
Nolans UGG-Verbot bei „Die Odyssee“ – und andere kuriose Filmset-Regeln
Ein Kamerakran von der Größe eines Baukrans stört ihn nicht. Ein Dutzend Leute mit Funkgeräten, Mikrofonangeln über den Köpfen der Schauspieler, ein komplettes Filmteam im Rücken: alles kein Problem. Aber ein paar flauschige Stiefel, und Christopher Nolans Antike fällt in sich zusammen. Während der PR-Tour zu Die Odyssee (2026) hat der Regisseur bestätigt, was seine Darsteller seit Jahren herumerzählen: An seinen Sets sind UGG-Boots verboten. Nicht, weil er die Marke verachtet – er hält sie ausdrücklich für großartig –, sondern weil ihr bloßer Anblick ihn aus der Welt schleudert, die er sich über Monate erarbeitet hat.
Was nach der Schrulle eines Kontrollfreaks klingt, hat in Hollywood lange Tradition: Die ehrgeizigsten Regisseure der Branche verbannen die absurdesten Dinge von ihren Sets. Dahinter steckt meist derselbe Grund: Sie wollen jede Ablenkung ausschalten und die volle Kontrolle über ihre Vision behalten.
Warum UGG-Stiefel die Illusion zerstören
Erklärt hat Nolan die Regeli in der Sendung CBS Mornings, im Gespräch mit Gayle King. Der Ausgangspunkt ist banal: Historisches Schuhwerk drückt, also schlüpfen Darsteller zwischen den Takes gern in etwas Bequemes, solange die Füße nicht im Bild sind. Genau da zieht Nolan die Grenze. Er wolle im Moment bleiben, sagte er, und er wolle, dass auch die Schauspieler im Moment blieben.

Für ihn seien die Stiefel ein Signal der Modernität – so absurd das klinge, räumt er selbst ein. Sein Vergleich: Es sei, als esse jemand neben der Kamera eine Tüte Chips. Manche Dinge erinnern einen daran, dass man in der wirklichen Welt steht, statt in jener, die man für die Darsteller baut. Dass ein ganzes Filmteam diese Wirkung nicht hat, ein Hausschuh aber schon, ist die eigentliche Pointe.
Ein Blick genügte, und die Stiefel waren weg
Neu ist der Bann nicht. Anne Hathaway, mehrfache Nolan-Mitarbeiterin, erzählte USA Today, sie sei eines Morgens in UGGs am Set aufgetaucht; Nolan habe kurz nach unten geschaut und ein einziges Wort gesagt: Nein. Die Stiefel trug sie nie wieder.

Matt Damon, ihr Kollege aus Die Odyssee, wurde deutlicher: Nolan hasse UGGs mehr als alles andere auf der Welt. Auch bei Oppenheimer (2023) galt die Regel, und Emily Blunt beschrieb den Blick, mit dem der Regisseur ihre Stiefel bedachte, wie eine Szene aus Der Teufel trägt Prada – er habe sie einfach nur angestarrt. Zum Drehschluss schenkte sie ihm aus Rache ein eigenes Paar. Und Nolan? Auf die Frage, ob er etwas gegen die Schuhe habe, antwortete er trocken: Nein, UGGs seien großartig.
Tarantinos Handy-Depot und Villeneuves Kino der Anwesenheit
Mit dem Bann auf Ablenkung steht Nolan nicht allein. Quentin Tarantino lässt am Set von Produktionen wie Once Upon a Time in Hollywood (2019) sämtliche Handys von einem Crewmitglied einsammeln; draußen steht eine kleine Bude, in der die Geräte abgegeben werden. Wer telefonieren will, geht auf die Straße.

Es gehe dabei laut seinen Schauspielern nicht um die Angst vor durchgesickerten Fotos, sondern um Konzentration: Man arbeite hier, und man nehme diese Arbeit ernst. Er nannte es eines der größten Geschenke, die man einem Team machen könne. Denis Villeneuve hält es ebenso und hat dafür die schönste Begründung geliefert: Kino sei ein Akt der Anwesenheit. Ein Maler müsse sich auf die Farbe konzentrieren, die er aufträgt, ein Tänzer auf seine Bewegung. Handys sind an seinen Sets seit dem ersten Tag verboten.
Plastikflaschen, Armbanduhren und ihre Kosten
Manche Verbote folgen weniger der Konzentration als einer Haltung. Darren Aronofsky untersagte am Set von Noah (2014) sämtliche Plastikflaschen, passend zum ökologischen Unterton seiner Bibelverfilmung. Konsequent, aber nicht folgenlos: Hauptdarstellerin Emma Watson berichtete später, sie sei phasenweise dehydriert, müde und benommen gewesen und habe bei einer frühen Morgenszene versehentlich aus einem Becher getrunken, der seit Monaten herumstand.
Von Martin Scorsese wiederum heißt es, er bitte sein Team, keine Armbanduhren zu tragen – teils der Stille wegen, teils zugunsten der Illusion. Diese Regel ist allerdings nur durch Berichte belegt, nicht durch eine Aussage des Regisseurs selbst. Man sollte sie also mit Vorsicht genießen, so gut sie auch in die Sammlung passt. Bemerkenswert bleibt der Unterschied im Motiv: Während Nolan und Tarantino die Aufmerksamkeit ihrer Teams schützen wollen, ging es Aronofsky um eine Überzeugung, die über den Film hinausreicht – mit dem Nebeneffekt, dass sein Ensemble darunter litt.
Der Streit um die Stühle
Kein Verbot wird so heftig diskutiert wie das über Stühle. Zack Snyder erzählte 2021, er habe für Army of the Dead (2021) alle Stühle vom Set verbannt, um dichter bei den Darstellern zu sein statt hinter einem Monitor. Bradley Cooper verkündete im Gespräch mit Spike Lee ähnlich entschieden, er habe Stühle immer gehasst, die Energie falle in dem Moment ab, in dem man sich hinsetze; als Ersatz empfahl er Apfelkisten.
Dafür erntete er heftige Kritik: Bei Drehtagen von vierzehn Stunden und mehr sei durchgehendes Stehen eine Zumutung, und für Menschen mit Behinderung eine Ausgrenzung. Auch Nolan wurde diese Regel zugeschrieben, doch sein Sprecher stellte klar, dass an seinen Sets nur Handys und Rauchen verboten seien; die Stuhl-Erzählung bezog sich auf Traubenbildungen von Regiestühlen um die Monitore.
Worum es wirklich geht
Was aus der Ferne wie die Eigenart überdrehter Filmmenschen aussieht, läuft am Ende auf ein einziges Wort hinaus: Anwesenheit. Ein Filmset ist ein Ort, an dem Dutzende Erwachsene monatelang gemeinsam vorgeben, als wäre eine erfundene Welt echt. Jeder aufleuchtende Bildschirm, jeder Blick aufs Zifferblatt, jeder flauschige Stiefel ist eine kleine Erinnerung daran, dass sie es nicht ist.
Ob man dafür gleich das Sitzen abschaffen muss, darüber lässt sich streiten, und die Kritik daran hat gute Gründe. Nolans UGG-Regel dagegen ist keine Schikane, sondern eine Zumutung, die er zuerst sich selbst auferlegt: Er besitzt bekanntlich nicht einmal ein Smartphone. Man muss das nicht nachmachen, und man darf es albern finden. Aber man begreift danach besser, warum seine Filme aussehen, wie sie aussehen – und wieso ein Paar Schafwollstiefel zur Bedrohung für Homers Welt werden konnte.














































