Eigentlich kann man sich trefflich darüber streiten, welche Oscar-Kategorie die „wichtigste“ von allen ist. In diesem Jahr aber wirkt die Antwort erstaunlich klar: Die spannendste Entscheidung fällt 2026 in der Kategorie „Beste Regie“. Nicht nur, weil hier besonders unterschiedliche filmische Handschriften aufeinandertreffen.
Sondern weil gleich mehrere mögliche Siege ein historisches „erstes Mal“ darstellen würden. Genauer gesagt: Mit Ryan Coogler, Chloé Zhao und Joachim Trier könnten gleich drei Filmemacher Oscar-Geschichte schreiben. Bei Paul Thomas Anderson oder Josh Safdie geht es dagegen weniger um eine Zäsur in der Historie des wichtigsten Preises der Filmwelt, als um die späte Krönung eines lange gewürdigten Werks – oder darum, sich endgültig in der ersten Reihe zu etablieren.
Ein Überblick darüber, was in dieser Regie-Kategorie dieses Jahr auf dem Spiel steht.
Ryan Coogler wäre der erste Schwarze Filmemacher, der den Regie-Oscar erhält
Es gehört zu den sträflichen Leerstellen der Oscar-Geschichte, dass bisher noch kein einziger Schwarzer Regisseur mit einem Academy Award ausgezeichnet wurde. Selbst Nominierungen waren über Jahrzehnte eine Seltenheit. Bislang wurde nur wenigen diese Ehre zutei: John Singleton für Boyz n the Hood (1991), Lee Daniels für Precious (2009), Steve McQueen für 12 Years a Slave (2013), Barry Jenkins für Moonlight (2016) und Jordan Peele für Get Out (2017).
Ryan Coogler könnte nun der erste schwarze Filmemacher werden, der den Oscar für die „Beste Regie“ auch tatsächlich gewinnt. Eine solche Entscheidung hätte deshalb zwangsläufig Signalwirkung. Sie wäre keine Randnotiz der Oscar-Nacht, würde das Bild des wichtigsten Preises der Filmwelt weiter diversifizieren. Sicherlich, seit #OscarsSoWhite ist vieles passiert – doch die Academy hat weiterhin Einiges aufzuholen.
Hinzu kommt, dass Coogler mit Sinners kein leises Prestigeprojekt ins Rennen schickt, sondern ein großes, stilbewusstes Genrekino, das Mythologie, Gegenwartsbezug und erzählerische Wucht verbindet. Der historische Durchbruch käme nicht aus der Nische, sondern aus dem Herzen des populären Kinos – und würde Progressives und Publikumsnähe miteinander versöhnen.
Chloé Zhao wäre die erste weibliche Filmemacherin, die zum zweiten Mal den Regie-Oscar erhält
Wenn Ryan Cooglers möglicher Triumph eine jahrzehntelange Leerstelle schließen würde, dann läge die historische Dimension bei Chloé Zhao in der Wiederholung. Sie hat den Regie-Oscar bereits gewonnen – für Nomadland (2020) – und genau das macht ihre erneute Nominierung so außergewöhnlich. Ein zweiter Sieg würde sie zur ersten Frau in der Geschichte der Academy machen, die zweimal den Regie-Oscar gewonnen hat.
Welche Besonderheit das wäre, zeigt schon der Blick auf die Statistik: Bisher wurden erst drei weibliche Regisseurinnen ausgezeichnet: Kathryn Bigelow für The Hurt Locker (2009), Jane Campion für The Power of the Dog (2021) und eben Chloé Zhao. Übrigens wurden insgesamt nur neun Frauen überhaupt für den Regie-Oscar nominiert.
Ein weiterer Erfolg Chloé Zhaos wäre der Beweis, dass Regisseurinnen in dieser Kategorie nicht nur als Sensation auftauchen, sondern als wiederkehrende Größe bestehen können. Mit Hamnet tritt die Regisseurin zudem nicht mit einem offensichtlichen Prestigeprojekt an, sondern mit einem stillen, literarisch grundierten Drama, das sich weniger für große Gesten interessiert als für Atmosphäre, Naturbilder und emotionale Zwischentöne.
Joachim Trier wäre der erste skandinavische Filmemacher, der den Regie-Oscar erhält
Während bei Coogler ein „erstes Mal“ und bei Zhao ein „zweites Mal“ Geschichte schreiben würde, liegt die Pointe bei Joachim Trier in der geografischen Dimension: Noch nie hat ein skandinavischer Regisseur den Oscar für die Beste Regie gewonnen – und das, obwohl Nordeuropa seit Jahrzehnten zu den prägendsten Regionen der Filmgeschichte zählt. Namen wie Ingmar Bergman, Lars von Trier oder Ruben Östlund stehen für ein Kino, das weltweit rezipiert, diskutiert und oftmals stilbildend wirkt, in dieser Kategorie jedoch noch nie bepreist wurde.
Ein Triumph Joachim Triers wäre daher nicht nur ein persönlicher Ritterschlag, sondern ein kleiner kultureller Durchbruch. Es wäre ein Signal dafür, dass internationale Handschriften von der Academy nicht nur geduldet, sondern ausdrücklich anerkannt werden. Gerade auch weil Trier mit Sentimental Value nicht mit großem Pathos antritt, sondern mit einem leisen, präzise beobachteten Drama über Familie, Erinnerung und künstlerisches Erbe. Seine Inszenierung setzt auf Zwischentöne statt Ausrufezeichen, auf Nähe statt Monumentalität.
Paul Thomas Anderson und Josh Safdie: Späte Krönung versus früher Durchbruch
Apropos Monumentalität: Paul Thomas Anderson ist in diesem Feld der Regisseur, bei dem ein Oscar weniger Geschichte schreiben als vielmehr einer langen Geschichte endlich die Krone aufsetzen würde. Seit Boogie Nights (1997) zieht sich sein Name durch die Nominierungslisten der Academy – über There Will Be Blood (2007), The Master (2012) und Der seidene Faden (2017) bis hin zu Licorice Pizza (2021). Bewundert, zitiert, kanonisiert – aber nie ausgezeichnet. Mit One Battle After Another tritt Paul Thomas Anderson erneut mit jener erzählerischen Opulenz an, die sein Kino prägt: ausladend, präzise, charakterzentriert. Ein Triumph wäre folglich weniger Signal der Veränderung als ein Akt der Bestätigung – die Academy würde ein Versprechen einlösen, das seit Jahren im Raum steht.
Bei Josh Safdie verhält es sich beinahe umgekehrt. Gemeinsam mit seinem Bruder prägte er mit Good Time (2017) und Uncut Gems (2019) das amerikanische Autorenkino der späten 2010er Jahre und fügte ihm eine rastlose, nervöse, elektrisierte Note hinzu. Doch bei den Oscars blieb dieses Duo bislang unsichtbar, wurde weder nominiert noch ausgezeichnet. Ein Sieg mit Marty Supreme käme damit nicht als Krönung einer langen Academy-Karriere daher, sondern würde wahrscheinlich Josh Safdies großen Durchbruch bedeuten.



































































































































































































































