
Der „Digger“-Trailer erklärt: Warum ausgerechnet dieser Film Tom Cruise an seine Grenzen brachte
Tom Cruise hing in Mission: Impossible – Rogue Nation (2015) außen an einem startenden Flugzeug, kletterte für Mission: Impossible – Phantom Protokoll (2011) am Burj Khalifa und sprang in Mission: Impossible – Dead Reckoning Teil Eins (2023) mit einem Motorrad über eine Klippe. Im ersten langen Trailer zu Digger (2026) ist es jedoch kein Stunt, der ihn ungewohnt verletzlich wirken lässt. Es ist eine todkranke Katze.
Öl-Milliardär Digger Rockwell (Tom Cruise) versucht, das Tier zum Fressen zu bewegen, während der Tierarzt ihm eine verblüffend ungenaue Prognose gibt: noch zwischen zwei Wochen und fünf Minuten. Wenig später drohen eine Umweltkatastrophe, Schäden in Höhe von 18 Billionen Dollar und ein nukleares Wettrüsten. Trotzdem ist ausgerechnet diese unscheinbare Szene der Schlüssel zum gesamten Trailer. Digger kann Unternehmen kontrollieren, Politiker beeinflussen und öffentliche Erzählungen lenken. Doch gegen den Tod nützt ihm all diese Macht nichts.
Der Trailer zeigt Diggers Größenwahn schon in der ersten Krisensitzung
Als im Trailer ein Mitarbeiter von einer Verschiebung des grönländischen Gletschers um fünf Fuß berichtet, reagiert Digger nicht mit Sorge, sondern mit einem Größenvergleich: Sein Schreibtisch sei länger und ein bestimmter Körperteil immerhin ein Zehntel so groß. Wegen einer solchen Kleinigkeit, so seine Logik, werde er sein milliardenschweres Bohrprojekt nicht stoppen.

Als der Mann widerspricht, erinnert Digger ihn daran, dass er dessen Gehalt und sogar dessen Daunenjacke bezahlt. In weniger als einer Minute legt der Trailer damit Diggers Weltbild offen: Real ist nur, was sich in Geld, Besitz oder ignorante Selbstüberschätzung übersetzen lässt. Selbst die Katastrophe wird für ihn erst relevant, als der Präsident der Vereinigten Staaten (John Goodman) sie zu seiner persönlichen Aufgabe erklärt. Digger habe alle in diesen Schlamassel gebracht und müsse sie nun wieder herausgraben, verkündet er. Die Rettung der Welt beginnt nicht mit Einsicht, sondern mit einer weiteren Machtdemonstration.
Der Trailer macht aus einer Katastrophe eine Satire auf Macht
Alejandro G. Iñárritu (The Revenant) inszeniert die drohende Apokalypse nicht wie einen gewöhnlichen Katastrophenfilm. Zu „Burning Down the House“ wechseln sich Überschwemmungen, Raketenstarts, Regierungssitzungen und Diggers immer wilder werdende Auftritte ab. Sandra Hüller, Jesse Plemons, Emma D’Arcy und Ganesh (Riz Ahmed) sind bislang nur kurz zu sehen.

Der Trailer vermittelt trotzdem bereits, in welcher Welt sie leben: Hier müssen Fakten gegen die Selbstdarstellung eines Milliardärs antreten. Besonders verräterisch ist Diggers Behauptung, man könne vielleicht nicht den Lauf der Natur, aber wenigstens die Erzählung kontrollieren. Als ihm jemand entgegenhält, die Menschen würden längst die Fakten kennen, erwidert er sinngemäß, dass die Geschichte trotzdem noch nicht erzählt sei. Darin steckt die härteste Pointe des Trailers: Digger will nicht verhindern, was passiert ist, sondern er will bestimmen, was das Passierte bedeutet.

Der satirische Trailer wird bereits mit Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben (1964) und Don’t Look Up (2021) verglichen. Digger scheint den Wahnsinn allerdings noch stärker auf einen einzelnen Menschen zu konzentrieren, der seine persönliche Marke selbst dann verteidigt, wenn um ihn herum bereits die Erde aufreißt.
Cruise forderte sich schon oft heraus
Körperlich hat Tom Cruise kaum noch etwas zu beweisen, schauspielerisch hat er sich jedoch mehrfach Rollen ausgesucht, die weit von seinem gewohnten Image entfernt waren. In Geboren am 4. Juli (1989) spielte er den gelähmten Vietnamveteranen Ron Kovic, dessen Patriotismus in Wut und politischen Widerstand umschlägt. Magnolia (1999) machte ihn als frauenverachtenden Motivationstrainer Frank T. J. Mackey gleichzeitig abstoßend, komisch und tief verletzt. Für beide Leistungen erhielt er Oscar-Nominierungen. Für Frank T. J. Mackey entwickelte Cruise sogar eine eigene Bühnenrede, die er Regisseur Paul Thomas Anderson zunächst zu Hause vorspielte. Als kühler Auftragsmörder Vincent in Collateral (2004) verwandelte er seine berühmte Konzentration wiederum in etwas Bedrohliches.

Die sichtbarste Vorstufe zu Digger bleibt Les Grossman aus Tropic Thunder (2008) mit Glatze, künstlichem Bauch, wüsten Beschimpfungen und einer ungeheuren Freude an der eigenen Geschmacklosigkeit. Les Grossman war allerdings ein kurzer Befreiungsschlag innerhalb eines Ensemblefilms, Digger muss diese Energie offenbar über die gesamte Laufzeit tragen und zugleich glaubhaft machen, dass unter dem vulgären Größenwahn echte Angst lauert.
Bei Digger kommt damit einiges zusammen, was Cruise bislang eher getrennt ausprobiert hat: Die äußere Verwandlung erinnert an Tropic Thunder, die moralische Kälte an Collateral. Gleichzeitig braucht die Rolle offenbar einen emotionalen Absturz, wie ihn Magnolia sichtbar machte.
Warum Cruise nun von seiner größten Herausforderung spricht
Bei der Trailerpräsentation, über die der Hollywood Reporter berichtet, erklärte Cruise, wie anspruchsvoll die Dreharbeiten gewesen seien. „So etwas hat mich noch nie auf diese Weise gefordert“, sagte er. Auch Iñárritu habe sich mit dem Film auf unbekanntes Terrain begeben. Das Ergebnis sei „vollkommen originell“. Damit meint Cruise offenbar nicht nur die Prothesen, den künstlichen Bauch oder Diggers Südstaatenakzent, sondern die gesamte Arbeitsweise hinter der Rolle.
Iñárritu las ihm das Drehbuch über mehrere Tage hinweg persönlich vor. Cruise sollte nicht nur den Text kennenlernen, sondern hören, wie der Regisseur die Szenen, den Rhythmus und Diggers Gedankenwelt verstand. Cruise wiederum beschäftigte sich mit jedem sichtbaren Detail: den falschen Zähnen, der Farbe des Make-ups, den Cowboystiefeln, der Kleidung und sogar der Wirkung unterschiedlicher Kameraobjektive. Für ihn gehören solche Äußerlichkeiten nicht zur Dekoration. Sie entscheiden darüber, wie ein Mensch auf der Leinwand spricht, sich bewegt und von anderen wahrgenommen wird. Cruise selbst zog dabei eine Linie durch seine Karriere.

Bei Rollen wie Les Grossman in Tropic Thunder, dem Vampir Lestat in Interview mit einem Vampir (1994), Vincent in Collateral oder Joel Goodsen in Lockere Geschäfte (1983) habe er sich stets gefragt, wie sich ein Mensch über Stimme, Körper und Aussehen vermitteln lasse. Digger bündelt diese Erfahrungen nun in einer einzigen, bewusst überladenen Rolle. Iñárritu berichtete sogar, Cruise habe ihm gesagt, er habe 40 Jahre gebraucht, um diesen Menschen spielen zu können.
Die Verwandlung allein erklärt die Herausforderung trotzdem nicht. Cruise muss einen Mann spielen, der gleichzeitig komisch, bedrohlich und erstaunlich verletzlich wirkt. Wird Digger zu grell, bleibt von ihm nur eine Karikatur übrig. Spielt Cruise ihn dagegen zu verständnisvoll, verliert die Satire ihre Schärfe.
Der Trailer zeigt bereits, wie schnell er zwischen größenwahnsinniger Selbstsicherheit und kaum verborgener Panik wechseln muss. Am 1. Oktober 2026 startet Digger in den deutschen Kinos.










































