Wie kein anderes Animationsstudio steht Studio Ghibli für eine ganz eigene Form des Erzählens und für eine visuelle Wucht, die ihresgleichen sucht. Über Jahrzehnte hinweg hat das von Hayao Miyazaki und Isao Takahata geprägte Studio gezeigt, dass Fantasie, politische Untertöne und intime Coming-of-Age-Momente kein Widerspruch sein müssen – und dabei einen Hit nach dem anderen hervorgebracht.
Denkt man an Studio Ghibli, fallen meist sofort dieselben Titel ein: Chihiros Reise ins Zauberland (2001), Prinzessin Mononoke (1997) oder Mein Nachbar Totoro (1988). Dabei geraten immer wieder weniger bekannte Produktionen aus dem kollektiven Gedächtnis, die nicht nur sehenswert, sondern eigenständige Kunstwerke sind. Zehn dieser oft übersehenen Filme wollen wir uns hier genauer ansehen.
1. Only Yesterday – Träume der Erinnerung (1991)
Isao Takahatas Only Yesterday ist einer der erwachsensten Filme, die Studio Ghibli je produziert hat – und trotzdem erstaunlich wenig bekannt. Statt Fantasy erzählt der Film von einer 27-jährigen Frau, die während eines Landurlaubs ihre Kindheit reflektiert. Das klingt unspektakulär, ist aber emotional präzise beobachtet und erstaunlich universell. Es geht um Erwartungen, Selbstzweifel und die Frage, ob man wirklich das Leben führt, das man wollte. Takahata verzichtet bewusst auf Dramatisierung und lässt kleine Momente wirken. Genau das macht den Film so stark. Only Yesterday ist unbedingt sehenswert für Anime-Fans, aber auch für Zuschauer, die mit Animation sonst wenig anfangen können. Wer Coming-of-Age-Geschichten mit realistischer Tiefe mag, bekommt hier ein Meisterstück serviert.
2. Ocean Waves – Flüstern des Meeres (1993)
Ocean Waves ist wahrscheinlich der am meisten unterschätzte Film im gesamten Ghibli-Katalog.
Ursprünglich fürs Fernsehen produziert, verzichtet der Film komplett auf Fantasy und erzählt stattdessen eine nüchterne Geschichte über Freundschaft, Stolz und unausgesprochene Gefühle unter Jugendlichen. Gerade diese Bodenständigkeit macht ihn so interessant. Die Figuren handeln nicht immer sympathisch, sondern widersprüchlich und manchmal verletzend – wie echte Menschen. Visuell ist der Film zurückhaltender als andere Ghibli-Werke, emotional aber erstaunlich präzise. Wer Filme wie Before Sunrise mag, findet hier ein unterschätztes Highlight. Kein großes Spektakel – aber ein absolut ehrlicher Film, der lange nachwirkt.
3. Meine Nachbarn die Yamadas (1999)
Mut zur Veränderung! Mit Meine Nachbarn die Yamadas brach Isao Takahata bewusst mit der etablierten Ghibli-Ästhetik. Statt detailreicher Hintergründe dominieren aquarellartige Linien und minimalistische Figuren. Der Film erzählt episodisch vom Alltag einer japanischen Familie – von kleinen Konflikten, Missverständnissen und absurden Momenten des Zusammenlebens. Was zunächst leicht wirkt, entwickelt schnell emotionale Tiefe. Hinter dem Humor steckt eine präzise Beobachtung von Ehe, Generationenkonflikten und gesellschaftlichen Erwartungen. Meine Nachbarn die Yamadas ist empfehlenswert für Genre-Kenner, aber auch für Zuschauer, die intelligente Alltagskomödien mögen. Wer glaubt, Animation müsse immer spektakulär sein, bekommt hier den Gegenbeweis. Ein absolutes Must-Watch für alle, die subtile, menschliche Geschichten schätzen.
4. Der Mohnblumenberg (2011)
Und noch so ein oft übersehenes Juwel: Der Mohnblumenberg gehört zu den unterschätztesten Filmen aus dem Studio Ghibli Umfeld. Regie führte Gorō Miyazaki, was die Erwartungshaltung automatisch erhöht hat. Der Film spielt im Yokohama der frühen 1960er Jahre und verbindet eine zarte Liebesgeschichte mit einem Blick auf Japans gesellschaftlichen Wandel nach dem Krieg. Zwei Jugendliche kämpfen für den Erhalt eines alten Schulgebäudes und damit symbolisch für Erinnerung und Identität. Der Film verzichtet komplett auf Fantasy und setzt stattdessen auf Atmosphäre, Figuren und Zeitgefühl. Genau das macht ihn stärker, als sein Ruf vermuten lässt. Für alle, die Coming-of-Age-Stories mögen, ein Fest!
5. Erinnerungen an Marnie (2014)
Ein absolutes Must Watch für alle, die melancholische, persönliche Geschichten schätzen: Erinnerungen an Marnie ist einer der emotional intensivsten Filme aus dem Studio Ghibli Katalog. Im Zentrum steht ein introvertiertes Mädchen, das an der Küste eine geheimnisvolle Freundin kennenlernt. Was zunächst wie eine klassische Freundschaftsgeschichte wirkt, entwickelt sich zu einer tiefgehenden Auseinandersetzung mit Einsamkeit, Identität und verdrängten Erinnerungen. Der Film arbeitet mit subtilen Andeutungen und emotionaler Zurückhaltung statt großen dramatischen Gesten. Gerade das macht ihn so wirkungsvoll. Visuell bleibt er dem klassischen Ghibli Stil treu, inhaltlich ist er deutlich introspektiver als viele bekanntere Titel.
6. Pom Poko (1994)
Pom Poko wird oft als skurrile Komödie über formwandelnde Waschbären beschrieben. Tatsächlich steckt dahinter einer der politischsten Filme von Studio Ghibli. Regisseur Isao Takahata erzählt von Tieren, die gegen die Zerstörung ihres Lebensraums kämpfen, während Urbanisierung unaufhaltsam voranschreitet. Der Film springt bewusst zwischen Humor, Mythologie und Tragik. Diese Mischung wirkt zunächst ungewöhnlich, entfaltet aber enorme Wirkung. Hinter den absurden Momenten steckt eine klare ökologische Botschaft über Fortschritt und Verlust. Pom Poko ist eine Empfehlung für eingefleischte Anime-Fans, aber auch für Zuschauer, die gesellschaftskritische Animation mögen.
7. Die Chroniken von Erdsee (2006)
Die Chroniken von Erdsee gelten häufig als problematischer Eintrag im Ghibli-Katalog, werden aber oft vorschnell abgeschrieben. Ein Grund dafür liegt in der schwierigen Entstehungsgeschichte: Regie führte Gorō Miyazaki, der Sohn von Hayao Miyazaki, der zuvor kaum Erfahrung als Regisseur hatte. Gleichzeitig basierte der Film auf der literarisch komplexen Romanreihe von Ursula K. Le Guin, deren Stoff stark verdichtet und teilweise verändert wurde. Diese Kombination führte dazu, dass viele Zuschauer eine erzählerische Unausgewogenheit wahrnahmen. Figurenentwicklungen wirken stellenweise abrupt, zentrale Konflikte werden nicht immer konsequent ausgearbeitet. Gerade Fans der Vorlage reagierten deshalb kritisch. Trotz dieser Schwächen besitzt der Film jedoch eine eigenständige Atmosphäre, die ihn interessanter macht, als sein Ruf vermuten lässt.
8. Das Königreich der Katzen (2002)
Das Königreich der Katzen wird oft als Nebenwerk betrachtet, dabei ist der Film eines der unterhaltsamsten Abenteuer aus dem Ghibli Universum. EiEine Schülerin gerät in eine fantastische Welt voller sprechender Katzen und muss dort ihren eigenen Mut entdecken. Der Film ist schneller, humorvoller und leichter als viele andere Produktionen, ohne oberflächlich zu wirken. Gerade diese klare Struktur macht ihn zugänglich und auch durchaus unterhaltsam. Die Mischung aus Fantasie, Coming of Age und Humor funktioniert erstaunlich gut. Das Königreich der Katzen eignet sich auch für jüngere Zuschauer oder Einsteiger in die Ghibli Welt – definitiv ein Ghibli-Film, der sich mehr Aufmerksamkeit verdienen würde.
9. Die Legende der Prinzessin Kaguya (2013)
Die Legende der Prinzessin Kaguya ist vielleicht der künstlerisch radikalste Film, den Studio Ghibli je produziert hat. Die Animation wirkt wie bewegte Tuschezeichnungen auf Reispapier und unterscheidet sich deutlich von klassischen Animationsstilen. Inhaltlich erzählt der Film eine alte japanische Legende als tragische Geschichte über Freiheit, Erwartungen und gesellschaftliche Zwänge. Die emotionale Wirkung entsteht nicht durch Spektakel, sondern durch Reduktion. Genau das macht den Film so außergewöhnlich. Die Legende der Prinzessin Kaguya ist für Cineasten mit Interesse an Kunstfilm und visueller Experimentierfreude ein Genuss. Alle, die Animation als ernsthafte Kunstform erleben möchten, sollten diesen Film nicht verpassen.
10. Porco Rosso (1992)
Porco Rosso gehört zu den bekannteren Ghibli Filmen, wird aber häufig unterschätzt. Hinter der Geschichte eines verfluchten Piloten im Italien der Zwischenkriegszeit steckt weit mehr als ein Abenteuerfilm. Hayao Miyazaki verbindet hier Humor mit politischer Allegorie und persönlicher Melancholie. Themen wie Faschismus, Kriegstraumata und verlorene Ideale werden subtil verarbeitet, ohne den Film schwer wirken zu lassen. Gleichzeitig bleibt er unterhaltsam und zugänglich. Porco Rosso ist ein wunderschöner Filmgenuss für Anime Fans, aber auch für Zuschauer, die historische Abenteuer mit emotionaler Tiefe mögen. Ein zeitloses Werk über Ehre und Menschlichkeit, das beweist, dass auch ein fliegendes Schwein mehr Herz besitzen kann als viele Helden.



































































































































































































































