
Wie Inde Navarrette schon in „Obsession“ bewiesen hat, dass sie die perfekte Rogue ist
Kaum hat Marvel Inde Navarrette als Rogue für X-Men (2028) bestätigt, wird im Netz bereits darüber diskutiert, ob sie den richtigen Südstaaten-Akzent hinbekommt und optisch zur Mutantin passt. Dabei dürfte für diese Rogue etwas ganz anderes entscheidend sein. Ihre Kräfte bedeuten nämlich nicht nur, dass sie anderen Menschen Fähigkeiten abnimmt. Erinnerungen und Persönlichkeitsanteile der Menschen, die sie berührt, können ebenfalls in ihr zurückbleiben. Rogue muss anschließend damit leben, dass in ihrem eigenen Kopf plötzlich etwas Fremdes mitredet.
Für Navarrette ist dieser innere Kampf erstaunlich vertrautes Terrain. In Obsession – Du sollst mich lieben (2026) spielt sie Nikki, deren Persönlichkeit gegen eine fremdbestimmte Version ihrer selbst ankämpft. Der Horrorfilm verlangt ihr damit etwas ab, das Marvel bei Rogue ebenfalls brauchen könnte: Sie muss zeigen, dass ein Mensch noch da ist, obwohl gerade jemand Anderes die Kontrolle zu übernehmen scheint.
Rogues schwierigster Kampf beginnt manchmal erst nach einer Berührung
Auf dem Papier besitzt Rogue eine der mächtigsten Fähigkeiten der X-Men. Durch Hautkontakt kann sie die Kräfte anderer Mutanten übernehmen und anschließend selbst einsetzen. Doch sie übernimmt dabei mehr, als ihr lieb sein kann. Erinnerungen und Persönlichkeitsanteile können ebenfalls in ihr landen, während der andere Mensch geschwächt oder sogar bewusstlos zurückbleibt. Besonders drastisch wird das in ihrer Geschichte mit Carol Danvers. Rogue absorbiert deren Kräfte und Erinnerungen so tiefgehend, dass Carols Persönlichkeit und Erinnerungen anschließend über lange Zeit in ihrem Bewusstsein präsent bleiben. Für Rogue geht es dann nicht mehr nur darum, eine fremde Fähigkeit zu kontrollieren. Sie muss unterscheiden, welche Gedanken, Gefühle und Erinnerungen tatsächlich ihre eigenen sind.

Die früheren Realfilme mit Anna Paquin haben vor allem eine andere tragische Seite dieser Kraft erzählt. Ihre Rogue leidet darunter, dass sie kaum jemanden berühren kann, ohne ihn zu gefährden. Das machte sie zur einsamen Außenseiterin, ließ aber noch viel Raum für jene Geschichten, in denen die Grenzen zwischen ihrer eigenen Identität und der anderer Menschen verschwimmen, deren Kräfte sie aufnimmt. Genau dort könnte Navarrette interessant werden.
Nikki verschwindet nie ganz hinter „Wish Nikki“
In Curry Barkers Horrorfilm beginnt Nikki als Bears (Michael Johnston) beste Freundin. Bear ist seit Jahren in sie verliebt und bekommt mit dem One Wish Willow plötzlich die Möglichkeit, einen Wunsch wahr werden zu lassen. Er entscheidet sich dafür, dass Nikki ihn mehr liebt als alles andere auf der Welt. Kurz darauf bekommt er tatsächlich die Frau, die ihn unbedingt will, nur hat Nikki diese Entscheidung nie getroffen. Navarrette und Barker unterschieden während der Dreharbeiten zwischen der echten Nikki und „Wish Nikki“, also jener Version, die durch Bears Wunsch entstanden ist. Navarrette hat beschrieben, wie wichtig das richtige Timing bei den Wechseln zwischen beiden Zuständen war. Der Film macht daraus keinen simplen Wechsel auf Knopfdruck. Oft verändert sie nur ihren Blick, ihre Stimme oder ihre Haltung, und plötzlich wird spürbar, dass unter der überschwänglichen Liebe die eigentliche Nikki noch immer vorhanden ist. Sehr früh zeigt das ein Kuss zwischen Nikki und Bear: Zunächst geht sie völlig in ihrer neuen Zuneigung auf, dann löst sie sich von ihm und wirkt für einen Moment, als sei sie gerade wieder zu sich gekommen. Barker erzählte später, dass Navarrette diesen Wechsel während der Proben nicht in dieser Form gezeigt hatte. Erst als die Kamera lief, sah er, was sie aus diesem kurzen Moment machte.

Für Rogue wäre eine solche Feinheit wichtiger als jeder Akzent. Wenn eine fremde Persönlichkeit in ihrem Kopf auftaucht, sollte man nicht erst durch Dialog erklärt bekommen müssen, dass etwas nicht stimmt. Ein Blick, eine andere Haltung oder ein plötzlich fremd wirkender Tonfall können reichen, um zu zeigen, dass Rogue gerade nicht allein mit ihren eigenen Gedanken ist.
Die Schlafzimmerszene liefert dafür das stärkste Beispiel
Später sitzt Nikki nach dem Sex mit Bear beinahe regungslos im dunklen Schlafzimmer und beobachtet ihn. Durch Make-up wirkt ihr Gesicht leicht verändert, doch das eigentlich Unheimliche entsteht durch Navarrettes Spiel: Man erkennt Nikki noch immer und hat gleichzeitig das Gefühl, dass irgendetwas in ihr nicht mehr zusammenpasst. Im Schlaf dringt dieser Konflikt noch deutlicher nach außen, als Nikki spricht und Bear darum bittet, sie zu töten. Barker hat den Moment so erklärt, dass die echte Nikki im Schlaf wieder durchkommt, während die durch den Wunsch erschaffene Version eine Welt ohne ihre Liebe zu Bear als Albtraum erlebt. Zwei widersprüchliche Zustände teilen sich also denselben Körper, und Navarrette muss nicht mit großen Gesten markieren, welcher von beiden gerade die Oberhand hat. Auch in späteren Szenen bleibt diese Reibung erhalten. Nikki kann aggressiv, verzweifelt oder beinahe raubtierhaft wirken, ohne dass sie deshalb zu einem beliebigen Horrormonster wird. Gerade weil die Frau vom Anfang nicht vollständig verschwindet, bleibt ihr Verhalten so unangenehm. Man wartet immer darauf, dass sie wieder durchkommt.

Rogue könnte Navarrette vor eine ganz ähnliche schauspielerische Aufgabe stellen, wenn Marvel ihre Fähigkeit nicht nur als praktische Möglichkeit nutzt, ihr für eine Actionszene neue Kräfte zu geben. Sobald Erinnerungen und Persönlichkeiten anderer Menschen länger in ihr bleiben, entsteht ein Konflikt, der weit über spektakuläre Kämpfe hinausgeht.
Marvel sollte Rogue nicht auf Akzent und Superkräfte reduzieren
Natürlich muss diese neue Rogue mehr können, als innerlich zu leiden. In den Comics ist sie temperamentvoll, selbstbewusst, witzig und oft ziemlich direkt. Wer nur Anna Paquins zurückhaltendere Kinoversion kennt, könnte deshalb überrascht sein, wie viel Energie in der Rolle steckt. Diese Mischung könnte Navarrette entgegenkommen, denn Obsession – Du sollst mich lieben zeigt nicht nur Angst oder Hilflosigkeit. Ihre Nikki kann in wenigen Augenblicken zwischen Zuneigung, Panik, Aggression und einem fast kindlichen Bedürfnis nach Bear wechseln. Sie wirkt dabei nicht wie vier voneinander getrennte Varianten derselben Frau, sondern wie ein Mensch, in dem widersprüchliche Impulse gleichzeitig arbeiten. Marvel könnte damit eine Rogue schaffen, die sich deutlich von ihren bisherigen Realfilm-Auftritten unterscheidet und zugleich jene Seite der Mutantin stärker auslotet, die in den Comics seit Jahrzehnten zu ihr gehört. Ob daraus am Ende die beste Rogue auf dem Bildschirm wird, hängt weniger von Navarrette als davon ab, was das Drehbuch ihr erlaubt.
Curry Barker hatte beim Dreh von Obsession offenbar selbst nicht vollständig damit gerechnet, wie viel Navarrette aus Nikkis Wechseln herausholen würde. Jake Schreier muss diese Entdeckung nicht mehr machen – er kann sie benutzen.






















