
Die wahre Geschichte hinter Netflixs „Should I Marry a Murderer?"
Im September 2020 lernte Caroline Muirhead auf Tinder einen Mann kennen, der gut aussah, Farmer war, in den schottischen Highlands lebte und offenbar einen unkomplizierten Lebensentwurf hatte. Vier Monate später war sie verlobt. Kurz darauf wusste sie, dass ihr Verlobter drei Jahre zuvor einen Mann totgefahren, die Leiche verscharrt und niemandem etwas gesagt hatte. Was sie danach tat, ist der Kern von Should I Marry a Murderer? (2026), einer dreiteiligen Netflix-Dokumentarserie, die seit dem 29. April 2026 abrufbar ist und sich seitdem in den globalen Top 10 hält.
Die Serie wird von Regisseur Josh Allott erzählt, der zuvor The Man with 1000 Kids produziert hatte, und basiert ausschließlich auf Muirheads eigener Perspektive – erstmals in dieser Form und in diesem Umfang dokumentiert.
Was 2017 auf der A82 passierte
Tony Parsons war 63 Jahre alt, ehemaliger Offizier der Royal Navy und Krebsüberlebender, als er im September 2017 allein mit dem Fahrrad durch Schottland fuhr – für einen Wohltätigkeitszweck, hundert Meilen durch die Highlands. Auf der A82 nahe Bridge of Orchy wurde er von einem Auto erfasst. Der Fahrer war Alexander „Sandy" McKellar, 25 Jahre alt, Landwirt und Jagdführer auf dem 3.600 Hektar großen Auch Estate, der zuvor mit einer deutschen Jagdgesellschaft in einem Hotel getrunken hatte. Parsons war nach dem Aufprall möglicherweise noch am Leben. McKellar und sein Zwillingsbruder Robert, der auf dem Beifahrersitz saß, fuhren nicht zu ihm zurück, um Hilfe zu rufen. Sie versteckten das beschädigte Fahrzeug, kehrten zurück, luden die Leiche ein und begruben sie in einer Grube, die auf dem Anwesen normalerweise für die Entsorgung von Tierkadavern genutzt wurde. Das Fahrrad versteckten sie hinter einem Wasserfall, wo es bis heute nicht gefunden wurde. Parsons' Familie wusste drei Jahre lang nicht, was mit ihm passiert war.
Was Caroline Muirhead tat
Im September 2020 begann McKellar über Tinder eine Beziehung mit Muirhead, Rechtsmedizinerin aus Glasgow. Zwei Monate nach dem Kennenlernen fragte sie ihn, ob es etwas in seiner Vergangenheit gebe, das ihre Beziehung belasten könnte. McKellar gestand. Er fuhr sie sogar zu der Stelle, an der die Leiche vergraben war. Muirhead hinterließ heimlich eine Red-Bull-Dose als Markierung in der Nähe des Grabes und alarmierte anschließend die Polizei – ohne die Beziehung sofort zu beenden. In den folgenden Wochen blieb sie in Kontakt mit McKellar, führte Gespräche, die sie heimlich aufzeichnete, und arbeitete verdeckt mit dem Major Investigation Team von Police Scotland zusammen.
Diese Entscheidung – weiterzumachen, um Beweise zu sichern – ist der moralisch heikelste Teil der Geschichte. Die Dokumentation stellt sie in den Mittelpunkt, ohne sie aufzulösen.
Was aus den McKellar-Brüdern wurde
Am 30. Dezember 2020 wurden beide Brüder verhaftet. Im Januar 2021 wurden Parsons' sterbliche Überreste gefunden und forensisch untersucht. Am 26. Juli 2023 bekannte sich Alexander McKellar am High Court in Glasgow des „culpable homicide" schuldig – dem schottischen Äquivalent zu Totschlag, nicht Mord – sowie des Versuchs, die Justiz zu behindern. Robert McKellar bekannte sich schuldig, die Tat verdeckt zu haben. Am 25. August 2023 verurteilte Lord Armstrong Alexander zu zwölf Jahren Haft, Robert zu fünf Jahren und drei Monaten. Beide verbüßen ihre Strafen. Im Januar 2025 einigte sich McKellars Versicherung außergerichtlich auf eine sechsstellige Entschädigung für Parsons' Familie.
Die Dokumentation ist nicht das erste Mal, dass dieser Fall öffentlich aufgearbeitet wurde: Die BBC-Scotland-Krimiserie Murder Case widmete dem Fall im August 2025 zwei Episoden unter dem Titel „The Vanishing Cyclist". Should I Marry a Murderer? ist allerdings die erste Produktion, die Muirheads eigene Erfahrung in den Mittelpunkt stellt.
Was die Dokumentation wirklich fragt
Allott beschreibt die Serie als Untersuchung eines moralischen Dilemmas: Was tut man, wenn der Mensch, dem man gerade die Zukunft versprochen hat, einem gesteht, jemanden getötet zu haben? Muirhead selbst sagt in der Dokumentation, sie habe dem System vertraut, das System habe sie in ihrer verletzlichsten Phase nicht geschützt. Sie beschreibt, wie sie während der verdeckten Ermittlung psychisch zerbrochen ist – Alkohol, Drogen, konstante Angst. Dass sie trotzdem Zeuge gegen McKellar wurde, ist das Zentrum der Geschichte.
Für Parsons' Familie brachte der Prozess Antworten, aber keinen Abschluss. Die Möglichkeit, dass er nach dem Aufprall noch am Leben war und hätte gerettet werden können, bleibt das Harrowing Detail des Falls, das durch nichts aufgewogen wird.









