
Eines der wildesten historischen Dramen läuft jetzt komplett auf Prime Video
Es gibt historische Serien, die einem Geschichtsbuch mit besseren Kostümen ähneln, und es gibt diese Serie. Seit dem 1. Juni stehen alle vier Staffeln über Heinrich VIII. auf Amazon Prime Video bereit. Und damit eines der opulentesten, skandalösesten und manchmal auch absurdesten Königsdramen, die das Fernsehen je hervorgebracht hat: Die Tudors (2007-2010).
Wer bisher nur den Mythos kannte, dass Heinrich VIII. seine Frauen reihum aussortierte, bekommt hier vier Staffeln lang ein Geflecht aus politischen Intrigen, verbotener Romantik und blanker Machtgier serviert. Mit dabei: Henry Cavill in einer seiner ersten großen TV-Rollen – Jahre bevor er als Superman zum Weltstar wurde.
Was „Die Tudors“ so unverschämt unterhaltsam macht
Die Serie startete 2007 auf dem US-Sender Showtime und behandelte die Regierungszeit von Heinrich VIII. von Anfang an wie eine Soap mit Krone. Als Premium-Kabel-Produktion war Die Tudors deutlich freizügiger und kompromissloser als frühere Historienserien.
Wer Heinrich VIII. bis dahin vor allem als dicken alten Mann mit sechs Ehefrauen aus dem Geschichtsbuch kannte, bekam plötzlich einen jungen, sexuell hungrigen Lebemann in seidener Wäsche serviert. Jonathan Rhys Meyers, auch bekannt aus Match Point und Mission Impossible III, spielt den König nicht als bärtigen Riesen, wie man ihn aus den Gemälden kennt. Er ist jung, eitel, ein charismatischer Hitzkopf, der immer kurz vor dem nächsten Wutausbruch oder dem nächsten Seitensprung steht.

Diese Entscheidung war historisch fragwürdig, aber dramaturgisch der Glücksgriff der Serie. Heinrich wirkt dadurch nie wie ein Standbild der Geschichte, sondern wie ein gefährlicher, manchmal kindischer Mann mit zu viel Macht. Daneben taucht Henry Cavill als Charles Brandon auf, Heinrichs bester Freund und ein Frauenheld, der in der Serie deutlich mehr Profil bekommt als in den meisten Geschichtsbüchern. Cavills Auftritt ist faszinierend zu beobachten, weil man bereits sieht, wie er später Superman in Man of Steel oder Geralt von Riva in The Witcher spielen wird, aber noch ohne die fertige Ikonenhaftigkeit. Er ist hier jünger, schmaler und manchmal überraschend verletzlich.
Vier Staffeln „Die Tudors“, vier Phasen eines Königs
Zu Beginn ist Heinrich noch verheiratet mit Katharina von Aragon (Maria Doyle Kennedy), einer würdevollen, gläubigen Frau, die ihm aber keinen männlichen Thronerben geboren hat. Während im Hintergrund die englische Außenpolitik kocht, verliebt er sich in der ersten Staffel in die jüngere Schwester einer seiner Geliebten: Anne Boleyn (Natalie Dormer).
Die Staffel zeigt sehr genau, wie aus einer Schwärmerei eine politische Lawine wird, die am Ende sogar mit Rom bricht. Es ist ein klassisches Liebesdreieck, nur mit Folgen, die ein ganzes Königreich umstürzen. Heinrich wirkt hier charmant und gefährlich zugleich, Anne wird als ehrgeizige, kluge Strategin eingeführt, noch nicht als tragische Figur, und alles fühlt sich nach Aufbruch an.
Mit Annes Krönung gehört die zweite Staffel ganz ihr. Die Serie nimmt sich Zeit für ihren Aufstieg, ihre Schwangerschaften, ihre Verzweiflung und die immer kühler werdende Stimmung am Hof. Wer die Geschichte kennt, weiß, wie es endet, aber die Serie macht aus diesem Wissen kein Hindernis, sondern eine Quelle der Spannung. Man sieht zu, wie sich Heinrichs Liebe in Misstrauen verwandelt und wie sein Berater Thomas Cromwell (James Frain) beginnt, die Beine unter Annes Stuhl heimlich abzusägen. Das Ende dieser Staffel gehört zu den bedrückendsten Momenten der gesamten Serie, gerade weil Natalie Dormer, die später durch Game of Thrones zum großen Star wurde, Anne dort so menschlich spielt, dass man die Wucht der Hinrichtung tatsächlich hautnah spürt.
Deutlich leiser, manchmal fast melancholisch, wird der Ton in der dritten Staffel. Heinrich heiratet Jane Seymour (Annabelle Wallis), eine sanfte Frau, die der Serie ein anderes Tempo aufzwingt. Gleichzeitig bricht im Norden Englands eine Rebellion gegen Heinrichs Religionspolitik aus, also gegen seinen Bruch mit dem Papst und die Gründung einer eigenen englischen Kirche. Das ist nicht die spektakulärste Staffel, aber sie zeigt, wie Heinrich nach Annes Tod immer paranoider wird und wie aus dem charmanten Tyrannen langsam ein verbitterter, kranker Mann wird. Janes Schicksal, das historisch deutlich nüchterner überliefert ist, bekommt hier eine emotionale Wucht, die man nicht erwartet.
Drei weitere Ehen folgen in der letzten Staffel, jede davon endet in einer eigenen Katastrophe. Anna von Kleve (Joss Stone) wird nach einer Begegnung abgelehnt, die als eine der berühmtesten königlichen Enttäuschungen in die Geschichte eingegangen ist. Die jugendliche Catherine Howard (Tamzin Merchant) fasziniert ihn und stürzt ihn dann ins emotionale Chaos, und am Ende heiratet er die kluge, kühle Catherine Parr (Joely Richardson). Diese Staffel ist die am wenigsten gefällige, weil Heinrich kaum noch sympathisch zu spielen ist. Die Macher entscheiden sich bewusst dafür, ihm das auch nicht abzunehmen. Rhys Meyers altert sichtbar nicht so brutal, wie der echte Heinrich es tat, aber die Serie macht aus dieser Diskrepanz keine Verlegenheit. Sie zeigt, was vierzig Jahre Macht, Verlust und Schuld aus einem Menschen machen können.
Warum sich das Bingen jetzt lohnt
Die Tudors erzählt englische Geschichte nicht als nüchterne Geschichtsstunde, sondern als opulentes Drama voller Intrigen, Sex, Religion und Machtkämpfe. Historische Details biegt die Serie dabei gelegentlich zurecht – ihre Wucht verliert sie deshalb aber nie.
Dass nun alle vier Staffeln gesammelt bei Prime Video liegen, ist tatsächlich eine kleine Einladung. Erst im Binge-Modus entfaltet sich die Tragik dieser Figur wirklich: ein Heinrich VIII., der anfangs noch tanzt, flirtet und voller Energie wirkt – und am Ende kaum noch aus seinem Sessel kommt.



















