Joachim Trier ist ein Regisseur der Zwischentöne. In seinen Filmen erzählt er von der Melancholie des Alltags, vom scheuen Glück und der ewigen Wiederholung existenzieller Krisen – meist inmitten urbaner norwegischer Kulissen.
Gemeinsam mit seinem Co-Autor Eskil Vogt hat Joachim Trier einen Stil entwickelt, der sich durch poetische Bilder, präzise Figurenzeichnung und eine kluge Dramaturgie auszeichnet. Seine sogenannte „Oslo-Trilogie“ sowie spätere Werke kreisen um Selbstfindung, Verlust und die brüchige Suche nach Sinn in einer Welt, die mehr Möglichkeiten als Halt bietet. Ob depressive Intellektuelle, ziellose Studentinnen oder überspannte Familienväter – seine Figuren scheinen wie moderne Sisyphos-Gestalten, die in Schleifen denken, hoffen, scheitern und neu beginnen.
Wir geben einen Überblick über das bisherige Werk des Regisseurs – die Liste am Ende verrät, wo man die Filme von Joachim Trier derzeit streamen kann.
Auf Anfang (2006)
Joachim Triers Debütfilm folgt zwei jungen Männern in Oslo, die sich als Schriftsteller etablieren wollen. Während Phillips Roman veröffentlicht wird und er kurz darauf psychisch zusammenbricht, bleibt Eriks Werk unbeachtet. Beide sind getrieben vom Wunsch nach Bedeutung, doch ihre Wege offenbaren die fragile Grenze zwischen künstlerischem Ausdruck und persönlichem Abgrund. Auf Anfang ist kein klassisches Drama, sondern ein vielschichtig montiertes Porträt zweier Lebensentwürfe. Durch Rückblenden, Tagträume und essayistische Kommentare entsteht eine komplexe Erzählstruktur, die die emotionale Zerrissenheit der Figuren einfängt. Der Film macht deutlich: Die Sinnsuche der Figuren ist weniger Ziel als Zustand. Triers melancholischer, aber nie hoffnungsloser Blick legt früh die stilistischen Grundlagen seines Schaffens offen.
Oslo, 31. August (2011)
Anders, ein ehemaliger Schriftsteller, darf seine Entzugsklinik für einen Tag verlassen. Er streift durch Oslo, trifft alte Freunde, besucht ein Vorstellungsgespräch – und verliert sich doch immer mehr in seiner inneren Leere. Trier begleitet ihn mit großer Empathie durch eine Stadt, die zugleich vertraut und fremd erscheint. In lakonischen Dialogen und schmerzhaft offenen Momenten entfaltet sich das Bild eines Mannes, der an der Unvereinbarkeit zwischen Erwartung und Wirklichkeit zerbricht. Die Kamera bleibt stets dicht an der Figur, ohne sie je zu überzeichnen. Die genaue Beobachtung des sozialen Umfelds und die kluge Inszenierung machen Oslo, 31. August zu einer stillen, intensiven Meditation über Depression, Verlorenheit und die Sehnsucht nach einem Neuanfang, der womöglich nie kommen wird.
Louder Than Bombs (2015)
In Joachim Triers erstem englischsprachigen Film kehrt der Witwer Gene mit seinen beiden Söhnen nach dem Tod der Mutter, einer bekannten Kriegsfotografin, ins gemeinsame Haus zurück. Die Familie driftet auseinander, während sie auf unterschiedliche Weise mit dem Verlust ringt. Der Film erzählt nicht linear, sondern setzt Erinnerungen, Träume und Perspektivwechsel zu einem Porträt familiärer Entfremdung zusammen. Jesse Eisenberg, Gabriel Byrne und Isabelle Huppert brillieren in einem Drama, das nicht nur vom Tod, sondern vor allem vom Weiterleben handelt. Dabei geht es weniger um große Dramen als um leise Irritationen, Spannungen und Zärtlichkeiten. Triers Gespür für das Unsagbare im Zwischenmenschlichen bleibt auch auf internationalem Terrain erhalten – Louder Than Bombs ist ein komplexer Film über Nähe, Schweigen und das Gewicht unausgesprochener Wahrheiten.
Thelma (2017)
Mit Thelma wagt sich Trier ins Genre-Kino. Die titelgebende junge Thelma verlässt ihr streng religiöses Elternhaus, um in Oslo zu studieren. Als sie sich in eine Kommilitonin verliebt, treten übernatürliche Kräfte in ihr zutage, die eng mit ihrer unterdrückten Sexualität und familiären Traumata verknüpft sind. Trier kombiniert Coming-of-Age-Drama mit Mystery-Elementen und schafft dabei ein psychologisch feinfühliges, atmosphärisch dichtes Porträt innerer Befreiung. Der Film ist visuell opulent, voller symbolischer Bilder und präziser Spannungsmomente. Thelma erzählt von der Angst vor dem eigenen Begehren – und davon, wie befreiend es sein kann, diese Angst zu überwinden. So wird das Übernatürliche zur Metapher für innere Zerrissenheit, Kontrolle und letztlich Selbstermächtigung.
Der schlimmste Mensch der Welt (2021)
Julie ist Anfang dreißig, talentiert, klug – und orientierungslos. Zwischen Studienwechseln, wechselnden Liebesbeziehungen und einer unentschiedenen Karriere als Fotografin sucht sie nach einem Lebensentwurf, der zu ihr passt. Joachim Trier erzählt in zwölf Kapiteln, einem Prolog und Epilog, von dieser Suche – leichtfüßig und melancholisch zugleich. In Rückblenden, Tagträumen und flüchtigen Begegnungen entsteht das Porträt einer Frau, die sich jeder Festlegung entzieht. Renate Reinsve, die in Cannes als Beste Darstellerin ausgezeichnet wurde, verleiht Julie dabei eine faszinierende Mischung aus sympathischer Verletzlichkeit und egoistischem Eigensinn. Der schlimmste Mensch der Welt ist das emotionale und formale Glanzstück der Oslo-Trilogie – ein sinnlicher, trauriger und oft überraschend komischer Blick auf das Unfertige im Menschsein. Trier gelingt ein Werk, das präzise den Zeitgeist junger urbaner Generationen einfängt, ohne sich darin zu verlieren.
Sentimental Value (2025)
Joachim Trier bleibt seinem Sujet treu – und setzt doch neue Akzente: Nach dem Tod ihrer Mutter stehen die Schwestern Nora (Renate Reinsve) und Agnes (Inga Ibsdotter Lilleaas) vor der Herausforderung, sich mit ihrem entfremdeten Vater Gustav (Stellan Skarsgård) auseinanderzusetzen – einem einst gefeierten, inzwischen aber müde gewordenen Regisseur. Gustav hat ein neues Drehbuch geschrieben und bietet Nora die Hauptrolle an – doch sie lehnt entschieden ab. Stattdessen besetzt er die Rolle mit der Hollywood-Schauspielerin Rachel Kemp (Elle Fanning). Als die Dreharbeiten in Norwegen beginnen, kommen alte Erinnerungen, Erwartungen und Verletzungen zurück an die Oberfläche. In zurückhaltenden Bildern und mit subtiler Ironie erzählt Trier ein leises Drama über Entfremdung, Reue und das nie ganz versiegende Bedürfnis nach Nähe. Sentimental Value verbindet Familiendrama mit filmischer Selbstreflexion – ein bewegender Nachtrag zu Triers bisherigen Arbeiten.
Zwischen Nähe und Leere: Alle Filme von Joachim Trier – und wo man sie streamen kann
Die untenstehende Liste gibt einen Überblick darüber, wo man „Der schlimmste Mensch der Welt“, „Sentimental Value“ und alle weiteren Filme des Regisseurs aktuell streamen kann.



































































































































































































































