10 deutsche Filme, die für echte Skandale sorgten

10 deutsche Filme, die für echte Skandale sorgten

Nora Henze
Nora Henze

Veröffentlicht am 07. Mai 2026

Aktualisiert am 08. Mai 2026

Deutsche Filmgeschichte ist auch eine Geschichte der Stinkbomben, der Gerichtssäle und der Minister, die Fördermittel streichen. Wenn deutsches Kino provoziert, dann passiert das selten aus Versehen und fast nie halbherzig. Die zehn Filme auf dieser Liste haben nicht nur Kirchen gegen Regisseure aufgebracht, sondern auch Staatsanwaltschaften auf den Plan gerufen und Debatten ausgelöst, die jahrelang nicht verstummten.

Manche Filme wurden sogar verboten oder beschlagnahmt, noch bevor sie ein breites Publikum erreichen konnten. Was sie verbindet, ist nicht das Thema und nicht die Ästhetik, sondern der Moment, in dem ein Film auf eine Gesellschaft trifft, die noch nicht bereit ist für das, was er ihr zeigt.

Der Film beginnt mit einem Violinvirtuosen, der seinen Schüler liebt, und endet mit seinem Selbstmord. Dazwischen liegt alles, was 1919 nicht auf eine Kinoleinwand gehörte: Homosexualität als ernstes Thema, ein offenes Plädoyer für die Abschaffung des §175, des damaligen Strafgesetzes, das sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Gefängnisstrafe stellte, und ein Arzt namens Magnus Hirschfeld, der sich selbst spielt und dem Publikum erklärt, dass an der Sache mit der Verdorbenheit nichts stimmt. Anders als die Andern war der erste Film der Weltgeschichte, der Homosexualität nicht als Laster oder Pointe behandelte, und die Reaktion folgte sofort. Vor den Kinos entstand Lärm, in der Presse tobten Antisemiten gegen Regisseur Richard Oswald und Hirschfeld, die beide jüdisch waren, und von konservativer Seite wurde so laut nach Zensur gerufen, dass der Film kurz darauf verboten wurde und die Debatte zur Wiedereinführung staatlicher Filmzensur beitrug. Die Nazis vernichteten später fast alle Kopien. Was übrig blieb, sind rund 40 Minuten Film und die Tatsache, dass er die Schwulenbewegung des 20. Jahrhunderts mitgeprägt hat.
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Die Sünderin
Hildegard Knef spielt Marina, eine Prostituierte, die mit einem an Krebs sterbenden Maler zusammenlebt, ihn auf seinen Wunsch hin tötet und sich danach selbst das Leben nimmt. Das klingt nach einem traurigen kleinen Film, und das ist er auch. Trotzdem wurden Stinkbomben in Kinosäle geworfen, weiße Mäuse losgelassen, um Panik zu erzeugen, und in Regensburg standen Wasserwerfer gegen Demonstranten. Der Kardinal von Köln verlas einen Hirtenbrief, eine Tageszeitung fragte, ob die Polizei wirklich einen Schundfilm schützen müsse, und Gläubige wurden von der Kanzel zu Protesten gegen den Film aufgerufen. Die Sünderin ist heute einer der größten Filmskandale der deutschen Nachkriegsgeschichte dokumentiert. Was ihn aber ausgelöst hat, war nicht Knefs kurze Nacktszene, wie immer behauptet wird, sondern etwas viel Gefährlicheres: dass der Film Prostitution, Sterbehilfe und Suizid zeigt, ohne sie zu verurteilen. Die Kirche fand das unerträglich. Das Publikum strömte trotzdem, gerade wegen des Skandals, in Scharen in die Kinos.
Ein junger Mann kehrt nach einer Gefängnisstrafe in sein Dorf zurück. Er saß im Gefängnis, weil er homosexuell ist, denn Homosexualität war in der Bundesrepublik bis 1969 strafbar. Was dann passiert, ist keine Parabel über Ausgrenzung, sondern etwas Präziseres: eine genaue Beobachtung davon, wie Gemeinschaften funktionieren, wenn sie jemanden brauchen, auf den sie zeigen können. Peter Fleischmann dreht Jagdszenen aus Niederbayern mit Laiendarstellern direkt an den Originalschauplätzen, und in der Region sorgt der Film prompt für heftige Reaktionen. Viele sehen darin eine Beleidigung Niederbayerns, andere fürchten um den Ruf der Gegend, wieder andere fühlen sich von der Direktheit des Films angegriffen. In Frankreich wird der Film dagegen gefeiert, und die “Cahiers du Cinéma” nennen ihn den vielleicht ersten wirklich deutschen Film seit dem Krieg. Dass die Reaktionen so weit auseinandergehen, sagt am Ende fast ebenso viel über die Gesellschaft aus, die er zeigt, wie über den Film selbst.

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o.k.
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1970

Michael Verhoeven lässt bayerische Schauspieler in amerikanischen Uniformen ein reales Kriegsverbrechen aus Vietnam nachspielen, auf einer Waldlichtung in Süddeutschland, und außerdem auf Bayerisch. Das Konzept ist Brecht pur: Die Verfremdung soll verhindern, dass das Publikum wegschaut. Beim Jurypräsidenten der Berlinale, dem amerikanischen Regisseur George Stevens, funktioniert das anders herum. Er empfindet o.k. als antiamerikanisch, versucht den Film aus dem Wettbewerb zu drängen, und die Jury spaltet sich. Filmemacher besetzen den Zoo-Palast, Proteste und Gegendemonstrationen überlagern das gesamte Festival, und am Ende bricht die Berlinale ab. Zum ersten und bis heute einzigen Mal in ihrer Geschichte werden keine Preise vergeben. Verhoevens Film war nicht der Grund für diese Krise, heißt es später, er war nur der Anlass. Das ändert nichts daran, dass er als Auslöser des Abbruchs der Berlinale 1970 gilt.
Der Titel ist ein Programm, und Rosa von Praunheims Film hält ihn in jeder Minute ein. Ein junger Mann kommt nach München, verliebt sich, landet in der Schwulenszene, und der Film beobachtet das mit einem Blick, der weder romantisch noch besonders gnädig ist. Nicht der Homosexuelle ist pervers wurde zu einem der seltsamsten Skandale der deutschen Filmgeschichte, denn er empörte nicht die Kirche, nicht die Staatsanwaltschaft, nicht das bürgerliche Feuilleton, sondern die Schwulenszene selbst. Sie kritisiert Praunheim als Denunzianten, als Nestbeschmutzer, als jemanden, der das eigene Leben zur Zielscheibe macht. Als der Bayerische Rundfunk den Film 1973 ablehnt und sich aus dem ARD-Gemeinschaftsprogramm ausklinkt, macht das den Skandal vollständig. Was danach entsteht, ist die bundesdeutsche Schwulenbewegung, die den Film als einen ihrer Auslöser nennt. Praunheim, selbst offen schwul, wollte provozieren. Dass die Provokation zur Gründungsurkunde wird, hat er vermutlich selbst nicht erwartet.
Eine junge Frau verbringt eine Nacht mit einem Mann, den die Polizei sucht, und ist danach in der Zeitung. Volker Schlöndorff und Margarethe von Trotta verfilmen Heinrich Bölls Roman direkt als das, was er ist: eine Abrechnung mit der Boulevardpresse, mit ihren Methoden, ihren Lügen, ihrem Umgang mit Menschen, die in den Fokus geraten. Große Teile der Boulevardpresse erkennen sich in der fiktiven Zeitung des Films wieder und reagieren entsprechend heftig. Die verlorene Ehre der Katharina Blum trifft 1975 mitten in die aufgeheizte Atmosphäre des Deutschen Herbstes, in eine Zeit, in der die Boulevardpresse über Terrorverdächtige berichtet wie über bereits Verurteilte, und der Film stellt die Frage, was das mit Menschen macht, die keine Terroristen sind, die nur zufällig mit jemandem geschlafen haben, der einer sein soll. Die Antwort, die er gibt, ist so unbequem, dass sie weit über das Kino hinaus Wirkung entfaltet.
Rainer Werner Fassbinder, Alexander Kluge, Volker Schlöndorff, Edgar Reitz und andere beschließen, direkt nach dem Deutschen Herbst 1977 einen Film zu drehen, der verarbeitet, was gerade passiert ist: die Entführung und Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer, die Geiselnahme der Lufthansa-Maschine Landshut, die toten RAF-Mitglieder in Stammheim. Deutschland im Herbst ist kein einheitlicher Film, sondern ein Aufschrei in mehreren Stimmen, und die lauteste davon ist Fassbinders eigene. Er zeigt sich selbst, betrunken und kokainisiert, seinen Freund anschreiend, seine Mutter über den Herbst befragend, und macht aus diesem Selbstporträt eine Diagnose über einen Staat, der in der Panik die Demokratie vergisst. Das Feuilleton ist zerrissen, mehrere Politiker fordern öffentlich, den Film nicht zu zeigen, und der Film wird zu einem der umstrittensten Beiträge zur Aufarbeitung des Deutschen Herbstes. Was bleibt, ist das Unbehagen, das er erzeugt - nicht weil er die Antworten kennt, sondern weil er nicht so tut, als ob.

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Das Gespenst
Die lebensgroße Christusfigur eines bayerischen Klosters steigt vom Kreuz, legt sich ins Bett der Oberin und zieht danach mit ihr durch München, wo er als Kellner arbeitet, mit betrunkenen Polizisten streitet und sich in einer Welt nicht zurechtfindet, die längst aufgehört hat, auf ihn zu warten. Herbert Achternbusch dreht Das Gespenst mit staatlicher Förderung, und was dann passiert, ist eine der absurdesten Sequenzen der deutschen Filmgeschichte. Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann nennt den Film öffentlich widerwärtig, säuisch und blasphemisch und streicht kurzerhand die noch ausstehende Förderrate. Die FSK verweigert zunächst die Freigabe. Die Staatsanwaltschaft München nimmt Ermittlungen wegen Gotteslästerung auf, das Landgericht stellt das Verfahren jedoch ein, mit der Begründung, dem Film fehle das nötige Mindestmaß an Format für einen ernsthaften Verstoß. Über tausend Pfadfinder ziehen zur Sühneprozession durch München. Fünfzig Filmemacher protestieren als Gespenster verkleidet bei der Bundesfilmpreisvergabe gegen das Vorgehen des Ministers. Achternbusch klagt gegen die Bundesrepublik auf Auszahlung der gestrichenen Fördergelder und gewinnt zehn Jahre später. Der Film ist heute ab 12 Jahren freigegeben.
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Christiane Felscherinow ist dreizehn, als sie anfängt, Heroin zu nehmen, und vierzehn, als sie sich am Bahnhof Zoo prostituiert. Uli Edel verfilmt ihre Geschichte nach ihren eigenen Tonbandprotokollen mit echten Teenagern in den Hauptrollen, dreht in den Straßen, in den U-Bahnhöfen, in den Toiletten West-Berlins, und hält dabei so wenig zurück, dass Christiane selbst bei der Uraufführung das Kino verlässt. Christiane F. wird nicht verboten und nicht boykottiert, er gewinnt Preise und zieht fast eine Million Zuschauer in die Kinos. Aber er trifft die Gesellschaft an einer Stelle, die wehtut: Er zeigt, was in bundesdeutschen Großstädten mit Jugendlichen passiert, und er zeigt es so ungeschönt, dass kein Wegsehen möglich ist. Jugendschutzbehörden streiten über den Film, Schulen diskutieren, ob er als Unterrichtsmaterial taugt, und Politiker debattieren über Drogenpolitik. Manche sagen allerdings bis heute, er habe mehr für die Drogenprävention getan als alle Kampagnen davor.
Der Kinderfilm Der junge Häuptling Winnetou kommt in die Kinos, und innerhalb weniger Tage entwickelt sich eine breite öffentliche Debatte. Winnetou ist eine der bekanntesten Karl May-Figuren der deutschen Popkultur, ein idealisierter Apache-Häuptling, der seit Jahrzehnten in Büchern und Filmen erzählt wird. In den sozialen Medien entzündet sich Kritik an der Darstellung indigener Völker und am Vorwurf kultureller Aneignung, und der Ravensburger Verlag reagiert mit einer Entscheidung, die den Sturm weiter verstärkt: Er zieht seine eigenen Begleitbücher zum Film zurück und begründet den Schritt mit Kritik an der Darstellung und der Sorge, bestehende Klischees zu reproduzieren. Daraufhin verschärft sich die Debatte weiter. Die einen kritisieren den Rückzug als überzogen, die anderen sehen darin eine notwendige Reaktion. Aus einem Kinderfilm wird innerhalb weniger Tage ein politisches Streitthema. Die Debatte dreht sich längst nicht mehr nur um diesen Film, sondern um grundsätzliche Fragen von Repräsentation, kultureller Sensibilität und den Umgang mit Kritik.

Über diese Liste

Titel

10

Gesamtkosten fürs Ansehen

39,43 €

Gesamtlaufzeit

15h 16min

Genres

Drama, Produziert in Europa, Dokumentationen

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  1. 1 Titel Sooner
  2. 1 Titel ARD Mediathek
  3. 1 Titel WOW
  4. 1 Titel Sky Go
  5. 1 Titel CineMix+ Amazon Channel