
Wo ist Achilles in „Die Odyssee“? Die Wahrheit über die meistdiskutierte Rolle in Nolans Epos
Für eine Rolle, die gar nicht existiert, hat Achilles erstaunlich viel Ärger verursacht. Schon Monate vor dem Kinostart von Christopher Nolans Die Odyssee (2026) verbreitete sich das Gerücht, Elliot Page werde den berühmten Krieger aus dem Trojanischen Krieg spielen. Bestätigt hatte das niemand. Nun ist der Film da, und von der ganzen Debatte bleibt wenig übrig: Page spielt nicht Achilles, sondern Sinon, Achilles wurde von Nolan vollständig gestrichen.
Warum Elliot Page angeblich Achilles spielen sollte
Woher das Gerücht ursprünglich kam, lässt sich nicht eindeutig zurückverfolgen. Es verbreitete sich jedoch früh über soziale Netzwerke und wurde dort bald wie eine bestätigte Besetzungsmeldung behandelt. Zahlreiche Beiträge behaupteten, Christopher Nolan habe Elliot Page als Achilles verpflichtet, obwohl weder das Studio noch Nolan selbst oder Page die Rolle jemals genannt hatten. Die Reaktionen richteten sich dabei weniger gegen eine konkrete schauspielerische Entscheidung als gegen Page selbst. Rechte und transfeindliche Accounts sprachen von einer angeblich „woken“ Neubesetzung und störten sich daran, dass ein trans Mann den Krieger spielen sollte, der in der Popkultur häufig als Inbegriff männlicher Stärke dargestellt wird. Einen großen Anteil an diesem Bild hat Troja (2004), in dem Achilles (Brad Pitt) als muskulöser, nahezu unbesiegbarer Kämpfer inszeniert wird.

So entstand eine ungewöhnlich laute Kontroverse um ein Casting, das nie existierte. Page war zwar tatsächlich für Nolans Film verpflichtet worden, doch der Name der Rolle blieb zunächst unbekannt. Aus dieser Lücke wurde eine Behauptung und aus der Behauptung eine Empörungswelle, und erst der fertige Film zeigt, wie weit sie an der Wahrheit vorbeiging: Page spielt Sinon, während Achilles nicht einmal kurz auftaucht.
Elliot Page spielt den Krieger Sinon
Noch bevor Odysseus (Matt Damon) seine zehnjährige Irrfahrt beginnt, wartet Sinon (Elliot Page) allein am Strand vor Troja. Hinter ihm steht das riesige Holzpferd, in dem sich griechische Soldaten versteckt halten. Sinon soll den Trojanern das vermeintliche Geschenk für die Göttin Athene übergeben, kennt jedoch nicht den gesamten Plan. Als die Männer aus Troja eintreffen, töten sie ihn. Nolan macht aus Sinon damit keinen zweiten Achilles und auch keinen triumphierenden Kriegshelden. Er ist ein junger Mann aus Ithaka, der Odysseus vertraut und für dessen berühmteste List bezahlt. Später begegnen sich die beiden im Reich der Toten wieder, wo Sinon seinem früheren König vorwirft, ihn mit Lügen in den Krieg gelockt und schließlich geopfert zu haben.

Diese Begegnung erklärt auch, weshalb Nolan überhaupt einen vergleichsweise unbekannten Namen in die Geschichte holt. Das Trojanische Pferd gilt gewöhnlich als Beweis für Odysseus’ Klugheit. Durch Sinon bekommt der Sieg plötzlich ein Gesicht, und dieses Gesicht ist nicht stolz auf das, was vor Troja geschehen ist.
In Homers Epos kommt Sinon nicht vor
Wer nach der Filmsichtung in Homers Odyssee nach Sinon sucht, wird dort allerdings nicht fündig. Auch in der Ilias, die von den letzten Wochen des Trojanischen Krieges handelt, taucht er nicht auf. Seine bekannteste Version stammt aus der Aeneis, dem römischen Epos des Dichters Vergil. Dort ist Sinon sehr viel berechnender. Nachdem die Griechen scheinbar abgezogen sind, findet ihn das Volk von Troja in der Nähe des hölzernen Pferdes. Sinon erzählt eine sorgfältig erfundene Geschichte und überzeugt seine Zuhörer davon, das Pferd sei eine heilige Gabe. Die Trojaner ziehen es in ihre Stadt, die versteckten Soldaten klettern nachts heraus, und Troja fällt.
Nolan dreht diese Rolle beinahe um: Sein Sinon ist nicht der Mann, der alle anderen täuscht, sondern selbst derjenige, dem entscheidende Informationen vorenthalten werden. Der Film übernimmt also einen Namen aus Vergils Erzählung, verändert jedoch, was dieser Mann weiß und wofür er steht.
Achilles wartet bei Homer im Reich der Toten
Achilles gehört vor allem zur Ilias. Er ist der stärkste Krieger der Griechen, streitet mit Heerführer Agamemnon und entscheidet nach dem Tod seines Freundes Patroklos einen großen Teil des Krieges. Wenn die Odyssee einsetzt, lebt er längst nicht mehr. Ganz verschwunden ist er bei Homer trotzdem nicht, Odysseus trifft seinen Geist im elften Gesang, nachdem er in die Unterwelt hinabgestiegen ist. Der König von Ithaka versucht, Achilles mit dessen unsterblichem Ruhm zu trösten. Unter den Lebenden sei er wie ein Gott verehrt worden, und nun herrsche er über die Toten. Achilles will davon nichts wissen. Lieber würde er als schlecht bezahlter Knecht für einen armen Bauern arbeiten, erklärt er, als tot über alle Verstorbenen zu regieren. Aus dem Mann, der für Ruhm und ein kurzes Leben in den Krieg zog, spricht plötzlich jemand, der jeden unscheinbaren Tag auf der Erde zurückhaben möchte.
Die Szene ist stark, für Odysseus’ Heimreise aber nicht notwendig. Achilles verrät ihm keinen Ausweg, warnt ihn vor keiner bevorstehenden Gefahr und greift später nicht mehr in die Handlung ein. Nolan ersetzt das Gespräch mit dem berühmten Krieger durch Begegnungen mit Sinon und Agamemnon (Benny Safdie), die enger mit Odysseus’ eigener Schuld verbunden sind.
Hätte Achilles Odysseus den Film gestohlen?
Christopher Nolan hat bislang nicht erklärt, warum er Achilles weggelassen hat, sicher beantworten lässt sich die Frage daher nicht. Der Verdacht liegt dennoch nahe, dass ein Auftritt des bekanntesten griechischen Kriegers mehr Aufmerksamkeit beansprucht hätte, als diese kurze Episode verträgt. Dabei spielt auch Troja eine Rolle.

Wolfgang Petersens Film rückte Achilles (Brad Pitt) so weit ins Zentrum, dass er für viele Menschen bis heute der erste Name ist, der ihnen beim Trojanischen Krieg einfällt. Hätte Nolan einen ähnlich prominenten Schauspieler besetzt, wäre aus wenigen Minuten in der Unterwelt schnell ein Ereignis geworden, und die Gespräche über Odysseus hätten pausiert, sobald Achilles durchs Bild läuft. Sinon kann dem Film die Aufmerksamkeit nicht auf dieselbe Weise entreißen. Kaum jemand bringt Erwartungen an ihn mit, und Nolan darf seine Geschichte verändern, ohne gegen ein festes Kinobild antreten zu müssen. Während Achilles über seinen eigenen verlorenen Ruhm gesprochen hätte, erinnert Sinon Odysseus an jemanden, dessen Leben er für seinen Sieg aufs Spiel setzte.
Monatelang wurde also darüber gestritten, ob Elliot Page der richtige Achilles sei. Im Kino stellt sich eine viel einfachere Frage: Wer war eigentlich Sinon, und warum hat Odysseus ihn am Strand von Troja zurückgelassen?

































