
Die MCU-X-Men lösen endlich ein 10 Jahre altes Versprechen um Mister Sinister ein
Manchmal braucht ein Superschurke zehn Jahre, um überhaupt die Bühne zu betreten. Als nach X-Men: Apocalypse (2016) ein Koffer mit der Aufschrift „Essex Corp.“ zuklappte, schien Mister Sinisters Kinodebüt nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Fox streute anschließend weitere Hinweise auf Nathaniel Essex und plante ihn für mehrere Filme ein, ohne ihn jemals wirklich auftreten zu lassen. Das damalige X-Men-Universum ist inzwischen Geschichte, Marvel Studios setzt diese Handlung also nicht einfach fort. Trotzdem erfüllt der kommende X-Men-Film mit Adam Driver als Mister Sinister ein Versprechen, das seit 2016 über der Reihe hängt: Dieses Mal bekommen wir den Mann hinter dem Namen tatsächlich zu sehen.
„X-Men: Apocalypse“ machte aus Nathaniel Essex zunächst nur einen Namen
Den Anfang machte eine Post-Credit-Szene, die damals ziemlich eindeutig nach Zukunftsplanung aussah. Nach den Ereignissen von X-Men: Apocalypse durchsuchen Mitarbeiter die Weapon-X-Anlage am Alkali Lake, in der Wolverine (Hugh Jackman) gefangen gehalten und für Experimente missbraucht worden war. Sie nehmen Blutproben mit, verstauen sie in einem Koffer und enthüllen dessen Aufschrift: Essex Corp. Comic-Leser konnten daraus sofort Nathaniel Essex ableiten. Mister Sinister ist ein Genetiker, der Mutanten nicht einfach vernichten will, sondern ihre besonderen Fähigkeiten erforscht, manipuliert und nach seinen Vorstellungen weiterentwickelt. Gerade die DNA mächtiger Mutanten fasziniert ihn regelrecht. Deshalb passte die Verbindung zu Weapon X perfekt, und zunächst sah es auch so aus, als würde der Hinweis bald eingelöst.

Daraus wurde nichts. Mister Sinister war zeitweise für Logan – The Wolverine (2017) vorgesehen, Regisseur James Mangold wollte seinen düsteren und vergleichsweise bodenständigen Film jedoch nicht mit einem derart extravaganten Comic-Schurken belasten. Essex verschwand damit zunächst wieder von der Leinwand, allerdings nicht aus den Plänen des Studios.
Danach tauchte Essex überall auf, nur Mister Sinister selbst nicht
Fox hielt den Namen in den folgenden Jahren erstaunlich hartnäckig am Leben. In Deadpool 2 (2018) wächst Russell Collins (Julian Dennison) im Essex House for Mutant Rehabilitation auf. Hinter dem freundlich klingenden Namen verbirgt sich eine Einrichtung, in der junge Mutanten misshandelt werden und lernen sollen, ihre Kräfte als etwas Falsches zu betrachten. Nathaniel Essex erscheint nicht, doch wieder steht sein Name dort, wo Mutanten kontrolliert, verändert oder für fremde Zwecke benutzt werden.
Noch konkreter wurde New Mutants (2020). Dr. Cecilia Reyes (Alice Braga) hält dort fünf junge Mutanten in einer abgeschotteten Einrichtung fest und behauptet zunächst, sie auf ein normales Leben vorbereiten zu wollen. Tatsächlich arbeitet sie für die Essex Corporation, die herausfinden möchte, ob sich die Jugendlichen als Waffen eignen. Jon Hamm war zwischenzeitlich sogar als Mister Sinister im Gespräch, bevor auch dieser Auftritt gestrichen wurde.
Selbst der nie realisierte Gambit-Film sollte Nathaniel Essex aufgreifen. Über Jahre entstand dadurch eine kuriose Situation: Fox hatte den Schurken praktisch schon eingeführt, ohne ihn je zu zeigen. Sein Name, seine Firma und seine Vorliebe für genetische Experimente waren vorhanden, der Mann selbst blieb hinter der nächsten Tür.
Adam Driver muss mehr zeigen als den nächsten finsteren Marvel-Bösewicht
Mit Adam Driver bekommt Marvel nun einen Schauspieler, dem man Sinisters Gefährlichkeit sofort abnimmt, und deshalb wäre es schade, ihn lediglich als schweigsamen, bedrohlichen Genetiker auftreten zu lassen. Nathaniel Essex funktioniert am besten, wenn seine Grausamkeit mit einer fast spielerischen Selbstverliebtheit zusammenkommt. In den Comics kann Sinister charmant, theatralisch und ausgesprochen amüsiert von seinem eigenen Genie sein. Er genießt es, andere Menschen aus dem Gleichgewicht zu bringen, und behandelt selbst entsetzliche Experimente mit einer Leichtigkeit, die ihn erst recht unheimlich macht. Seine Eitelkeit gehört ebenso zu ihm wie der rote Diamant auf seiner Stirn.

Driver hat häufig Menschen gespielt, deren Wirkung von innerer Anspannung und kontrollierter Wut lebt, allen voran Kylo Ren in den neueren Star-Wars-Filmen. Rollen wie jene in Logan Lucky (2017) oder Annette (2021) zeigen allerdings, dass er auch trockenen Humor, Absurdität und Exzentrik beherrscht. Für Mister Sinister dürfte Marvel beides brauchen: Er muss gefährlich wirken, ohne ständig grimmig zu schauen, und Spaß an seiner Bosheit haben, ohne zum harmlosen Witzbold zu werden.
Jean Grey und Cyclops machen Sinister zum passenden Gegner für den Neustart
Dass Jean Grey (Sadie Sink) und Cyclops (Kit Connor) zum neuen X-Men-Team gehören, macht die Wahl noch interessanter. In den Comics beschäftigt sich Sinister seit Jahrzehnten intensiv mit der Genetik von Jean und der Familie Summers. Scott Summers ist für ihn deshalb nicht einfach irgendein Mutant, sondern Teil einer Blutlinie, deren Potenzial er unbedingt verstehen und für seine eigenen Pläne nutzen möchte. Marvel muss diese komplizierte Comic-Geschichte nicht vollständig übernehmen. Für einen neuen X-Men-Film bietet Sinister trotzdem etwas, das ein gewöhnlicher Welteroberer kaum leisten könnte: Er kann sich persönlich für die jungen Mutanten interessieren. Statt sofort eine Stadt zu zerstören, könnte er sie beobachten, ihre Fähigkeiten testen und versuchen, ihre Entwicklung zu beeinflussen. Damit wäre er ein Gegner, der dem neuen Team gefährlich nahekommt, bevor es überhaupt richtig zusammengewachsen ist.
Fox hat Nathaniel Essex jahrelang angekündigt und den entscheidenden Schritt nie gemacht. Marvel Studios beginnt mit seinen X-Men zwar eine neue Geschichte, bekommt aber trotzdem die Chance, diesen alten Kinofaden auf seine Weise aufzunehmen. Nach einem Jahrzehnt voller Essex-Schilder, Labore und gestrichener Auftritte darf Mister Sinister dieses Mal nur eines nicht tun: wieder hinter der Tür bleiben.



























