„Obsession“ ist das neue „Blair Witch Project“ – aber nicht nur wegen des Horrors

„Obsession“ ist das neue „Blair Witch Project“ – aber nicht nur wegen des Horrors

Nora Henze
Nora Henze

Veröffentlicht am 04. Juni 2026

Aktualisiert am 04. Juni 2026

1999 ging im Sommer ein winziger Horrorfilm in die Kinos, von dem vorher kaum jemand etwas gehört hatte. Blair Witch Project wurde nicht durch Plakate groß und nicht durch Trailer, sondern dadurch, dass Menschen einander erzählten, sie hätten gerade etwas Verstörendes gesehen, das man unbedingt selbst erleben müsse. 

Aus diesen Erzählungen wurde eine Welle, aus der Welle ein Phänomen, und im Verhältnis zu seinem winzigen Budget einer der profitabelsten Filme der Kinogeschichte. Etwas Vergleichbares passiert gerade noch einmal, zwar in kleinerer Dimension und unter völlig anderen Bedingungen, aber nach demselben Grundprinzip. Die Schulhöfe von damals heißen heute TikTok und Gruppenchats, und der Film, über den dort gerade alle reden, Obsession - Du sollst mich lieben heißt. In den USA bereits ein Hit, in Deutschland startet der Film auch bald.

Ein winziger Film, ein YouTuber und ein folgenschwerer Wunsch

Obsession läuft seit dem 15. Mai in den US-Kinos und ist im Grunde ein schiefer Liebesfilm in der Verkleidung eines Horrorthrillers. Bear ist heimlich in seine Kollegin Nikki verliebt, traut sich aber nicht, ihr das zu sagen. Und als er eines Tages einen geheimnisvollen Glücksbringer findet, der ihm einen einzigen Wunsch erfüllt, wünscht er sich, dass Nikki ihn mehr lieben soll als alles auf der Welt. Der Wunsch erfüllt sich tatsächlich, und an genau diesem Punkt hört der Film schlagartig auf, romantisch zu sein.

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Geschrieben, inszeniert und auch geschnitten hat Obsession der 26-jährige Curry Barker, ein YouTuber, der sich vom Sketch-Kanal über einen winzigen Online-Horrorfilm namens Milk & Serial langsam ins richtige Kino vorgearbeitet hat. Sein Debüt entstand in 20 Tagen, mit einem Budget von etwa einer Million Dollar, und das hört sich nach viel an, ist im Kinogeschäft aber so wenig, dass viele Studios damit nicht einmal ihre Werbekampagne anwerfen würden.

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Trotzdem hat Obsession schon nach kurzer Zeit mehr als das Achtzigfache seines Budgets eingespielt, und das eben nicht, weil Plakate an jeder Bushaltestelle hängen, sondern weil sich die Leute online und sich gegenseitig sagen, dass sie ihn unbedingt sehen sollen.

Die Verbindung zu „Blair Witch“

Optisch haben Obsession und Blair Witch ehrlich gesagt nicht viel gemeinsam. Blair Witch wirkte damals wie ein Material, das jemand zufällig im Wald gefunden hatte, ein sogenannter „Found Footage”-Film. Obsession ist dagegen ganz normal gefilmt, mit einer festen Kamera und einer klaren Bildsprache. Die Parallele liegt also nicht in der Optik, sondern in der Frage, wie die beiden Filme überhaupt zu ihrem Publikum gefunden haben.

Blair Witch hatte 1999 keine echten Stars und kaum Werbebudget. Was er hatte, war eine clevere Website, die aussah wie eine echte Vermisstenmeldung, dazu Auftritte auf Filmfestivals und vor allem Menschen, die einander erzählten, dass da etwas im Kino läuft, was sich anfühlt wie ein realer Fall. Obsession startet 2026 in einer gänzlich anderen Medienwelt, aber das Muster wiederholt sich.

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Der Film hatte seine Premiere im September 2025 auf dem Toronto International Film Festival und schlug dort so stark ein, dass sich mehrere Studios um die Rechte stritten. Nach dem US-Kinostart am 15. Mai laufen auf TikTok inzwischen Video für Video von Menschen, die direkt aus dem Saal kommen und ihre Reaktion filmen, und genau diese Clips schicken sich gerade Millionen weiter. Es ist im Kern dieselbe Bewegung wie 1999, nur mit Smartphones statt Pausengesprächen.

Ein Horror, der seine eigene Generation kennt

Der Inhalt verstärkt diese Wirkung, weil er aus genau der Welt erzählt, in der das junge Publikum gerade tatsächlich lebt. Bear ist nicht der klassische Horror-Stalker mit Trenchcoat und schwerer Atmung, sondern ein leiser junger Mann, der ein Nein nicht aushalten kann und sich selbst einredet, dass das, was er tut, eigentlich nur Liebe sei. Curry Barker hat in einem Interview kurz nach Kinostart betont, dass es ihm wichtig war, Nikki gleichzeitig als Opfer und als Bedrohung zu zeigen, je nachdem, durch wessen Augen man gerade auf die jeweilige Szene schaut. Im Zentrum des Films steht eine Geschichte über fehlende Zustimmung, und sie wird mit einer Genauigkeit erzählt, die jeder sofort versteht, der mit Gruppenchats und öffentlich geteilten Beziehungsstatus aufgewachsen ist.

Curry Barker schreibt seinem Film außerdem eine ganz eigene Internetsprache ein, die nicht jede Generation gleich schnell aufschnappt. Eine der unheimlichsten Szenen greift etwa einen viralen TikTok-Make-up-Trend auf, und das ist genau die Art von Detail, die ein junges Publikum sofort wiedererkennt und für ältere Zuschauerinnen und Zuschauer schlicht nicht den gleichen Effekt hat. Blair Witch hatte damals seine eigene Sprache, also die Notizzettel im Wald, das Wackeln der Kamera und das Heulen aus dem Off, und nichts davon musste erklärt werden, weil es zwischen Publikum und Film sofort einen Code gab. Obsession arbeitet nach demselben Prinzip, nur eben in einer anderen Generation und mit anderen Werkzeugen.

Aus dem Achtungserfolg wird langsam ein Modell

Was Obsession von einem netten Achtungserfolg unterscheidet, ist das größere Muster, das hinter dem Film langsam sichtbar wird. Curry Barker hat seinen nächsten Film für Blumhouse längst abgedreht, und im April 2026 wurde offiziell bestätigt, dass er für A24 die Regie für einen neuen The Texas Chainsaw Massacre-Film übernehmen wird. Auch andere junge Filmemacher gehen gerade denselben Weg von YouTube ins Kino. Was Blair Witch damals angedeutet hat, also dass ein winziger Film einen ganzen Sommer prägen kann, wenn er sich nur ehrlich genug anfühlt und das Publikum ihn selbst entdecken darf, ist heute kein Zufall mehr, sondern ein Modell, an dem sich Studios mittlerweile sehr genau orientieren.

Die eigentliche Parallele zwischen den beiden Filmen liegt also nicht im Stil und nicht im Budget, sondern im Weg, den sie zum Publikum nehmen. Beide Filme sind nicht zu den Menschen gekommen, sondern die Menschen sind zu ihnen gegangen, weil ihnen andere davon erzählt haben. Obsession sieht aus wie ein Film, den jemand wirklich machen musste, und genau das verbindet ihn 2026 mit dem Phänomen, das Blair Witch 1999 gewesen ist.

Der deutsche Kinostart von Obsession ist der 25. Juni 2026.

Am 21. Oktober 1994 brechen die drei Filmstudenten Heather Donahue, Michael Williams und Joshua Leonard in den Blackhill Forest in Maryland auf. Dort wollen sie einen Dokumentarfilm über eine legendäre Spukgestalt drehen, die sogenannte Hexe von Blair. Ein Jahr später wird ihr Filmmaterial gefunden. Die erhaltenen Filmaufnahmen sind ihr Vermächtnis. Sie zeigen die letzten Tage der Filmemacher, ihre quälende fünftägige Wanderung durch den undurchdringlichen Wald und die grauenerregenden Vorgänge, die zu ihrem Verschwinden geführt haben.
Nachdem er die geheimnisvolle „Wunschweide“ zerbrochen hat, um das Herz seiner Angebeteten zu gewinnen, erhält ein hoffnungsloser Romantiker genau das, was er sich gewünscht hat, muss aber bald feststellen, dass manche Wünsche einen dunklen, finsteren Preis haben.

Über diese Liste

Titel

2

Gesamtkosten fürs Ansehen

17,99 €

Gesamtlaufzeit

3h 10min

Genres

Horror, Mystery & Thriller, Romantik

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