
Das Ende von „Die Odyssee“ erklärt
Zwanzig Jahre lang kämpft Odysseus darum, nach Ithaka zurückzukehren. Als er endlich wieder in seinem Palast steht, wartet dort allerdings kein bequemes Königsbett, sondern ein Saal voller Männer, die sein Haus besetzt, seine Vorräte geplündert und Penelope zur Heirat gedrängt haben. Christopher Nolan liefert in Die Odyssee (2026) zunächst das berühmte Finale aus Homers Dichtung: Odysseus spannt seinen Bogen und rechnet mit den Freiern ab. Danach nimmt der Film jedoch eine entscheidende Abzweigung. Dieser König ist zwar nach Hause gekommen, aber längst nicht mehr der Mann, der Ithaka verlassen hat.
Achtung, dieser Text enthält Spoiler zum Ende von Die Odyssee.
Odysseus erobert seinen Palast zurück
Als Bettler verkleidet schleicht sich Odysseus (Matt Damon) auf die Insel und findet dort ein Reich vor, das ihm nur noch dem Namen nach gehört. Antinoos (Robert Pattinson) und die übrigen Freier haben sich im Palast breitgemacht, während Penelope (Anne Hathaway) seit Jahren versucht, ihre Entscheidung über eine neue Ehe hinauszuzögern. Auch Telemachus (Tom Holland) kann die Männer kaum noch in Schach halten.

Penelopes Bogenprüfung bringt die Lage schließlich zum Kippen. Wer Odysseus’ schwere Waffe spannen und einen Pfeil durch eine Reihe von Axtköpfen schießen kann, soll sie heiraten dürfen. Die Freier mühen sich vergeblich ab, bis der angebliche Bettler an die Reihe kommt. Er spannt den Bogen, trifft sein Ziel und richtet die Waffe anschließend auf die Männer im Saal.

Gemeinsam mit Telemachus tötet er die Freier und gewinnt damit seinen Palast zurück. Ein klassischer Triumph ist das trotzdem nicht. Während Homers Odysseus seine Stellung als König wieder einnimmt, erkennt Nolans Heimkehrer, dass Ithaka nach allem, was in Troja geschehen ist, einen Neuanfang ohne ihn braucht. Telemachus übernimmt den Thron, kaum dass sein Vater ihn zurückerobert hat.
Athenes Gesicht verfolgt Odysseus bis nach Ithaka
Athene (Zendaya) taucht während der Reise immer wieder als geheimnisvolle Beraterin auf. Erst im letzten Teil des Films erklärt Nolan, weshalb die Göttin die Gestalt einer jungen Frau trägt: Odysseus’ Soldaten haben sie während der Plünderung Trojas in einem Athene-Tempel getötet. Zugleich schlugen die Griechen einer Statue der Göttin den Kopf ab. Damit verändert sich jede frühere Begegnung zwischen Athene und Odysseus. In Homers Odyssee unterstützt sie ihren bevorzugten Helden, verschafft ihm Vorteile und beendet am Schluss sogar den drohenden Aufstand gegen ihn. Nolans Athene sieht dagegen aus wie eine Tote, deren Leben Teil seines großen militärischen Erfolgs geworden ist. Sie muss ihm keine Vorwürfe machen. Ihr Gesicht reicht.

Odysseus kann Polyphem entkommen, Sirenen überstehen und sich gegen ganze Heere durchsetzen. Gegen die Erinnerung an Troja hilft ihm keine List. Die Irrfahrt endet zwar geografisch auf Ithaka, doch sein Krieg ist dort noch lange nicht vorbei.
Nolan verweigert Odysseus den bequemen Frieden
Auch bei Homer bleibt das Gemetzel im Palast nicht ohne Folgen. Die Familien der getöteten Freier wollen Rache, weshalb bereits der nächste Kampf droht, und Athene greift im Auftrag von Zeus ein, zwingt beide Seiten zum Frieden und lässt die Menschen auf Ithaka das Geschehene vergessen. Odysseus darf König bleiben. Anschließend kündigt er Penelope sogar an, mit neuen Raubzügen den verlorenen Reichtum seines Haushalts ersetzen zu wollen. Nolan lässt diese göttliche Aufräumaktion weg. Sein Odysseus fürchtet, dass er und seine Männer selbst jene rätselhaften Angreifer aus dem Meer sind, vor denen im Film gewarnt wird. Gemeint sind die sogenannten Seevölker, die mit den Umbrüchen am Ende der Bronzezeit in Verbindung gebracht werden, deren historische Bedeutung aber nicht eindeutig geklärt ist. Odysseus wartet nicht länger auf einen äußeren Feind, er begreift, dass die Griechen die gefürchtete Verwüstung bereits aus Troja mitgebracht haben.
Deshalb verzichtet er auf seine Krone und geht freiwillig ins Exil. Er will nach Westen segeln, um seine gefallenen Männer zu ehren und Abstand zwischen Ithaka und seinem eigenen Ruf zu bringen. Penelope begleitet ihn.
Was nach Odysseus und Penelope geschieht
Der Film verrät nicht, wo ihre gemeinsame Reise endet. Bei Homer gibt es diesen versöhnlicheren Aufbruch ohnehin nicht: Sein Odysseus plant weitere Beutezüge, während Penelope auf Ithaka bleibt. Erst die später entstandene Telegonie führt seine Geschichte fort. Darin wird er versehentlich von Telegonos getötet, seinem Sohn mit Kirke (Samantha Morton). Danach heiratet Telegonos Penelope, während Telemachus Kirke zur Frau nimmt.

Nolan lässt dieses reichlich wilde Familienende beiseite. Ihn interessiert weniger, welche mythologische Episode als Nächstes folgt, als die Frage, ob eine Heimkehr überhaupt gelingen kann, wenn der Heimkehrende unterwegs zu viel zerstört hat. Homers Held ist ein brillanter Lügner, der sich aus jeder Lage herauswindet. Nolans Odysseus erkennt dagegen, dass seine berühmteste List, das Trojanische Pferd, womöglich der Anfang einer viel größeren Katastrophe war.
Am Ende fährt er mit Penelope davon, während Telemachus auf Ithaka zurückbleibt. Wohin das Schiff steuert, hält Nolan offen. Für Odysseus scheint zunächst nur wichtig zu sein, dass es nicht zurück auf seinen Thron führt.












