Nicht nur Science-Fiction-Fans waren von jeher fasziniert vom Gedanken eines Multiversums. Was, wenn es einen Ort gäbe, der unseren spiegelte, ins Gegenteil verkehrte oder in gewisser Hinsicht sogar pervertierte?
Die Möglichkeiten für ein Multiversum sind mannigfaltig und reichen von rätselhaften Realitätsverschiebungen bis hin zu richtigen Dystopien. Besonders Stranger Things (2016-2025) rückte diese Idee zurück ins kollektive Bewusstsein – denn das Upside Down ist mindestens ebenso viel Epizentrum wie das unscheinbare Städtchen Hawkins. Doch das Multiversum war lange vor Stranger Things eine Art philosophischer Spielplatz für Filme und Serien. Unterschiedlichste Ausprägungen, radikale Interpretationen, intime und kosmische Erklärungsmodelle – und jedes davon beantwortet dieselbe Frage auf völlig andere Weise: Was wäre, wenn alles anders wäre?
1. Fringe - Grenzfälle des FBI (2008–2013)
Fringe stellt das Paralleluniversum eher als zwei kontrastierende Spiegelwelten dar. Konträre Welten, die ähnlich und doch fundamental anders sind. Im Zentrum steht eine besondere FBI-Abteilung, deren Mitglieder zunächst rätselhafte und scheinbar übernatürliche Phänomene untersuchen. Erst später erkennen sie, dass diese Ereignisse nicht paranormal sind, sondern systematisch mit einem alternativen Universum zusammenhängen. Während Stranger Things das Upside Down als bedrohliche Schattenwelt etabliert, baut Fringe eine Welt, die weder gut noch böse ist. Das Paralleluniversum ist ein lebendiger Organismus. Die Härte kommt nicht aus Monstern, sondern aus Trauer, Verlust und der Frage, welche Realität das „Original“ ist. Wer Stranger Things liebt, erlebt hier die erwachsene Version des Multiversums.
2. Everything Everywhere All at Once (2022)
Das Multiversum in Everything Everywhere All at Once ist keine gruselige Parallelwelt, sondern eher ein Chaos aus Gefühlen und verpassten Chancen. Stell dir vor, du siehst alle Versionen deines Lebens, die du hättest führen können, auf einmal – das ist der Trip. Jede Evelyn, so der Name der Protagonistin, existiert gleichzeitig: die coole Kung-Fu-Meisterin, die erfolgreiche Geschäftsfrau, aber auch die Evelyn mit den absurden Hot-Dog-Fingern. Es geht hier nicht darum, böse Parallelwelten zu bekämpfen. Stattdessen ist das Multiversum ein Spiegel ihrer unbewältigten Probleme und all der Identitäten, die sie unterdrückt hat. Während Stranger Things auf Angst setzt, arbeitet EEAAO mit Empathie und Familien-Drama. Die zentrale Frage dabei ist die der : Selbstakzeptanz. Es gibt keine Dämonen oder Monster – nur die harte, aber befreiende Erkenntnis, dass wir alle aus unzähligen Möglichkeiten bestehen.
3. The Man in the High Castle (2015–2019)
Was wäre, wenn die Nazis den Zweiten Weltkrieg gewonnen hätten? Mit genau diesem dystopischen Grundgedanken spielt das Multiversum von The Man in the High Castle, basierend auf dem Roman von Philip K. Dick. Das Besondere: Diese Parallelwelt wirkt nicht wie ein fantasievoller Albtraum, sondern wie eine erschreckend plausible politische Version der Realität. Statt Monster oder Schleimwesen bekommen wir Ideologie, Propaganda, Unterdrückung und damit einen psychologischen Horror, der näher unter die Haut geht als jeder Demogorgon. Während das Upside Down bei Stranger Things eine metaphysische Schattenwelt ist, zeigt The Man In The High Castle eine Alternative, die sozial, historisch und emotional verankert ist.
4. Spider-Man: A New Universe (2018)
Multiversum? Nein, Spider-Verse! In Spider-Man: A New Universe dient die Idee paralleler Universen nicht der Angst, sondern der radikalen Selbstbefreiung. Im Gegensatz zu Stranger Things, wo das Upside Down ein giftiger Spiegel unserer Welt ist, nutzt Spider-Verse das Multiversum für eine kreative Explosion. Es geht um Vielfalt statt Verwirrung. Jeder Spider-Man ist absolut wichtig und echt – egal ob er ein lustiger Cartoon-Typ, ein melancholischer Detektiv im Mantel oder nur ein unsicherer Teenager ist. Und typisch für Spider-Man: Der Held muss immer wieder herausfinden, wer er eigentlich sein will. Hier geht es um Mut, Verantwortung, Identität und ein vor uns liegendes Universum voller Möglichkeiten.
5. Rick and Morty (2013–)
Man sagt oft, das Universum sei „indifferent“ – also gleichgültig gegenüber dem menschlichen Drama. Für das Multiversum gilt das unendlichfach mehr, zumindest in der Theorie der genialen Serie Rick and Morty. Während Stranger Things sein Upside Down als fokussierte Bedrohung inszeniert, verweigert sich Rick and Morty überhaupt der Idee einer zentralen Realität. Alles existiert gleichzeitig, alles ist möglich, und nichts davon besitzt moralische Priorität. Das fühlt sich psychologisch an wie eine radikale Entwertung: Identität wird zu einem lose verketteten System variabler Selbstzustände. Und genau darin liegt der Horror – kein Monster, kein Portal, sondern die Erkenntnis, dass Bedeutung relativ ist. Rick and Morty macht aus dem Multiversum keinen Albtraum, sondern einen kosmischen Zynismus, der so komisch wie philosophisch verstörend sein kann.
6. Donnie Darko (2001)
Der große Unterschied zwischen dem Multiversum von Donnie Darko und dem von Stranger Things? Dort eine greifbare Schattenwelt, hier eine zeitliche Fehlzündung. Donnie Darko arbeitet nicht mit Parallelräumen, sondern mit einer Tangenten-Realität, die existiert, obwohl sie nicht sollte. Das erzeugt keinen Monsterhorror, sondern psychologischen Druck: Was, wenn dieser Riss im Zeitgefüge eine Art emotionaler Spiegel ist? Donnie Darko ist ein melancholisches Teenager-Drama mit metaphysischem Einschlag – leise, unheimlich, fast flüsternd. Statt Portalen gibt es Gefühlsbrüche. Statt Demogorgons gibt’s existenziellen Schmerz. Das Multiversum ist hier kein Spielplatz, sondern Tragödie. Ein Albtraum, der nie schreit, sondern haucht – und genau deshalb bleibt er im Kopf hängen.
7. Sliding Doors (1998)
Sliding Doors (deutscher Titel: Sie liebt ihn – sie liebt ihn nicht) zeigt ein Multiversum ohne Sci-Fi-Überbau: Kein Portal, keine dunkle Welt, keine Monster. Nur ein verpasster Zug, und plötzlich entfalten sich zwei parallele Leben, beide wahr, beide möglich. Während Stranger Things das Upside Down als korrumpierte Spiegelwelt inszeniert, zeigt Sliding Doors die Parallelwelt als schmerzhaft plausible Alternative. Das Weirdeste ist gerade die Normalität: Das Multiversum entsteht nicht durch Science, sondern durch Alltag. Das Konzept ist brutal emotional, weil es zeigt, wie fragil Lebenswege wirklich sind. Keine grandiose Mythologie, sondern eine stille Folter: Was wäre gewesen, hätte man fünf Minuten früher gehandelt? Hier kommt das Multiversum nicht als Spektakel, sondern als Sehnsuchtsraum – so intim, dass es fast weh tut. Stranger Things baut Angst – Sliding Doors baut Wehmut.
8. The OA (2016–2019)
In The OA ist das Multiversum kein physischer Ort, sondern ein reiner Bewusstseinszustand. Dabei trennt die Serie die Multiversen nicht nur räumlich, sondern vor allem emotional: durch Traumata, Erinnerungen, Visionen und spirituelle Übergänge. Das Besondere daran: Während das Upside Down in Stranger Things bedrohlich, körperlich und klar abgegrenzt wirkt, sind die Welten in The OA durchlässig, mystisch und unfassbar – sie werden nicht betreten, man wird zu ihnen. Figuren „erleiden“ hier das Multiversum, statt es zu besuchen. Keine Portale, sondern Rituale; keine Monster, sondern Identitätsarbeit. Realität ist kein fixer Zustand, sondern ein Vorschlag, eine mögliche Version des Selbst. Bei The OA geht es im Multiversum nicht um Wissenschaft oder Monster, sondern um eine spirituelle Reise. Die ganze Sache fühlt sich an wie eine sanfte, aber tiefgreifende Suche nach dem eigenen Ich.
9. Doctor Strange in the Multiverse of Madness (2022)
Wer wäre ich, wenn es unendlich viele Versionen von mir gäbe – bessere, schlechtere, monströsere? In Doctor Strange in the Multiverse of Madness wird diese Frage nicht philosophisch diskutiert, sondern cineastisch durchbeboxt. Das Multiversum ist hier keine tiefsinnige Metapher, sondern eine chaotische, überwältigende Vielfalt an Welten. Während das Upside Down in Stranger Things eine einzige dunkle Spiegelwelt ist, eröffnet Doctor Strange ein ganzes Panorama an Realitäten, jede mit ihren eigenen Regeln und ihrer eigenen Moral. Stranger Things projiziert die Angst nach außen, Doctor Strange kehrt sie nach innen – wir schauen nicht ins Multiversum, sondern werden darin gespiegelt. Es ist ein moralischer Stresstest, präsentiert mit einem gigantischen Pop-Faustschlag.
10. Dark Matter (2024)
Was wäre, wenn das Multiversum kein Ort wäre, sondern eine Art Lebensbilanz? In Dark Matter ist genau das der Fall: Parallelwelten entstehen nicht als Raum, sondern als Konsequenz für alljene Entscheidungen, wie wir getroffen haben. Während das Upside Down in Stranger Things wie ein feindlicher Albtraum über die Figuren stürzt, zeigt Dark Matter den Horror im Inneren. Wir sehen das eigene ungelebte Leben, der Spiegel dessen, was hätte sein können. Jede Abzweigung erzeugt eine Realität, die so plausibel ist, dass sie schmerzt. Es braucht hier keine Monster, keinen Vecna, nur die Erkenntnis, dass Glück, Liebe oder Erfüllung manchmal nur einen winzigen Impuls entfernt waren. Statt metaphysischer Finsternis herrscht hier die Angst, im Leben falsch abgebogen zu sein. Am Ende bleibt wenig, außer die überdimensionale Frage: Wie viele Versionen von uns laufen gerade in besseren Welten herum?







































































































































































































































