
„Blade Runner 2099“: Fünf Dinge, über die nach dem ersten Trailer alle sprechen
Vierzig Jahre lang stellte der Film immer dieselbe Frage: Was macht einen Menschen aus, wenn eine Maschine besser lieben, fürchten und sterben kann als er? Und vierzig Jahre lang war klar, mit wem man fühlte – mit den Replikanten, den künstlichen Wesen, gejagt und ausgemustert wie fehlerhafte Ware. Jetzt kehrt eine Serie diese Ordnung um, und schon der erste Trailer sorgt für Streit. Auf der Comic-Con in San Diego zeigte Prime Video die erste Vorschau auf Blade Runner 2099, die erste Live-Action-Serie des Franchise, angesiedelt fünfzig Jahre nach Blade Runner 2049 (2017). Michelle Yeoh und Hunter Schafer spielen die Hauptrollen, Ridley Scott, Schöpfer des Originals Der Blade Runner (1982), ist als Produzent an Bord. Start ist der 25. November. Zwischen Ehrfurcht und Argwohn kristallisieren sich in den Foren fünf Themen heraus, über die gerade alle reden.
Die umgekehrte Welt
Der größte Aufreger ist die Prämisse selbst. Der Trailer und die offiziellen Angaben deuten darauf hin, dass die Replikanten nach einem Aufstand die Macht übernommen haben und die Menschen nun zu den Verfolgten gehören – eine Ordnung, in der die einstigen Gejagten die Herren sind. Die radikalste Setzung, die sich das Franchise je erlaubt hat, und genau daran scheiden sich die Geister. Die einen finden die Idee bestechend, den logischen nächsten Schritt nach der sterbenden Welt von 2049.
Die anderen wettern in Foren wie ResetEra, das sei „nicht im Geist des Franchise“, bloß Reaktion, eine Umkehrung um der Umkehrung willen. Doch der eigentliche Einwand reicht tiefer. Blade Runner war nie eine Geschichte über Roboter. Es war eine über Sklaverei, über die Frage, wer überhaupt als Mensch gilt und wer darüber entscheidet. Wenn die einstigen Sklaven nun selbst zu Herren werden, stellt die Serie die unbequemste aller Fragen: Ob Unterdrückung ihre Opfer verändert – oder nur die Rollen tauscht und alles beim Alten lässt. Daran wird sie sich messen lassen müssen.
Michelle Yeoh spaltet
Kaum eine Personalie wird so verhandelt wie die Hauptdarstellerin. Michelle Yeoh, Oscarpreisträgerin, spielt Olwen, eine Replikantin, die als Blade Runner ihresgleichen jagt – wenige Tage vor dem programmierten Ende ihres eigenen Lebens. Eine Figur, die den Tod kennt wie kaum eine zweite in dieser Welt. Trotzdem melden sich auffällig viele Zweifler: Man sehe Michelle Yeoh, wie sie eine Blade-Runner-Figur spiele, statt die Figur selbst zu sehen. Ihr Starruhm stelle sich zwischen sie und die Rolle. Andere halten dagegen und verweisen auf ihre Heimat im Science-Fiction-Fach.
Manche Fans ziehen dabei sogar Parallelen zur heutigen Debatte um Künstliche Intelligenz. Synthetische Figuren wirken heute weniger wie ferne Science-Fiction als noch 1982, als die synthetische Seele reine Spekulation war, ein Gedankenexperiment im Kinodunkel. Heute begegnet einem die künstliche Intelligenz im eigenen Rechner, und das könnte den Blick auf die Replikanten verändern. Vielleicht ist genau das die stille Prüfung der Serie: ob wir das Mitgefühl noch aufbringen, das Blade Runner immer verlangte.
Der Look wie aus dem Videospiel
Ein Vorwurf kehrt in fast jeder Kommentarspalte wieder: der Look. Wo Denis Villeneuves 2049 mit den Bildern von Kameramann Roger Deakins eine fast schmerzhafte Schönheit erreichte, wirkt der Serientrailer auf viele billiger. Von einer „Temu-Version“ des großen LED-Studios, das The Mandalorian (2019) berühmt machte, ist die Rede, von einem Bild wie in einem Videospiel mit echten Schauspielern davor.
Zu viel Neon, zu viel Regen aus dem Rechner. Man muss fair bleiben: Ein Fernsehbudget ist kein Kinobudget, und ein Trailer ist nicht der Film. Und doch trifft die Kritik einen Nerv, denn bei Blade Runner war das Bild nie bloße Hülle. Der Regen, das Neon, die türmenden Fassaden – sie waren die Aussage selbst, eine Welt, in der das Künstliche das Natürliche längst verschluckt hat. Sieht diese Welt aus wie aus der Konserve, dann leidet ein zentraler Teil der Faszination. Schönheit war hier immer Argument, nie Dekoration. Ob acht Folgen dafür die Geduld aufbringen, wird sich zeigen.
Der Satz, der zum Zitat wurde
Jeder Trailer braucht seinen Satz, der hängen bleibt. Hier ist es Olwens Schlusszeile, die sofort durch die Netzwerke ging: „Die alte Welt kämpft hartnäckig um ihre Rückkehr. Die Menschen trachten nach dem, was sie verloren haben. Doch nun ist es unsere Welt.“ In drei Sätzen die ganze verkehrte Welt der Serie: der Trotz der neuen Herren, die Drohung der alten Ordnung, das Tauschen von Täter und Opfer. Was den Satz so beklemmend macht, ist sein Echo. Er klingt wie die Reden derer, gegen die Blade Runner immer stand – nur im Mund derer, mit denen es hielt. Wer einmal unterdrückt wurde, spricht plötzlich die Sprache der Unterdrücker. Manche feiern die Zeile als tonangebend, andere sehen darin genau die plakative Zuspitzung, die sie fürchten. So oder so hat der Trailer sein Aushängeschild gefunden. Kein Zufall, dass ausgerechnet dieser Moment am häufigsten geteilt wird: Er hält dem Zuschauer einen Spiegel vor.
Ridley Scott und die Frage nach dem Tempo
Bleibt die größte Hoffnung und zugleich die größte Sorge. Die Hoffnung heißt Ridley Scott. Der Mann, der Der Blade Runner erschuf, ist dieses Mal als Produzent dabei, anders als bei 2049, wo er nur lose beteiligt war und das später bedauerte. Seine Handschrift, so das Kalkül, könnte der Serie das nötige Gewicht geben. Die Sorge dagegen betrifft die Zeit selbst. Blade Runner lebte immer von der Langsamkeit, vom Innehalten, von der Stille zwischen den Bildern – weil nur dort Raum entsteht für die Fragen, um die es eigentlich geht: nach Erinnerung, nach Sterblichkeit, nach dem, was bleibt, wenn ein Wesen weiß, dass seine Tage gezählt sind.
Eine Serie mit acht Folgen und Actiongefechten, wie der Trailer sie andeutet, könnte diese Stille verlieren. Regie bei den ersten beiden Folgen führt Jonathan van Tulleken, bekannt aus Shogun. Ob daraus ein Nachdenken im Serienformat wird oder solide Unterhaltung im Neonlicht, ist die eine Frage, die der Trailer offenlässt. Am 25. November wissen wir mehr. Bis dahin bleibt, was Blade Runner immer war: eine offene Frage.








































