Die beiden Filme Wicked und Wicked: Teil 2 erzählen im Kern die Musical-Version von Elphabas Geschichte, die selbst schon eine entschärfte Variante von Gregory Maguires Roman Wicked – Die Hexen von Oz ist. Was dabei fast komplett rausfliegt: wie politisch brutal, sexuell verstörend und hoffnungslos dieses Buch teilweise ist.
Maguires Vorlage ist explizit als „dunkle Fantasy“ angelegt, mit Faschismus-Anspielungen, sexualisierter Gewalt, religiösem Fanatismus und einem Ende, das jede Wohlfühl-Hoffnung abräumt.
Unsere Liste zeigt, wie radikal sich der Ton der Romanvorlage von Musical und Film unterscheidet – und warum es nur logisch ist, dass Universal genau diese Szenen für ein jugendfreies Kinoerlebnis gestrichen hat.
1. Der Zauberer als Sex-Offender: Elphabas Geburt ist Ergebnis eines Verbrechens
In den Filmen ist der Zauberer ein manipulativer Scharlatan, aber immer noch als tragische Vaterfigur lesbar. Im Roman geht Maguire deutlich weiter: Der Zauberer kommt als Fremder nach Oz, bringt ein Wunderelixier mit und lässt Elphabas Mutter Melena davon trinken, bevor er mit ihr schläft. Das Elixier betäubt sie, die Schwangerschaft ist das Ergebnis eines schweren sexuellen Übergriffs, nicht einer „Affäre“.
Elphabas grüne Haut, ihre Wasserphobie und ihr Außenseiterstatus werden so direkt an diese Gewalttat gekoppelt. Die Filme übernehmen zwar die Idee, dass der Zauberer Elphabas Vater ist und ein grünes Elixier im Spiel war, lassen aber den Vergewaltigungsaspekt konsequent weg und romantisieren die Nacht eher als mysteriöse Begegnung.
Dass Elphabas komplette Existenz im Buch auf einem Machtmissbrauch basiert, ist einer der düstersten Punkte, die die Musical- und Filmfassung bewusst nur andeuten.
2. Genozidpolitik gegen TIERE und Dr. Dillamonds blutiger Tod
Die Filme zeigen Dr. Dillamond als sympathischen Ziegen-Professor, der verhaftet wird, nachdem er gegen die Diskriminierung der Tiere protestiert – hart, aber PG-verträglich. In Maguires Roman wird der politische Terror gegen die sprechenden TIERE (Großschreibung im Buch) viel aggressiver und systematischer erzählt: Gesetze wie die „Banns on Animal Mobility“ nehmen ihnen Jobs, Rechte und Würde, die Kampagne läuft klar auf ethnische Säuberung hinaus.
Dillamond wird nicht einfach „abgeführt“, sondern mit aufgeschlitzter Kehle aufgefunden; eine Zeugin beschuldigt Madame Morribles mechanischen Diener Grommetik des Mordes, während das Regime alles als Unfall vertuscht.
Seine lebenswichtige Forschung, die beweist, dass Menschen und TIERE gar nicht so verschieden sind, wird zerstört. Die Musical- und Filmfassung behalten den Aktivisten-Dillamond, blenden aber den expliziten Mord, das Gefühl von Staats-Terror und den genozidalen Subtext weitgehend aus.
3. Das Philosophie-Club-Massaker: Drogen, Sex und mehr
Eine Szene, von der die Filme so tun, als hätte sie nie existiert: der Besuch im „Philosophy Club“. Im Musical ist das nur ein Name, im Roman erleben Elphabas Bekannte dort eine Show, bei der ein betrunkener Student Tibbett, eine Frau und ein Tiger auf einer Bühne zu sexuellen Handlungen gezwungen werden. Das Publikum wurde zuvor mit Drinks weichgekocht, Einwilligung ist hier bestenfalls ein schlechter Witz, mehrere Rezensionen und Inhaltswarnungen sprechen explizit von sexualisierter Gewalt und Bestialität.
Elphaba versucht Glinda und Nessarose aus diesem Umfeld herauszuhalten, was die Szene doppelt unangenehm macht: Sie weiß sehr genau, in welchem moralischen Sumpf Oz längst angekommen ist. Für ein Broadway-Musical, das sich auch an Teenager richtet, und erst recht für die Blockbuster Wicked und Wicked: Teil 2 war dieser Teil der Erzählung von Anfang an tabu.
4. Elphabas Radikalisierung, Terror und AIDS
Im Musical und in den Filmen kippt Elphaba relativ schnell vom idealistischen Außenseiter zur gejagten „bösen Hexe“ – emotional, aber ziemlich glattgebügelt. Im Roman hingegen vergehen ganze Jahre, in denen sie im Untergrund lebt, sich terroristischen Zellen anschließt und versucht, das Regime mit Gewalt zu stürzen. Sie plant Attentate, taucht in Verstecken unter und bewegt sich in einem moralischen Graubereich, in dem „Widerstand“ und „Terror“ kaum noch voneinander zu trennen sind.
Zwischendurch zieht sie sich in ein Kloster zurück, wo sie Schwerkranke pflegt. Autor Gregory Maguire hat später selbst erklärt, dass diese Passagen stark von der AIDS-Krise geprägt sind, die in den 80ern und 90ern viele Leben zerstörte.
Die Musical- und Filmversionen lassen diese langen, bitteren Zwischenkapitel einfach weg und erzählen lieber eine Geschichte über Freundschaft, Queerness und Selbstakzeptanz – alles, was nach politischem Desillusionierungs-Horror schmeckt, wird einfach ausgeblendet.
5. Fiyeros Doppelleben: Ehebruch, Tod und Reue
In Wicked und Wicked: Teil 2 erlebt Fiyero am Ende so etwas wie eine Erlösung: Er wird zum Vogelscheuchen-Fiyero, überlebt und flieht mit Elphaba, während Oz ihn für tot hält. Im Roman ist Fiyero ein verheirateter Familienvater mit drei Kindern, der Elphaba wiedertrifft, mit ihr eine jahrelange Affäre beginnt und dafür seine Frau Sarima wie Luft behandelt.
Als Elphaba sich in einem geheimen Unterschlupf versteckt, wird Fiyero dort von der Geheimpolizei („Sturmtruppe“ bzw. Gale Force) erwischt, gefoltert und ermordet – keine Magie, kein neues Leben als Vogelscheuche, nur ein Toter, für den Elphaba sich bis zum Ende des Romans verantwortlich fühlt.
Das Musical hat die Scarecrow-Idee erfunden, um Fiyero in eine halb-romantische, halb-tragische Figur zu verwandeln. Die Filme übernehmen diese entschärfte Variante und lassen den schonungslosen Ehebruch-und-Märtyrer-Handlungsstrang des Romans außen vor.
6. Massaker an Fiyeros Familie und Liirs traumatischer Ursprung
Die Filme verschweigen Fiyeros Familie fast komplett – dramaturgisch extrem bequem. Im Roman wird genau dieser blinde Fleck zum Kern einer der bittersten Enthüllungen: Nachdem Elphaba als „Hexe“ gebrandmarkt wurde, kehrt sie nach Kiamo Ko zurück und findet das Anwesen leer vor. Die Truppen des Zauberers haben Sarima und fast die gesamte Familie verschleppt; später enthüllt der Zauberer, dass er sie töten ließ und nur die Tochter Nor als Sklavin am Leben gelassen hat.
Der Junge Liir, der Elphaba begleitet, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit Fiyeros Sohn, wächst aber ohne klare Identität auf und trägt diese Geschichte durch den Roman Son of a Witch (2005). In Wicked und Wicked: Teil 2 wäre ein solcher Nebenplot aus Entführung, Folter, Versklavung und Kindheitstrauma natürlich undenkbar.
7. Nessarose als religiöse Tyrannin statt tragische Schwester
Die Filme und die Bühne zeichnen Nessarose als tragische Figur: körperlich eingeschränkt, emotional überfordert, besessen von Boq, am Ende von Trümmerteilen erschlagen und damit Auslöserin des Konflikts. Im Roman ist ihre Geschichte noch härter: Nessa wird ohne Arme geboren, übernimmt später die Herrschaft über Munchkinland und regiert als religiös verbrämte Diktatorin, die ihre Glaubenslehre nutzt, um Unterdrückung zu rechtfertigen.
Ihre Frömmigkeit kippt in Fanatismus, die politische Gewalt ist auch hier wieder klarer als in Musical und Filmen, in denen sie eher als tragische, eifersüchtige Schwester inszeniert wird. Dass Maguire eine behinderte Figur zur autoritären Herrscherin macht, ist bewusst unangenehm und moralisch kompliziert: Opferstatus schützt hier niemanden vor Täterschaft. Genau diese Ambivalenz glättet die Musical- und Filmfassung konsequent weg, weil sie zu heftig für eine große Familienproduktion wäre.
8. Kein Fake-Out: Dorothy tötet Elphaba und Oz bleibt ein Scherbenhaufen
Der vielleicht größte Bruch: In Wicked: Teil 2 übernimmt der Film im Kern die Musical-Lösung. Elphaba inszeniert ihren eigenen Tod, verschwindet mit dem Scarecrow-Fiyero durch eine Tür, und nur Glinda weiß, dass ihre Freundin noch lebt. Für das Publikum bleibt ein bittersüßes Happy End mit Hoffnung auf ein besseres Leben außerhalb von Oz.
Im Roman gibt es diesen Ausweg nicht. Elphaba ist wasserscheu, weil das mit ihrer Herkunft und dem Elixier zusammenhängt; als Dorothy den Eimer auskippt, stirbt Elphaba wirklich. Es gibt keinen geheimen Fluchtweg, keinen zweiten Akt irgendwo in der Provinz, nur einen abrupten, sinnlosen Tod mitten in der politischen Katastrophe, die Oz längst ist.
Das Land bleibt gespalten, die faschistischen Strukturen sind nicht einfach weg, und Elphabas Kampf endet ohne klaren Sieg – ein vager Schluss, den weder Musical noch Filme ihrem Publikum zumuten.


































































































































































































































