
„Half Man“: Der Cast der neuen Serie des „Baby Reindeer“-Schöpfers erklärt
Nach dem unerwarteten Erfolg von Baby Reindeer (2024) kehrt Richard Gadd mit Half Man zurück – diesmal nicht autobiografisch, sondern bewusst fiktional, aber kaum weniger schonungslos. Im Zentrum steht eine Beziehung, die sich jeder klaren Einordnung entzieht.
Über einen Zeitraum von rund vier Jahrzehnten – von den 1980er Jahren bis in die Gegenwart – verfolgt die sechsteilige Miniserie die Geschichte zweier Männer, die sich wie Brüder verbunden fühlen, ohne es je gewesen zu sein. Was sie eint, ist weniger Zuneigung als eine Form emotionaler Abhängigkeit, die zwischen Schutz, Kontrolle und Gewalt oszilliert. Ausgangspunkt der Erzählung ist ein Wiedersehen auf einer Hochzeit, von dem aus die Serie in Rückblenden die komplexe Beziehung der beiden nachzeichnet.
Zwischen familiären Brüchen, gesellschaftlichen Veränderungen und der Frage nach männlicher Identität entfaltet sich ein psychologisch dichtes, rohes Drama. Richard Gadd interessiert sich dabei weniger für einfache Zuschreibungen als für Widersprüche: Seine Figuren sind weder eindeutig Opfer noch Täter, sondern beides zugleich. Zum deutschen Serienstart geben wir einen Überblick über den Cast.
Stuart Campbell als junger Ruben
Ruben ist das Zentrum der Unruhe in Half Man: Als er nach einem Aufenthalt in einer Jugendstrafanstalt in Nialls Leben tritt, verändert sich dessen Alltag schlagartig. Denn Ruben ist laut, gewaltbereit, aufbrausend und unberechenbar.
Dass die beiden plötzlich ein Zimmer, ein Zuhause und ihren Alltag teilen, ist kein Zufall: Nialls verwitwete Mutter beginnt eine Beziehung mit Rubens Mutter und holt ihren Sohn mit ins Haus. Für Niall, dessen Leben ohnehin fragil ist, bedeutet das eine radikale Umstellung – und die unmittelbare Konfrontation mit einer Präsenz, die sich nicht ignorieren lässt.
Doch Ruben steht für Niall auch schnell für Schutz: Er beendet die Schikanen, denen Niall in der Schule ausgesetzt ist. Zugleich ist dieser Schutz untrennbar mit Kontrolle verbunden. Grenzen werden nicht nur überschritten, sondern neu gezogen – oft auf eine Weise, die sich für Niall zugleich rettend und zerstörerisch anfühlt.
Stuart Campbell gelingt es, diese Widersprüchlichkeit mit großer Präsenz zu füllen. Seine Darstellung ist nicht nur laut oder aggressiv, sondern von einer permanenten Spannung durchzogen. Der schottische Schauspieler war bislang vor allem auf Theaterbühnen und in britischen Fernsehproduktionen zu sehen, unter anderem in SAS: Rogue Heroes (2022). In Half Man übernimmt er seine bislang größte Rolle.
Richard Gadd als Ruben Pallister
In der Gegenwart spielt Richard Gadd selbst den erwachsenen Ruben. Dass ausgerechnet der Serienschöpfer diese widersprüchliche Figur übernimmt, passt: Gadd hat sich bereits zuvor intensiv mit gebrochenen, schwer einzuordnenden Charakteren beschäftigt. Bekannt wurde er zunächst durch seine Stand-up-Programme und Theaterarbeiten beim Edinburgh Fringe, bevor ihm mit Baby Reindeer (2024) der internationale Durchbruch gelang. Auch dort übernahm er eine physisch wie emotional herausfordernde Hauptrolle.
Anders als bei Baby Reindeer, das stark von Gadds eigener Geschichte geprägt war, ist Ruben jedoch eine fiktive Figur. Zugleich erforderte die Rolle eine deutliche körperliche Transformation: Ruben ist kein drahtiger, nervöser Typ, sondern wirkt massig, körperlich präsent und beinahe einschüchternd.
Mitchell Robertson als junger Niall
Niall wirkt zunächst wie das Gegenteil von Ruben: Er ist vorsichtig, beobachtend, versucht Konflikten auszuweichen und wird in der Schule immer wieder zum Opfer von Hänseleien. Früh erkennt Niall, dass der selbstbewusstere und stärkere Ruben ihm Sicherheit bieten kann, auch wenn der Preis dafür hoch ist. Damit ist Niall mehr als ein passives Opfer – er trifft Entscheidungen, die schwerwiegende Folgen haben und ihn weiter an Ruben binden.
Die Beziehung entwickelt sich früh zu einer stillschweigenden Abhängigkeit: Ruben sorgt für Schutz und Anerkennung, Niall bietet im Gegenzug Nähe, Loyalität und konkrete Hilfe, etwa bei schulischen Hürden.
Mitchell Robertson spielt diese innere Zerrissenheit mit großer Zurückhaltung. Auch für ihn ist es die bislang größte Schauspielrolle. Zuvor stand er für einzelne britische Produktionen vor der Kamera, darunter Curfew (2019), und war im Horrorfilm Harvest (2023) zu sehen.
Jamie Bell als Niall Kennedy
Der erwachsene Niall wirkt zunächst wie jemand, der es geschafft hat. Doch diese Ordnung erweist sich schnell als brüchig, sobald Ruben wieder in sein Leben tritt. Dabei zeigt sich: Niall ist keineswegs der „gute“ Gegenpol. Seine Unsicherheit hat sich über die Jahre nicht aufgelöst, sondern in Verdrängung und egoistische Muster verwandelt. Gerade diese Ambivalenz macht die Figur so komplex: Niall ist Teil eines dysfunktionalen Systems, das er selbst mitträgt.
In den Momenten, in denen die düstere Seite des erwachsenen Nialls sichtbar wird, überzeugt Jamie Bell mit einer ungewohnten Facette seines schauspielerischen Könnens. Seit seinem Durchbruch in Billy Elliot (2000) hat er sich konsequent vom Kinderstar zum vielseitigen Charakterdarsteller entwickelt; antagonistische Züge gehörten dabei jedoch selten zu seinem Profil. Zuletzt war er etwa im gefeierten Melodram All of Us Strangers (2023) und im provokanten Familiendrama Rosebush Pruning (2026) zu sehen.
Neve McIntosh als Lori
Lori ist Nialls Mutter – und eine Figur, die sich einfachen Zuschreibungen konsequent entzieht. Nach dem Tod von Nialls Vater beginnt sie eine Beziehung mit Maura, Rubens Mutter; eine Entscheidung, die nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch das ihres Sohnes grundlegend verändert. Dass sie Ruben schließlich in das ohnehin viel zu kleine Haus aufnimmt, wirkt aus Nialls Perspektive wie ein Verrat. Später trifft Lori immer wieder Entscheidungen, die ihn überfordern oder verletzen, sodass sich die Frage aufdrängt, warum sie scheinbar gegen die Interessen ihres eigenen Kindes handelt.
Gerade hier liegt eine der Stärken der Serie: Mit zunehmender Laufzeit verschieben sich die Perspektiven, und Lori erscheint weniger als verantwortungslose Mutter denn als Frau, die unter schwierigen Umständen handelt und dabei zwischen eigenen Bedürfnissen und Fürsorge kaum vermitteln kann.
Gespielt wird sie von Neve McIntosh, die eine lange, vor allem im britischen Fernsehen gewachsene Karriere mitbringt. Bekannt wurde sie einem breiteren Publikum durch ihre wiederkehrende Rolle als Madame Vastra im Doctor Who-Universum (ab 2010); daneben war sie in zahlreichen britischen Dramaserien zu sehen, etwa in Mord auf Shetland (2018) oder Der Doktor und das liebe Vieh (ab 2023). Parallel dazu ist sie fest im Theater verankert, unter anderem mit Arbeiten für die Royal Shakespeare Company und Auftritten beim Edinburgh Festival.
Marianne McIvor als Maura
Maura, Rubens Mutter, bleibt oft auffällig im Hintergrund – gerade wenn es um ihren eigenen Sohn geht, als fehle ihr der Zugang zu ihm. Niall begegnet sie hingegen mit einer gewissen Erwartungshaltung, fast so, als sehe sie in ihm den verlässlichere, „richtigen“ Gegenentwurf zu Ruben. Maura wird damit zu einer Figur, die weniger durch ihr Handeln als durch ihre Abwesenheit wirkt: Sie erklärt wenig, setzt kaum Akzente und wird gerade dadurch zu einer Leerstelle, die das Verhalten ihres Sohnes indirekt mitprägt.
Marianne McIvor, die Maura spielt, ist vor allem im britischen Fernsehen und Theater aktiv und hat sich über Jahre als verlässliche Nebendarstellerin etabliert. Sie war unter anderem in Serien wie River City (2002–) und Taggart (1983–2010) zu sehen, die stark im schottischen Milieu verankert sind.
Der erweiterte Cast
Zum erweiterten Cast von Half Man gehören außerdem Bilal Hasna (The Agency, 2024), Amy Manson (Bodies, 2023), Charlie De Melo (Rivals, 2024), Stuart McQuarrie (The Rig, 2023), Philippine Velge (The Serpent Queen, 2022), Scot Greenan (T2 Trainspotting, 2017), und Piers Ewart sowie die Newcomer Charlotte Blackwood und Calum Manchip.




















































