Manchmal will man keinen Filmabend, der sich anfühlt wie ein Langstreckenflug. Keine epische Laufzeit, keine zweite Halbzeit nach der Pizza, kein Gefühl, dass man sich für eine Geschichte gleich einen ganzen Abend freischaufeln muss.
Viele aktuelle Filme scheinen genau das aber zu verlangen und verwechseln Bedeutung mit Dauer. Früher war das anders, da wurde zugespitzt, verdichtet und dann losgelassen, oft nach anderthalb Stunden, manchmal sogar früher. Das heißt nicht, dass große Filme falsch sind, aber sie sind nicht immer das, was man gerade braucht. Wer sich heute durch Mammutwerke wie Killers of the Flower Moon arbeitet, spürt schnell, wie ermüdend Überlänge sein kann, selbst wenn alles handwerklich stimmt. Diese Liste setzt bewusst dagegen und versammelt neuere Filme, die klar unter 90 Minuten bleiben und trotzdem vollständig wirken. Keine Skizzen, keine halben Ideen, sondern präzise erzählte Geschichten mit Haltung, Rhythmus und einem Gespür dafür, wann ein Film genau richtig endet. Das ist Kino, das vertraut und nicht klammert.
1. Shiva Baby (2020)
Eine junge Frau besucht mit ihren Eltern eine jüdische Trauerfeier und trifft dort auf ihre Ex-Freundin, ihren heimlichen Sugardaddy und dessen Familie. Mehr braucht Shiva Baby nicht, um ein soziales Minenfeld zu eröffnen, das sich in 77 Minuten immer enger schließt. Der Film fühlt sich an wie ein Raum, in dem die Luft langsam ausgeht, während alle so tun, als wäre alles völlig normal. Gespräche kippen, Blicke bleiben hängen, kleine Gesten werden plötzlich bedrohlich. Humor entsteht aus Peinlichkeit, Stress aus Nähe, und nichts davon wird entschärft. Die Kamera bleibt nah, fast aufdringlich, und zwingt einen, jedes Zucken mitzunehmen. Gerade diese radikale Verdichtung macht den Film so wirkungsvoll, weil er keine Sekunde verschenkt. Shiva Baby beweist, wie brutal ehrlich ein Film sein kann, wenn er weiß, dass er nicht länger bleiben muss, um zu treffen.
2. Saint Maud (2019)
Eine streng gläubige Krankenschwester übernimmt die Pflege einer todkranken ehemaligen Tänzerin und ist überzeugt, einen göttlichen Auftrag zu erfüllen. Saint Maud erzählt diese Geschichte leise, kontrolliert und mit einer zunehmenden inneren Schieflage, die sich langsam, aber unaufhaltsam aufbaut. In 84 Minuten wird aus Fürsorge Mission, aus Glaube Wahn, ohne dass der Film je laut werden muss. Er arbeitet mit Blicken, Pausen und dieser beklemmenden Gewissheit, dass hier etwas kippt, während niemand eingreift. Der Horror entsteht nicht aus Schockmomenten, sondern aus der Konsequenz, mit der die Hauptfigur ihre Logik verfolgt. Diese Strenge verbindet den Film thematisch mit Shiva Baby, weil beide zeigen, wie zerstörerisch innere Überzeugungen sein können, wenn sie keinen Widerstand mehr erfahren. Saint Maud endet genau dann, wenn es nicht mehr auszuhalten ist, und lässt einen mit einem Bild zurück, das sich festsetzt.
3. Flow - Wie die Katze ihre Angst vor dem Wasser verlor (2024)
Eine Katze treibt durch eine überflutete Welt und begegnet anderen Tieren, die ebenso verloren wirken wie sie selbst. Flow verzichtet komplett auf Dialoge und erzählt in 85 Minuten allein über Bewegung, Rhythmus und Beobachtung. Der Film fühlt sich an wie ein ruhiger Strom, der einen mitzieht, ohne zu erklären oder zu kommentieren. Jede Begegnung hat Gewicht, jede Entscheidung wirkt existenziell, gerade weil nichts ausgesprochen wird. Die Welt ist schön und bedrohlich zugleich, und man lernt sie kennen, indem man sich durch sie bewegt. Diese Konzentration auf Atmosphäre verbindet Flow mit Petite Maman, weil beide Filme darauf vertrauen, dass Gefühl wichtiger ist als Erklärung. Flow nutzt seine Laufzeit perfekt, um einen Zustand zu erzeugen, nicht eine klassische Handlung. Er endet, bevor sich Wiederholung einschleicht, und hinterlässt ein stilles Nachhallen. Genau darin liegt seine Kraft und der Beweis, dass Kino auch ohne Worte und Überlänge komplett sein kann.
4. Host (2020)
Sechs Freundinnen treffen sich zu einer Online-Seance, die völlig außer Kontrolle gerät. Host spielt komplett in Videofenstern und nutzt diese Beschränkung nicht als Gimmick, sondern als Motor für Spannung. In nur 56 Minuten entsteht ein permanenter Nervenzustand, in dem jedes Geräusch, jeder Verbindungsabbruch und jede kleine Verzögerung bedrohlich wirkt. Der Film kennt kein Durchatmen und keinen Umweg, er zieht durch und verlässt den Raum, bevor man sich an den Horror gewöhnen kann. Gerade diese Kürze macht ihn so effektiv, weil er keine Distanz zulässt. In seiner Konsequenz steht Host nahe bei Saint Maud, da auch hier das Grauen aus einer Situation entsteht, die eskaliert, während alle glauben, sie noch kontrollieren zu können. Host ist ein perfektes Beispiel dafür, wie zeitgenössisches Genre-Kino von Präzision lebt und nicht von Länge. Hier sitzt alles, weil nichts übererklärt wird.
5. Beyond the Infinite Two Minutes (2020)
Ein Cafébesitzer entdeckt, dass sein Fernseher ihm genau zwei Minuten in der Zukunft zeigt. Aus dieser simplen Idee entwickelt Beyond the Infinite Two Minutes ein temporeiches Gedankenspiel, das in 70 Minuten erstaunlich komplex und zugleich leichtfüßig bleibt. Der Film arbeitet mit Wiederholungen, Verschiebungen und kleinen Variationen, ohne jemals den Überblick zu verlieren. Alles fühlt sich improvisiert an, ist aber präzise gebaut. Gerade weil die Laufzeit so knapp ist, bleibt das Konzept frisch und verspielt, statt sich totzudenken. Diese spielerische Strenge verbindet den Film mit Primer, auch wenn der Ton hier deutlich humorvoller ist. Beyond the Infinite Two Minutes macht klar, dass High-Concept-Kino nicht schwer oder lang sein muss, um clever zu sein. Er endet, bevor aus Staunen Anstrengung wird, und hinterlässt das Gefühl, etwas komplett Gedachtes gesehen zu haben.
6. Primer (2004)
Zwei Ingenieure stoßen zufällig auf eine Zeitmaschine und verlieren sich in den Möglichkeiten, die sie eröffnet. Primer ist in 77 Minuten so dicht, dass er sich anfühlt wie ein Knoten, den man auch nach dem Abspann noch nicht ganz gelöst hat. Der Film erklärt wenig, setzt Wissen voraus und vertraut darauf, dass man dranbleibt oder eben nicht. Gerade diese Kompromisslosigkeit macht ihn so faszinierend. Jede Entscheidung hat Konsequenzen, jede Abkürzung einen Preis. In seiner Strenge erinnert Primer an Beyond the Infinite Two Minutes, allerdings ohne dessen Leichtigkeit, sondern mit einem fast dokumentarischen Ernst. Die kurze Laufzeit verhindert, dass die Komplexität zur Selbstverliebtheit wird. Primer beweist, dass man große Ideen nicht auswalzen muss, sondern sie verdichten kann, bis sie schmerzen.
7. Petite Maman - Als wir Kinder waren (2021)
Ein Mädchen verarbeitet den Tod ihrer Großmutter und begegnet im Wald einer gleichaltrigen Freundin, die mehr mit ihr gemeinsam hat, als zunächst klar wird. Petite Maman erzählt diese Geschichte in 72 Minuten mit einer Sanftheit, die nie kitschig wird. Der Film beobachtet, statt zu erklären, und vertraut darauf, dass Gefühle sich entfalten dürfen, ohne kommentiert zu werden. Zeit wird hier nicht als Problem, sondern als Raum verstanden, der sich kurz öffnet und dann wieder schließt. Diese stille Präzision verbindet den Film mit Flow, weil beide aus Zurückhaltung ihre Stärke ziehen. Petite Maman fühlt sich vollständig an, gerade weil er so kurz ist. Er bleibt bei einem Gedanken, einer Emotion, und lässt sie wirken, bevor sie zerredet wird.
8. Krisha (2016)
Eine Frau kehrt nach Jahren der Abwesenheit zum Familienfest zurück und hofft, sich unauffällig wieder einzufügen. Krisha macht aus dieser scheinbar kleinen Situation ein nervenaufreibendes Kammerspiel, das sich in 81 Minuten immer weiter zuspitzt. Der Film folgt seiner Hauptfigur mit einer Nähe, die fast weh tut, beobachtet jede Unsicherheit, jedes falsche Wort, jede Geste, die zu viel ist. Alte Verletzungen liegen offen unter der Oberfläche, auch wenn niemand sie direkt anspricht. Alles wirkt improvisiert, roh und unangenehm ehrlich, als wäre man selbst ein ungeladener Gast. Gerade diese Verdichtung sorgt dafür, dass der emotionale Druck kaum auszuhalten ist, weil es kein Entkommen gibt. Krisha endet nicht mit einer Erlösung, sondern mit einer Konsequenz, die sich unausweichlich anfühlt. Genau deshalb bleibt der Film so lange hängen und beweist, wie viel Wucht in einem konsequent kurzen Format stecken kann.
9. Lady Macbeth (2016)
Eine junge Frau wird in eine lieblos arrangierte Ehe auf dem englischen Land gezwungen und findet sich in einem Haus wieder, das eher Gefängnis als Zuhause ist. Lady Macbeth erzählt diese Geschichte in 86 Minuten mit einer Kälte und Konsequenz, die lange nachwirkt. Der Film interessiert sich nicht für Rechtfertigungen oder psychologische Erklärungen, sondern für Entscheidungen und deren Folgen. Jede Szene wirkt wie ein weiterer Schritt in eine Richtung, aus der es kein Zurück gibt. Florence Pugh spielt ihre Figur mit einer Ruhe, die zunehmend beunruhigend wird, weil sie nicht nach Freiheit sucht, sondern nach Kontrolle. Lady Macbeth nutzt seine knappe Laufzeit, um alles Überflüssige abzuschneiden und eine moralische Leere zu zeigen, die sich langsam ausbreitet. Der Film endet nicht abrupt, sondern unausweichlich, genau so, wie er erzählt ist.
10. Paddleton (2019)
Zwei eigenbrötlerische Männer führen eine unspektakuläre Freundschaft, die plötzlich von einer tödlichen Diagnose überschattet wird. Paddleton erzählt diese Geschichte in 89 Minuten mit einer Zurückhaltung, die fast radikal wirkt. Der Film verweigert große Gesten und setzt stattdessen auf unbeholfene Gespräche, stille Rituale und einen Humor, der aus Nähe entsteht. Gerade weil alles so klein gehalten ist, treffen die emotionalen Momente umso härter. Es geht nicht um Krankheit als Drama, sondern um Freundschaft als alltägliche Selbstverständlichkeit, die plötzlich ein Ende hat. Paddleton weiß genau, wann er gehen muss, und genau deshalb fühlt sich der Film vollständig an, ohne je aufdringlich zu werden.



































































































































































































































