Kampfszenen sind längst mehr als bloße Kloppereien. Die besten unter ihnen sind Choreografie, Charakterzeichnung und Kameraarbeit in einem – kleine Meisterwerke inmitten des Chaos. In den letzten zehn Jahren haben Filmemacher, Stunt-Koordinatoren und Martial-Arts-Profis das Genre neu definiert: mit One-Take-Irrsinn, realistischen Keilereien und virtuosen Kämpfen, die mehr erzählen als viele Dialoge.
Egal ob mit Tom Hardy durch dunkle Korridore (Havoc) oder mit Keanu Reeves über Pariser Treppen (John Wick 4): Diese Szenen bleiben im Kopf – und im Magen. Wir präsentieren dir an dieser Stelle zehn ikonische Kampfszenen der letzten Dekade. Jeder Tritt ein Statement, jeder Schuss ein Treffer!
Havoc (2025)
Tom Hardy prügelt sich durch eine düstere Unterwelt, inszeniert von Gareth Evans (The Raid). Besonders intensiv: eine Blockhüttenbelagerung bei Schneetreiben, choreografiert von Jude Poyer. Gedreht wurde mit praktischen Effekten und präzisem Stunt-Timing – visuell unterstützt durch jede Menge CGI. Die Kämpfe in Havoc wirken dennoch roh, improvisiert und glaubwürdig brutal. Evans setzt weniger auf Spektakel als auf Körpereinsatz, Schwerkraft und Schmerzerfahrung ohne Kompromisse. Hardy liefert nicht nur Präsenz, sondern auch spürbare Erschöpfung – was die Action besonders geerdet macht. Der Film hält immer voll drauf, gerade dann, wenn es richtig wehtut. Havoc ist kompromissloses Genre-Kino mit echtem Punch – atmosphärisch, düster und für Fans schnörkelloser Action absolut sehenswert. Havoc steht damit am realistischen Ende des Spektrums – wo rohe Körperlichkeit noch glaubwürdig bleibt, bevor The Night Comes for Us sie in exzessive Kunst verwandelt.
The Night Comes for Us
In The Night Comes for Us liefert Timo Tjahjanto eine kompromisslose Gewaltstudie, deren legendärste Szene im Schlachthaus spielt: Joe Taslim gegen Iko Uwais – zwei Martial-Arts-Veteranen, die physisch alles geben. Die Kamera bleibt konsequent nah dran, filmt durch Glassplitter, zwischen Fleischhaken und Blutspritzern. Choreografiert wurde die Szene von Uwais’ eigenem Stunt-Team, das sich auf brutale Silat-Techniken spezialisiert hat. Jeder Treffer klingt real, jede Bewegung ist Teil eines tödlichen Tanzes. Die Gewalt wirkt nicht stilisiert, sondern roh, chaotisch und “ehrlich”. Während Havoc noch auf schmutzigen Realismus setzt, treibt The Night Comes for Us die Action ins Groteske – exzessiv, kompromisslos und ungebändigt.
John Wick: Kapitel 4
Im vierten Teil der John Wick-Reihe kämpft sich Keanu Reeves ein zweites Mal durch Paris – diesmal buchstäblich Stufe für Stufe. Der ikonische Treppenkampf bei Montmartre wurde an Originalschauplätzen gedreht und von 87eleven Action Design choreografiert. Die Szene ist nicht nur visuell eindrucksvoll, sondern dramaturgisch brillant: Jede Rückwärtsrolle, jeder Sturz verstärkt das Gefühl, dass Wick an seine Grenzen geht. Die Kamera bleibt oft in der Totalen, verzichtet weitestgehend auf hektische Schnitte und zeigt, wie präzise die Choreografie tatsächlich ist. Im Gegensatz zum chaotischen Blutrausch von The Night Comes for Us kontrolliert John Wick 4 jede Bewegung – ein Tanz aus Präzision, Stil und Schmerz. Es geht nicht um Coolness, sondern um Effizienz.
Nobody
In Nobody überrascht Bob Odenkirk als Familienvater mit einer krassen Vergangenheit – und zwei Fäusten, die ein Busabteil in ein Schlachtfeld verwandelt. Der ikonische Kampf wurde von Daniel Bernhardt choreografiert, gemeinsam mit 87eleven, und punktet durch glaubwürdige Erschöpfung, improvisierte Gewalt und … äh … Platzmangel. Odenkirk hat monatelang trainiert, um den Realismus aufrechtzuerhalten: Er kämpft ungeschickt, taumelt, stürzt – und steht immer wieder auf. Die Szene spielt nicht mit Heldenposen, sondern zeigt die rohe, körperliche Anstrengung eines Mannes, der einfach nicht aufgeben will. Diese rohe, fast unbeholfene Physis unterscheidet Nobody von der glatten Eleganz eines John Wick. Es ist eine Hommage – und zugleich ein Gegenentwurf: schmutzig, ehrlich, menschlich. Wo John Wick chirurgisch agiert, kämpft Nobody ungeschliffen und menschlich – weniger Perfektion, mehr Realität.
Atomic Blonde
Atomic Blonde liefert eine der körperlich intensivsten Kampfszenen der letzten Dekade: den Treppenhaus-Fight in Berlin. Gedreht in mehreren langen Takes, clever montiert, um wie ein einziger Kampf zu wirken – aber eben nicht ungeschnitten. Charlize Theron absolvierte große Teile der Choreografie selbst, trainierte monatelang mit Stunt-Teams, darunter auch Sam Hargrave. Der Stil ist kühl, der Schmerz real, der Rhythmus präzise. Es wird gestürzt, gekeucht, geblutet – mit minimaler Musikuntermalung und maximal schwerer Atmung. Die Kamera bleibt nah dran, verliert aber nie die Übersicht. Eine Szene, die physische Präsenz und filmisches Können auf meisterhafte Weise vereint. Während Nobody rohe Körperlichkeit zeigt, setzt Atomic Blonde auf eine stylische Inszenierung. Hier ist jeder Fight ein eleganter Kraftakt.
Tyler Rake: Extraction
Chris Hemsworth spielt in Extraction einen Söldner, der einen Jungen durch Dhaka rettet – mit einer spektakulären Actionsequenz, die wie ein 12-minütiger One-Take wirkt. Tatsächlich wurde sie aus mehreren Einstellungen zusammengesetzt, nahtlos verbunden mit digitalem Feinschliff. Was Atomic Blonde auf engem Raum zeigt, weitet Extraction zu einem Schlachtfeld aus – mit derselben physischen Intensität, aber größerem Maßstab. Regisseur Sam Hargrave, selbst erfahrener Stuntprofi, filmte teilweise mit Kamera am Körper – für maximale Nähe. Die Szene wechselt zwischen Autoverfolgung, Faustkampf, Schießerei und Sprung durch Fenster, ohne an Dynamik zu verlieren. Das Besondere: Es ist nicht die Länge, sondern der Fluss, der die Zuschauerinnen und Zuschauer beeindruckt. Jede Bewegung ist nachvollziehbar, jede Eskalation ein Hochgenuss. Extraction hat das Netflix-Actionkino neu definiert – und diese Szene bleibt das eindrucksvolle Herzstück.
Kill Boksoon
Kill Boksoon erzählt von einer Auftragskillerin (Jeon Do-yeon), die beruflich makellos funktioniert – und privat immer weiter ins Wanken gerät. Die eindrucksvollste Kampfszene des Films verbindet choreografische Eleganz mit innerer Spannung: Jeder Schlag wirkt kontrolliert, jede Bewegung durchdacht. Regisseur Byun Sung-hyun arbeitet mit ruhiger Kamera, klarer Lichtregie und makellosem Rhythmus. Es ist keine banale Zurschaustellung von Action, sondern hier ist alles Teil einer psychologischen Eskalation. Gewalt ist hier Ausdruck von Status, Haltung und Selbstbeherrschung. Die Action lebt von Timing, Körpergefühl und dem emotionalen Subtext. Kill Boksoon liefert dadurch nicht nur spannende Action, sondern ein glaubwürdiges Charakterporträt mit stilistischer Klarheit. Während Extraction permanentes Dauerfeuer liefert, konzentriert sich Kill Boksoon auf kontrollierte Gewalt – weniger Chaos, mehr Haltung.
The Batman
Der mega-stylische Flurkampf in The Batman ist ein geniales visuelles Konzept: völlige Dunkelheit, unterbrochen nur vom Licht der Mündungsfeuer. Regisseur Matt Reeves wollte keine klassische Actionszene, sondern ein Gefühl von Schrecken, Hochspannung und absoluter Kontrolle vermitteln. Die Choreografie ist brutal und effektiv. Robert Pattinson bewegt sich mit schwerer Rüstung und gezielter Wut durch enge Gänge, jede Bewegung wirkt geplant. Der Verzicht auf Musik verstärkt den Druck. Das Sounddesign sorgt dafür, dass man jeden Tritt, Schlag und Einschlag körperlich spürt. Besitzer einer Surround-Anlage kommen hier akustisch besonders auf ihre Kosten. Und im Gegensatz zur grazilen Präzision von Kill Boksoon fokussiert sich The Batman auf die Schwere und Düsternis der Gewalt.
Creed II
Während The Batman kühl und konzeptionell bleibt, setzt dieses Werk auf pure Emotion – ein Kampf aus dem Herzen, nicht aus dem Kalkül. Im finalen Kampf von Creed II treffen Adonis Creed und Viktor Drago im Ring aufeinander – zwei Männer, die nicht nur boxen, sondern auch die Geschichte ihrer Väter verarbeiten. Die Szene ist emotional, wuchtig und inszeniert mit rhythmischer Bildsprache. Regisseur Steven Caple Jr. nutzt bewegliche Kamera und klare Schnittführung, um jede Bewegung greifbar zu machen. Michael B. Jordan und Florian Munteanu bringen eine physische Intensität mit, die auf monatelanges Training mit echten Boxprofis zurückgeht. Der Kampf selbst ist weniger sportlich realistisch als dramaturgisch verdichtet: Es geht um Trauma, Identität und die Überwindung familiärer Schatten. Ein Finale, das ins Schwarze trifft – im Ring und darüber hinaus.
The Woman King
In The Woman King stehen die sogenannten “Agojie”, ein historisches Kriegerinnen-Regiment, im Fokus – repräsentiert von einer körperlich beeindruckenden Performance, meisterhaft angeführt von Viola Davis. Die Frauen wurden monatelang für intensive Kampftrainings vorbereitet, um echte Techniken, Geschwindigkeit und Kraft zu vermitteln. Fight-Choreografin Jenel Stevens kombinierte traditionelle afrikanische Bewegungsmuster mit moderner Stuntarbeit, geprobt und umgesetzt ohne Superheldenstil. Die Kamera bleibt stets nah an den Kämpfenden, der Schnitt betont Aufprall und Wucht. Das Ergebnis ist real, körperlich spürbar und ohne Überzeichnung. The Woman King verknüpft authentische Geschichte mit überzeugender Action – dramatisch, kraftvoll und geerdet. Was Creed II im Boxring erzählt, führt The Woman King auf dem Schlachtfeld fort – nicht als Duell, sondern als kollektiver Akt der Selbstbehauptung.





































































































































































































































