
Bei der Macht von Grayskull: Wie He-Man zum queeren Ikone wurde
Als der Spielzeughersteller „Mattel“ zu Beginn der 1980er Jahre den muskelbepackten Helden „He-Man“ erfand, sollte aus ihm vor allem eine möglichst erfolgreiche Actionfigur werden. Die begleitende Zeichentrickserie He-Man and the Masters of the Universe (1983–84) diente wiederum in erster Linie dazu, Kinder für Plastikschwerter, Spielzeugburgen und Sammlerfiguren zu begeistern.
Dass die Serie sowie ihr titelgebender Held später einmal zum Gegenstand kulturwissenschaftlicher Essays werden würden, zum Teil akademischer Debatten und queerer Fan-Analysen im Netz, dürfte damals kaum jemand erwartet haben. Und doch erscheint diese Entwicklung zumindest im Rückblick wenig überraschend. Obwohl die Serie keine offen queeren Figuren zeigte, entstand um He-Man auf Eternia eine Bild- und Erzählwelt, die viele queere Zuschauerinnen und Zuschauer als auffällig „queer-coded“ wahrnahmen.
Die Interpretationsfreudigkeit hat wohl nicht zuletzt mit dem historischen Kontext zu tun: In einer Zeit, in der queere Figuren im Fernsehen kaum existierten, gewann der Subtext an Gewicht. Oder anders ausgedrückt: Wo nichts explizit gezeigt wurde, begann man, zwischen den Zeilen zu lesen. He-Mans Entwicklung zur queeren Ikone beginnt mit einer Figur, in der Zuschauerinnen und Zuschauer mehr erkannten, als vermutlich beabsichtigt war.
Ein Held, der nie klassischen Männlichkeitsbildern entsprach
Aus heutiger Sicht eignet sich He-Man schon auf den ersten Blick für eine queere Lesart. Da ist etwa der blonde Prinz-Eisenherz-Haarschnitt – und natürlich das markante Brustgeschirr, das bei heutigen Betrachterinnen und Betrachtern schnell Assoziationen zur Leder- und Harness-Ästhetik der schwulen Subkultur weckt.
In den 1980er Jahren wurde diese übersteigerte Körperlichkeit von einem breiten Publikum allerdings noch nicht unbedingt als schwul gelesen. He-Mans monumentale Statur und demonstrative Muskelkraft entsprachen vielmehr einem hypermaskulinen Ideal, das die Popkultur dieser Zeit prägte – während gängige Vorurteile schwule Männer noch als scheu und schwächlich charakterisierten, obwohl längst ein schwuler Körperkult existierte, der solche Ideale zelebrierte.
Das Geheimnis von Prinz Adam als Metapher für das Verstecken
Wichtiger noch als die Oberfläche von He-Man ist die Grundstruktur seiner Geschichte. Denn letztlich erzählt He-Man and the Masters of the Universe von einem jungen Mann – Prinz Adam, wie He-Man im Alltag heißt –, der einen zentralen Teil seiner Identität verbergen muss.
Nur wenige Vertraute kennen Adams Geheimnis. Nach außen präsentiert er eine Persönlichkeit, die von seinem Umfeld oft unterschätzt wird, während er hinter dieser Fassade etwas verbirgt, das die meisten Menschen niemals sehen dürfen. Die Angst vor Entdeckung begleitet ihn ebenso wie die Frage, wem er sich anvertrauen kann.
Es überrascht kaum, dass viele queere Zuschauerinnen und Zuschauer hier durchaus Parallelen zur eigenen Lebensrealität erkannten. Die berühmte Verwandlung zu He-Man funktioniert schließlich hervorragend als Metapher für das Coming-out beziehungsweise für den Moment, in dem eine selbstbewusstere, authentischere Version von Prinz Adam zum Vorschein kommt.
Camp, Exzess und Skeletor
Und schließlich lädt auch die visuelle Gestaltung der Welt von He-Man and the Masters of the Universe zur queeren Interpretation des Helden ein. Allein dessen Heimat Eternia scheint schon wie eine große Bühne – alles wirkt überzeichnet, farbintensiv, und überaus „camp“. Selbst die Kostüme haben etwas Theatrales an sich und oszillieren zwischen schillerndem Wrestling-Outfit und greller Science-Fiction-Ausstattung. Auch die Kämpfe haben mehr von sorgfältig inszenierten Darstellungen als tatsächlich gewaltvollen Auseinandersetzungen.
Insbesondere die Schurken können in dieser Ästhetik glänzen: Wo He-Man trotz aller Muskelpracht noch eine vergleichsweise geradlinige Heldenfigur bleibt, darf Skeletor sämtliche Register der Übertreibung ziehen. Er schimpft, er zetert, und schmiedet größenwahnsinnige Pläne und scheitert regelmäßig mit einer Dramatik, die ihm bis heute einen festen Platz in der Meme-Kultur gesichert hat – das erinnert fast schon an „Team Rocket“ aus Pokémon.
Apropos: Insbesondere Skeletors Beliebtheit in der LGBTQ-Community passt zu einem Phänomen, das über die Welt von He-Man hinausreicht. Queere Zuschauerinnen und Zuschauer haben sich immer wieder sonderbaren, aber umso interessanteren Randfiguren zugewandt, die außerhalb gesellschaftlicher Normen stehen. Man denke etwa an Ursula aus Arielle, die Meerjungfrau (1989), an Scar aus Der König der Löwen (1994). Oft sind es ausdrücklich die Exzentriker und Außenseiter, die komplexer und spannender erscheinen als die makellosen Helden und damit unter Fans der LGBTQ-Community punkten können.
Als das Internet He-Man für sich entdeckte
Irgendwann war diese queere Lesart des He-Man und seiner Erzählwelt so präsent geworden, dass sie sich schließlich ihren Weg in die Mainstream-Netzkultur selbst bahnte. Ein entscheidender Moment dafür ist das YouTube-Video mit dem Titel „HEYYEYAAEYAAAEYAEYAA“.
Der Animator „Slackcircus“ ließ darin im Jahr 2010 He-Man durch psychedelische Landschaften tanzen, den Hit „What’s Up?“ der „4 Non Blondes“ singen, und schuf damit eine zig millionenfach geklickte Parodie.
Was zuvor als Subtext existierte, wurde somit zum zentralen Witz eines viralen Videos – wobei sich nicht final sagen lässt, ob es als liebevolle Persiflage oder als plumper Versuch zu verstehen ist, sich über den Helden lustig zu machen. Wahrscheinlich aber ist die Frage letztlich zweitrangig, denn sobald eine Figur gleichzeitig verehrt, zitiert, persifliert und neu interpretiert wird, hat sie meist einen kulturellen Status erreicht, von dem die meisten Helden nur träumen können.


























