Die Oscar-Nominierungen 2026 sind Ausdruck eines perfekt geölten Systems: Große Namen und Studios, noch größere Themen und internationale Anschlussfähigkeit.
Filme wie Blood & Sinners, One Battle After Another oder Frankenstein vereinen künstlerischen Anspruch mit kommerzieller Durchschlagskraft – und bewegen sich exakt in jenem Spannungsfeld, das die Academy besonders interessiert.
Gleichzeitig bleiben andere Werke trotz formaler Radikalität, emotionaler Tiefe und künstlerischer Eigenständigkeit unsichtbar, weil sie sich dieser Logik entziehen, zu unaufgeregt oder anstrengend sind. Vor allem aber: Weil diese Filme nicht über die gleiche Produktionsmacht verfügen oder sich auf großangelegte strategische Kampagnen verlassen können.
Diese Liste folgt genau dieser Trennlinie: Sie versammelt die erwartbaren Favoriten unter den Oscar-Nominierungen 2026 – und fünf großartige Filme, die leider keine Aufmerksamkeit der Academy bekommen haben.
Blood & Sinners (16 Nominierungen)
Kein Film dominiert die Oscars 2026 im Vorfeld so sehr wie Ryan Cooglers Blood & Sinners – mit rekordverdächtigen 16 Nominierungen führt das blutig-stilisierte Vampir-Horrorstück das Feld an und verbindet Genreästhetik mit Blockbusterqualitäten – eine seltene, aber augenscheinlich hochwirksame Kombination. Nominiert ist der Film für „Bester Film“, „Regie“ (Ryan Coogler), „Originaldrehbuch“, „Hauptdarsteller“ (Michael B. Jordan), „Nebendarsteller“ (Delroy Lindo), „Nebendarstellerin“ (Wunmi Mosaku) sowie in „Kamera“, „Schnitt“, „Filmmusik“, „Song“ („I Lied To You“), „Production Design“, „Kostüm“, „Casting“, „Sound“, „Maske & Frisuren“ und „Visuelle Effekte“.
Auch deshalb wirkt die Resonanz folgerichtig: Der Film operiert als großformatiges Erzählkino, das mythologische Motive, politische Lesbarkeit und visuelle Opulenz verbindet und damit genau jene Form von ambitioniertem Mainstream verkörpert, die in der jüngsten Vergangenheit die Anerkennung der Academy nach sich zieht.
One Battle After Another (13 Nominierungen)
Paul Thomas Andersons One Battle After Another startete als politisches Schwergewicht mit Starpower in die Oscar-Saison und wurde – wie erwartet – mit zahlreichen Nominierungen bedacht. Nominiert ist der schwarzhumorige Action-Thriller nun in 13 Kategorien: „Bester Film“, „Regie“ (Paul Thomas Anderson), „Adaptiertes Drehbuch“, „Hauptdarsteller“ (Leonardo DiCaprio), „Nebendarsteller“ (Benicio Del Toro, Sean Penn), „Nebendarstellerin“ (Teyana Taylor) sowie in „Filmmusik“ (Jonny Greenwood), „Casting“, „Kamera“, „Schnitt“, „Production Design“ und „Sound“.
Diese Präsenz unterstreicht auch, dass Paul Thomas Anderson längst nicht mehr in der Auteur-Nische von der Academy anerkannt wird, sondern als Mainstream-kompatibler Prestige-Regisseur gilt. – als Filmemacher, dessen Handschrift nicht mehr als ästhetisches Risiko, sondern als kommerziell verlässliche Qualität gelesen wird. Das Projekt vereint politische Dimension, psychologische Anflüge und epische Inszenierung – genau die Mischung, mit der die Academy gerne „großes Kino“ definiert.
Frankenstein (9 Nominierungen)
Mit neun Nominierungen für Frankenstein unterstreicht die Academy nochmals Guillermo del Toros Stellung als verlässliche Prestigegröße. Nominiert ist das Gothic-Drama in den Kategorien „Bester Film“, „Adaptiertes Drehbuch“ (Guillermo del Toro), „Nebendarsteller“ (Jacob Elordi) sowie in „Filmmusik“ (Alexandre Desplat), „Kamera“, „Kostümbild“, „Production Design“, „Maske & Frisuren“ und „Sound“. Die Dominanz in den Design-Kategorien war erwartbar – hier kann der mexikanische Regisseur seit Jahren die Academy überzeugen.
Überraschender ist dagegen die Präsenz in „Bester Film“: Sie erklärt sich weniger aus formaler Radikalität als aus der Festivalpräsenz und der starken Kampagnenlogik, die Frankenstein frühzeitig als Prestigeprojekt gesetzt haben.
Marty Supreme (9 Nominierungen)
Marty Supreme konnte sich früh als durchkomponiertes Prestigeprojekt mit klarer künstlerischer Handschrift positionieren – was von der Academy ebenfalls wenig überraschend mit zahlreichen Nominierungen gewürdigt wird. Chancen hat das psychologisch verdichtete Aufstiegsdrama in neun Kategorien: „Bester Film“, „Regie“ (Josh Safdie), „Originaldrehbuch“, „Hauptdarsteller“ (Timothée Chalamet) sowie in „Casting“, „Kamera“, „Schnitt“, „Kostümbild“ und „Production Design“. Auffallend, aber ebenfalls erwartbar ist Timothée Chalamets erneute Präsenz im Hauptdarstellerfeld, die seinen Status als Oscar-Konstante weiter festigt.
Josh Safdies Regie wiederum bewegt sich sich souverän zwischen formaler Disziplin und emotionaler Verdichtung – streng gebaut, aber nie steril. Mit Regieprofil und Starpower funktioniert Marty Supreme als ambitioniertes Prestige-Drama mit internationaler Strahlkraft.
Sentimental Value (9 Nominierungen)
Joachim Triers feinfühliger Sentimental Value geht mit neun Nominierungen als einer der künstlerisch profiliertesten Titel ins Rennen. Nominiert ist das melancholische Familienpanorama für „Bester Film“, „Regie“ (Joachim Trier), „Originaldrehbuch“, „Hauptdarstellerin“ (Renate Reinsve), „Nebendarstellerinnen“ (Elle Fanning, Inga Ibsdotter Lilleaas), „Nebendarsteller“ (Stellan Skarsgård), „Bester internationaler Film“ sowie „Schnitt“.
Dass ein internationaler Film zugleich in den großen Hauptkategorien vertreten ist, galt lange als Ausnahmefall – heute gehört es fast schon zum guten Ton der Academy, nach Filmen wie Parasite, Drive My Car oder Anatomie eines Falls. Sentimental Value fügt sich genau in diese Entwicklung ein. Die Verbindung aus Schauspielkraft, internationalem Autorenkino und präziser Regiehandschrift hat es ins Zentrum des Oscar-Diskurses geschafft.
Die schmerzhaften Leerstellen
Die, My Love
Dass Die, My Love komplett leer ausgeht, gehört zu den bittersten Entscheidungen des Jahres – vor allem im Hinblick auf die beeindruckende Schauspielleistung von Jennifer Lawrence, deren Darbietung zu den intensivsten ihrer Karriere zählt. Das intensive Psychodrama verweigert sich einer klassischen Dramaturgie, arbeitet mit Fragmentierung und emotionalem Terror statt narrativer Klarheit. Genau das macht ihn künstlerisch so stark – und zugleich Oscar-unfreundlich. Lynne Ramsays radikale Bildsprache, die Körperlichkeit der Inszenierung und die existenzielle Perspektive auf Mutterschaft und Identitätsverlust hätten mindestens eine Schauspiel- oder Regienominierung verdient.
Dass auch anderes weiblich geprägtes Kino wie The Testament of Ann Lee übergangen wurden, fügt sich dabei in ein bekanntes Muster: weibliche Perspektiven werden von der Academy weiterhin marginalisiert – insbesondere, wenn sie sich ästhetisch, formal oder thematisch nicht in prestige-kompatible Formen übersetzen lassen.
Eddington
Eddington ist ein typisches Opfer der Academy-Logik: formal mutig, thematisch unbequem, emotional fordernd. Ari Asters radikaler Neo-Western dekonstruiert amerikanische Mythenbilder, gefährliche Machtstrukturen und kollektive Angstmechanismen – und verweigert sich jeder Form von Wohlfühlkino. Genau diese Radikalität macht ihn künstlerisch so interessant, aber preisstrategisch riskant.
Weder Regie noch Drehbuch noch Schauspiel (Joaquin Phoenix) fanden Berücksichtigung bei den Oscar-Nominierungen, obwohl Eddington inhaltlich präziser und politisch schärfer ist als viele nominierte Prestigeproduktionen. Das Fehlen wirkt wie ein Statement: Tatsächliche Provokation und ästhetische Unruhe bleiben für die Oscars weiterhin schwer integrierbar – selbst wenn sie filmisch brillant umgesetzt sind.
The Mastermind
Auch Kelly Reichardts The Mastermind scheitert nicht an Qualität, sondern an Sichtbarkeit. Ihr Heist-Movie über einen unscheinbaren Betrug, der sich langsam in ein psychologisches Machtspiel verwandelt, ist leise, minimalistisch, kontrolliert – und genau darin liegt seine Stärke. Reichardt erzählt ohne Pathos und laute Action, ohne große Gesten und ohne klassische Oscar-Momente. Doch diese stille Präzision wird selten belohnt.
Keine Nominierung für „Regie“, „Drehbuch“ oder „Schauspiel“ (Josh O’Connor) wirkt wie eine strukturelle Ignoranz gegenüber reduziertem Autorenkino. The Mastermind hätte mindestens eine Drehbuch- oder Regieanerkennung verdient – als Signal, dass auch Zurückhaltung, formale Klarheit und psychologische Nuancierung preiswürdig sind.
The History of Sound
The History of Sound ist ein Paradebeispiel für die Kategorie „durchaus Oscar-tauglich, aber einfach übersehen“. Das Period-Drama erzählt von zwei Männern, deren Beziehung sich über Jahre hinweg durch Musik und gemeinsame Erinnerungen formt – eine leise Liebesgeschichte, die zärtlich von Verlust und Vergänglichkeit erzählt.
Anerkennung gibt es dafür nicht: Keine Nominierung für „Schauspiel“ (Paul Mescal und Josh O’Connor) „Drehbuch“ oder „Musik“. Dabei besitzt der Film genau jene ruhige Eleganz und emotionale Feinzeichnung, die häufig als preiswürdig gilt. Die Entscheidung verweist auf ein bekanntes Muster der Academy: Subtilität und intime Erzählformen verschwinden schnell aus dem Blick, wenn sie sich nicht in pompösere Prestigeformate mit (noch mehr) Starpower übersetzen lassen.















































































































































































































































