadurch eine eigene erzählerische Logik entfaltet.

    Auch Pluribus (2025) etwa arbeitet mit einer bewusst stilisierten Farbdramaturgie, die weniger auf realistische Abbildung als auf atmosphärische Verdichtung zielt. In beiden Fällen wird Farbe nicht reduziert, sondern zugespitzt, als Mittel, um Wahrnehmung zu formen, nicht um sie zu neutralisieren. Im Gegenteil: Jede Farbentscheidung scheint Teil eines größeren gestalterischen Konzepts zu sein.

    Diese Beispiele machen deutlich, dass Farbe im besten Fall nicht dekorativ ist, sondern konstitutiv. Sie entscheidet darüber, wie eine Welt wahrgenommen wird – und ob ein Film oder eine Serie eine eigene visuelle Identität behaupten kann. Am Ende entscheidet sich hier mehr als nur eine Frage des Geschmacks: nämlich, ob Kino und Serien den Mut behalten, visuell eigenständig zu sein – oder ob sie sich zunehmend einer Mainstream-Ästhetik unterordnen, die auf maximale Anschlussfähigkeit setzt, dabei aber genau das opfert, was Bilder einmal unverwechselbar gemacht hat.

  • “Stand by Me” wird 40: Was aus den Jungs von damals geworden ist
    Nora Henze

    Nora Henze

    JustWatch-Editor

    Es gibt Filme, die laufen nicht einfach durch, sie bleiben irgendwo hängen und tauchen Jahre später wieder auf - oft genau dann, wenn man sie am wenigsten erwartet. Stand by Me gehört genau dazu. Beim ersten Mal wirkt dieser Sommer wie ein Abenteuer, beim nächsten eher wie ein Abschied, und irgendwann merkt man, dass es eigentlich um etwas viel Ruhigeres geht: Um Freundschaften, die nicht für immer gedacht sind, um Entscheidungen, die man erst später versteht, und um diesen Moment, in dem sich alles verschiebt, ohne dass es jemand ausspricht. 

    Vierzig Jahre später verändert sich der Blick noch einmal. Plötzlich schaut man nicht mehr nur auf die Geschichte, sondern auf die Gesichter, die sie getragen haben. In dieser Liste geht es um die Schauspieler, die diese Geschichte getragen haben, und wie es mit ihnen weiterging. Dabei gehört auch dazu, dass nicht alle Wege gleich weitergingen und einer davon leider viel zu früh geendet ist.

    1. Wil Wheaton (Gordie Lachance)

    Gordie sitzt in Stand by Me am Rand, hört zu, schreibt im Kopf schon mit, während die anderen noch reden. Wil Wheaton landete danach mitten im Popkultur-Orkan - als Wesley Crusher in Star Trek: The Next Generation war er plötzlich überall zu sehen und gleichzeitig auf genau diese Rolle festgelegt. Und dann passierte etwas Ungewöhnliches: Er stieg aus. Kein langsames Auslaufen, sondern ein klarer Schritt zurück. Jahre später kam er wieder, diesmal aber ganz anders: In The Big Bang Theory spielte er nicht einfach eine Figur, sondern sich selbst als leicht überzeichnete Version, mit einem Augenzwinkern, das zeigt, dass er genau weiß, wie er wahrgenommen wird. Dazu kommen Bücher, Podcasts und Auftritte, bei denen er nicht mehr Teil einer Geschichte ist, sondern sie selbst erzählt. Man merkt schnell, dass hier jemand nicht einfach zurückgekehrt ist, sondern seinen Platz neu gebaut hat.

    2. River Phoenix (Chris Chambers)

    Chris sagt im Film oft genau das, was andere nicht aussprechen wollen - ruhig, klar und ohne Umweg. River Phoenix hat diese Haltung in seine weiteren Rollen getragen und sich früh für Figuren entschieden, die etwas riskieren. In Die Flucht ins Ungewisse spielte er einen Jugendlichen zwischen Loyalität und Aufbruch, in My Private Idaho bewegte er sich in einer Welt ohne festen Halt und gab dieser Unsicherheit eine erstaunliche Ruhe. Auch in Sneakers – Die Lautlosen fiel er nicht durch Lautstärke auf, sondern durch Präsenz und durch dieses Gefühl, dass hinter jedem Blick noch etwas mitschwingt. Seine Filmografie ist nicht groß, aber sie wirkt in sich geschlossen, fast wie eine Reihe klarer, konsequenter Entscheidungen. Sein Tod 1993 hat diesen Weg leider abrupt beendet, in der Erinnerung wird er aber immer ein grandioser Schauspieler bleiben.

    3. Corey Feldman (Teddy Duchamp)

    Teddy ist in Stand by Me der Junge, der nie auf halber Lautstärke funktioniert. Alles kommt bei ihm sofort raus, Wut, Übermut und Verletzlichkeit - oft in derselben Minute. Corey Feldman nahm genau diese wilde, nervöse Energie mit in die späten 80er und war plötzlich in Filmen wie Die Goonies und The Lost Boys überall präsent. Das war die Phase, in der sein Gesicht sofort gereicht hat, um einen ganzen Film in eine bestimmte Zeit zu verorten. Danach lief seine Karriere nicht mehr so klar weiter. Die großen Titel wurden weniger, kleinere Projekte rückten nach, und rund um seine Person wurde oft mehr geredet als über die Rollen selbst. Gerade deshalb fällt bei Filmen wie The Burbs – Meine teuflischen Nachbarn noch einmal auf, was er eigentlich konnte. Er brachte Tempo in Szenen, war sofort da und hatte dieses unruhige Charisma, das man nicht übersehen konnte. Was aus ihm geworden ist, ist deshalb keine glatte Erfolgsgeschichte, sondern eher das Porträt eines ehemaligen Kinderstars, bei dem Talent und Turbulenzen lange nebeneinanderherliefen.

    4. Jerry O’Connell (Vern Tessio)

    Vern ist der Tollpatsch - der gutmütige, oft unterschätzte Junge, der in Stand by Me seinen großen Auftritt hat, als er panisch von den Neuigkeiten erzählt. Jerry O’Connell vollzog nach dem Film einen ruhigeren, aber stetigen Wandel vom Kinderstar zum vielseitigen Charakterdarsteller und Synchronsprecher. Anstatt den großen Blockbuster-Sprung zu suchen, etablierte er sich in der Breite, spielte eine wichtige Rolle in Jerry Maguire – Spiel des Lebens und hielt über Jahre die Science-Fiction-Serie Sliders – Das Tor in eine fremde Dimension zusammen. Er ist der Typ Schauspieler, der immer wieder auftaucht, in Sitcoms, Krimiserien und als Moderator, ohne sich auf ein einziges Image festzulegen.

    5. Kiefer Sutherland (Ace Merrill)

    Ace ist kein Teil der Clique, sondern der Fiesling, der die unschuldige Sommerstimmung sofort in einen bedrohlichen Ernst verwandelt. Kiefer Sutherland nahm dieses Gefühl von Anspannung und Gefahr in seine gesamte spätere Karriere mit. Er spezialisierte sich auf Rollen, die ständig am Rande der Explosion stehen, wie der junge Medizinstudent, der in Flatliners – Heute ist ein schöner Tag zum Sterben die Grenze zum Tod überschreiten will. Sein größter Erfolg kam jedoch als Jack Bauer in der bahnbrechenden Echtzeit-Serie 24, wo er zum Inbegriff des unter konstantem Druck stehenden, entschlossenen Helden wurde. Diese Karriere ist ein Musterbeispiel für eine Spezialisierung, die sich von den vielen Comebacks und Richtungswechseln anderer Schauspieler unterscheidet. 

    6. Richard Dreyfuss (Erzähler)

    Die Stimme am Ende klingt nicht wie jemand, der eine Geschichte vorliest, sondern wie jemand, der sie selbst erlebt hat und jetzt weiß, was davon geblieben ist. Richard Dreyfuss bringt genau das mit - schon geprägt durch Filme wie Der weiße Hai und Unheimliche Begegnung der dritten Art. Nach Stand by Me taucht er immer wieder in Rollen auf, die genau dieses Zurückblicken tragen, etwa in Mr. Holland’s Opus, wo sich ein ganzes Leben erst im Nachhinein richtig zusammensetzt. Und dann gibt es Momente wie in Was ist mit Bob?, wo plötzlich Humor ins Spiel kommt und zeigt, dass diese Stimme auch ganz anders kann. Genau das macht ihn so passend für diesen Film.

  • Die zehn stärksten Filme, die in Deutschland spielen
    Oliver Baumgarten

    Oliver Baumgarten

    JustWatch-Editor

    Viele internationale Filme wurden schon in Deutschland gedreht, jedoch ohne, dass die Handlung auch in Deutschland verortet wäre – sei es Wes Andersons Grand Budapest Hotel (2014) oder Die Tribute von Panem – Mockinjay (2014). Ein Umstand, der nicht unwesentlich mit der deutschen Filmförderung verknüpft ist.

    In der folgenden Liste jedoch geht es um internationale Produktionen, deren Handlung zumindest zu großen Teilen in Deutschland spielt – um verfilmte Geschichten also, die verknüpft sind mit Motiven und Spielorten in Deutschland. Und natürlich dominieren da vor allem drei Themenfelder: der Nationalsozialismus bzw. der Zweite Weltkrieg, der Kalte Krieg sowie Berlin als modern-urbaner Backdrop. Die chronologisch sortierte Liste umfasst dabei populäre Klassiker oder Filme beliebter Reihen aus 80 Jahren Filmgeschichte und deckt bewusst eine sehr große Bandbreite an filmischen Ausdrucksformen ab.

    1. Deutschland im Jahre Null (1948)

    Der italienische Filmemacher Roberto Rossellini hat diese Bestandsaufnahme der deutschen Gesellschaft nach Ende des Zweiten Weltkriegs 1947 in den Trümmern Berlins gedreht. Im Mittelpunkt steht ein Junge, der für sich und seine Familie einen Platz in der düsteren Nachkriegswelt finden muss. Entstanden ist der Film im halbdokumentarischen Stil des Neorealismus, was ihm neben dem künstlerischen auch einen hohen zeitgeschichtlichen Wert beschert. Ähnlich wie Wolfgang Staudte und andere deutsche Regisseure, die nach dem Ende der Nazidiktatur von der Gegenwart jener Jahre erzählen, thematisiert auch Rossellini moralische Verwirrung und Neuorientierung der Menschen – allerdings mit einem fast bitteren Blick von außen. Zunächst in Deutschland verschmäht, zählt der 74-minütige Film heute zum anerkannten filmhistorischen Kanon.

    2. Eins, zwei, drei (1961)

    James Cagney trifft Liselotte Pulver. Billy Wilders berühmte Ost-West-Farce ist eine wahre Rarität: Sie vereint Spielorte und Gesichter des bundesdeutschen Nachkriegskinos mit Hollywoods Komödienhandwerk der obersten Schublade – eine irre Mischung, die aber ganz hervorragend funktioniert. Die Geschichte rund um den Direktor der Westberliner Coca-Cola-Filiale, dessen Intrigen bis nach Ostberlin reichen, gilt bis heute als Ost-West-Klassiker – und das auch deswegen, weil mitten in den Dreharbeiten die Mauer gebaut wurde und die Wirklichkeit damit die Fiktion im Eiltempo überholte. Der Spritzigkeit des Films hat das nicht geschadet – im Gegenteil: Die 108 Minuten stecken voller zeitgeschichtlicher Anspielungen und ironischen Gags. Die Hollywoodproduktion wurde komplett in der BRD gedreht, neben Berlin auch in München, wo mit großem Aufwand ein Nachbau des Brandenburger Tors entstand.

    3. Der Spion, der aus der Kälte kam (1965)

    Auch Martin Ritts Verfilmung des berühmten John Le Carré-Romans ist im geteilten Berlin angesiedelt und steht exemplarisch für ein ganzes Subgenre an Kalter-Krieg-Filmen. Bis heute gilt die englische Produktion als einer der wenigen Filme (ebenso wie der zugrundeliegende Roman), die den Alltag der Spionage im Kalten Krieg zwischen Ost und West recht realistisch darstellen. Fern des von den James Bond-Filmen angetriebenen Eurospy-Genres, in dem Agenten in schicken Anzügen, schnellen Autos und umgeben von attraktiven Frauen ein Bilderbuchleben des kapitalistischen Helden vorgaukeln, erleben wir in Der Spion, der aus der Kälte kam die Spionage als schmutziges, düsteres und trostloses Geschäft, das zudem moralisch mehr als zweifelhaft ist. Ein bis heute atmosphärisch großartiges Drama.

    4. Cabaret (1972)

    Bob Fosses Cabaret zählt bis heute zu den bedeutendsten Filmmusicals Hollywoods und hat insgesamt acht Oscars gewonnen. Das Musical führt ins (na klar) Berlin des Jahres 1931 und damit in ein Deutschland, das kurz vor der Machtergreifung der Nazi steht. Im Kern erzählt das Musical, das vornehmlich in und um den Nachtclub Kit Kat Club spielt, die Liebesgeschichte einer Tänzerin (Liza Minnelli) und eines Schriftstellers (Michael York). Ähnlich wie in Eins, zwei, drei treffen hier zwei Welten aufeinander: das uramerikanische Genre des Musicals und bundesdeutsche Produktionswirklichkeit. Alle Innenaufnahmen etwa entstanden in den Münchner Bavaria Studios, wo die Szenenbildner Rolf Zehetbauer, Hans Jürgen Kiebach und Herbert Strabel u.a. den Nachtclub gestalteten – und dafür mit dem Oscar reichlich belohnt wurden. Fesselnde 124 Minuten, insbesondere für alle, die dem klassischen Musical zugetan sind.

    5. Suspiria – In den Krallen des Bösen (1977)

    Jenseits all der Berlin-Filme und historischen Stoffe, die in Deutschland spielen, bewegt sich dieser Film, der zu Dario Argentos sicher berühmtesten Arbeiten zählt. In dem 94-minütigen Horrorfilm deckt eine amerikanische Tänzerin, die für ein Ballettstudium nach Freiburg gezogen ist, eine mörderische satanische Sekte auf. Wie so oft bei Argento entwickelt sich eine dichte mythisch-mystische Gruselatmosphäre, mit satten Farben und dynamischer Kamera erzählt. Das beschauliche deutsche Freiburg (in Teilen durch Bilder aus München ersetzt) unterstreicht das Märchenhafte des Films, das deutsche Setting wird zum Symbol des Unheimlichen, das sich mit dem Soundtrack der italienischen Band Goblin zum perfekten atmosphärischen Hintergrund verbindet.

    6. Top Secret (1984)

    Diese aberwitzige Spoof-Comedy von Zucker-Abrahams-Zucker, den späteren Schöpfern von Die nackte Kanone (1988), spielt überwiegend in der DDR. Es ist – grob gesagt – die Geschichte eines US-Rockstars, der ein Konzert in Ostdeutschland spielen soll und dort in einen Ost-West-Spionage-Plot gerät. Tatsächlich aber besteht der Film aus zahllosen Gags und Parodien auf Agenten- und Zweiter-Weltkriegsfilme. Zu den abstrus-absurden Momenten gehört in Top Secret vor allem die Darstellung der DDR, die natürlich in keiner Weise auf Recherchen beruht, sondern ausschließlich darauf, möglichst viele geschmacklose Gags zu platzieren. Das Ergebnis ist ein durchgeknalltes Bild eines Deutschland, das es natürlich nie so gegeben hat, das aber eine ganze Menge darüber erzählt, wie es vor allem in den USA Mitte der 1980er gesehen wurde. Aus dieser Perspektive betrachtet bietet der ohnehin schon knallvolle Film nochmal 90 Minuten lang eine ganz neue Seherfahrung. Versprochen!

    7. Die Bourne Verschwörung (2004)

    Die Filmreihe um den ehemaligen Auftragskiller der CIA, Jason Bourne, war vom ersten Teil an mit Deutschland verbunden – und zwar durch die von Franka Potente gespielte Marie, die sich in Jason Bourne, gespielt von Matt Damon, verliebt. Im zweiten Teil, Die Bourne Verschwörung, zieht es den Dissidenten dann für längere Zeit nach Deutschland – erst nach München und schließlich nach Berlin. Ein Markenzeichen der Filmreihe, die maßgeblich von Regisseur Paul Greengrass geprägt wurde, besteht aus den ausgeklügelt inszenierten und aufwändig geschnittenen Kämpfen und Verfolgungsjagden. Im Gegensatz zu vielen Martial-Arts-Filmen, die Kämpfe zu Hochglanz stilisieren, wirken Bourne-Actionsequenzen erstaunlich authentisch und irgendwie wie Handarbeit. Gerade Berlin hat sich als Kulisse dafür äußerst gut gemacht!

    8. Bridge of Spies: Der Unterhändler (2015)

    Steven Spielberg inszeniert ein Buch von den Coen-Brüdern: Eine hochkarätige, aber irgendwie irre klingende Prämisse, die in einem spannenden 142-Minuten-Film mündet. Zentrum der Handlung ist die Etablierung der sogenannten „Agentenbrücke” in Berlin, der Glienicker Brücke zwischen Potsdam und Westberlin, die im Kalten Krieg für den Austausch von Spionen und politischen Gefangenen genutzt wurde. Nicht nur spielt ein großer Teil des Films im Berlin der frühen 1960er Jahre. Die meisten Szenen wurden auch in Berlin und im Studio Babelsberg gedreht. Insbesondere der zentrale Drehort, die Glienicker Brücke, wurde mit großem Aufwand optisch angepasst und für mehrere Tage für den Dreh gesperrt. Bridge of Spies ist ein Hochglanz-Beispiel für die Agentenfilme, die den Kalten Krieg in Deutschland thematisieren. Er ist historisch ganz sicher sehr akkurat, aber – im Gegensatz zum Klassiker Der Spion, der aus der Kälte kam – nicht gänzlich frei von Pathos.

    9. The First Avenger: Civil War (2016)

    Zu den interessanteren Elementen des Marvel-Universums gehört seit jeher die Einbindung dieser phantastischen Superheldenlogik in unsere reale Welt. Völlig selbstverständlich fliegen da Figuren mit Superkräften durch die Gegend und bewerfen sich im Kampf mit PKWs. Besonders gut funktioniert dieser befremdlich-amüsante Effekt, wenn einem die Spielorte vertraut sind – was dann auch der Grund dafür ist, dass immer wieder Franchises an möglichst vielen Orten spielen. Man denke zum Beispiel an James Bond 007 – Der Morgen stirbt nie (1997), in dem der Titelheld in seinem fernsteuerbaren BMW eine wilde Verfolgungsfahrt durch Hamburg anstellt. In The First Avenger: Civil War ist es natürlich noch krasser, denn hier zum Beispiel bieten sich die Superhelden auf dem Leipziger Flughafen eine wahrlich epische Schlacht, und selbstverständlich finden sie in der Laufzeit von 148 Minuten auch Zeit, in Berlin vorbeizuschauen.

    10. John Wick: Kapitel 4 (2023)

    Ähnlich dem Bourne-Franchise macht auch die Action-Filmreihe um den Auftragskiller John Wick Station in Berlin. Weitaus düsterer und stylisher konzipiert, erschaffen die John-Wick-Filme stets eine ganz eigene, hochstilisierte Welt. Gerade aus dem Blickwinkel heraus betrachtet, ist es extrem spannend zu sehen, welches Bild John Wick: Kapitel 4 von Berlin zeichnet. Neben den Außenaufnahmen sind insbesondere einige Sets von Innenräumen interessant, die on location in Berlin gebaut wurden. So etwa wird das sowieso schon ungewöhnliche Berliner ICC-Gebäude nochmal extrem kühl und hochmodern umdesignt zu einem japanischen Hotel, und im Berliner Kraftwerk entstand ein hipper Nachtclub. Berlin wurde also in den John-Wick-Look umgestylt und wird dadurch zur passenden Kulisse für die harte Action, für die John Wick seit 2015 steht.

  • "Super Mario Galaxy" Movie überrascht mit Star Fox – und öffnet die Tür zu einem Nintendo-Multiversum
    Markus Brandstetter

    Markus Brandstetter

    JustWatch-Editor

    Was Marvel kann, kann doch der berühmteste italo-newyorker Videospielklempner schon lange. Die Rede ist einerseits von Multiversen – und die andere natürlich von (Super) Mario.

    Nintendo hat es einfach getan. Ohne Vorwarnung. Ohne Leak. Ohne das übliche Trommelfeuer aus Insiderposts und halbgaren Gerüchten, das eigentlich jedem großen Franchise-Announcement vorausgeht wie ein schlechtes Omen – einfach ein Poster, offiziell, Fox McCloud neben Mario, Arwing im Hintergrund, Glen Powell als Stimme, und wer jetzt fragt, wer Glen Powell ist: der Typ, der in Top Gun: Maverick (2022) Kampfjets flog und das Internet dazu brachte, ernsthaft über die Erotik des Militarismus nachzudenken, spricht jetzt einen anthropomorphen Fuchs im Weltraum, und das ist, bei Licht betrachtet, die konsequenteste Karriereentscheidung seit Jahren. Kinostart: 1. April 2026. Man möchte lachen. Man möchte sagen: natürlich, natürlich ist es der erste April, natürlich kündigt Nintendo ausgerechnet an diesem Datum an, dass Fox McCloud in einem Mario-Film auftaucht, als wäre das die selbstverständlichste Sache der Welt, als hätte man nur kurz vergessen, es früher zu erwähnen.

    Wer ist Star Fox – und warum taucht er ausgerechnet hier auf?

    Fox McCloud ist der Protagonist von Nintendos Weltraum-Shooter-Franchise, das seit 1993 existiert und dessen letztes nennenswertes Spiel Star Fox Zero auf der Wii U erschien – also jener Konsole, die buchstäblich niemand hatte. Pilot, Anführer einer Söldnereinheit, ikonischster Satz: „Do a barrel roll!" – was streng genommen eine Immelmann-Drehung ist, aber das hat die Fangemeinde nie gestört, weil es so gut klingt, dass die Ungenauigkeit irrelevant ist.

    Warum er jetzt im Super Mario Galaxy Movie (2026) auftaucht, ist weniger rätselhaft als es klingt: Der Film spielt im Weltraum, und der Weltraum ist, seit 1993, Fox McClouds Territorium. So einfach ist das.

    Wie wahrscheinlich ist ein Super Smash Bros.-Event oder Film?

    Super Smash Bros. ist Nintendos Crossover-Prügelspielreihe, in der Charaktere aus völlig verschiedenen Universen gegeneinander antreten – Mario, Link, Pikachu, und irgendwann dann auch Solid Snake, was bedeutet, dass eine Figur, die Atomwaffen schmuggelt, neben einem rosafarbenen Wesen antritt, das seine Feinde durch Einatmen vernichtet, und niemanden stört das, weil es eben so ist.

    Ein Smash-Bros.-Film wäre Nintendos Avengers: Infinity War (2018). Das große Event, dem die Einzelteile vorausgehen müssen. The Super Mario Bros. Movie (2023). Super Mario Galaxy Movie (2026). Eine Zelda-Verfilmung in Entwicklung. Fox taucht auf. Fans vergleichen ihn mit Nick Fury, der am Ende von Iron Man (2008) einen Koffer aufklappte. Vielleicht haben sie recht. Vielleicht ergibt es sich einfach so, weil es nur so viele Wege gibt, ein Universum aufzubauen.

    Das Crossover-Potenzial: Mario mit Pokémon und Sonic

    Pokémon gehört Nintendo – kein Problem, keine Verhandlung, eine Frage des Wollens. Sonic ist komplizierter. Sega besitzt die Figur, Paramount die Filmrechte, und Ben Schwartz, der den Igel seit Jahren spricht, kann sich einen Smash-Film noch so sehr wünschen: zwischen Synchronsprecher-Enthusiasmus und dem, was vier Rechtsabteilungen gleichzeitig unterschreiben, liegt erfahrungsgemäß sehr viel Schweigen.

    Trotzdem. Ein Post-Credit-Stinger, Sonic rennt durchs Bild, sagt nichts oder sagt genau das Richtige, verschwindet – das wäre das meistdiskutierte Filmereignis seit Jahren. Unrealistisch? Wahrscheinlich. Aber die Tatsache, dass man es sich so konkret vorstellen kann, ist an sich schon bemerkenswert.

    Andere Videospiel-Crossover im Kino und TV – und warum sie meistens scheiterten

    Es gab Pixels (2015), das Pac-Man, Donkey Kong und Q*bert gegen die Menschheit antreten ließ, mit Adam Sandler als Retter der Zivilisation, und das war so, wie es klingt. Es gab Captain N: The Game Master, eine Zeichentrickserie aus den frühen Neunzigern, in der ein Teenager mit Mega Man kämpfte – charmant für 1989, heute vor allem Dokument einer Ära, in der niemand wusste, was Videospiele sind, und alle trotzdem Fernsehsendungen darüber machten. Wreck-It Ralph (2012) kam am nächsten, war aber ein Original-Universum mit Referenzen, kein echter Crossover – eine Unterscheidung, die wichtiger ist, als sie klingt.

    Was Nintendo gerade baut, ist etwas anderes. Ob ein Klempner, ein Fuchs und eine Handvoll pflanzlicher Lebewesen tatsächlich den Anfang eines Nintendo-Kinouniversums markieren, wird sich zeigen. Die Voraussetzungen wären da.

  • Outlander-Stars Caitríona Balfe und Sam Heughan outen sich als Reality-Fans
    Nora Henze

    Nora Henze

    JustWatch-Editor

    Mit der achten und letzten Staffel von Outlander läuft für Sam Heughan und Caitríona Balfe gerade das finale Kapitel einer Serie, die beide über Jahre geprägt hat. Die Geschichte steuert auf ihr Ende zu, der große Drehstress liegt bereits hinter ihnen, und genau dadurch entsteht plötzlich Raum für Dinge, die im Dauerbetrieb kaum Platz hatten. 

    In so einem Moment wirkt die Frage nach dem eigenen „Guilty Pleasure“ deutlich ehrlicher als jeder klassische Promo-Talk. Was schaut man, wenn man nicht mehr jeden Tag am Set steht und der Kopf langsam runterfährt? Genau da setzt auch das „Sorry, not Sorry“-Format von JustWatch an und trifft die beiden in einer Phase, in der diese Frage tatsächlich etwas über ihren Alltag erzählt.

    „Ich liebe First Dates!“ – wenn aus einem “Guilty Pleasure” ein Gespräch wird

    Balfe macht den Anfang und geht direkt auf Distanz zum Begriff selbst. „Ich glaube, ich habe die Idee eines ‘Guilty Pleasure’ hinter mir gelassen. Wenn du es magst, magst du es.“ Ihre Wahl fällt auf First Dates, eine Dating-Show, die von genau den Momenten lebt, in denen alles noch offen ist. Heughan steigt sofort mit ein und gesteht: „Ich liebe ‘First Dates’! ‘First Dates Hotel’ ist auch wirklich gut!“ Er kommt direkt ins Schwärmen und erklärt Balfe, dass die Kandidaten bei diesem Reality-Ableger nach Italien fahren. Schnell merkt man, dass hier nichts zurechtgelegt ist - eher wirkt es wie ein gemeinsam geteiltes “Guilty Pleasure” zum Runterkommen. 

    Von Dating bis Handwerk: Die Shows, die man einfach laufen lässt

    Während Balfe zugibt, dass sie First Dates Hotel noch gar nicht gesehen hat, erweitert Heughan seine persönliche Liste fast nebenbei. Er zählt The Great Pottery Throw Down, Repair Shop, The Traitors auf - alles Formate, die eine ähnliche Ruhe haben und genau deshalb so gut funktionieren. Gerade First Dates ist dabei ein schönes Beispiel, weil es die Show längst in vielen Ländern gibt, natürlich auch in Deutschland, wo sie genauso von diesen kleinen, echten Begegnungen lebt: Zwei Fremde, ein Tisch und ein Gespräch, das sofort entscheiden kann, ob es zwischen zwei Kandidaten sowas wie Chemie gibt. Heughan wirkt ehrlich begeistert, als er sagt, dass er gerade all die guten Shows nachholt, für die vorher keine Zeit war. Und genau so fühlt sich dieser Moment auch an: weniger wie ein Geständnis, sondern mehr wie jemand, der gerne ausplaudert, was er in seiner Freizeit macht.

  • David Cronenberg als Schauspieler – alle Auftritte, gerankt nach Überraschungsfaktor
    Markus Brandstetter

    Markus Brandstetter

    JustWatch-Editor

    David Cronenberg dreht Filme, in denen Körper sich auflösen, verschmelzen oder in etwas Fremdes verwandeln. Er ist der Erfinder des Body Horror und nebenbei einer der eigenartigsten Nebendarsteller des nordamerikanischen Kinos. Seit Jahrzehnten taucht er in Filmen und Serien auf, die er nicht selbst gemacht hat. Manchmal macht das Sinn. 

    Manchmal überhaupt nicht. Er spielt böse Wissenschaftler, Serienkiller-Psychiater, Geheimagenten-Antagonisten und war 2001 offenbar fest entschlossen, auch in Jason X aufzutreten. Mit Ready or Not 2 (2026) ist gerade das bislang überraschendste Beispiel in den Kinos angelaufen. Anlass genug, alle nennenswerten Auftritte zu versammeln und zu sortieren: nach dem Grad der Überraschung, von naheliegend bis vollkommen absurd.

    Die Fliege (1986)

    Der eigene Film, also kein Überraschungsfaktor. Und trotzdem gehört dieser Auftritt ins Ranking, weil er den Grundstein für alles Weitere legt. In Die Fliege taucht Cronenberg kurz als Gynäkologe auf, eine Rolle, die niemanden verwundert, der auch nur zehn Minuten seines Werks kennt. Körper, Medizin, Kontrollverlust: Das ist sein Terrain, und er spaziert kurz hindurch. Es ist der klassische Hitchcock-Reflex, der Regisseur im eigenen Bild als stille Behauptung von Autorenschaft. Mehr Geste als Schauspielerei. Und doch ist es der Moment, in dem klar wird, dass Cronenberg kein Problem damit hat, selbst vor der Kamera zu stehen, wenn es passt. Vollkommen folgerichtig, fast schon Pflicht und gleichzeitig der Ausgangspunkt einer Nebenlaufbahn, die danach zunehmend eigenwilliger wird.

    The Shrouds (2024)

    Der Überraschungsfaktor bleibt gering, weil Cronenberg selbst Regie führt. Aber in The Shrouds steckt trotzdem ein Cameo — auf seine ganz eigene Art. Im Hintergrund einer Szene, in der ein Körper aus einem Grab gehoben wird, ist ein täuschend echter Abguss von Cronenberg selbst zu sehen, hergestellt ursprünglich für seine Rolle in der TV-Serie Slasher. Cronenberg erklärte in Interviews, dass er den Abguss kostengünstig und verfügbar fand, und dass er sich trotz der unscharfen Hintergrundposition mit ihm identifiziert. „Ich fühlte eine Verbundenheit mit dieser Leiche. Es war ziemlich seltsam." Der Film selbst ist sein persönlichster: inspiriert vom Tod seiner Frau Carolyn 2017, mit Vincent Cassel als seinem filmischen Alter Ego in der Hauptrolle. Dass Cronenberg sich in dieser Geschichte buchstäblich als Leiche einschmuggelt, ist kein Zufall. Es ist Cronenberg.

    Nightbreed (1990)

    Hier beginnt es interessant zu werden. Clive Barkers zweiter Spielfilm als Regisseur ist eine düstere Monster-Fantasy-Horror-Hybride, basierend auf seiner eigenen Novelle, und Cronenberg spielt darin den Hauptschurken: Dr. Decker, Psychiater am Tag, maskierter Serienkiller in der Freizeit. In Nightbreed ist das keine kleine Gastrolle, er trägt das erste Drittel des Films. Und er ist richtig gut dabei: kühl, bedrohlich, seltsam klinisch, genau die Eigenschaften, die man von jemandem erwartet, der selbst Dutzende Filme über Körper, Kontrolle und das Versagen beider gemacht hat. Dass Barker ihn wollte, macht Sinn. Dass er zusagte und dann eine derart präzise Leistung ablieferte, ist die eigentliche Überraschung. Cronenberg als Schurke in einem fremden Horrorfilm funktioniert, weil er weiß, wie Bedrohung aussieht, ohne sie ausspielen zu müssen.

    Trial by Jury (1994)

    Ein weitgehend vergessener Gerichtsthriller aus dem mittleren Studiojahrzehnt, und Cronenberg taucht darin auf und spielt einen Regisseur. In Trial by Jury hat man den Erfinder des Body Horror gecastet und ihm die Rolle eines Filmemachers gegeben. Das ist entweder ein Insiderwitz oder eine Art kollektiver Einfallslosigkeit, wahrscheinlich beides. Der Überraschungsfaktor ist moderat. Dass er überhaupt dort auftaucht, ist schon seltsam genug, aber die Rollenbesetzung ist so buchstäblich, dass sie fast wieder eine gewisse Konsequenz hat. Ein Mann, der Filme macht, spielt einen Mann, der Filme macht, in einem Film, den er nicht gemacht hat. Es gibt keine zweite Lesart. Und trotzdem ist die Entscheidung, Ja zu sagen, irgendwie typisch für ihn: unaufgeregt, unkommentiert, einfach da.

    Crash (1996)

    Cronenbergs eigener Film, aber er ist nur als Stimme zu hören und das ungenannt. In Crash spielt er einen Mitarbeiter eines Autoverwertungsbetriebs, kurz zu hören in einer einzigen Szene, ohne dass sein Name irgendwo im Abspann auftaucht. Er hat sich aktiv herausgehalten. Das ist entweder maximale Bescheidenheit oder ein stiller Witz auf seine eigenen Kosten. Der Mann, der diesen Film erdacht und inszeniert hat, einen der provokantesten Filme über Körper, Fetisch und Technologie, der je in Cannes einen Sonderpreis gewonnen hat, versteckt sich darin als namenlose Stimme am Rand des Geschehens. Kein Bild, kein Credit, keine Geste in Richtung Selbstdarstellung. Weniger Cameo als verschlüsseltes Lebenszeichen. Nur wer genau hinhört, weiß überhaupt, dass er da ist.

    Alias (2003)

    Die dritte Staffel von J.J. Abrams' Spionage-Serie: Sydney Bristow, Action, Doppelidentitäten, Network-TV zur Primetime. Und mittendrin David Cronenberg als Dr. Brezzel. In Alias ist das kein kleiner Auftritt, sondern eine ausgewachsene Gastrolle in einer der meistgesehenen US-Serien des frühen 2000ers, mit echten Dialogszenen und echter Funktion in der Handlung. Der Überraschungsfaktor ist erheblich, nicht wegen des Genres an sich, Thriller ist nicht so weit entfernt, sondern wegen des Formats und der schieren Reichweite. Ein Regisseur, der in Cannes preisgekrönte Provokationen dreht, sitzt plötzlich im Abendprogramm zwischen Verfolgungsjagden und Agentendialogen. Er hat die Rolle mit der ihm eigenen Trockenheit gespielt, berichten Beteiligte. Was sonst hätte er tun sollen.

    Jason X (2001)

    Cronenberg wollte diesen Cameo. Er hat ihn sich aktiv gesichert. Als sein langjähriger Spezialeffekte-Mann Jim Isaac als Regisseur für den zehnten Teil der Friday the 13th-Reihe engagiert wurde, ließ Cronenberg ausrichten: Die Crew könnt ihr haben, aber ihr müsst mich casten. Drehbuchautor Todd Farmer hat diese Verhandlung später öffentlich gemacht. In Jason X spielt Cronenberg Dr. Wimmer, einen generisch bösen Wissenschaftler, der früh und brutal stirbt, und er hat außerdem seine eigenen Dialogzeilen umgeschrieben, bevor er ans Set kam. Das ist kein Ironieprojekt, sondern schlicht Konsequenz. Wenn der Erfinder des Body Horror beschließt, im zehnten Jason-Film aufzutauchen, dann auf seinen eigenen Bedingungen. Der Überraschungsfaktor ist immens, und die Frage, wie viel Selbstbewusstsein dazu gehört, um sich genau diese Rolle zu sichern, beantwortet der Film im Grunde schon mit seiner bloßen Existenz.

    Ready or Not 2 (2026)

    Das Aktuellste und Absurdeste. Die Regisseure Matt Bettinelli-Olpin und Tyler Gillett haben in Interviews offen zugegeben, dass sie nie damit gerechnet hatten, dass er zusagen würde. Das Casting war ein Versuch auf gut Glück, initiiert vom Casting Director, und Cronenberg sagte Ja. In Ready or Not 2 spielt er Chester, den sterbenden Patriarchen der satanistischen Danforth-Familie, eine Rolle mit echtem Gewicht in der Handlung, kein kurzer Gastauftritt und kein selbstreferenzieller Witz. Ein Satanisten-Splatter-Horror-Comedy mit Samara Weaving und Sarah Michelle Gellar, und ganz oben in der Familienhierarchie sitzt David Cronenberg. Die Regisseure sagten, sie könnten es immer noch kaum glauben. Das ist verständlich. Es ergibt in einer verdrehten Logik vollkommen Sinn und ist gleichzeitig das Unerwartetste, was man sich hätte ausdenken können.

  • Elle Fannings Guilty Pleasure: Warum sie "Monsters University" liebt
    Markus Brandstetter

    Markus Brandstetter

    JustWatch-Editor

    Mit 27 Jahren hat Elle Fanning bereits mehr auf dem Buckel als die meisten Schauspielerinnen doppelten Alters. Seit ihrem Filmdebüt als Zweijährige in I Am Sam (2001) hat sie sich von der Kinderdarstellerin zur ernstzunehmenden Charakterschauspielerin entwickelt – mit Stationen bei Sofia Coppola, J.J. Abrams und zuletzt Joachim Trier. 

    Beim Cannes Film Festival 2025 überzeugte sie in Sentimental Value an der Seite von Stellan Skarsgård, legte mit Predator: Badlands einen spektakulären Ausflug ins Sci-Fi-Actionkino hin und produziert nebenbei über ihr eigenes Label Lewellen Pictures – gemeinsam mit Schwester Dakota – die Apple-TV+-Serie Margo's Got Money Troubles. Wer glaubt, dass jemand mit diesem Kunstanspruch privat nur Arthouse-Kost konsumiert, liegt aber falsch.

    Sorry Not Sorry

    In unserer JustWatch-Reihe „Sorry Not Sorry" verrät Elle Fanning ihr persönliches Guilty Pleasure – und es ist eines, das bei Pixar-Fans wohl kaum für Kopfschütteln sorgen dürfte: Monsters University (2013). „Ich liebe ihn. Ich finde, es ist einer der besten Animationsfilme", sagt sie – und fügt hinzu, dass sie sogar Spielzeuge von Mike Wazowski besitzt. Keine halben Sachen also.

    Unterschätztes Pixar-Prequel

    Monsters University ist das einzige Prequel, das Pixar je produziert hat, und erzählt, wie Mike Wazowski und Sulley sich an der „School of Scaring" kennenlernten – damals noch als erbitterte Rivalen, die beide davon träumten, die gruseligsten Monster auf dem Campus zu sein. Der Film spielte weltweit über 743 Millionen Dollar ein und hat trotzdem den Ruf, im Schatten des Originals zu stehen. Zu Unrecht, wie Fanning findet. Und ehrlich gesagt hat sie einen Punkt: Wo viele Prequels scheitern, weil sie nur Nostalgie recyceln, erzählt Monsters University eine eigenständige Geschichte über Ehrgeiz, Scheitern und echte Freundschaft. Wer einmal einen Mike-Wazowski-Plüsch im Regal stehen hat, gibt ihn offenbar nie wieder her.

  • Ryan Gosling und 6 weitere Stars, die überraschend gefeuert wurden
    Ahmet Iscitürk

    Ahmet Iscitürk

    JustWatch-Editor

    Ein Filmset ist ein ziemlich fragiles Ökosystem, in dem unterschiedliche Visionen aufeinandertreffen und manchmal endet diese Kollision mit einem knallharten Rauswurf. Während wir auf der Leinwand meist nur das glänzende Endergebnis sehen, verbirgt sich hinter den Kulissen oft ein Chaos aus kreativen Differenzen, angekratzten Egos oder schlichtweg falschen Erwartungen. 

    In diesem Artikel werfen wir deshalb einen Blick auf sieben prominente Fälle, in denen Hollywood-Größen ihre Koffer packen mussten, noch bevor die letzte Klappe fiel. Diese Geschichten machen deutlich, dass selbst ein großer Name und eine Millionengage keine Jobsicherheit garantieren. Am Ende sitzt immer jemand am längeren Hebel: mal der Regisseur, mal das Studio und manchmal auch die Investoren, ohne deren Geld die Produktion gar nicht zustande käme.

    Ryan Gosling – "In meinem Himmel" (2009)

    Der Fall von Ryan Gosling bei der Produktion von In meinem Himmel (2009) ist ein Paradebeispiel für mangelnde Kommunikation zwischen Schauspieler und Regisseur. Gosling hatte seine ganz eigene Vorstellung von der Rolle des trauernden Vaters Jack Salmon: Er war überzeugt, die Figur müsse übergewichtig und sichtlich mitgenommen aussehen. Um das zu erreichen, nahm er eigenmächtig rund 30 Kilo zu, indem er regelmäßig geschmolzene Eiscreme trank. 

    Als er so “maximiert” am Set erschien, war Regisseur Peter Jackson schockiert – denn der Look passte absolut nicht zu seiner Vorstellung der Figur. Gosling wurde umgehend gefeuert und durch Mark Wahlberg ersetzt. Goslings lapidarer Kommentar dazu: “Dann war ich plötzlich fett und arbeitslos.” Im Vergleich zu Eric Stoltz in Zurück in die Zukunft (1985), der wegen seiner zu ernsten Performance gehen musste, war Gosling einfach nur das Opfer schlechter Kommunikation.

    Eric Stoltz – "Zurück in die Zukunft" (1985)

    Eric Stoltz war bereits mehrere Wochen als Marty McFly vor der Kamera, bevor die Produzenten die Reißleine zogen und damit Filmgeschichte schrieben. Das Problem war keineswegs mangelndes Talent, sondern seine fast schon verbissene Intensität. Stoltz interpretierte das Ganze als tragisches, tiefgründig-dramatisches Abenteuer, während Regisseur Robert Zemeckis eine leichtfüßige Sci-Fi-Komödie im Sinn hatte. Stoltz’ Weigerung, seine Performance zu ändern, belastete die Stimmung am Set zunehmend.

    Sein Rauswurf war extrem riskant und teuer, da fast die Hälfte des Films mit Michael J. Fox neu gedreht werden musste. Heute wissen wir, dass es die richtige Entscheidung war. Dennoch bleibt die spannende Frage, was aus Zurück in die Zukunft geworden wäre, hätte man Eric Stoltz behalten und sich seiner Vision angepasst. Ein verkopftes Sci-Fi-Drama mit Oscar-Ambitionen, das an der Kinokasse floppt und damit nicht nur die Hoffnung auf Fortsetzungen begräbt, sondern gleich auch Robert Zemeckis’ Karriere?

    Stuart Townsend – "Der Herr der Ringe: Die Gefährten" (2001)

    Nur einen Tag vor dem offiziellen Drehbeginn wurde Stuart Townsend als Aragorn in Der Herr der Ringe: Die Gefährten (2001) entlassen. Regisseur Peter Jackson gelangte zur späten Erkenntnis, dass der damals erst 28-jährige Townsend schlichtweg viel zu jung und unerfahren aussah, um die enorme Autorität und die jahrzehntelange Last eines Waldläufers wie Aragorn glaubhaft zu verkörpern. Townsend hatte zwei Monate hart trainiert und sogar Fechtunterricht genommen, was die plötzliche Kündigung ohne jegliche Bezahlung besonders bitter für ihn machte. 

    Wie bei Ryan Gosling in In meinem Himmel scheiterte es auch hier nicht am Talent, sondern an der Diskrepanz zwischen Jacksons Vision und dem, was der Schauspieler auf die Leinwand brachte oder eben nicht. Townsend wurde kurzerhand durch Viggo Mortensen ersetzt, der seiner Rolle genau die mystische Reife und physische Schwere verlieh, die wir alle heute mit dem Charakter Aragorn verbinden. 

    Megan Fox – "Transformers 3" (2011)

    Der Abgang von Megan Fox aus der lukrativen Transformers-Reihe (2007) war kein kreatives oder schauspielerisches Problem, sondern ein diplomatisches Desaster der Sonderklasse. Nachdem sie den Regisseur Michael Bay in einem kontroversen Interview mit Hitler verglichen und seine Arbeitsmethoden als "Albtraum" bezeichnet hatte, forderte Produzent Steven Spielberg laut Branchenberichten ihren sofortigen Rauswurf. 

    Ihre Figur Mikaela Banes wurde ohne große Erklärung aus dem Skript von Transformers 3 (2011) gestrichen und durch eine andere Dame ersetzt. Ein kleiner Reminder dafür, dass man seinen Chef nicht vor der Weltpresse beleidigen sollte, wenn man weiterhin an Reichtum und Fame interessiert ist. Im Vergleich zu Edward Norton in The Incredible Hulk (2008), der nach dem Film wegen künstlerischer Differenzen nicht mehr ins MCU zurückkehrte, reichte bei Megan Fox ein verbaler Fehltritt aus, um ihre Franchise-Karriere zu beenden.

    Edward Norton – "The Avengers" (2012)

    Edward Norton ist ein brillanter Schauspieler, aber er will halt auch immer der Regisseur, Drehbuchautor und Produzent gleichzeitig sein. Bei The Incredible Hulk (2008) ging das Marvel so sehr auf die Nerven, dass Norton für The Avengers (2012) gar nicht erst berücksichtigt wurde. Man stellte unmissverständlich klar: Wir brauchen Teamplayer, keine Diven, die das Drehbuch umschreiben und ständig mit der Führungsebene streiten. Denn damals wurde das MCU zur perfekt durchgetakteten Fließbandproduktion – und Norton war zu kantig und eigenwillig für dieses System. 

    Kevin Feige, Chef von Marvel Studios, erklärte dazu: “Unsere Entscheidung basiert definitiv nicht auf finanziellen Faktoren, sondern darauf, einen Schauspieler zu haben, der die Kreativität und den Teamgeist unserer anderen talentierten Cast-Mitglieder verkörpert.” Heute gilt The Incredible Hulk mit Edward Norton unter vielen Fans als unterschätzte Perle, die – ähnlich wie Ang Lees Hulk (2003) – die innere Zerrissenheit von Bruce Banner stärker in den Mittelpunkt rückt.

    James Remar – "Aliens – Die Rückkehr" (1986)

    James Remar war ursprünglich für die Rolle des Corporal Hicks in Aliens – Die Rückkehr (1986) vorgesehen, doch nach ein paar Wochen wurde er durch Michael Biehn ersetzt. Der Grund waren keine kreativen Differenzen, sondern eine Verhaftung wegen Drogenbesitzes während der Produktion. Regisseur James Cameron fackelte nicht lange und warf ihn hochkant raus. Wer den Film heute genau beobachtet, sieht Remar in manchen Aufnahmen immer noch im Hintergrund – der ultimative Fun-Fact für jeden Filmabend. 

    Dieses Beispiel zeigt die düstere Seite Hollywoods, in der Alkohol und harte Drogen eine Weltkarriere von einer Sekunde zu anderen zerstören können, vor allem, wenn es die Sicherheit eines Millionen-Drehs gefährdet. Im Vergleich zu Megan Fox in Transformers 3, die sich “nur” eine verbale Entgleisung geleistet hat, brachte Remar die gesamte Produktion durch sein Handeln in die Bredouille – etwas, das er bis heute bereut, wie er in Interviews beteuert.

    Terrence Howard – "Iron Man 2" (2010)

    Terrence Howard war in Iron Man (2008) der Top-Verdiener des Casts und kassierte deutlich mehr Gage als Robert Downey Jr., der damals noch als riskante Wahl für die Hauptrolle galt. Später, als es an die Produktion von Iron Man 2 (2010) ging, wurde Howard überraschend durch Don Cheadle ersetzt, der die Rolle seitdem in mehreren Filmen und Serien verkörpert. Der Grund für diesen Wechsel war ein simpler Gehaltsstreit. 

    In einem Interview erklärte Howard später, dass man seine Gage kürzen wollte, um Robert Downey Jr. einen noch größeren Scheck zu ermöglichen. „Es stellte sich heraus, dass die Person, der ich geholfen hatte, Iron Man zu werden, beim zweiten Film das Geld, das eigentlich mir zustand, an sich nahm und mich dadurch rausdrängte“, so Howard. Für ihn war das ein bitterer Rückschlag und einer der Gründe, warum er seitdem keine wirklich großen Rollenangebote mehr bekommt.

  • Diese Buchcharaktere könnte die HBO-Serie „Harry Potter“ endlich zum Leben erwecken
    Markus Brandstetter

    Markus Brandstetter

    JustWatch-Editor

    Acht Filme, zwanzig Stunden Laufzeit, einer der bekanntesten Romanzyklen der Geschichte – und Peeves kam nie vor. Nicht einmal kurz. Nicht einmal als Witz. Rik Mayall hatte die Rolle, die Szenen wurden gedreht, und dann hat irgendjemand im Schnitt entschieden, dass ein anarchischer Poltergeist, der Hogwarts seit Jahrhunderten heimsucht, offenbar verzichtbar ist.

    Chris Columbus will den Drei-Stunden-Cut mit Peeves seit Jahren rausgebracht sehen, Warner Bros. schweigt. Dabei ist das nur das prominenteste Beispiel dafür, wie viel Rowlings Bücher zu bieten haben – und wie wenig davon ins Kino geschafft hat. Die HBO-Serie Harry Potter (2026), die zu Weihnachten 2026 startet, bekommt pro Buch eine ganze Staffel. Diese Figuren profitieren davon möglicherweise am meisten.

    Peeves 

    Irgendwo in einem Warner-Bros.-Archiv existiert also diese Aufnahme. Mayall als Peeves. Szenen, in denen er Chaos stiftet, Schüler nervt, Filch zur Weißglut treibt. Und nichts davon hat es in die finale Fassung geschafft, weil – nun ja, weil Hogwarts offenbar auch ohne seinen resident poltergeist funktioniert, wenn man dringend noch eine weitere Treppen-Establishing-Shot braucht. Dabei hat Peeves seinen besten Moment erst in Harry Potter und der Orden des Phönix (2007): den stummen Salut an Fred und George, als die beiden abhauen, gefolgt von einem monatelangen Rachefeldzug gegen Umbridge, bei dem er ihr buchstäblich Kreidewerfen nicht erspart. Dass er kommt, hat Gardiner bereits bestätigt.

    Firenze 

    In Harry Potter und der Stein der Weisen (2001) war er immerhin kurz da – Ray Fearon, Verbotener Wald, eine Szene, dann Abgang für immer. Was die Filme nie zeigten: In Order of the Phoenix stellt Dumbledore ihn als Wahrsage-Lehrer ein, woraufhin sein eigenes Volk ihn verbannt und beinahe tötet, weil er sich mit Menschen eingelassen hat. Firenze ist eine der wenigen Figuren der Reihe, die aktiv zwischen zwei Welten vermittelt – zwischen Zauberergesellschaft und magischer Kreaturenwelt, zwischen Gehorsam gegenüber den Sternen und dem Impuls, trotzdem einzugreifen. Eine ganze Staffel Order of the Phoenix gibt endlich die Zeit, das auszuspielen.

    Charlie Weasley

    Ron hat einen Bruder, der Drachen zähmt. Professionell, in Rumänien, mit den Narben an den Armen, die man sich dabei holt. In den Filmen existiert Charlie als Erwähnung und als verschwommene Gestalt in einem Familienfoto aus Prisoner of Azkaban (2004) – mehr nicht. Sein Auftritt beim Trimagischen Turnier, seine Rolle in der Battle of Hogwarts, sein gesamter Einfluss auf Rons Selbstbild als jüngster Bruder einer Reihe beeindruckender Geschwister – alles gestrichen. HBO hat bereits angedeutet, dass er kommt, mit einem Instagram-Post, der mit dem Hinweis endete, Charlie sei „gerade in Rumänien, stößt aber bald genug dazu." Nach dreißig Jahren wäre es langsam Zeit.

    Winky 

    Dobby wurde ikonisch, Kreacher bekam seinen Moment, und Winky – die Haushaltselfe von Bartemius Crouch, deren Geschichte direkt zur Aufdeckung von Voldemorts Plan führt – tauchte in keinem einzigen Film auf. Dabei ist sie kein dekorativer Nebencharakter, sondern jemand, dessen Loyalität und Absturz im vierten Band zu den ergreifendsten Details der gesamten Reihe gehören. Wer Hauselfen nur als Comic Relief kennt, kennt sie ausschließlich aus den Filmen.

    Professor Binns 

    Er ist irgendwann gestorben, hat es schlicht nicht registriert und unterrichtet seitdem als Geist Geschichte der Zauberei – monoton, unaufhaltsam, ohne jeden Anlass zur Aufregung, hauptsächlich über Goblinaufstände. Richard Durden übernimmt die Rolle in der Serie, und gut so, denn Binns ist kein Handlungsträger, sondern etwas Wertvolleres: ein atmosphärisches Detail, das erklärt, warum Hogwarts so ist, wie es ist.

    Nevilles Eltern

    In den Filmen bleibt Neville viel zu lange das tollpatschige Sidekick-Relief, dessen eigentlicher Bogen – einer der stärksten der gesamten Reihe – kaum Raum bekommt. Was die Bücher erzählen und die Filme fast vollständig streichen: Seine Eltern wurden von Bellatrix Lestrange in den Wahnsinn gefoltert und leben in St. Mungo's, wo Neville sie besucht und seine Mutter ihm jedes Mal einen leeren Kaugummipapier-Streifen in die Hand drückt, den er schweigend einsteckt. Seine Großmutter Augusta – streng, anspruchsvoll, liebend auf eine Weise, die Neville nie ganz sicher sein lässt – ist der Grund, warum er so ist, wie er ist. Diese Geschichte vollständig zu erzählen würde aus Neville das machen, was er in den Büchern immer war: einen der wichtigsten Charaktere der Reihe.

    Marietta Edgecombe

    In Order of the Phoenix (2007) verrät Cho Chang Dumbledores Armee an Umbridge – eine Vereinfachung, die Cho einfach schuldig macht und dabei eine interessante moralische Frage wegwischt. Im Buch ist die Verräterin Marietta Edgecombe, Chos Freundin, die unter Druck ihrer Eltern handelt und dafür mit dauerhaft eingeschriebenen Buchstaben im Gesicht bestraft wird – was Hermiones Vorsichtsmaßnahme erst zu dem macht, was sie ist: nicht einfach schlau, sondern auch etwas grausam.

    Ludo Bagman 

    Ehemaliger Quidditch-Star, Leiter des Ministeriumsbereichs für magische Spiele, notorischer Spielsüchtiger mit wachsenden Schulden bei einer Goblinhorde und dem strahlenden Lächeln eines Mannes, der seinen eigenen Ruin noch nicht ganz realisiert hat – Bagman ist einer der faszinierendsten Erwachsenen in Goblet of Fire und wurde komplett gestrichen. Mit einer ganzen Staffel für das vierte Buch gibt es keine Entschuldigung mehr.

    Merope Gaunt – warum Voldemort so wurde, wie er wurde

    Wer Voldemort wirklich verstehen will, kommt an Merope nicht vorbei: eine junge Frau aus einer verarmten, gewalttätigen Zauberererfamilie, die Tom Riddle Sr. unter Einfluss eines Liebestranks heiratet und kurz nach der Geburt ihres Sohnes stirbt, weil sie – so die naheliegende Deutung – einfach nicht mehr leben wollte. Harry Potter und der Halbblutprinz (2009) erzählt das in Dumbledores Pensieve-Erinnerungen, die Filme deuten es an, und die Serie hat endlich die Zeit, daraus zu machen, was es ist: die Herkunftsgeschichte eines Bösewichts, der kein Monster war, sondern das Produkt von Verlassenwerden.

    Hepzibah Smith

    Eine alte, wohlhabende Sammlerin, die dem jungen Tom Riddle zwei ihrer kostbarsten Besitztümer zeigt – Slytherins Medaillon und Hufflepuffs Pokal – und kurz darauf tot ist. Wenige Seiten im Buch, aber der Moment, in dem Voldemorts Methodik Form annimmt, bewusst und kalt und vollkommen konsequent. Die Filme ließen ihn weg – das sollte die Serie nicht wiederholen.

  • “Bridgerton” Staffel 5: Die Liebesgeschichte, auf die das Genre lange gewartet hat
    Nora Henze

    Nora Henze

    JustWatch-Editor

    In Bridgerton ging es immer darum, wer sich traut, gegen Erwartungen zu lieben - und genau hier setzt Staffel 5 an und verschiebt den Fokus spürbar! Zum ersten Mal steht nämlich eine Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen mitten im Zentrum und nicht nur am Rand. 

    Das wirkt weniger wie ein mutiger Schritt als wie etwas, das im Mainstream-Romance-Bereich lange gefehlt hat. Denn während große Liebesgeschichten in Serien und Adaptionen immer wieder neu erzählt wurden, blieb diese Perspektive auffällig selten dort, wo sie ihre volle Wirkung entfalten kann: im Mittelpunkt, mit genug Zeit, mit Gewicht und Komplexität und mit derselben emotionalen Konsequenz wie jede andere große Romanze. Bridgerton platziert genau das jetzt ins Zentrum und macht daraus keine Besonderheit, sondern eine Selbstverständlichkeit, die umso stärker wirkt, weil sie so lange nicht selbstverständlich war.

    Warum genau diese Perspektive so selten im Mittelpunkt steht

    Romantische Adaptionen haben queere Figuren in den letzten Jahren sichtbarer gemacht, aber diese Sichtbarkeit war nicht gleich verteilt. Beziehungen zwischen Männern wurden deutlich häufiger als zentrale Liebesgeschichte erzählt und aktiv ins Zentrum gerückt. Beziehungen zwischen Frauen dagegen blieben oft Nebenhandlung oder wurden vorsichtiger aufgebaut. Dahinter steckt weniger ein Mangel an Stoffen als eine lange Zurückhaltung im Mainstream, genau diese Perspektive als große, tragende Liebesgeschichte zu erzählen. Genau hier setzt Bridgerton an, ohne diesen Unterschied explizit zu thematisieren. Die Serie behandelt diese Beziehung nicht als Sonderfall oder bewusste Abweichung, sondern gibt ihr dieselbe Struktur wie jeder anderen großen Liebesgeschichte der Reihe. Das bedeutet vor allem: Zeit. Zeit für Aufbau, für Spannung, für leise Momente und für Konflikte, die sich nicht sofort auflösen. Diese Selbstverständlichkeit ist der eigentliche Bruch, weil sie etwas sichtbar macht, das lange gefehlt hat, ohne es zu kommentieren.

    Warum das im Kontext von „Bridgerton“ funktioniert

    Der entscheidende Punkt ist, dass Bridgerton nichts an seiner eigenen Erzählweise verändert. Die Serie bleibt bei dem, was sie von Anfang an ausgemacht hat: intensive Gefühle, gesellschaftlicher Druck, verbotene Nähe und diese langsame Verdichtung von Momenten, die sich über Blicke, Gesten und kleine Verschiebungen aufbauen. Diese Mechanik funktioniert unabhängig davon, wer im Zentrum der Geschichte steht, und genau deshalb trägt sie auch diese neue Konstellation ohne Reibung. Was sich verändert, ist nicht die Art des Erzählens, sondern die Perspektive. Und genau dadurch entsteht kein Bruch im Ton. Die Geschichte wirkt nicht wie eine Ausnahme, sondern wie eine logische Erweiterung dessen, was die Serie ohnehin erzählt. Sie wird nicht hervorgehoben oder erklärt, sondern einfach eingebettet, und genau das macht sie so wirkungsvoll, weil sie nicht als „anders“ markiert wird.

    Ein Happy End als klare Entscheidung

    Liebesgeschichten zwischen Frauen waren im Mainstream lange auffällig oft mit Tragik verbunden - nicht als bewusste Ausnahme, sondern als wiederkehrendes Muster. Dieses Muster hat geprägt, wie solche Geschichten wahrgenommen werden und welche Erwartungen mit ihnen verbunden sind. Dass Bridgerton hier bewusst einen anderen Weg geht und eine erfüllte, romantische Entwicklung in den Mittelpunkt stellt, ist deshalb mehr als nur eine inhaltliche Entscheidung. Es geht nicht nur darum, dass diese Figuren zusammenfinden, sondern darum, dass ihre Beziehung denselben Raum bekommt wie jede andere große Liebe der Serie, mit derselben Ernsthaftigkeit, derselben Emotionalität und derselben Konsequenz. Genau darin liegt die eigentliche Stärke von Staffel 5: Sie erzählt diese Geschichte nicht als Ausnahme, sondern als gleichwertige Romanze und verschiebt damit leise, aber spürbar die Erwartungen an das Genre.

  • So schlecht, dass sie schon wieder gut sind: Die besten Trash-Perlen gratis streamen
    Ahmet Iscitürk

    Ahmet Iscitürk

    JustWatch-Editor

    Manchmal ist Perfektion einfach langweilig. In einer Welt voller hochglanzpolierter Blockbuster wirken schlechte Filme wie eine notwendige Schocktherapie, damit man das Gute wieder zu schätzen weiß. Und einige Streifen liegen so komplett daneben, dass sie umso mehr ins Schwarze treffen. Willkommen in der wunderbaren Welt des „So bad, it’s good“-Kinos.

    Hier zählen keine schauspielerische Finesse oder logische Drehbücher, sondern der Mut zum Absurden und die unfreiwillige Komik, die entsteht, wenn Leidenschaft auf ein verschwindend geringes Budget oder schlicht mangelnde Expertise trifft. 

    Diese Filme sind wie Unfälle, bei denen man nicht wegsehen kann – nur dass am Ende niemand verletzt wird, außer vielleicht der Stolz der Regisseure. Wir haben zehn Perlen des glorreichen Scheiterns zusammengestellt, die dich garantiert besser unterhalten als manch ein Oscar-Anwärter.

    Instant Death (2017)

    Lou Ferrigno ist zurück, und wie! In Instant Death (2017) schlüpft der ehemalige Hulk-Darsteller in die Rolle eines traumatisierten Spezialeinheits-Veteranen, der eigentlich nur seinen Frieden finden will. Doch wie es das goldene Gesetz des B-Movie-Actionfilms vorschreibt, legen sich die falschen Gangster mit seiner Familie an. Was folgt, ist ein Rachefeldzug, der vor allem durch Ferrignos herrlich hölzerne Performance und eine fast schon körperlich spürbare Budgetknappheit besticht. Während es Pulp Highway (1996) misslingt, durch clevere Dialoge eine besondere Coolness zu erzwingen, versucht dieser Streifen ebenso vergeblich mitreißende Action zu inszenieren. 

    Ferrignos Gesichtsausdruck schwankt zwischen „ich habe Verstopfung“ und „ich habe meine Brille vergessen“, was dem Ganzen einen unfreiwilligen Comedy-Faktor verleiht. Kurz: Dieser Film ist das ideale Futter für Actionfans, die gerne über übertriebene One-Liner und schlecht choreografierte Kämpfe lachen. Wer ehrliches Trash-Kino sucht, das sich selbst viel zu ernst nimmt, kommt hier voll auf seine Kosten.

    Katakomben des Grauens (1959)

    Lange bevor moderne CGI-Monster die Leinwand beherrschten, mussten sich Filmemacher mit dem begnügen, was gerade im Requisitenlager herumlag. Katakomben des Grauens (1959), im Original als Attack of the Giant Leeches bekannt, ist ein Paradebeispiel für den kreativen (und billigen) Geist des 50er-Jahre-Horrors. Die „Riesenegel“ sehen verdächtig nach Tauchern in schwarzen Müllsäcken aus, was jede bedrohliche Szene sofort in eine Komödie verwandelt. Im Vergleich zum später gelisteten Eegah (1962) versprüht dieser Film jedoch eine fast schon nostalgische Sumpf-Atmosphäre, die trotz der absurden Kostüme hängen bleibt. 

    Die Handlung rund um untreue Ehefrauen und rachsüchtige Monster im Okefenokee-Sumpf ist herrlich melodramatisch und richtet sich an alle Fans von „Creature Features“, die gerne im Stil von Mystery Science Theater 3000 (1989) den Fernseher anschreien. Für alle, die sich kaum vorstellen können, wie man früher mit minimalstem Budget und viel schwarzer Plastikfolie das Publikum in Angst und Schrecken versetzen konnte, ist dies ein wichtiges historisches Zeitdokument. Ein absolutes Muss für jede Retro-Trash-Nacht!

    Pigs (1973)

    Der Titel ist Programm, doch wer hier einen süßen Bauernhof-Film erwartet, könnte nicht weiter daneben liegen. Pigs (1973) ist ein düsterer, seltsam hypnotischer Streifen über einen Café-Besitzer, der seine Schweine mit einer ganz speziellen Zutat füttert: Menschenfleisch. Der Film atmet den schmuddeligen Geist der frühen 70er Jahre und schwankt ständig zwischen psychologischem Thriller und Exploitation-Grauen. Er ist deutlich düsterer als der ebenfalls 1973 erschienene Männer wie die Tiger (1973), da er weniger auf Action und mehr auf eine verstörende, fast schon traumartige Atmosphäre setzt. 

    Die schauspielerischen Leistungen sind… vorhanden. Wirklich im Fokus stehen die titelgebenden Schweine, die Regisseur Marc Lawrence ungefähr so furchteinflößend inszenieren wollte wie den Weißen Hai – mit überschaubarem Erfolg. Zielgruppe sind hier definitiv Liebhaber von obskurem Kult-Horror, die ein Faible für das Groteske haben. Dass der Film versucht, eine ernsthafte Geschichte über Trauma zu erzählen, während im Hintergrund Schweine grunzend auf ihre nächste „Mahlzeit“ warten, macht ihn unfreiwillig einzigartig. Ein schrecklich schönes Beispiel für das Schock-Kino der 70er.

    Männer wie die Tiger (1973)

    Willkommen auf Terminal Island, einer Gefängnisinsel, auf der es keine Wärter gibt, sondern nur das Gesetz des Stärkeren. In Männer wie die Tiger (1973) sehen wir einen blutjungen Tom Selleck, der versucht, in einer brutalen Anarcho-Umgebung zu überleben. Der Film ist ein klassischer Vertreter des Exploitation-Kinos und dient fast schon als Blaupause für spätere Werke wie Die Klapperschlange (1981). Wo Lou Ferrigno in Instant Death die Ein-Mann-Armee mimt, haben wir hier einen Gruppen-Konflikt, der in herrlich überzogenen Explosionen und Schießereien gipfelt. 

    Es ist faszinierend zu sehen, wie sich die Macher bemühen, gesellschaftskritische Töne anzuschlagen, während sie gleichzeitig so viel nackte Haut und Gewalt wie möglich zeigen. Wer auf 70er-Jahre-Action und kuriose Trivia (Selleck before Magnum!) steht, wird hier bestens bedient. Es ist der perfekte Film für einen launigen Abend mit Freunden. Übrigens warte ich seit Jahren darauf, dass der geniale Soundtrack endlich auf Vinyl veröffentlicht wird.

    Deadly Weekend (2013)

    Modernes Trash-Kino hat oft das Problem, dass es versucht, absichtlich schlecht zu sein – doch Deadly Weekend (2013) wirkt glücklicherweise so, als hätten die Macher wirklich geglaubt, sie drehen den nächsten großen Thriller-Hit. Zwei Paare fahren für ein Wochenende in die Wildnis, und natürlich geht alles schief. Die Plot-Twists sind so hanebüchen und die Dialoge so weit von jeder menschlichen Realität entfernt, dass man aus dem Staunen nicht mehr herauskommt. Hier passiert ständig etwas, auch wenn es meistens keinen Sinn ergibt. 

    Die Kameraarbeit erinnert an eine Mischung aus Musikvideo und Urlaubsvideo von jemandem, der gerade erst gelernt hat, was ein Zoom ist. Dieser Film ist perfekt für ein Publikum, das Klischees in ihrer absurdesten Form erleben will. Es ist ein faszinierendes Beispiel dafür, wie man mit attraktiven Schauspielern und einer eigentlich soliden Grundidee komplett am Ziel vorbeischießen kann. Ein moderner Klassiker des „Was zur Hölee habe ich mir da gerade angesehen?“-Genres.

    Pulp Highway (1996)

    Mitte der 90er Jahre wollte jeder Regisseur der neue Quentin Tarantino sein, und Pulp Highway (1996) – im Original American Strays – ist das vielleicht kurioseste Ergebnis dieser Ära.  Mit einem überraschend namhaften Cast, darunter Luke Perry und Jennifer Tilly, verwebt der Film verschiedene Episoden in der Wüste zu einem bizarren Mosaik aus Verbrechen und Wahnsinn. Er ist deutlich ambitionierter als ein reiner Trash-Film wie Q: The Movie (1999), scheitert aber gerade an seinem eigenen Anspruch, besonders „cool“ und „abgefahren“ zu sein. 

    Die prätentiösen Dialoge sind so bemüht auf Kult getrimmt, dass sie schon wieder eine ganz eigene Form von Humor entwickeln. Wer das Kino der 90er liebt und eine Schwäche für Wüsten-Noir mit schrägen Charakteren hat, wird diesen Film als kleines, seltsames Juwel betrachten. Er ist die perfekte Zeitkapsel aus einer Ära, in der jeder Indie-Filmer dachte, er müsse mindestens fünf Handlungsstränge und einen Koffer voller Geld in seine Geschichte packen. 

    Mosquito-Man (2013)

    Manchmal reicht schon ein Titel, um zu wissen, worauf man sich einlässt. Mosquito-Man (2013) – auch bekannt unter dem treffenden Namen Sucker – liefert genau das, was der Name verspricht: Einen Mann, der sich nach einem bizarren Laborunfall in eine menschliche Mücke verwandelt. Die Spezialeffekte bewegen sich auf einem Niveau, das selbst die Macher von Katakomben des Grauens als „gewagt“ bezeichnet hätten. Während die Riesenegel von 1959 noch einen gewissen nostalgischen Bonus haben, sind die Effekte hier so offensichtlich schlecht, dass es fast schon wieder eine Kunst für sich ist. 

    Der Film ist für Leute gedacht, die Sharknado (2013) für zu intellektuell halten und einfach nur sehen wollen, wie jemand mit einem Rüssel im Gesicht versucht, böse Jungs auszusaugen. Es ist die ultimative „Hirn aus, Spaß an!“-Erfahrung für einen feuchtfröhlichen Filmabend. Mosquito Man ist eine unterschätzte Trash-Perle, die beweist: Manchmal reichen Billig-CGI und ein Typ im Mückenkostüm, um uns wieder herzhaft lachen zu lassen.

    Eegah (1962)

    „Watch out for snakes!“ Dieser Satz ist legendär geworden, und das verdanken wir dem unvergleichlichen Eegah (1962). Ein Steinzeitmensch, der in der Wüste Kaliforniens überlebt hat, verliebt sich in eine junge Frau und folgt ihr in die Zivilisation. Der Film ist ein absolutes Fest für Liebhaber von bizarrer Kameraarbeit und noch bizarreren Hauptdarstellern – allen voran Arch Hall Jr., dessen Frisur allein schon einen eigenen Film verdient hätte. Im Vergleich zu Kleiner Laden voller Schrecken (1960) fehlt diesem Werk jegliches komödiantisches Timing, was die unfreiwillige Komik jedoch ins Unermessliche steigert. 

    Die Zielgruppe sind hier Hardcore-Trash-Fans, die eine Vorliebe für die sonnengebleichte Ästhetik der frühen 60er Jahre haben. Der Film ist so langsam, so merkwürdig geschnitten und so voller unnötiger Szenen, dass er zu einem fast schon meditativen Erlebnis des schlechten Geschmacks wird. Ein Meilenstein des Kuriositätenkabinetts, den man einmal im Leben gesehen haben muss.

    Kleiner Laden voller Schrecken (1960)

    Roger Corman ist der König des schnellen Filmemachens, und Kleiner Laden voller Schrecken (1960) ist sein vielleicht berühmtestes Werk – Jahre später wurde es als Musical unsterblich. Gerüchten zufolge in nur zwei Tagen und einer Nacht auf bereits stehenden Kulissen gedreht, ist dieser Film ein mitreißender Mix aus schwarzem Humor und billigem Horror. Wir sehen einen sehr jungen, sehr enthusiastischen Jack Nicholson in einer kleinen Rolle als masochistischer Zahnarztpatient – ein absolutes Highlight.

    Die fleischfressende Pflanze Audrey Jr. ist herrlich simpel gestaltet und verlangt ständig nach mehr Futter. Der Film richtet sich an alle, die Lust auf ein Stück Filmgeschichte haben, das zeigt, wie viel Energie und Witz man mit minimalen Mitteln erzeugen kann. Little Shop of Horrors ist kurzweilig, charmant-bekloppt und besitzt eine Energie, die vielen modernen Komödien völlig abgeht. Ein echter Klassiker des Billig-Kinos, der auch nach Jahrzehnten noch bestens unterhält.

    Q: The Movie (1999)

    In Q: The Movie (1999) geht es um alles oder nichts: Cedrick verspricht seinen Eltern, keine Party zu feiern. Natürlich schmeißt er eine Barbecue-Sause, die schneller eskaliert, als man „Grillkohle“ sagen kann. Ein wunderbares Beispiel für die Urban-Comedies der späten 90er: minimales Budget, maximales Chaos. Anders als die unfreiwillige Komik von Instant Death (2017) sind hier Slapstick und Situationshumor gewollt – auch wenn die Gags oft meilenweit am Ziel vorbeischießen. 

    Die Low-Budget-Comedy richtet sich an alle, die 90er-Nostalgie lieben und über völlig überdrehte Party-Klischees sowie flachen Humor lachen können, der locker durch den Türschlitz passt. Dass Q technisch wie ein verlängertes Musikvideo wirkt, verstärkt nur den besonderen Trash-Charme. Ein ideales Finale für jeden Filmabend – und der Beweis: Das Leben schreibt die besten (und schlechtesten) Geschichten.

  • Colberts LOTR-Film: Wer in „Shadow of the Past“ auftauchen könnte – und wer fehlen wird
    Markus Brandstetter

    Markus Brandstetter

    JustWatch-Editor

    Sechs Kapitel, jahrzehntelang ignoriert, weggelassen, für unverfilmbar gehalten. Jetzt holt Stephen Colbert, eigentlich ja als Talkmaster bekannt, sie raus – und damit gleich eine Handvoll Figuren, auf die Tolkien-Fans seit 2001 gewartet haben.

    The Lord of the Rings: Shadow of the Past ist der vielleicht seltsamste Lore-Deepdive, den das Franchise je gewagt hat: kein neuer Schurke, keine neue Bedrohung. Stattdessen ein Rückblick auf den Moment, in dem alles fast schiefging, bevor es überhaupt richtig angefangen hatte. Wer dabei auftauchen wird, lässt sich aus Colberts eigenem Fahrplan ablesen - im Warner-Bros.-Video zu Tolkien Reading Day hat er die Kapitel direkt namentlich genannt.  Also: schauen wir rein.

    Sam, Merry, Pippin – die Heimkehrer

    Die drei stehen im offiziellen Logline. Vierzehn Jahre nach Frodos Abschied ziehen sie los, um ihre ersten Schritte noch einmal nachzugehen. Älter, schwerer, gezeichnet. Was Peter Jacksons Trilogie nie wirklich gefragt hat: Was bedeutet das Shire für jemanden, der Mordor gesehen hat? Shadow of the Past bekommt die Chance, genau das zu beantworten.

    Elanor Gamgee – die eigentliche Hauptfigur

    Sie ist der Joker im Deck. In Der Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs (2003) noch ein Säugling – gespielt, mit einem wunderbaren Meta-Moment, von Alexandra Astin, der echten Tochter von Sean Astin. Im Film ist Elanor jetzt vierzehn Jahre alt. Eine Teenagerin, die mit dem Mythos aufgewachsen ist, ohne ihn erlebt zu haben. Und die plötzlich ein Geheimnis aufdeckt, das alles in Frage stellt. Wenn Colbert seine Sache gut macht, wird sie die interessanteste Figur des Films.

    Tom Bombadil – endlich

    Kein Wenn, kein Aber. Deadline hat es bestätigt: Tom Bombadil ist dabei. Der meistdiskutierte Streichung der Adaptionsgeschichte bekommt seinen Auftritt – und ja, das ist ein Nerd-Traum. Jackson ließ ihn fallen, weil Bombadil dramaturgisch ein Albtraum ist. Mächtig, aber desinteressiert. Der Eine Ring lässt ihn kalt. Für einen Actionfilm: Problem. Für einen Film, der eine verborgene Geschichte über das Beinahe-Scheitern des Krieges erzählt? Plötzlich klingt genau diese Gleichgültigkeit nach dem Schlüssel zur ganzen Sache.

    Gandalf – möglich, aber keine Garantie

    In den Buchkapiteln, die Colbert verfilmt, taucht Gandalf kaum auf. Als Rückblende: denkbar. Als lebendige Figur im Jetzt des Films: schwieriger zu rechtfertigen. Ian McKellen hat die Rolle nie offiziell begraben. Aber Gandalf als reinen Fan-Service einzubauen wäre ein Fehler – und Boyens weiß das.

    Aragorn und Arwen – das Make-up-Problem

    Tolkien erwähnt es tatsächlich im Buch: Aragorn und Arwen besuchen die Hobbits im Shire, und Elanor wird dabei zur Ehrendame der Königin. Narrativ wäre ihre Anwesenheit also nicht aus der Luft gegriffen. Nur: Viggo Mortensen ist heute 67. Als er Die Rückkehr des Königs (2003) drehte, war er 43. Über zwanzig Jahre liegen dazwischen – während Aragorn im Film nur vierzehn gealtert sein dürfte. Wie das Make-up-Department das lösen will, ist eine der interessanteren Fragen, die niemand laut stellt. Aragorn altert als Dúnedain langsamer als normale Menschen. Mortensen nicht.

    Wer fehlen wird – und warum das richtig ist

    Legolas. Gimli. Boromir gehören nicht rein. Die sechs Kapitel spielen im Shire, im Alten Wald, in den Hügelgräbern. Die Gemeinschaft existiert zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht. Shadow of the Past ist kein Ensemble-Comeback-Film. So schade das ist: Genau das macht ihn aber auch interessant.

  • "Dune": 3 Buch-Charaktere, die in der Villeneuve-Verfilmung fehlen (und was uns in Teil 3 erwartet)
    Ahmet Iscitürk

    Ahmet Iscitürk

    JustWatch-Editor

    Denis Villeneuves Vision von Dune (2021) und Dune: Part Two (2024) hat das Science-Fiction-Kino zweifellos revolutioniert, doch wer Frank Herberts monumentale Buchvorlage Dune aus dem Jahr 1965 kennt, weiß, dass auf dem Weg zur Leinwand einige Figuren der Schere zum Opfer fielen. Die enorme Komplexität des Wüstenplaneten zwang Denis Villeneuve dazu, faszinierende Nebenhandlungen und spannende Figuren zu streichen, um den Fokus auf Paul Atreides’ tragischen Aufstieg zu wahren. 

    Unser Artikel richtet sich an alle Fans, denen die filmische Oberfläche nicht reicht und die wissen möchten, welche politischen Strippenzieher und bizarren Wesen im Hintergrund der Bücher lauern. Während wir gespannt auf die Fortsetzung blicken, analysieren wir hier das Potenzial der vergessenen Legenden und werfen einen Blick auf die Zukunft von Dune: Part Three (2026).

    Harah

    Harah ist im Roman die Ehefrau von Jamis, jenem Fremen, den Paul Atreides (Timothée Chalamet)  töten muss, um seinen Status bei den Wüstenbewohnern zu sichern. Nach dem Duell in Dune (1965) stellt Paul fest, dass er nach den Bräuchen von Sietch Tabr nun für Harah und ihre Kinder verantwortlich ist – sie wird faktisch sein Eigentum und seine Dienerin. Dass Villeneuve diese Figur in Dune: Part Two gestrichen hat, ist eine bewusste Entscheidung für ein modernes Frauenbild, da die Idee einer „gererbten Ehefrau“ kaum in die progressive Vision der Film-Fremen passt.

    Harah ist für Frank Herberts Fans interessant, die sich für die soziologischen Details des Wüstenplaneten begeistern, doch im Vergleich zu Hasimir Fenring hat ihr Fehlen keinen gravierenden Einfluss auf die Handlung des Films. Ihre Streichung macht den Plot fokussierter, nimmt ihm aber ein Stück jener fremdartigen, archaischen Härte, die das Buch so einzigartig macht.

    Count Hasimir Fenring

    Graf Hasimir Fenring bleibt wohl die schmerzhafteste Lücke für eingefleischte Buch-Fans, da er in Dune eine existenzielle Bedrohung für Paul darstellt. Als engster Vertrauter des Imperators Shaddam IV entstand er durch ein misslungenes Bene-Gesserit-Experiment – ein genetisch „Unvollkommener“, der beinahe die Fähigkeiten des Kwisatz Haderach erreicht hätte. Sein besonderes Alleinstellungsmerkmal: Pauls hellseherische Fähigkeiten können ihn nicht erfassen; er ist ein „blinder Fleck“ im Schicksal und damit der perfekte Attentäter.

    Das Fehlen dieser Figur in Dune stellt einen herben Verlust für die Zuschauerinnen und Zuschauer dar, denn Fenring verkörpert einen besonders vielschichtigen Bad Guy. Im Gegensatz zu Harah hätte Fenring eine echte physische und strategische Bedrohung für Paul sein können, da er dessen größte Waffe – die Vorhersehung – neutralisiert. Zwar macht sein Wegfall die Welt der Filme übersichtlicher, doch gleichzeitig nimmt er der Geschichte die faszinierende Erkenntnis, dass Paul keineswegs der einzige genetische Ausnahmezustand im Universum ist. Fenring bleibt somit die faszinierendste „Was-wäre-wenn“-Figur der bisherigen Adaption.

    Alia Atreides

    Obwohl Alia Atreides durchaus in den Filmen erscheint – etwa als ungeborenes Kind oder in einer Zukunftsvision mit Anya Taylor-Joy in Dune: Part Two (2024) – wurde ihre Zeit als Kleinkind komplett gestrichen. Im Buch ist Pauls jüngere Schwester eine der surrealsten Figuren, da sie durch Lady Jessicas Ritual im Mutterleib das Bewusstsein unzähliger Generationen erbt. Das Resultat ist die zutiefst verstörende Version eines Kleinkinds, das mit der Weisheit eines Erwachsenen spricht und sogar die Fremen sowie ihre eigene Mutter (Rebecca Ferguson) in Furcht versetzt. 

    In Herberts Roman ist es tatsächlich die zweijährige Alia, die Baron Harkonnen tötet, eine Tat, die im Film auf Paul übertragen wurde. Villeneuve verzichtete wohl auf diese Darstellung, da ein supersmartes, mordendes CGI-Kleinkind auf der Leinwand unfreiwillig komisch hätte wirken können. Da Dune: Part Three (2026) ganze zwölf Jahre nach den bisherigen Ereignissen ansetzt, wird das Publikum diese unheimlichen Kinderjahre im Kino wohl komplett überspringen, was für die filmische Ernsthaftigkeit sicherlich die richtige Entscheidung darstellt.

    Was uns in “Dune: Part Three” erwartet

    Während die ersten beiden Teile den Aufstieg von Paul Atreides zeigten, wird Dune: Part Three auf dem Roman-Sequel Dune: Messiah (1969) basieren. Die Handlung beginnt mit einem Zeitsprung von zwölf Jahren und zeigt Paul als gefestigten Imperator, der jedoch mit der dunklen Seite seiner Herrschaft konfrontiert wird. Wir verlassen also das Terrain der klassischen Heldenreise und blicken direkt in den Abgrund der Macht.

    Paul sitzt zwar als Imperator auf dem Thron, nachdem er Shaddam IV. gestürzt und durch seine Ehe mit Prinzessin Irulan (Florence Pugh) politische Bündnisse geschmiedet hat, doch der Frieden ist brüchig. Viele große Häuser misstrauen dem neuen Regime, und die Fremen unter Pauls Herrschaft entwickeln sich eher zu einer religiösen Massenbewegung als zu einer disziplinierten Streitmacht. In dieser neuen Ära ist Paul längst nicht mehr nur Anführer der Fremen, sondern eine messianische Figur, deren Kult sich verselbstständigt hat – mit verheerenden Folgen.

    Dune: Messiah stellt die unbequeme Frage, ob Pauls Rolle als Kwisatz Haderach wirklich eine göttliche Bestimmung ist oder ob er in einem Netz aus Prophezeiungen, religiösem Fanatismus und politischer Dynamik gefangen ist, das sich seiner Kontrolle entzieht. Auch Dune: Part Three dekonstruiert möglicherweise nicht nur den Messias-Mythos, sondern entlarvt den freien Willen als bloße Illusion – ein Glaubenssatz, den die Mächtigen zur Kontrolle der Massen missbrauchen.

    Star-Power: Die wichtigsten Neuzugänge in Teil 3

    Mit Dune: Part Three setzt Denis Villeneuve auf eine Riege hochkarätiger Neuzugänge. Im Zentrum des Interesses steht vor allem Robert Pattinson als Face Dancer Scytale. Er ist ein genetisch veränderter Gestaltwandler, der seine Fähigkeit nutzt, um Intrigen zu spinnen und andere zu manipulieren. Im direkten Vergleich zum eher brachialen und physischen Antagonismus der Harkonnen in Dune: Part Two agiert Scytale wie ein chirurgisches Skalpell, das seine Gegner präzise seziert. 

    Flankiert wird er von Anya Taylor-Joy, die nach ihrem kurzen Cameo nun als erwachsene Alia Atreides den Thronsaal dominiert, sowie von der mysteriösen Rückkehr von Jason Momoa als Ghola Hayt – einer Klonversion von Duncan Idaho. Übrigens: Auch Momoas Sohn Nakoa-Wolf wurde für den Sci-Fi-Blockbuster gecastet. Er verkörpert Leto II., den Sohn von Paul Atreides und Chani, während seine Zwillingsschwester Ghanima von Ida Brooke gespielt wird.

    Isaach de Bankolé übernimmt die Rolle von Farok, einem kampferprobten Fremen-Krieger, der bereits im ersten Roman eine wichtige, wenn auch in den bisherigen Filmen ausgesparte Rolle spielte. In der Vorlage wird Farok von Scytale getötet und es ist möglich, dass Villeneuve diesen Teil der Geschichte ändert, um Fans der Vorlage zu überraschen.

    Am Ende steht die zentrale Frage: Setzt Villeneuve weiter auf den klassischen, hollywoodtauglichen Heldenmythos – oder inszeniert er Paul Atreides als Warnfigur im Sinne von Frank Herberts Vorlage?

  • Wer ist Prinzessin Rosalina wirklich? Die wildeste Theorie rund um die Figur aus “Der Super Mario Galaxy Film”
    Nora Henze

    Nora Henze

    JustWatch-Editor

    Dass Rosalina in Der Super Mario Galaxy Film mehr ist als nur ein neuer Name im Cast, zeigt schon die Ausgangslage der Geschichte. Während Mario und Luigi ins All aufbrechen und Bowser Jr. dazwischenfunkt, wird Rosalina selbst zum Ziel der Handlung. Damit rückt eine Figur ins Zentrum, die sich sofort anders anfühlt als der Rest. 

    Sie wirkt nicht wie jemand, der einfach neu dazukommt, sondern wie jemand, dessen Geschichte längst begonnen hat. Genau daraus entsteht die eigentliche Spannung. Wer ist sie, woher kommt sie und wer sind ihre Eltern? Diese Fragen stehen im Film nicht am Rand, sondern treiben die Wahrnehmung ihrer Figur von Anfang an. Und genau deshalb wird eine alte Theorie plötzlich wieder relevant, weil sie genau diese Lücke füllt, ohne sie wirklich zu schließen.

    Der entscheidende Moment ist nicht laut, sondern seltsam vertraut

    Die Grundlage dieser Theorie liegt in Rosalinas Vergangenheit, die als zusammenhängende Bilderbuch-Erzählung aufgebaut ist. Man sieht sie als Kind, erlebt den Verlust ihrer Mutter und verfolgt, wie sie Schritt für Schritt ihren Weg ins All findet. Entscheidend ist dabei nicht nur, was erzählt wird, sondern wie. Die Geschichte arbeitet mit wiederkehrenden Bildern, mit Stimmungen und mit Übergängen, die eher Gefühle transportieren als klare Fakten. Genau in diesem Ablauf taucht ihre Mutter auf. Sie bleibt namenlos, wird nie eingeordnet und verschwindet wieder aus der Erzählung, hinterlässt aber einen starken Eindruck. Ihr Aussehen erinnert auffällig an Peach. Nicht eindeutig, nicht so, dass daraus automatisch eine Enthüllung wird, aber deutlich genug, dass die Verbindung sofort im Raum steht. Das komplette Storybook, wie es als zusammenhängende Sequenz erzählt wird, verstärkt genau diesen Eindruck. Es wirkt nicht wie eine klare Herkunftsgeschichte, sondern wie eine Erinnerung, die bewusst Lücken lässt. Und genau aus diesen Lücken entsteht die Theorie.

    Die Elternfrage: plausibel gedacht und trotzdem umstritten

    Wenn diese Ähnlichkeit mehr ist als Zufall, stellt sich im Film zwangsläufig die Frage nach Rosalinas Eltern. Die naheliegendste Antwort ist zugleich die bekannteste. Eine direkte Verbindung zu Peach würde die auffällige Nähe erklären und der Figur sofort eine klare Einordnung geben. Genau diese Version wird aber seit Jahren kritisch gesehen. In Diskussionen wird immer wieder darauf hingewiesen, dass diese Lesart zwar einfach ist, aber nicht wirklich zu Rosalinas Rolle passt. Sie wirkt nicht wie jemand, der sich problemlos in die bekannte Struktur einfügt. Eher im Gegenteil. Ihre Ausstrahlung ist distanziert, ihre Position schwer einzuordnen, und sie steht eher neben dieser Welt als mitten in ihr. Selbst kleine Details werden dabei als Gegenargument herangezogen, weil sie zeigen, dass hier keine eindeutige Verbindung angelegt wurde. Deshalb wirkt eine abgeschwächte Variante schlüssiger. Rosalina könnte aus derselben Linie stammen wie Peach, ohne direkt ihre Tochter zu sein. Diese Idee erklärt die visuelle Nähe, ohne die Figur auf eine einfache Familienlösung zu reduzieren.

    Warum der Film genau davon profitiert

    Für den Super Mario Galaxy Film liegt genau darin die eigentliche Stärke dieser Theorie. Die Herkunftsfrage muss nicht vollständig beantwortet werden, um zu funktionieren. Im Gegenteil. Wenn der Film diese Verbindung nur andeutet, entsteht genau die Spannung, die Rosalina als Figur trägt. Sie wirkt dann nicht wie jemand, der eine klare Antwort liefert, sondern wie jemand, dessen Geschichte größer ist als das, was der Film direkt zeigt. Ihre Vergangenheit beginnt mit einer Mutter, die aus einer vertrauten Welt stammt, führt über Verlust und Einsamkeit ins All und endet in einer Rolle, die sich nicht mehr eindeutig einordnen lässt. Genau diese Mischung aus Nähe und Distanz macht sie so besonders. Und genau deshalb funktioniert die Theorie im Film-Kontext nicht als Lösung, sondern als Verstärker. Sie gibt Rosalina Gewicht, ohne sie festzulegen, und sorgt dafür, dass jede Szene mit ihr mehr bedeutet, als sie auf den ersten Blick zeigt.

  • Die besten Filme von Phil Lord & Christopher Miller – vom Animations-Meisterwerk bis „Hail Mary“
    Markus Brandstetter

    Markus Brandstetter

    JustWatch-Editor

    2026 läuft Der Astronaut – Project Hail Mary in den Kinos – und er ist der Grund, warum man sich gerade die gesamte Filmografie von Phil Lord und Christopher Miller noch einmal anschauen sollte. Zwei Männer, die seit fast zwanzig Jahren Filme machen, die auf dem Papier nicht funktionieren dürften. Ein Film über Essensregen. 

    Eine Lego-Werbung, die plötzlich über Kreativität und Kontrolle nachdenkt. Ein Spider-Man-Film, der das Animationskino neu erfindet. Und jetzt ein Science-Fiction-Film mit Ryan Gosling, basierend auf einem der beliebtesten Romane der letzten Jahre. Die kurze Antwort darauf, wie das immer wieder funktioniert: Sie nehmen das Unwahrscheinlichste – und bauen es so präzise, dass man gar nicht merkt, wieviel Arbeit dahintersteckt. Ihre Gags sind nie nur Gags. Ihre Figuren scheitern immer, aber auf die richtige Art. Und irgendwie landet am Ende jedes Mal mehr als erwartet. Hier ist das Ranking, von gut bis unverzichtbar.

    9. The Mitchells vs. the Machines (2021) 

    Streng genommen haben Lord und Miller diesen Film nicht selbst gedreht – sie haben ihn produziert. Aber The Mitchells vs. the Machines trägt ihre Handschrift so deutlich, dass er ins Ranking gehört. Eine dysfunktionale Familie rettet die Welt vor einer KI-Apokalypse, animiert in einem Stil, der wie ein überdrehtes Teenagertagebuch aussieht – vollgekritzelt, laut, voller Energie. Der Film ist herzlicher als vieles, was Lord und Miller selbst inszeniert haben, vielleicht weil er etwas weniger kontrolliert wirkt. Regisseur Mike Rianda hat den Ton gut getroffen, und die Produzenten haben offensichtlich genug Freiraum gelassen, damit etwas Eigenes entstehen konnte. Kein Meisterwerk, aber ein Film, der mehr Aufmerksamkeit verdient hätte als er bekommen hat.

    8. Cloudy with a Chance of Meatballs (2009)

    Als Debüt bemerkenswert. Als Film: ordentlich, aber noch tastend. Cloudy with a Chance of Meatballs ist der Film, in dem man sieht, wie zwei Leute herausfinden, was sie eigentlich können – und wie viel davon schon funktioniert, bevor es vollständig sitzt. Flint Lockwood ist eine gute Figur: der klassische Verlierer, der an der eigenen Idee scheitert, der zu viel will und dabei alles eskalieren lässt. Das Chaos-Prinzip, das später ihr Markenzeichen wird, ist hier schon erkennbar. Aber nicht jede Pointe zündet, nicht jede Eskalation hat die Präzision, die ihre späteren Arbeiten auszeichnet. Man merkt das Tasten. Trotzdem: als Startpunkt einer Filmografie, die danach fast ausschließlich überrascht, ist das hier ein solider, ehrlicher Anfang. Sehenswert, ja. Unverzichtbar, nein.

    7. 22 Jump Street (2014)

    Der Film, der offen zugibt, dass er eine unnötige Fortsetzung ist – und genau daraus seinen Witz zieht. 22 Jump Street kommentiert in jeder Szene die eigene Existenz: Jeder Plotpunkt weiß, dass er eine Wiederholung ist, jede Eskalation ist größer als nötig, weil das bei Sequels eben so ist. Das ist cleverer als es klingt, und Hill und Tatum tragen das mit echter Energie und einer Dynamik, die sich seit dem ersten Teil weiterentwickelt hat. Das Problem: Irgendwann wird die Meta-Ebene selbst zur Routine. Der Witz, dass alles ein Witz ist, funktioniert nur so lange, bis man sich daran gewöhnt hat. Ein guter Trick, einmal vorgeführt – und dann merkt man, dass darunter nicht ganz so viel steckt wie beim Vorgänger.

    6. 21 Jump Street (2012)

    Der bessere der beiden Jump-Street-Filme, weil er noch nicht weiß, wie clever er ist. 21 Jump Street funktioniert einfach – als Buddy-Komödie, als Genre-Unterlaufung, als Film, in dem Channing Tatum plötzlich witzig ist und niemand so recht erklären kann, warum. Hill und Tatum sind keine Gegensätze, die sich ergänzen, sondern Spiegelbilder, die sich im Verlauf verschieben – wer hier der Schlaue ist und wer der Tollpatsch, wechselt subtil und konsequent. Der Film nutzt seine Ausgangssituation, um Erwartungen zu unterlaufen, ohne dabei die Grundstruktur zu verlieren. Direkt, fokussiert, ohne Spielereien. Er braucht keine Meta-Ebene, weil er auch ohne sie steht. Manchmal ist das die eigentliche Stärke.

    5. The Lego Movie 2: The Second Part (2019)

    Schwierige Position. Der erste Teil hat so viel vorweggenommen, dass die Fortsetzung fast zwangsläufig unruhiger wirkt. The Lego Movie 2: The Second Part reagiert darauf, indem er sich nicht wiederholt, sondern seine Erzählweise öffnet und fragmentierter wird – mehr Perspektivwechsel, mehr Brüche, ein Publikum, das älter geworden ist und entsprechend anders angesprochen werden will. Nicht alles geht auf. Die emotionale Präzision des ersten Teils fehlt stellenweise, und manche Ideen werden nicht vollständig eingelöst. Aber der Film versucht zumindest, etwas anderes zu sein, anstatt sich bequem zu wiederholen – und das verdient Respekt. Kein Meisterwerk, aber auch keine Blamage. Eher ein ehrlicher Übergang.

    4. Der Astronaut – Project Hail Mary (2026)

    Ihr bislang ernsthaftester Film – und gleichzeitig der, der am deutlichsten zeigt, wie weit sie gekommen sind. Der Astronaut – Project Hail Mary basiert auf Andy Weirs Roman und stellt Lord und Miller vor eine Aufgabe, die sich von allem unterscheidet, was sie vorher gemacht haben: ein Science-Fiction-Film, der emotional funktionieren muss, nicht nur strukturell. Ryan Gosling spielt einen Astronauten, der allein im All aufwacht, ohne Erinnerung daran, wie er dorthin gekommen ist – und der nach und nach begreift, was auf dem Spiel steht. Kein Ensemble, kein Meta-Witz, kein Genre-Kommentar. Einfach ein Film, der seinem Publikum vertraut. Dass Lord und Miller genau das hinbekommen, ist vielleicht die eigentliche Überraschung ihrer Karriere.

    3. The Lego Movie (2014)

    Was aussieht wie ein 100-Millionen-Dollar-Werbefilm für Plastiksteine, ist in Wahrheit einer der klügsten Animationsfilme der Dekade. The Lego Movie verbindet Ironie und Ernsthaftigkeit so, dass beides gleichzeitig gilt – man lacht, und dann trifft es einen doch. Die Prämisse hinterfragt sich selbst, ohne dabei zu kollabieren: Was als klassische Heldengeschichte beginnt, wird zur Reflexion über Kreativität, Kontrolle und das Verhältnis zwischen Regeln und Fantasie. Visuell konsequent, erzählerisch überraschend präzise, emotional ehrlicher als erwartet. Lord und Miller zeigen hier, wie gut sie Genre verstehen – und wie geschickt sie es nutzen, um etwas darunter zu verstecken. Das ist schwerer hinzubekommen als es aussieht. Und es sieht schon ziemlich schwer aus.

    2. Spider-Man: Across the Spider-Verse (2023)

    Größer, lauter, komplexer – und bewusst etwas zu viel. Spider-Man: Across the Spider-Verse ist der seltene Animationsfilm, der sich selbst nicht bremst, der lieber überladen wirkt als bequem. Manche Passagen kippen ins Chaotische, das offene Ende ist mutig bis riskant, und wer eine saubere Auflösung erwartet, wird enttäuscht. Aber genau deshalb bleibt er hängen. Der Film spiegelt seine eigenen Themen – Parallelität, Überforderung, das Scheitern als Zustand – auch strukturell wider. Er ist unruhig, weil seine Figuren unruhig sind. Das ist keine Schwäche, das ist Konsequenz. Visuell bleibt er herausragend, jeder Spider-Verse bekommt seinen eigenen Stil, seine eigene Energie. Wer Angst hat, zu viel zu wollen, macht keine Filme wie diesen.

    1. Spider-Man: Into the Spider-Verse (2018)

    Der Referenzpunkt. Nicht nur für Lord und Miller – für Animationskino insgesamt. Spider-Man: Into the Spider-Verse 

    ist so gut gebaut, dass man die Konstruktion kaum sieht: Stil, Rhythmus, Figur, Emotion – alles greift ineinander, nichts überlagert sich, nichts wirkt wie Kalkül, obwohl alles Kalkül ist. Miles Morales funktioniert sofort, weil er präzise positioniert ist, nicht weil er neu erfunden wurde. Der Film stellt sich die schwierigste aller Fragen – wie erzählt man eine Origin-Story, die jeder schon kennt, so, dass sie sich neu anfühlt – und beantwortet sie mit einer Sicherheit, die fast irritiert. Er wirkt leicht. Er ist es nicht. Das ist das Schwierigste überhaupt – und hier gelingt es vollständig, ohne Risse, ohne Kompromisse.

  • “Bridgerton” muss in Staffel 5 dieses Problem lösen
    Nora Henze

    Nora Henze

    JustWatch-Editor

    Bei Bridgerton geht es nie nur um die aktuelle Liebesgeschichte. Jede Staffel wirkt immer auch wie ein leiser Blick nach vorn, als würde die Serie ihre nächsten Schritte schon mitdenken, während sie noch mitten im Ballsaal steht. Genau deshalb ist Staffel 5 so ein sensibler Moment. Während Francesca in den Mittelpunkt rückt, beginnt im Hintergrund längst die nächste große Bewegung, die deutlich mehr entscheidet als nur eine weitere Romanze. 

    Eloise ist keine Figur, die man einfach in ihre eigene Staffel schieben kann und dann hoffen, dass alles funktioniert. Ihre Geschichte braucht Vorbereitung, Reibung und ein langsames Kippen ihrer Haltung. Wenn das jetzt nicht passiert, fühlt sich alles, was danach kommt, plötzlich zu spät an. Und genau hier liegt das eigentliche Risiko dieser Staffel: Sie muss gleichzeitig abschließen und eröffnen, ohne dass man den Übergang überhaupt bemerkt.

    Eloise braucht jetzt eine klare emotionale Richtung

    Eloise ist längst mehr als die skeptische Beobachterin am Rand. Ihre Haltung gegenüber Ehe, Gesellschaft und Nähe ist etabliert, aber genau darin liegt das Problem. Sie steht aktuell eher still als dass sie sich bewegt. Staffel 5 muss ihr eine neue emotionale Dynamik geben. Das bedeutet nicht, sie sofort in eine Romanze zu drängen, sondern sie in Situationen zu bringen, die ihre Überzeugungen herausfordern. In den Romanen von Julia Quinn wird Eloises Geschichte stark von Einsamkeit und dem Wunsch nach Verbindung getragen, auch wenn sie das lange nicht zugeben will. Genau diese leise, fast widersprüchliche Sehnsucht muss die Serie jetzt sichtbar machen. Nicht als plötzliche Wendung, sondern als schleichender Prozess, der sich durch die gesamte Staffel zieht.

    Das konkrete Setup: Briefe, Distanz und ein Leben außerhalb der Familie

    Die Vorlage liefert dafür eine sehr klare Struktur, die die Serie bisher kaum angerissen hat. Eloises Geschichte beginnt nicht mit einer Begegnung, sondern mit Distanz. Der Briefwechsel, der in den Büchern zentral ist, funktioniert deshalb so gut, weil er ihr erlaubt, Nähe zuzulassen, ohne sie sofort leben zu müssen. Genau hier liegt ein Schlüssel für Staffel 5. Die Serie sollte beginnen, Eloise in eine Situation zu bringen, in der sie sich erstmals bewusst außerhalb der vertrauten Welt bewegt. Das kann eine räumliche Trennung sein, aber auch eine emotionale. Wichtig ist, dass sie nicht mehr nur reagiert, sondern selbst aktiv Entscheidungen trifft, die sie aus der Bridgerton-Struktur herausführen. Gleichzeitig braucht es erste Andeutungen von Vertrauen. Nicht unbedingt gegenüber einer konkreten Figur, sondern gegenüber dem Gedanken, dass Verbindung nicht automatisch Verlust von Freiheit bedeutet. Kleine, fast unscheinbare Momente reichen hier aus. Ein Gespräch, das länger nachwirkt. Eine Entscheidung, die sie überrascht. Ein Impuls, den sie nicht sofort wegdrückt. Ohne solche Bausteine fehlt später die Glaubwürdigkeit für ihre eigentliche Liebesgeschichte.

    Ohne diesen Aufbau verliert “Bridgerton” seine Langzeitwirkung

    Das Erfolgsprinzip von Bridgerton basiert darauf, dass jede Staffel nicht isoliert funktioniert, sondern als Teil eines größeren emotionalen Geflechts. Wenn Staffel 5 Eloise nur am Rand mitlaufen lässt, entsteht eine Lücke, die sich später nicht mehr schließen lässt. Zuschauer investieren nicht erst dann in eine Figur, wenn ihre Staffel beginnt. Sie brauchen Vorlauf, Entwicklung, Reibung. Gerade Eloise ist dafür entscheidend, weil ihre Geschichte nicht von sofortiger Anziehung lebt, sondern von innerer Bewegung. Wenn die Serie diesen Aufbau jetzt ernst nimmt, fühlt sich Staffel 6 wie die Konsequenz einer Entwicklung an. Wenn nicht, beginnt sie bei null. Und genau das ist das Risiko, das sich Bridgerton an diesem Punkt nicht leisten kann.

  • Daniel Radcliffes ungewöhnlichste Rollen nach „Harry Potter“
    Arabella Wintermayr

    Arabella Wintermayr

    JustWatch-Editor

    Mit dem Ende der „Harry Potter“-Reihe hätte Daniel Radcliffe den bequemen Weg gehen können: prestigeträchtige Dramen, sympathische Rollen, vielleicht gelegentlich ein lukrativer Franchise-Auftritt. Doch stattdessen entschied sich der britische Schauspieler für das Gegenteil. Seine Filmografie liest sich wie ein bewusstes Anti-Karriereprogramm – und ist bevölkert von Leichen, Teufelsopfern, Waffenfetischisten und exzentrischen Kultfiguren.

    Daniel Radcliffe sucht offensichtlich nicht den Beifall, sondern das Risiko und nach Figuren, die sich jeder klassischen Heldenlogik entziehen. Diese Kompromisslosigkeit hat ihn vom ewigen Zauberschüler zu einem der eigenwilligsten Darsteller seiner Generation gemacht. Die folgende Liste versammelt Rollen, die niemand als nächste Stationen nach Hogwarts hätte kommen sehen.

    Arthur Kipps in „Die Frau in Schwarz“: Der trauernde Anwalt im Spukhaus 

    Daniel Radcliffes erster großer Schritt nach Harry Potter war zugleich eine bewusste Konfrontation mit Erwartungen. Im klassischen Gothic-Horror-Film Die Frau in Schwarz (2012) verkörpert er einen Witwer, der von Trauer und Schuld förmlich ausgehöhlt wurde. Arthur Kipps ist kein Held, sondern ein Mann, der sich nur noch mechanisch durch sein Leben bewegt – ein idealer Nährboden für übernatürlichen Schrecken.

    Die Zurückgenommenheit von Daniel Radcliffes Darbietung irritierte viele Zuschauer. Er spielt nicht gegen den Horror an, sondern lässt ihn geschehen, sieht ihm fast stoisch entgegen. Seine blasse Präsenz, die langen stillen Blicke und die unterschwellige Verzweiflung verleihen dem Film eine melancholische Schwere. Statt sich vom Potter-Image zu lösen, konterkarierte der Schauspieler es mit radikaler Ernsthaftigkeit.

    Rex Dasher in „Playmobil: Der Film“: Die selbstironische Agentenkarikatur

    Dass Daniel Radcliffe nach einer Fantasy-Saga ausgerechnet einen überdrehten Animationsagenten in Playmobil: Der Film (2019) sprechen würde, war eine durchaus überraschende Wendung. Rex Dasher ist eine Parodie auf klassische Actionhelden, er ist selbstverliebt, inkompetent und dennoch überzeugt, unwiderstehlich zu sein. Daniel Radcliffe spricht die Figur mit hörbarer Freude am Klamauk an und überzeichnet jede heroische Geste.

    Seine Stimme schwankt zwischen markiger Coolness und kindlicher Unsicherheit, wodurch der Charakter zugleich lächerlich und liebenswert wirkt. Besonders bemerkenswert ist, wie bereitwillig Radcliffe sein eigenes Image unterläuft: Statt sich als ernstzunehmender Leading Man zu positionieren, spricht er eine Figur, die genau diese Pose demontiert. Das Ergebnis ist eine charmante, bewusst alberne (Selbst-) Parodie.

    Nate Foster in „Imperium“: Der Undercover-Idealist im Neonazi-Milieu

    In Imperium (2016) spielt Daniel Radcliffe wiederum einen jungen FBI-Agenten, der sich in rechtsextreme Kreise einschleust – inklusive Glatze, Bomberjacke und aggressiver Körpersprache. Die physische Transformation allein wirkt schon irritierend, doch das Ungewöhnliche liegt tiefer. Nate Foster ist kein cooler Ermittler, sondern ein unsicherer Intellektueller, der sich permanent fragt, wie weit er gehen darf.

    Daniel Radcliffe spielt die hohe psychische Belastung dieser Doppelrolle mit nervöser Intensität. Seine Figur wirkt wie ein Fremdkörper in einer Welt, die Gewalt als zentralen Teil ihrer Identität versteht. Diese Fragilität macht den Film beklemmend und Daniel Radcliffes Darstellung zu einer der unerwartet ernsthaften Leistungen seiner Post-Potter-Phase.

    Verschiedene Rollen in „Miracle Workers“: Das Chamäleon im Anthologie-Format

    In der Anthologie-Serie Miracle Workers (2019) übernimmt Daniel Radcliffe in jeder Staffel eine neue Figur, vom naiven Himmelsangestellten über einen mittelalterlichen Prinzen bis hin zum religiösen Siedlerführer im Wilden Westen und einem postapokalyptischen Überlebenden. Auch diese Rollenwechsel zeigen, wie konsequent sich der Schauspieler gegen Wiedererkennbarkeit stemmt. 

    Allen Inkarnationen gemeinsam ist eine Mischung aus Gutmütigkeit, Überforderung und Chaos. Die Figuren, die Daniel Radcliffe spielt, meinen das Richtige zu tun, scheitern dabei aber regelmäßig grandios. Sein komödiantisches Timing verbindet sich hier mit einer erstaunlichen Bereitschaft zur Selbstentblößung – emotional wie körperlich.

    Ig Perrish in „Horns“: Der verfluchte Liebende mit Teufelshörnern

    Die Idee selbst klingt bereits wie ein Fiebertraum: Ein unschuldig des Mordes verdächtigter Mann wacht mit Hörnern auf, die Menschen dazu bringen, ihre dunkelsten Gedanken auszusprechen. Horns (2013) nutzt diese Prämisse, um eine Figur zu entwerfen, die zwischen Romantik, Horror-Kitsch und schwarzer Komödie pendelt.

    Daniel Radcliffe balanciert diese außergewöhnliche Rolle zwischen verletzlicher Trauer und diabolischer Ironie. Seine körperliche Präsenz – die Hörner, der zunehmend enthemmte Blick – verwandelt ihn in eine tragische Dämonenfigur. Kaum ein Film zeigt deutlicher, wie bereit Daniel Radcliffe ist, sich von Rollen zu lösen, denen man gemeinhin mit Sympathie begegnet.

    „Weird Al“ Yankovic in „Weird: Die Al Yankovic Story“: Die groteske Musiker-Biografie 

    Biopics folgen meist einer vertrauten Dramaturgie: Aufstieg, Krise, Triumph. Daniel Radcliffes Darstellung des Parodiesängers „Weird Al“ unterläuft dieses Muster allerdings. Weird: Die Al Yankovic Story (2022) ist weniger Lebensgeschichte als bewusst überdrehte Fantasie, in der Realität und Mythos ineinander übergehen. 

    Daniel Radcliffe spielt Al Yankovic mit völliger Hingabe an den Unsinn in allen Stationen, vom unscheinbaren Akkordeonspieler bis zur exzessiven Rockstar-Karikatur. Und gerade weil sich der Film von der Figur nie ironisch distanziert, sondern sie mit ernsthaftem Pathos ausstattet, funktioniert die Satire. Das Ergebnis ist eine Biografie, die ihre eigene Absurdität feiert.

    Miles Lee Harris in „Guns Akimbo“: Der unfreiwillige Gladiator des Internets

    Schon der Ausgangspunkt klingt überaus makaber: Miles erwacht und entdeckt, dass ihm Pistolen an die Hände montiert wurden – und dass er nun unfreiwillig zur Attraktion eines tödlichen Online-Spektakels geworden ist. Statt von souveränen Actionposen erzählt Guns Akimbo (2020) von einem Mann, der panisch versucht zu begreifen, was mit ihm geschieht und dabei immer tiefer in eine Spirale aus Gewalt und permanenter Überforderung gerät.

    Miles stolpert durch Explosionen, flieht vor professionellen Killern und reagiert auf Gefahr nicht mit Coolness, sondern mit nackter Angst. Daniel Radcliffe demontiert damit effektiv die heroischen Fantasien des Genres und ersetzt sie durch eine nervöse, beinahe verzweifelte Körperlichkeit. Das Ergebnis ist zugleich grotesk, brutal und überraschend komisch – ein Actionfilm aus der Perspektive eines Menschen, der für Action völlig ungeeignet ist.

    Prinz Frederick in „Kimmy gegen den Reverend“: Der eitle Aristokrat im Sonderformat 

    Im interaktiven Special zur Serie Unbreakable Kimmy Schmidt (2015-2019) tritt Daniel Radcliffe als exzentrischer britischer Prinz auf, der Kimmy heiraten will. Frederick ist ein karikatureskes Paradebeispiel aristokratischer Weltfremdheit: durchaus charmant, aber naiv und völlig überzeugt von seiner eigenen Bedeutung. 

    Hinter der höfischen Fassade verbirgt sich ein Mann, der keine Ahnung hat, wie die reale Welt funktioniert. Und statt majestätischer Würde liefert Daniel Radcliffe eine liebevolle Persiflage auf königliche Selbstgewissheit ab – in einem Erzähluniversum, das ohnehin von der grandios-mitreißenden Überdrehtheit lebt.

    Manny in „Swiss Army Man“: Die Leiche als Begleiter

    Kaum eine Rollenbeschreibung klingt absurder: Daniel Radcliffe spielt eine Leiche, die als multifunktionales Werkzeug dient – inklusive Flatulenz-Antrieb. Doch unter der grotesken Oberfläche verbirgt sich ein überraschend zärtlicher Film über Einsamkeit und Freundschaft.

    Daniel Radcliffes starre Mimik und die mechanischen Bewegungen erzeugen eine Mischung aus Komik und Melancholie. Je länger die Handlung von Swiss Army Man (2016) dauert, desto menschlicher wirkt diese Leiche, und desto fremder der lebende Protagonist. Es ist eine Performance, die Absurdität und Emotionalität auf ungewöhnliche Weise verbindet – und ohne Frage die bislang schrägste Rolle, die Daniel Radcliffe je gespielt hat.

  • Wer ist hier der Bösewicht? “Der Teufel trägt Prada” und 9 weitere Filme, bei denen wir auf der falschen Seite standen
    Nora Henze

    Nora Henze

    JustWatch-Editor

    Wer im Kino „gut“ und „böse“ ist, fühlt sich oft eindeutig an, bis ein Film diese Gewissheit langsam unterwandert. Dann kippt etwas ganz leise. Figuren, die zunächst wie klare Antagonisten wirken, bekommen plötzlich nachvollziehbare Motive, während die vermeintlichen Helden beginnen, unangenehm egoistisch oder blind zu handeln.

    Gerade jetzt wird das wieder heiß diskutiert, weil rund um Der Teufel trägt Prada 2 neu verhandelt wird, wer eigentlich der wahre „Böse“ ist. Und genau darin liegt der Reiz dieser Filme: Sie stellen keine Fallen, sie drehen nur minimal an der Perspektive und lassen uns damit komplett neu auf Figuren blicken. Am Ende bleibt weniger ein klares Urteil als ein unangenehmes Gefühl, vielleicht von Anfang an auf der falschen Seite gestanden zu haben.

    1. Der Teufel trägt Prada (2006)

    Eine junge Journalistin landet als Assistentin bei einer gefürchteten Modechefin und wird Schritt für Schritt Teil einer Welt, die sie eigentlich ablehnt. Anfangs scheint die Dynamik klar, Miranda ist die kalte, übermächtige Gegenspielerin, Andy die Identifikationsfigur, die sich irgendwie durchkämpft. Doch genau diese klare Linie beginnt zu bröckeln, je länger man hinschaut. Miranda ist nicht einfach grausam, sondern konsequent in einem System, das Härte verlangt, während Andy zunehmend selbst Teil dieses Systems wird und ihre eigenen Grenzen verschiebt. Besonders spannend ist dabei das Verhalten ihres Umfelds, das vermeintlich auf ihrer Seite steht, aber immer weniger Verständnis zeigt, sobald sie sich verändert. Nate kippt dabei von unterstützend zu passiv-aggressiv und wirkt plötzlich weniger wie moralischer Gegenpol als wie jemand, der Andys Entwicklung nicht akzeptieren kann. Der Teufel trägt Prada lebt genau von dieser Verschiebung, weil der Film keine einfache Antwort liefert, sondern die Zuschauer zwingt, ihre erste Sympathie zu hinterfragen.

    2. Mrs. Doubtfire – Das stachelige Kindermädchen (1993)

    Nach einer Scheidung verkleidet sich ein Vater als ältere Haushälterin, um weiterhin Zeit mit seinen Kindern verbringen zu können. Der Film lädt einen zunächst ein, klar Partei zu ergreifen, weil Daniel als warmherziger, kreativer Vater inszeniert wird, während Miranda streng und kontrollierend wirkt. Doch mit etwas Abstand verschiebt sich dieses Bild deutlich. Daniel handelt impulsiv, übernimmt kaum Verantwortung und überschreitet wiederholt Grenzen, ohne die Konsequenzen zu bedenken. Seine Verkleidung ist nicht nur ein harmloser Trick, sondern eine massive Täuschung, die alle Beteiligten betrifft. Miranda hingegen versucht, Struktur und Sicherheit zu schaffen, auch wenn sie dabei hart wirkt. Genau diese Reibung macht Mrs. Doubtfire – Das stachelige Kindermädchen so interessant, weil der Film einen emotional auf Daniels Seite zieht, während die Fakten zunehmend gegen ihn sprechen. Diese Diskrepanz bleibt hängen, weil sie zeigt, wie stark Sympathie unsere moralische Bewertung verzerren kann.

    3. Gone Girl – Das perfekte Opfer (2014)

    Eine Frau verschwindet spurlos, und schnell richtet sich der Verdacht auf ihren Ehemann. Was wie ein klassischer Thriller beginnt, entwickelt sich zu einem komplexen Spiel aus Manipulation, öffentlicher Wahrnehmung und bewusst konstruierten Narrativen. Nick wirkt zunächst wie der offensichtliche Täter, nicht zuletzt durch sein Verhalten vor der Kamera, das ihn unsympathisch und distanziert erscheinen lässt. Doch mit jeder neuen Wendung wird klarer, dass Amy eine ebenso aktive, kontrollierende Rolle spielt und die Geschichte gezielt lenkt. Gleichzeitig ist auch Nick kein unschuldiges Opfer, sondern jemand, der selbst durch Gleichgültigkeit und Untreue zur Eskalation beiträgt. Gone Girl – Das perfekte Opfer funktioniert deshalb so stark, weil der Film konsequent verhindert, dass man sich auf eine Seite festlegt. Jede neue Information verschiebt die Perspektive, bis klar wird, dass die Frage nach dem „wahren“ Bösewicht ins Leere läuft.

    4. The Social Network (2010)

    Die Entstehung von Facebook wird hier nicht als klassische Erfolgsgeschichte erzählt, sondern als Abfolge von Konflikten, gebrochenen Beziehungen und verletzten Egos. Mark Zuckerberg erscheint zunächst wie ein brillanter Außenseiter, der sich gegen ein elitär wirkendes Umfeld behaupten muss. Doch je weiter die Geschichte voranschreitet, desto deutlicher wird, wie kalkuliert und rücksichtslos er vorgeht. Gleichzeitig sind aber auch seine Gegenspieler nicht frei von Eigeninteressen und Ambitionen. Eduardo fühlt sich verraten, handelt aber selbst nicht immer klar, während die Winklevoss-Zwillinge stark aus einer Position der Privilegien heraus argumentieren. The Social Network lebt genau von dieser Ambivalenz, weil keine Figur eindeutig auf der „richtigen“ Seite steht. Stattdessen entsteht ein Bild, in dem jeder Beteiligte seine eigene Version der Wahrheit verteidigt, während das Gesamtbild immer komplexer wird.

    5. Prisoners (2013)

    Zwei kleine Mädchen verschwinden, und ein Vater beginnt zu glauben, dass er das Zepter in die Hand nehmen muss, wenn die Polizei nicht schnell genug vorankommt. Der Film baut diese Wut so nachvollziehbar auf, dass man sich erschreckend bereitwillig mitziehen lässt. Keller Dover ist kein cooler Rächer, sondern ein Mann in Panik, aber genau diese Panik sorgt dafür, dass man seine Eskalation länger akzeptiert, als man sollte. Das Unbehagen kommt schleichend. Irgendwann merkt man, dass man nicht mehr einfach nur mit einem verzweifelten Vater mitfühlt, sondern längst Taten mitträgt, die man aus sicherer Distanz sofort verurteilen würde. Prisoners ist auf eine unangenehme Art brillant, weil der Film das Publikum nicht über einen Twist erwischt, sondern über Empathie. Man steht auf der falschen Seite, weil man verstehen kann, warum jemand dorthin geht. Genau das macht diese Fehlparteinahme so hartnäckig. 

    6. Prestige – Die Meister der Magie (2006)

    Zwei Magier treiben ihre Rivalität immer weiter, bis aus Ehrgeiz Besessenheit wird und aus Konkurrenz regelrechte Selbstzerstörung. Der Film verteilt seine Sympathien zunächst so geschickt, dass man ganz selbstverständlich anfängt, einen der beiden als emotional näher und den anderen als problematischer zu lesen. Nur hält diese Zuordnung nicht lange. Mit jeder neuen Enthüllung wird klarer, dass hier keiner bloß Opfer des anderen ist. Beide verbrennen sich selbst und andere Menschen für den eigenen Mythos. Gerade das macht Prestige – Die Meister der Magie so stark für dieses Thema. Man sitzt nicht vor einem simplen Duell zwischen Held und Antagonist, sondern vor einer Erzählung, die einen aktiv dazu bringt, vorschnell Partei zu ergreifen. Und je weiter sie voranschreitet, desto peinlicher wirkt diese frühe Sicherheit. Der Film lässt einen am Ende nicht mit einem Sieger zurück, sondern mit dem Gefühl, beiden viel zu lange falsch geglaubt zu haben.

    7. The Wolf of Wall Street (2013)

    Jordan Belfort steigt auf, redet schnell, lebt laut und wird vom Film mit genau der Energie inszeniert, die auch seine Umwelt in ihn hineinprojiziert. Das ist der eigentliche Trick von The Wolf of Wall Street. Er zeigt Korruption, Größenwahn und Verwüstung nicht trocken von außen, sondern so verführerisch, dass man die Abstoßung erst verspätet wirklich fühlt. Man lacht, man staunt, man wird von dieser manischen Kraft fast mitgerissen, und dann merkt man plötzlich, dass der Film nicht Jordan verklärt hat, sondern nur sichtbar gemacht hat, wie bereitwillig wir bei Charisma beide Augen zudrücken. Genau deshalb passt er hier so gut. Die falsche Seite ist nicht die einer missverstandenen Nebenfigur, sondern die des Protagonisten selbst. The Wolf of Wall Street zwingt einen dazu, den eigenen Reflex zu hinterfragen, Erfolg und Witz viel zu lange als moralische Entlastung zu behandeln.

    8. Falling Down – Ein ganz normaler Tag (1993)

    Ein Mann steckt im Stau fest, steigt aus seinem Auto und läuft durch Los Angeles, während aus Frust langsam offene Gewalt wird. Der Film beginnt so, dass man sehr genau versteht, warum der Protagonist D-Fens kurz vorm Explodieren ist. Hitze, Lärm, Demütigungen, kleiner Ärger und großer Ärger - alles staut sich auf, und genau das macht diesen Film anfangs so gefährlich anschlussfähig. Man erkennt den Alltagsfrust wieder und sitzt plötzlich näher an dieser Figur, als einem lieb sein sollte. Das Raffinierte an Falling Down – Ein ganz normaler Tag ist, dass der Film diese Nähe nicht belohnt. Er schält immer klarer heraus, dass hier kein ehrlicher kleiner Mann gegen ein kaputtes System aufsteht, sondern ein zutiefst bedrohlicher Mensch seine Aggression zur Weltsicht erklärt. Die falsche Seite fühlt sich am Anfang verständlich an und wird dann von Minute zu Minute hässlicher.

    9. Memento (2000)

    Leonard versucht, den Mörder seiner Frau zu finden, obwohl ihm durch sein Kurzzeitgedächtnis jede neue Information wieder entgleitet. Ein Film muss sich schon einiges trauen, um mit so einer Ausgangslage noch dafür zu sorgen, dass man irgendwann die eigene Parteinahme anzweifelt, aber genau das macht Memento. Weil wir an Leonards Wahrnehmung gebunden sind, nehmen wir seine Ziele, seine Wut und seine Urteile viel unmittelbarer an, als wir es sonst vielleicht tun würden. Das ist emotional vollkommen logisch und genau deshalb so effektiv. Erst nach und nach sickert durch, dass diese Perspektive nicht nur lückenhaft, sondern auch gefährlich formbar ist. Plötzlich geht es nicht mehr nur darum, ob Leonard die Wahrheit findet, sondern ob wir ihm viel zu bereitwillig gefolgt sind. Memento macht einen nicht nur unsicher, sondern lässt einen merken, dass man eine ganze Geschichte auf einem Fundament gebaut hat, das nie stabil war.

    10. Shutter Island (2010)

    Ein US-Marshal reist auf eine abgelegene Insel, um das Verschwinden einer Patientin aus einer psychiatrischen Einrichtung zu untersuchen. Die Geschichte wird strikt aus seiner Perspektive erzählt, wodurch seine Wahrnehmung lange als verlässlich erscheint. Doch genau das wird zum zentralen Spiel des Films. Hinweise, die zunächst wie Beweise wirken, bekommen plötzlich eine andere Bedeutung, und die Realität beginnt zu kippen. Shutter Island nutzt diese Unsicherheit, um die Zuschauer aktiv in die Irre zu führen, ohne dabei unfair zu sein. Stattdessen entsteht ein komplexes Bild, in dem die Frage nach Schuld und Wahrheit immer schwerer zu greifen ist. Am Ende bleibt weniger eine klare Antwort als die Erkenntnis, wie sehr Perspektive darüber entscheidet, wen wir als „Bösewicht“ wahrnehmen.

  • Marvel-Filme richtig anfangen: 5 perfekte Wege ins MCU
    Nora Henze

    Nora Henze

    JustWatch-Editor

    Manchmal ist das Marvel-Problem gar nicht die Lust, sondern der Einstieg. Da stehen plötzlich Dutzende Filme im Raum, überall Namen, Verbindungen, Post-Credit-Szenen, und aus einem entspannten Filmabend wird schnell das Gefühl, erst mal einen Stundenplan zu brauchen. 

    Genau deshalb bringt die Frage nach dem richtigen Startpunkt so viel mehr als irgendeine starre Komplettliste. Nicht jede Person will dasselbe aus diesem Universum ziehen. Manche wollen das große Epos, andere nur die stärksten Hits, wieder andere lieber Humor, Weltraumchaos oder Figuren, die sich noch halbwegs wie Menschen mit normalen Problemen anfühlen. Beim MCU ist es so kompliziert, weil Marvel selbst inzwischen sowohl eine offizielle Veröffentlichungsreihenfolge als auch eine offizielle Timeline führt und das Ganze längst von der Infinity Saga bis zur Multiverse Saga reicht. Wir zeigen euch fünf der vielen Wege auf, die man gehen kann.

    1. Der klassische Weg

    Wer Marvel so erleben will, wie das Publikum es damals Stück für Stück entdeckt hat, sollte ganz unspektakulär mit Iron Man (2008) anfangen und dann grob der Veröffentlichungsreihenfolge folgen. Das ist nicht nur der sauberste, sondern oft auch der befriedigendste Einstieg, weil sich hier wirklich anfühlt, wie aus einzelnen Filmen langsam etwas Größeres entsteht. Thor (2011) bringt Mythos rein, Captain America: The First Avenger (2011) den alten Heldenpathos, Marvel’s The Avengers (2012) schließlich das erste echte Zusammenprallen all dieser Energien. Der Reiz dieses Pfads liegt darin, dass die Figuren noch Luft zum Atmen haben. Das MCU wirkt hier nicht wie ein übervoller Katalog, sondern wie ein Versprechen, das immer größer wird. Anders als beim schnellen Weg bekommt man hier auch die kleinen Übergänge mit, also genau die Momente, durch die spätere Höhepunkte überhaupt erst so richtig knallen.

    2. Der schnelle Weg

    Nicht jede Person will erst zwanzig Filme Hausaufgaben machen, bevor es emotional ernst wird. Für genau diesen Fall ist der schnelle Weg ideal. Du beginnst mit Iron Man (2008), gehst dann direkt zu Marvel’s The Avengers (2012), nimmst The Return of the First Avenger (2014) mit, springst zu Guardians of the Galaxy (2014), dann zu The First Avenger: Civil War (2016), Thor: Tag der Entscheidung (2017), Avengers 3: Infinity War (2018) und Avengers 4: Endgame (2019). Das ist die Route für alle, die möglichst schnell verstehen wollen, warum Marvel einmal ein derartiges Massenphänomen war. Dieser Pfad opfert zwar ein paar Zwischentöne, aber er hält das Tempo hoch und zeigt sehr klar, was dieses Kino im Kern ausmacht: Figurenbindung, Eskalation, Humor und am Ende das Gefühl, bei einem riesigen Popkulturmoment angekommen zu sein. Im Unterschied zum klassischen Weg fühlt sich das hier eher wie eine gut kuratierte Greatest-Hits-Tour an.

    3. Der kosmische Weg

    Wenn dich bei Marvel weniger Militär, Geheimdienste und Superheldenpolitik interessieren, sondern eher das Gefühl von Größenwahn, Farbe und galaktischem Irrsinn, dann ist der kosmische Weg der schönste Einstieg. Fang mit Guardians of the Galaxy (2014) an, geh weiter zu Guardians of the Galaxy 2 (2017), dann Thor: Tag der Entscheidung (2017), Avengers: Infinity War (2018), Captain Marvel (2019) und später Guardians of the Galaxy 3 (2023). Diese Route zeigt Marvel von seiner lockersten, seltsamsten und oft auch herzlichsten Seite. Gerade die Guardians-Filme verstehen etwas, das im MCU nicht jeder Titel gleich gut kann: Weltaufbau darf hier Spaß machen, ohne seelenlos zu wirken. Zwischen all dem Neon, den schrägen Kreaturen und dem Chaos steckt erstaunlich viel Gefühl. Anders als der bodenständigere Action-Pfad wirkt dieser Einstieg nicht wie der Beginn eines Systems, sondern wie der Einstieg in ein Universum, das sich traut, gleichzeitig albern, traurig und riesig zu sein.

    4. Der bodenständige Weg

    Marvel kann auch dann am besten funktionieren, wenn es nicht dauernd um Portale, Götter und Weltuntergang geht, sondern um Figuren, die mit sehr handfesten Konflikten zu tun haben. Für diesen Weg startest du mit Iron Man (2008), gehst zu Captain America: The Winter Soldier (2014), dann Ant-Man (2015), Black Panther (2018) und Black Widow (2021). Hier fühlt sich das MCU greifbarer an. Technologie, Macht, Staat, Verantwortung und Identität stehen stärker im Vordergrund als die ganz große kosmische Mythologie. Gerade Black Panther (2018) zeigt, wie viel Spannung Marvel entwickeln kann, wenn die Geschichten nicht nur von Kräften leben, sondern von politischen und persönlichen Reibungen. Im Vergleich zum kosmischen Weg hat dieser Pfad mehr Druck auf dem Kessel und deutlich weniger Weltraumstaunen.

    5. Der chaotische Spaßweg

    Vielleicht willst du gar nicht den perfekten Überblick, sondern einfach sofort dahin, wo Marvel am wildesten, lockersten und am meisten im Popcornmodus funktioniert. Dann nimm den Chaosweg. Starte mit Spider-Man: Homecoming (2017), geh zu Spider-Man: Far From Home (2019), dann Spider-Man: No Way Home (2021), Doctor Strange in the Multiverse of Madness (2022), Thor: Love and Thunder (2022) und danach Deadpool & Wolverine (2024). Das ist kein Pfad für Puristinnen und Puristen, sondern für Leute, die Energie wollen, Tempo, Fanservice, Witz und das Gefühl, dass ständig irgendetwas schiefgehen oder explodieren kann. Diese Route funktioniert besonders gut, wenn du keine Lust auf lückenlose Ordnung hast und lieber erst mal sehen willst, wie elastisch Marvel als Unterhaltungsmaschine sein kann. Anders als der klassische Weg lebt dieser Einstieg nicht von sauberem Aufbau, sondern von der Freude daran, dass dieses Universum inzwischen auch ein bisschen unverschämt, überdreht und selbstironisch sein darf.

  • Oscars 2027: Diese Filme könnten Favoriten werden
    Nora Henze

    Nora Henze

    JustWatch-Editor

    Die Oscars sind jedes Jahr ein Spiel aus Timing, Momentum und diesem schwer greifbaren Gefühl, dass ein Film plötzlich größer wirkt als alles andere. Genau jetzt ist diese Phase besonders spannend, weil sich erste Favoriten abzeichnen, ohne dass irgendetwas feststeht. Manche Projekte tragen ihre Ambitionen offen vor sich her, andere schleichen sich über Festivals ins Gespräch. 

    Nach Jahren, in denen Filme wie Oppenheimer oder Everything Everywhere All at Once gezeigt haben, wie weit das Spektrum inzwischen reicht, wirkt das kommende Rennen wieder erstaunlich offen. Prestige-Drama, Blockbuster und internationale Produktionen stehen diesmal fast gleichberechtigt nebeneinander. Und genau daraus entsteht diese Dynamik, die die Oscars so unberechenbar macht. Wer jetzt genau hinschaut, erkennt bereits, welche Filme nicht nur groß gedacht sind, sondern auch das Potenzial haben, sich wirklich festzusetzen.

    1. Die Odyssee (2026)

    Ein Mann kehrt nach einem langen Krieg zurück und muss sich auf einer gefährlichen Reise durch eine Welt voller Prüfungen kämpfen, um endlich nach Hause zu gelangen. Mit Die Odyssee greift Christopher Nolan einen der ältesten Stoffe überhaupt auf und formt daraus ein Kino, das gleichzeitig riesig und persönlich wirken soll. Genau diese Verbindung ist entscheidend, wenn ein Film mehr sein will als nur Spektakel. Die Bilder werden zweifellos überwältigend sein, doch die eigentliche Frage ist, ob die Geschichte emotional trägt. Wenn sich die Reise nicht nur groß, sondern auch greifbar anfühlt, entsteht dieser seltene Effekt, bei dem ein Monument plötzlich nah wirkt. Genau solche Filme entwickeln oft eine Eigendynamik im Oscar-Rennen. Alles deutet darauf hin, dass Die Odyssee nicht nur technisch beeindruckt, sondern auch als Gesamtwerk wahrgenommen werden will.

    2. Dune 3 (2026)

    Paul Atreides steht am Ende seiner Entwicklung und muss sich den Konsequenzen seiner eigenen Macht stellen, während sich ein ganzes Universum um ihn herum verschiebt. Dune 3 ist kein gewöhnliches Sequel, sondern ein Abschluss, der die gesamte Reihe zusammenführt. Genau diese finale Wucht kann entscheidend sein, weil sich hier alles bündelt, was zuvor aufgebaut wurde. Visuell wird der Film erneut Maßstäbe setzen, doch diesmal liegt der Fokus stärker darauf, was diese Geschichte emotional bedeutet. Wenn die Figuren noch mehr Raum bekommen, könnte sich das Gewicht des Films spürbar verschieben. Dann wird aus einem beeindruckenden Science-Fiction-Epos ein Film, der wirklich unter die Haut geht. Gerade diese Entwicklung ist es, die häufig darüber entscheidet, ob ein Blockbuster auch bei den Oscars ganz oben mitspielt.

    3. Der Astronaut - Project Hail Mary (2026)

    Ein Mann erwacht allein in einem Raumschiff und muss herausfinden, warum er dort ist und ob er die letzte Hoffnung für die Menschheit darstellt. Der Astronaut setzt auf eine sehr direkte Perspektive und lebt davon, wie sich Isolation und Verantwortung anfühlen. Genau solche Filme funktionieren dann besonders gut, wenn sie ihre Größe über eine einzige Figur erzählen. Die Spannung entsteht weniger aus Action als aus der Frage, wie lange jemand dieser Situation standhalten kann. Wenn der Film diese Nähe konsequent hält, entwickelt er eine Intensität, die lange nachwirkt. Gerade in den letzten Jahren haben solche zugänglichen Science-Fiction-Geschichten immer wieder gezeigt, dass sie sich auch im Oscar-Rennen behaupten können. Entscheidend wird sein, ob aus der Idee wirklich ein emotionales Erlebnis entsteht.

    4. Paper Tiger (2026)

    Ein Mann gerät in eine Situation, die zunächst harmlos wirkt, sich aber Schritt für Schritt als moralisches Minenfeld entpuppt, aus dem es kein sauberes Entkommen gibt. Paper Tiger lebt genau von dieser schleichenden Eskalation und davon, wie Entscheidungen sich auf einmal größer anfühlen, als sie zunächst wirken. Der Film setzt nicht auf große Effekte, sondern auf Spannung, die sich aus Verhalten und Konsequenzen entwickelt. Gerade solche Geschichten entfalten ihre Wirkung erst mit der Zeit, weil sie das Publikum zwingen, ständig neu zu bewerten, was richtig oder falsch ist. Wenn diese Dynamik konsequent getragen wird, entsteht ein Drama, das sich nicht aufdrängt, aber hängen bleibt. Genau solche Filme entwickeln oft eine Eigendynamik im Oscar-Rennen, weil sie sich über Diskussionen und Reaktionen langsam nach vorne schieben.

    5. Digger (2026)

    Ein Mann verliert zunehmend die Kontrolle über sein eigenes Leben, während äußere Umstände ihn immer weiter unter Druck setzen. Digger setzt stark auf seine Hauptfigur und darauf, wie weit ein Mensch gehen kann, bevor alles kippt. Diese Art von Intensität entsteht nicht durch große Handlung, sondern durch Entscheidungen und Konsequenzen. Wenn der Film diese Spannung konsequent hält, entsteht ein Sog, dem man sich kaum entziehen kann. Genau solche Rollen bleiben oft hängen, weil sie sichtbar an Grenzen gehen. Gleichzeitig lebt alles davon, wie kompromisslos erzählt wird. Wenn der Film sich traut, unangenehm zu bleiben, kann er genau die Wucht entwickeln, die bei den Oscars oft belohnt wird. Vor allem in den Schauspielkategorien wirkt das Potenzial hier sehr klar.

    6. Wild Horse Nine (2026)

    Zwei Männer geraten in eine Situation, in der Vertrauen schnell zur größten Gefahr wird, während sich ihre Mission immer weiter zuspitzt. Wild Horse Nine lebt von Dialogen, Timing und der Dynamik zwischen seinen Figuren. Genau diese Mischung macht den Film so interessant, weil Spannung hier nicht nur über Handlung entsteht, sondern über Nuancen. Wenn jede Szene spürbar geladen ist, entsteht ein Rhythmus, der den Film trägt. Gleichzeitig bleibt genug Raum für Humor und Reibung, ohne dass es konstruiert wirkt. Diese Balance ist es, die solche Filme oft besonders langlebig macht. Wenn das Timing stimmt, kann sich der Film langsam nach vorne spielen. Gerade in Kategorien wie Drehbuch oder Schauspiel liegt hier viel Potenzial.

    7. Michael (2026)

    Der Aufstieg eines der größten Popstars der Welt wird neu erzählt, mit Fokus auf Erfolg, Druck und die Schattenseiten eines öffentlichen Lebens. Michael bringt alle Voraussetzungen für einen klassischen Oscar-Kandidaten mit, weil er eine ikonische Figur ins Zentrum stellt. Entscheidend ist dabei nicht nur, was gezeigt wird, sondern wie differenziert der Film erzählt. Wenn er sich nicht allein auf Nostalgie verlässt, sondern auch die komplexeren Seiten beleuchtet, entsteht eine ganz andere Tiefe. Gerade solche Rollen werden besonders genau betrachtet, weil sie zwischen Nachahmung und eigener Interpretation balancieren. Wenn diese Balance gelingt, kann sich eine Performance schnell in den Vordergrund spielen. Genau darin liegt die eigentliche Stärke solcher Biopics.

    8. Disclosure Day (2026)

    Die Welt wird mit einer Wahrheit konfrontiert, die alles verändert, und plötzlich steht die Frage im Raum, wie die Menschheit damit umgeht. Disclosure Day verbindet ein großes Szenario mit sehr persönlichen Geschichten und lebt genau von dieser Spannung. Die Herausforderung liegt darin, das Thema nicht nur als Idee zu erzählen, sondern als Erfahrung. Wenn der Film es schafft, seine Größe immer wieder auf einzelne Figuren herunterzubrechen, entsteht eine besondere Intensität. Genau dieser Wechsel zwischen Perspektiven sorgt dafür, dass sich ein Film nicht nur beeindruckend, sondern auch nah anfühlt. Gerade diese Verbindung ist es, die bei den Oscars häufig funktioniert. Wenn beides zusammenkommt, kann sich ein Film schnell als ernsthafter Kandidat etablieren.

    9. Fjord (2026)

    Zwei Familien geraten nach einem Vorfall in einen Konflikt, der immer größere Kreise zieht und alles infrage stellt, was vorher sicher schien. Fjord setzt bewusst auf Zurückhaltung und entfaltet seine Wirkung über Zwischentöne und Spannungen. Gerade diese Ruhe ist es, die den Film so intensiv macht, weil jede Entscheidung spürbar Gewicht bekommt. Wenn die Figuren glaubwürdig bleiben, entsteht ein Drama, das sich langsam entfaltet und lange nachhallt. Solche Filme fallen oft erst spät im Oscar-Rennen auf, entwickeln dann aber eine starke Eigendynamik. Besonders in internationalen Kategorien haben sie in den letzten Jahren deutlich an Bedeutung gewonnen. Genau darin liegt die Chance für Fjord, sich Schritt für Schritt nach vorne zu arbeiten.

    10. Cry to Heaven (2026)

    Ein junger Mann findet sich in einer Welt wieder, in der Macht, Abhängigkeit und persönliche Sehnsüchte untrennbar miteinander verbunden sind. Cry to Heaven setzt stark auf Atmosphäre und darauf, wie sich innere Konflikte in äußeren Entscheidungen spiegeln. Der Film wirkt weniger wie ein klassisches Drama und mehr wie eine dichte, emotionale Erfahrung, die sich langsam entfaltet. Gerade diese Intensität kann entscheidend sein, wenn sie nicht überzeichnet wirkt, sondern glaubwürdig bleibt. Wenn die Figuren diese Balance halten, entsteht ein Film, der sich nicht leicht abschütteln lässt. Solche Stoffe funktionieren im Oscar-Kontext oft dann besonders gut, wenn sie eine klare Handschrift zeigen und gleichzeitig zugänglich bleiben. Genau daraus kann sich im Laufe der Saison ein überraschend starker Lauf entwickeln.

  • „A Minecraft Movie 2“ bekommt überraschenden Neuzugang im Cast – und man kennt sie
    Markus Brandstetter

    Markus Brandstetter

    JustWatch-Editor

    2025 war A Minecraft Movie dieser eine Film, den niemand ernsthaft auf der Rechnung hatte – und der dann alles überrollte. 163 Millionen Dollar am Startwochenende in Nordamerika, am Ende fast eine Milliarde weltweit. Kein Prestige-Projekt, kein Festivalliebling – einfach ein Film, der sein Publikum genau dort abgeholt hat, wo es war. 

    Die Fortsetzung ist für den 23. Juli 2027 angesetzt, Jared Hess führt wieder Regie, Danielle Brooks, Matt Berry und Jennifer Coolidge kehren zurück. Und dann taucht plötzlich ein Name auf, der in diesem Kontext erst mal irritiert: Kirsten Dunst.

    Der ehrlichste Satz der Saison

    Im vergangenen Sommer sagte Dunst im Gespräch mit Town & Country, sie würde gerne mitspielen. Der Grund: weil ihre Kinder den ersten Film geliebt hätten. Und dann dieser Satz: „Vielleicht kann ich endlich mal einen Film machen, bei dem ich kein Geld verliere."

    Kein PR-Sprech. Kein sorgfältig formulierter Pressesatz. Einfach eine Schauspielerin, die kurz die Maske fallen lässt – und dabei mehr über Hollywood sagt als die meisten Branchenanalysen. Denn Dunst gehört seit Jahrzehnten zu den konstantesten Schauspielerinnen ihrer Generation. Ihre Filmografie liest sich wie ein Who's who der Autorenfilmer: Sofia Coppola mit The Virgin Suicides (1999), Marie Antoinette (2006) und The Beguiled (2017), Jane Campion mit The Power of the Dog (2021), dazu Civil War (2024), Roofman (2025), demnächst Ruben Östlunds Entertainment System is Down. Filme, die Kritiken bekommen, Preise, Aufmerksamkeit – aber selten die wirtschaftliche Wucht eines echten Blockbusters. Das ist keine Kritik an ihrer Karriere. Es ist einfach die Realität einer bestimmten Art, in Hollywood zu arbeiten.

    Die „ernste Schauspielerin" – stimmt, aber greift zu kurz

    Natürlich ist das Bild, das wir von Dunst haben, nicht falsch. Die Campion-Muse, die Arthouse-Darstellerin, die Frau, die sich durch The Power of the Dog (2021) gespielt hat wie ein stilles Erdbeben – das ist alles real. Aber es ist eben nicht die ganze Geschichte.

    Sie war Mary Jane Watson in Sam Raimis Spider-Man-Trilogie, einem der prägendsten Blockbuster der Nullerjahre. Sie war die Cheerleaderin in Bring It On (2000) – einem Film, der heute noch zitiert wird. Sie hat Drop Dead Gorgeous (1999) und Get Over It (2001) gemacht, Komödien mit echtem Timing und echter Leichtigkeit. Diese Seite ihrer Karriere ist nie verschwunden. Sie wurde nur irgendwann weniger laut erzählt, weil die andere Seite die schöneren Kritikerpreise abgeräumt hat.

    Dunst hat nie wirklich zwischen Kunst und Unterhaltung gewählt. Sie hat beides gemacht – und das ist genau der Grund, warum dieses Casting so viel Sinn ergibt.

    Was das für "Minecraft 2" bedeutet

    A Minecraft Movie 2 (2027) ist kein Prestigeprojekt. Das ist auch gar nicht der Anspruch. Es ist ein klar kalkulierter Unterhaltungsfilm, basierend auf einem der größten Gaming-Franchises der Welt, mit einer Besetzung, die auf Wiedererkennungswert und Energie setzt. Was Dunsts Rolle konkret sein wird, behält Warner Bros. für sich – die Details lägen noch „tief im Bergwerk", heißt es vom Studio. Aber das ist eigentlich auch egal. Die interessante Frage ist nicht, wen sie spielt. Sondern wie sie spielt. Dunst in einem Umfeld, das auf Tempo und Zugänglichkeit ausgelegt ist, die auf Leichtigkeit verzichten kann, weil sie sie ohnehin hat – das könnte eine Kombination sein, die überrascht. Nicht weil es unwahrscheinlich wäre. Sondern weil wir es einfach zu lange nicht gesehen haben. Und vielleicht macht sie diesmal wirklich kein Minus.