Zum Start von “Nürnberg”: 10 Gerichtsdramen, die du kennen solltest

Zum Start von “Nürnberg”: 10 Gerichtsdramen, die du kennen solltest

Nora Henze
Nora Henze

Veröffentlicht am 08. Mai 2026

Aktualisiert am 08. Mai 2026

Nürnberg erzählt die Geschichte der Kriegsverbrecherprozesse aus einer Perspektive, auf die man nicht sofort kommt: die des Psychiaters, der Hermann Göring vor dem Tribunal begutachten soll und dabei merkt, dass er dem Mann näherkommt, als ihm lieb ist. Das ist kein schlechter Ausgangspunkt, um an ein Genre zu erinnern, das seit Jahrzehnten zu den verlässlichsten Quellen großen Kinos gehört. Gerichtsdramen leben davon, dass Menschen unter extremem Druck zeigen, wer sie wirklich sind, dass Systeme versagen und Einzelne trotzdem kämpfen, dass die Wahrheit manchmal gewinnt und manchmal nicht, und dass beides auf seine eigene Art schwer auszuhalten ist. 

Diese zehn Filme zeigen, wie weit das reicht, vom Militärtribunal bis zum Mordprozess in den französischen Alpen, vom Alabama der dreißiger Jahre bis zum München der NS-Zeit. Mindestens einer davon wird dich noch beschäftigen, wenn der Abspann längst gelaufen ist.

01

Nürnberg
Nürnberg

Nürnberg

2025

Die ungewöhnlichste Perspektive auf die Nürnberger Prozesse ist nicht die des Anklägers und nicht die des Richters, sondern die des Psychiaters, der täglich in die Augen von Hermann Göring schaut und dabei irgendwie sachlich bleiben soll. Nürnberg erzählt von diesem Mann, dem US-Militärpsychologen Douglas Kelley, und davon, was es mit einem Menschen macht, wenn er Göring immer besser versteht und die professionelle Distanz dabei langsam bröckelt. Russell Crowe ist als Göring keine Karikatur des Bösen, sondern ein manipulativer Machtmensch mit narzisstischer Komplexität, der auch in Gefangenschaft nicht aufgehört hat, das Spiel zu spielen, und irgendwann weiß man als Zuschauer nicht mehr genau, wer hier eigentlich wen analysiert. Rami Malek trägt diese Zerrissenheit mit einer Zurückhaltung, die den Film weit über das historische Drama hinaushebt. Der Film hat den Mut, die entscheidende Frage nicht sauber wegzuerklären, und das ist klüger als jede glatte Antwort gewesen wäre.
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Justine Triet hat mit diesem Film etwas Seltenes geschafft: ein Gerichtsdrama, das am Ende des letzten Verhandlungstags noch genauso offen wirkt wie zu Beginn, weil es nicht entscheiden will, was die Wahrheit ist, sondern zeigen will, wie Wahrheit vor Gericht verhandelt wird. Sandra Hüller spielt eine Schriftstellerin, die verdächtigt wird, ihren Mann getötet zu haben, und sie spielt sie so, dass man nie ganz sicher ist, was man von ihr denken soll, was keine Schwäche ist, sondern die eigentliche Leistung. Anatomie eines Falls ist außerdem ein Film über Sprache, denn Sandra ist Deutsch, ihr Mann war Franzose, der Prozess findet auf Französisch statt, und diese Sprachgrenzen ziehen sich durch jede Szene wie eine stille Quelle des Missverstehens. Die Goldene Palme in Cannes war verdient, aber das Bemerkenswerteste an dem Film ist, dass er nach dem Abspann weitergeht - in den eigenen Gedanken und in den eigenen Urteilen.
Sidney Lumets Debütfilm spielt komplett in einem einzigen Raum, und das war 1957 mindestens so mutig wie es heute klingt. Zwölf Männer müssen über Leben oder Tod eines Teenagers entscheiden, dem Mord vorgeworfen wird, und elf von ihnen haben die Sache eigentlich schon abgehakt, als Henry Fonda seinen Finger hebt und Nein sagt. Die zwölf Geschworenen ist deshalb so zeitlos, weil er nicht über Schuld oder Unschuld verhandelt, sondern darüber, wie Menschen unter Druck denken, argumentieren und füreinander nachgeben, manchmal aus den falschen Gründen. Jede Figur in diesem Raum ist ein eigener Charakter mit eigener Geschichte, eigenem blinden Fleck, und Lumet gibt jedem genug Zeit, damit man versteht, warum er denkt, was er denkt. Dass am Ende doch Vernunft siegt, fühlt sich nicht wie ein billiges Happy End an, weil man jeden einzelnen Schritt dahin mitgegangen ist.
Vor einem Militärgericht prallen in diesem Film Hierarchie und Moral so hart aufeinander, dass niemand unbeschadet bleibt. Aaron Sorkin hat das Drehbuch aus seinem eigenen Bühnenstück entwickelt, und man hört es in jedem Dialog: Diese Sätze sind zum Sprechen gemacht, nicht zum Lesen, und Rob Reiner lässt sie in einem Tempo fliegen, das den Film auch nach dreißig Jahren auf Temperatur hält. Tom Cruise spielt einen Militäranwalt, der eigentlich nie vor Gericht geht und plötzlich zwei Marines gegen ein System verteidigen muss, das keine Fehler zugeben will. Eine Frage der Ehre ist ein Film über Hierarchie, Befehlsgehorsam und die Frage, ob Ehrenhaftigkeit eine Entschuldigung sein darf, und Jack Nicholson beantwortet das in einer einzigen Szene so deutlich, dass man es nicht mehr vergisst. Colonel Jesseps "You can't handle the truth" ist einer jener seltenen Kinomomente, bei denen ein Satz größer wird als der Film, in dem er steckt, weil er auf etwas zeigt, das weit über den Gerichtssaal hinausgeht.
Billy Wilder und Agatha Christie ist eine Kombination, die auf dem Papier wie ein Experiment wirkt und auf der Leinwand wie ein Uhrwerk. Charles Laughton spielt einen angeschlagenen Staranwalt, der einen Mordverdächtigen verteidigt, obwohl sein Arzt ihm strikt davon abrät, und Zeugin der Anklage ist von der ersten Szene an ein Film, der dem Zuschauer mit vergnüglichem Respekt das Denken schwer macht. Marlene Dietrich spielt die Frau des Angeklagten mit einer Kühle, die man nicht einordnen kann, und der Film lässt einen sehr lange rätseln, ob das Berechnung ist oder Schmerz. Wilder inszeniert den Gerichtssaal als Theater im besten Sinne: als Ort, an dem jeder eine Rolle spielt und wo die eigentliche Wahrheit erst im allerletzten Moment auftaucht. Das Ende dieses Films ist so gut, dass Kinokarten damals mit der gedruckten Bitte ausgegeben wurden, es niemandem zu verraten.
Dieser Film beginnt, wo viele Filme aufgehört hätten, nämlich mit der Verhaftung, und konzentriert sich auf die letzten sechs Tage im Leben der Widerstandskämpferin Sophie Scholl. Sophie Scholl – Die letzten Tage ist kein konventionelles Gerichtsdrama, sondern eher ein Kammerstück, das fast vollständig aus Verhören, Warteräumen und Zellengesprächen besteht, und gerade deshalb so zermürbend wirkt. Julia Jentsch stellt Sophie mit einer Klarheit und Geradlinigkeit dar, die den Zuschauer nicht loslässt, weil man sieht, wie sie bei jedem Satz genau weiß, was dieser Satz kosten wird. Der Volksgerichtshof unter Roland Freisler ist in diesem Film kein Ort der Verhandlung, sondern eine Inszenierung, und das macht die Szenen dort zu den beklemmendsten des gesamten Films. Dass Rothmunds Film auf historischen Verhörprotokollen basiert, gibt ihm eine Dichte, die man spürt, ohne dass es je erklärt werden muss.
Harper Lees Roman war ein Jahr alt, als Robert Mulligan ihn verfilmte, und Gregory Pecks Atticus Finch ist seitdem zu einer der am meisten zitierten Figuren des amerikanischen Kinos geworden. Wer die Nachtigall stört spielt im Alabama der dreißiger Jahre, wo ein weißer Anwalt einen schwarzen Mann gegen den Vorwurf der Vergewaltigung verteidigt, und der Film erzählt das durch die Augen von Atticus' Tochter Scout, was ihm eine Unschuld gibt, die die Ungerechtigkeit des Dargestellten noch schärfer macht. Peck spielt Atticus ohne jeden Zug von Selbstgefälligkeit, als einen Mann, der einfach weiß, was er tun muss, auch wenn er genau weiß, dass er verlieren wird. Dass der Film bis heute im Unterricht gezeigt und diskutiert wird, liegt nicht nur an seinem historischen Gewicht, sondern daran, dass er eine Frage stellt, die sich nicht veraltet anfühlt: Was schulden wir einander in einem System, das uns ungleich behandelt?

08

Philadelphia
Philadelphia erzählt die Geschichte eines AIDS-kranken Anwalts, der von seiner Kanzlei gefeuert wird und dagegen klagt - und er tut das ohne jede Sentimentalität. Das macht den Film stärker als jeder Tränendrücker es je sein könnte. Tom Hanks spielt Andrew Beckett mit einer Zurückhaltung, die den Schmerz umso deutlicher macht, und Denzel Washington ist als der Anwalt, der ihn zuerst ablehnt und dann trotzdem vertritt, der eigentliche emotionale Motor des Films. Philadelphia ist ein Courtroom-Drama, aber er lebt außerhalb des Gerichtssaals genauso intensiv wie darin, in den Blicken, den Gesten, den kleinen Momenten, in denen man sieht, wie Andrew seinen Körper verliert. Dass der Film 1993 überhaupt gemacht wurde, mit diesem Budget und diesen Stars, war selbst eine Art gesellschaftliche Aussage, und er hat sich das Recht verdient, bis heute als Referenzpunkt zu gelten.
Jim Sheridan verfilmt den realen Fall der Guildford Four, vier Iren, die für IRA-Bombenanschläge verurteilt wurden, die sie nicht begangen haben, und er findet darin eine Geschichte, die wütender ist als fast alles andere auf dieser Liste. Daniel Day-Lewis spielt Gerry Conlon, der fünfzehn Jahre im Gefängnis sitzt und dessen Vater Giuseppe, gespielt von Pete Postlethwaite, dieselbe Strafe bekommt, obwohl er nichts mit dem Fall zu tun hat. Im Namen des Vaters ist kein Film, der Vertrauen in Institutionen stärkt, er ist einer, der zeigt, was passiert, wenn ein System lieber im Unrecht beharrt als Fehler einzugestehen. Die Dynamik zwischen Gerry und seinem Vater trägt den Film durch seine langen Jahre und gibt ihm ein emotionales Gewicht, das weit über den Justizskandal hinausgeht. Emma Thompson als Anwältin, die den Fall neu aufrollt, ist dabei die ruhige Kraft, die man am Ende am meisten in Erinnerung behält.
Dieses Drehbuch hatte Aaron Sorkin ursprünglich für Steven Spielberg geschrieben, es dann aber selbst verfilmt, und man merkt dem Ergebnis an, dass er sehr lange darüber nachgedacht hat. Sieben Aktivisten werden nach dem Chaos rund um den Demokratischen Parteitag 1968 in Chicago wegen Verschwörung angeklagt, und Die Verhandlung des Chicago 7 ist ein Film, der gleichzeitig Rechtsgeschichte erzählt und ein Porträt der sechziger Jahre zeichnet, ohne je zu vergessen, dass er vor allem unterhalten will. Sacha Baron Cohen spielt Abbie Hoffman mit einer Energie, die den Film immer wieder aus dem Ernst reißt, wenn er droht, zu sehr in seine eigene Wichtigkeit zu versinken. Sorkins Dialoge sind hier auf dem Niveau seiner besten Arbeit, und der Richter, gespielt von Frank Langella, ist einer der eindrucksvollsten Antagonisten des neueren Kinos, weil er sein Unrecht mit so unerschütterlicher Würde vorträgt.

Über diese Liste

Titel

10

Gesamtkosten fürs Ansehen

11,69 €

Gesamtlaufzeit

21h 20min

Genres

Drama, Krimi, Mystery & Thriller

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