Westeros ist kein gewöhnliches Serienuniversum, sondern eine erzählerische Welt mit einer Jahrhunderte umspannenden Vergangenheit, deren Nachwirkungen bis in die Gegenwart sichtbar bleiben. Vorab: Wer diese Welt zum ersten Mal entdeckt, sollte sie in der Erscheinungsreihenfolge erleben – beginnend mit Game of Thrones (2011-19), danach House of the Dragon (seit 2022) und A Knight of the Seven Kingdoms (seit 2026).
Nicht weil diese Reihenfolge „chronologisch korrekt“ wäre, sondern weil Game of Thrones am klarsten etabliert erst, wie Westeros funktioniert – die Regeln des Kontinents, seine Brutalität, seinen Blick auf Macht. Die später entstandenen Prequels spielen bewusst damit, indem sie Namen und politische Muster als Echo der Vergangenheit zurückspiegeln.
Auch wenn man House of the Dragon und A Knight of the Seven Kingdoms durchaus ohne Vorwissen sehen und verstehen kann, gehen ohne die Grundlagen der Hauptserie spannende Querverweise verloren.
Für Zuschauerinnen und Zuschauer, die mit den Schicksalen der Figuren bereits vertraut sind aber, kann die chronologische Reihenfolge einen besonderen Reiz haben: Dann wird aus dem Serienereignis eine historische Linie – man verfolgt, wie sich Herrschaftsideen verändern, wie Mythen entstehen und wie die alten Fehler in neuen Gewändern wiederkehren.
Wer die Geschichte von Westeros in dieser zeitlichen Ordnung erleben möchte, orientiert sich an den Jahreszahlen der Westeros-Zeitrechnung. Die teilt sich übrigens in „BC“ und „AC“, wobei letzteres für „After Conquest“ steht und damit die Zeit nach Aegons Eroberung meint. Hier ein Überblick – aber Vorsicht: Spoiler!
House of the Dragon – Staffel 1 (101–132 AC)
Der Auftakt von House of the Dragon liegt mehr als anderthalb Jahrhunderte vor den Ereignissen von Game of Thrones und fühlt sich dennoch seltsam vertraut an. Westeros ist bereits ein geeintes Reich – doch die Drachen der Targaryen sind noch lebendige Machtinstrumente und keine Legenden aus Tavernenliedern. Im Zentrum steht Rhaenyra Targaryen (Milly Alcock/Emma D’Arcy), deren Anspruch auf den Thron nicht nur politisch, sondern symbolisch ist: Sie verkörpert die Möglichkeit eines anderen, eines weiblichen Führungsverständnisses in einer Welt, die sich verzweifelt an alte Strukturen klammert. Ihr gegenüber wächst Alicent Hightower (Emily Carey/Olivia Cooke) von der vertrauten Freundin zur Gegenspielerin, während König Viserys I. (Paddy Considine) versucht, mit wohlmeinender Diplomatie ein Reich zusammenzuhalten, das längst im Verfall begriffen ist.
Diese Staffel ist auffallend frauenzentriert, dialogreich und diplomatisch, fast wie ein höfisches Kammerspiel. Schlachten existieren vor allem in Form einer heraufziehenden Bedrohung als dass sie bereits Realität wären. Die Zeitspanne bis 132 AC wirkt wie ein schleichender Sturm: Man erlebt die langsame Entstehung eines Konflikts, der weniger aus Hass als aus verletztem Stolz und politischer Blindheit geboren wird.
House of the Dragon – Staffel 2 (132 AC)
Mit 132 AC kippt die Atmosphäre dann endgültig. Was zuvor als höfischer Streit brodelte, wird nun endgültig zum offenen Riss durch die Targaryen-Dynastie. Der sogenannte „Dance of the Dragons“ beginnt – ein Bürgerkrieg, ein familiärer Selbstzerstörungsakt mit tödlichen Konsequenzen für das ganze Reich. Rhaenyra (Emma D’Arcy) und Aegon II. (Tom Glynn-Carney), der Sohn von Alicent, stehen sich nicht nur als politische Rivalen gegenüber. Zwischen ihnen wandelt Daemon Targaryen (Matt Smith).
Chronologisch markiert diese Staffel den historischen Wendepunkt der Targaryen-Herrschaft. Diplomatie weicht zunehmend der offenen Gewalt, und Drachen kommen als letzte Instanz zum Einsatz. Anders ausgedrückt: Die zweite Staffel zeigt, wie Imperien nicht an äußeren Feinden zerbrechen, sondern an der inneren Unnachgiebigkeit von Einzelnen.
A Knight of the Seven Kingdoms – Staffel 1 (209 AC)
Nach dem lodernden Targaryen-Drama hat sich die Lage im Jahr 209 AC wieder beruhigt. A Knight of the Seven Kingdoms verlässt die Paläste und richtet den Blick auf die Landstraßen, Turnierplätze und Schenken eines Reiches, das hier aus einer anderen, einer einfacheren Perspektive beleuchtet wird: Ser Duncan „Dunk“ der Große (Peter Claffey) ist kein Auserwählter, kein Thronfolger, sondern ein Mann mit einem Schwert, ohne Titel und viel Verstand, aber einem bemerkenswerten Sinn für Gerechtigkeit. Nach dem Tod des Ritters, dem er diente, muss er sich allein durchschlagen. Sein erster großer Schritt ist die Teilnahme an einem Ritterturnier, wo Ruhm und Schmach oft nur eine Lanzenspitze voneinander entfernt zu liegen scheinen. Auf dem Weg dorthin begegnet er Egg (Dexter Sol Ansell), einem neugierigen, kahlgeschorenen Jungen, der unbedingt sein Knappe werden will und dessen wahre Herkunft zunächst verborgen bleibt.
Der Ton der Serie ist deutlich humorvoller und menschlicher als in den großen Drachenepen: Chronologisch fungiert diese Staffel als sanfte Brücke zwischen den blutigen Dynastiekämpfen der Targaryens und den späteren Machtspielen von Game of Thrones.
Game of Thrones – Staffel 1 (298 AC)
Mit 298 AC beginnt die Geschichte, die zum weltweiten Serienphänomen wurde – im Vergleich zu späteren Ereignissen noch eher leise, dialogreich und doch voller Vorboten des Umsturzes. Eddard „Ned“ Stark (Sean Bean) reist nach Königsmund, fest entschlossen, dass Gerechtigkeit siegt, während Daenerys Targaryen (Emilia Clarke) jenseits des Meeres erst zur Khaleesi heranwächst und schließlich mit der Geburt ihrer Drachen eine vergessene Macht neu entfacht.
Der politische Dominoeffekt setzt in der ersten Staffel mit dem Tod von König Robert Baratheon (Mark Addy) ein, der bei einer Jagd von einem Eber tödlich verletzt wird. Die Lannisters ringen daraufhin offen um Einfluss, und ihr größtes Geheimnis – die inzestuöse Beziehung zwischen Cersei (Lena Headey) und Jaime Lannister (Nikolaj Coster-Waldau) – führt dazu, dass Jaime den jungen Bran Stark (Isaac Hempstead Wright) aus einem Fenster stößt.
Game of Thrones – Staffel 2 (299 AC)
299 AC ist das Jahr, in dem Westeros endgültig ins Chaos kippt. Der Krieg der Fünf Könige verwandelt politische Spannungen in offene Fronten: Stannis Baratheon (Stephen Dillane) und Renly Baratheon (Gethin Anthony) beanspruchen den Thron ebenso wie Robb Stark (Richard Madden) und Balon Greyjoy (Patrick Malahide), während in Königsmund der junge Joffrey (Jack Gleeson) herrscht, ohne wirklich zu regieren. Inmitten dieses Machtvakuums wird Tyrion Lannister (Peter Dinklage) zur Stimme der Vernunft – ein Zyniker, der paradoxerweise der Einzige ist, der die Mechanik der Katastrophe durchschaut.
Die zweite Staffel fühlt sich an wie ein Schachspiel, bei dem alle Figuren gleichzeitig bewegt werden. Bündnisse zerfallen beinah so schnell, wie sie geschlossen worden sind, und der Mord an Renly zeigt, dass selbst Übernatürliches nun ein politisches Werkzeug ist. Visuell kulminiert alles in der Schlacht am Schwarzwasser, einem ersten großen Spektakel, das das epische Versprechen der Serie einlöst.
Game of Thrones – Staffel 3 (300 AC)
Spätestens das Jahr 300 AC unterstreicht, wie gefährlich Vertrauen in Westeros geworden ist. Der Inbegriff dafür ist die Rote Hochzeit – ein kollektiver Schock, nicht nur für die Figuren der Serie, sondern auch für ihr Publikum. Mit Robb (Richard Madden), Catelyn (Michelle Fairley) und Talisa Stark (Oona Chaplin) verschwindet auch der letzte Rest der Unschuld. Parallel setzen die verbleibenden Starks ihre Mission fort: Bran (Isaac Hempstead Wright) und Arya Stark (Maisie Williams) bewegen sich auf ihren jeweils sehr unterschiedlichen Heldenreisen weiter nach Norden beziehungsweise durch die Wirren des Krieges.
Jenseits des Meeres wächst Daenerys Targaryen (Emilia Clarke) zur ernstzunehmenden Machtfigur heran, befreit Städte, demonstriert erstmals die zerstörerische Größe ihrer Drachen und sichert sich eine Armee für die spätere Rückeroberung Westeros’. Gleichzeitig rücken in der dritten Staffel die Weißen Wanderer weiter ins Zentrum der Handlung und machen deutlich, dass es Gefahren gibt, gegen die politische Intrigen bedeutungslos wirken.
Game of Thrones – Staffel 4 (301 AC)
Mit dem Jahr 301 AC verschiebt Game of Thrones seinen Fokus noch stärker auf individuelle Schicksale – und zugleich beginnt sich die Serie spürbar von der strengen Taktung der Buchvorlage zu lösen. Joffrey (Jack Gleeson) wird auf seiner eigenen Hochzeit vergiftet, und das Ende seiner grausamen Regentschaft stößt eine Kette von Konsequenzen an: Tyrion Lannister (Peter Dinklage) wird des Mordes beschuldigt und in einen harten Prozess gezwungen.
Parallel entwickelt Sansa Stark (Sophie Turner) unter dem Einfluss von Petyr „Kleinfinger“ Baelish (Aidan Gillen) ein erstes strategisches Bewusstsein. Währenddessen festigt Daenerys Targaryen (Emilia Clarke) jenseits des Meeres ihre Macht. Die vierte Staffel ist die ausgewogenste der gesamten Serie: Dialog und Spektakel, Tragik und Komik halten sich die Waage.
Game of Thrones – Staffel 5 (302 AC)
302 AC ist für Westeros so etwas wie das Jahr kollektiver Erschöpfung: Game of Thrones wird in der fünften Staffel dunkler, noch erschütternder – als komplexe Erzählung aber umso kraftvoller. Cersei Lannister (Lena Headey) erlebt ihren tiefsten öffentlichen Fall, als religiöser Fanatismus in Königsmund an Einfluss gewinnt und sie schließlich zu ihrem berüchtigten „Walk of Shame“ gezwungen wird. Und während König Tommen Baratheon (Dean-Charles Chapman) mit Margaery Tyrell (Natalie Dormer) vermählt wird, wird Sansa Stark (Sophie Turner) nach Winterfell verheiratet – eine Verbindung, die die wohl brutalsten Szenen der Serie hervorbringt.
Abseits der Höfe zerfasern die Lebenswege weiter: Arya Stark (Maisie Williams) beginnt in Braavos ihre Ausbildung zur Assassinin und Bran Stark (Isaac Hempstead Wright) sucht jenseits der Mauer nach Erkenntnis. Stannis Baratheon (Stephen Dillane) wiederum begeht eine moralische Grenzüberschreitung, die ihn endgültig scheitern lässt. Indes demonstrieren die Weißen Wanderer erstmals, wie groß ihre Macht wirklich ist – und Jon Snow (Kit Harington) fällt einer (vorerst) tödlichen Intrige zum Opfer.
Game of Thrones – Staffel 6 (303 AC)
Wie ein Befreiungsschlag nach langer Anspannung wirkt wiederum das Jahr 303: Tyrion Lannister (Peter Dinklage), inzwischen im Exil, begegnet Daenerys Targaryen (Emilia Clarke) jenseits des Meeres, wo sie beginnt, ihre Herrschaft strategischer zu denken. In Königsmund wiederum setzt Cersei Lannister (Lena Headey) ein infernalisches Zeichen der Macht, indem sie die Septe von Baelor sprengen lässt und große Teile ihrer Gegner auslöscht. Der anschließende Tod ihres Sohnes Tommen (Dean-Charles Chapman) ebnet ihr schließlich den Weg auf den Thron der Sieben Königslande.
Und im Norden findet Sansa Stark (Sophie Turner) nach ihrem Sieg über Ramsay Bolton zu neuer Stärke, während Bran Stark (Isaac Hempstead Wright) seine Wandlung zum Dreiäugigen Raben vollendet. Am Ende der sechsten Staffel brechen Daenerys, Tyrion und ihre Drachen in Richtung Westeros auf – endlich!
Game of Thrones – Staffel 7 (304 AC)
304 AC ist das Jahr der Begegnungen und der Beschleunigung: Die Serie wird schneller, direkter, manchmal beinahe ungeduldig. Wege verkürzen sich spürbar, und Entscheidungen fallen plötzlich in Minuten, statt über Episoden hinweg vorbereitet zu werden. So kommt es auch, dass Jon Snow (Kit Harington) und Daenerys Targaryen (Emilia Clarke) aufeinander treffen. Sie will sich den Eisernen Thron sichern, er die Menschheit vor der Armee der Toten bewahren. Zwei Missionen, ein fragiles Bündnis.
Als Arya (Maisie Williams) und Bran Stark (Isaac Hempstead Wright) nach Winterfell zurückkehren und gemeinsam mit Sansa (Sophie Turner) den lange intrigierenden Kleinfinger (Aidan Gillen) beseitigen, formiert sich das Haus Stark neu. Schließlich wird in der siebten Staffel auch Jons wahre Herkunft enthüllt.
Game of Thrones – Staffel 8 (305 AC)
Das Jahr 305 AC ist der (vorläufige?) Schlusspunkt der Saga: Nahezu alle zentralen Figuren versammeln sich in Winterfell zur finalen Schlacht gegen die scheinbar unaufhaltsame Armee der Toten. Der vermeintlich unbesiegbare Feind fällt schließlich überraschend durch Arya Stark (Maisie Williams), doch der Sieg fordert hohe Verluste; Haupt- wie Nebenfiguren sterben in schneller Folge, während Überlebende wie Tyrion Lannister (Peter Dinklage) und die Starks die politische Zukunft organisieren.
Vor allem in einem Punkt kippt die achte Staffel aber so sehr, dass sie für zornige Fanreaktionen sorgte: Daenerys Targaryen (Emilia Clarke) zerstört Königsmund in einem Akt des absoluten Wahnsinns – eine Entwicklung, die von der Serie erzählerisch nicht ausreichend vorbereitet wurde. Jon Snow (Kit Harington) beendet schließlich ihr Leben. Am Ende wird Bran Stark (Isaac Hempstead Wright) zum König gewählt. Eine umstrittene, aber durchaus symbolträchtige Wahl: Nach der Gewalt folgt für Westeros darauf womöglich ein Kapitel der Vernunft.






































































































































































































































