“Euphoria”: Alle Charaktere im Ranking - von schwach bis unvergesslich

“Euphoria”: Alle Charaktere im Ranking - von schwach bis unvergesslich

Nora Henze
Nora Henze

Veröffentlicht am 01. Mai 2026

Aktualisiert am 02. Mai 2026

Es gibt Serien, die man schaut, und Serien, die einen beschäftigen, lange nachdem der Bildschirm schwarz geworden ist. Euphoria gehört zur zweiten Sorte, und das hat fast ausschließlich mit seinen Charakteren zu tun. Sam Levinson hat eine Gruppe von Menschen erschaffen, die man nicht einfach mag oder nicht mag, sondern mit denen man ringt, über die man sich aufregt oder für die man heimlich die Daumen drückt, obwohl man es eigentlich besser wissen müsste. Mit der frisch gestarteten dritten Staffel ist der perfekte Moment gekommen, um Bilanz zu ziehen. Fünf Jahre später sind sie nämlich alle raus aus der Highschool und irgendwie noch genauso verloren wie vorher, nur mit teureren Problemen. Wer hat sich über alle drei Staffeln wirklich bewiesen? Wer hätte mehr verdient? Und wer ist trotz aller Faszination letztlich nicht mehr als ein gut gekleidetes Rätsel geblieben?

10. Cal Jacobs

Der Vater als Spiegelkabinett seines Sohnes: Cal Jacobs ist von Anfang an eine Figur, bei der man spürt, dass hinter dem Patriarchen-Gehabe etwas lauert, das die Serie irgendwann aufbrechen will. Und das tut sie auch, mit einem langen, erschütternden Monolog in Staffel 2, der zeigt, wie ein Mensch sich selbst über Jahrzehnte begraben kann. Das Problem ist, dass Cal über weite Strecken weniger eine Figur ist als eine Funktion, der Motor hinter Nates Traumata, der Schatten hinter jeder Eskalation. Was er Jules angetan hat, ist eindeutig, was ihn als Menschen ausmacht, bleibt seltsam vage. Staffel 3 hätte ihm vielleicht noch Kontur geben können, doch Eric Danes Tod hat diese Möglichkeit unwiderruflich geschlossen. Was bleibt, ist ein Charakter, der in Erinnerung bleibt, ohne je vollständig geworden zu sein.

9. Laurie

Laurie spricht immer gleich laut, immer gleich langsam, immer ohne Regung im Gesicht, und genau das macht sie so unheimlich. Martha Kellys Darstellung dieser Dealerin mit dem Tonfall einer Grundschullehrerin ist eine der seltsamsten Nebenrollen der ganzen Serie. Laurie braucht keine Backstory, keine Erklärung, keine Entwicklung, weil sie als atmosphärisches Prinzip funktioniert: Sie ist die Konsequenz, die Rue früher oder später einholt, das ruhige Gesicht der echten Gefahr. Aber genau darin liegt auch ihre Grenze. Sie ist kein Mensch, dem man folgt, kein Charakter, den man versteht, sondern ein Werkzeug der Handlung, präzise eingesetzt und dann wieder weggelegt. In Staffel 3 taucht sie wieder auf, bedrohlicher denn je, und trotzdem bleibt das Gefühl, dass sie nie mehr sein wird als eine sehr gut gespielte Funktion. Das reicht für bleibende Momente, aber nicht für mehr.

8. Nate 

Man hasst ihn sofort und aus gutem Grund. Nate ist Kontrolleur, Manipulator, Gewalttäter, und Jacob Elordi spielt das mit einer Kälte, die echtes Unbehagen erzeugt. Aber Euphoria wäre eine schlechtere Serie, wenn Nate einfach nur böse wäre, und das ist er nicht ganz. Die Szenen mit seinem Vater, die Momente, in denen sein eigenes Innenleben kurz durchscheint, machen aus ihm etwas Kompliziertes, über das man nicht einfach hinweg schauen kann, auch wenn man möchte. Dass Staffel 3 ihn plötzlich zahmer, fast braver wirken lässt, verlobt mit Cassie in einem Vorstadt-Alptraum aus eigenem Willen, ist eine seltsame Wendung für eine Figur, deren Markenkern bisher pure Kontrolle war. Ob das Auflösung oder Verarmung ist, wird die Staffel noch zeigen müssen. Als Gesamtcharakter ist Nate jedenfalls einer der meistdiskutierten Antagonisten des jüngeren Serienfernsehens, und das kommt nicht von ungefähr.

7. Cassie 

Cassie ist die Figur, bei der man nie ganz sicher ist, ob man Mitleid haben oder die Augen verdrehen soll, und meistens landet man bei beidem gleichzeitig. Sydney Sweeney holt aus dieser Rolle alles heraus, was das Drehbuch ihr gibt, und manchmal mehr, besonders in Staffel 2, wo Cassies Zusammenbruch in Zeitlupe abläuft und trotzdem niemanden überrascht. Das Faszinierende an Cassie ist, dass sie nie wirklich bösartig ist, nur unaufhörlich selbstbeschäftigt, getrieben von einem Bedürfnis nach Bestätigung, das sich durch jeden Lebensbereich frisst. Dass sie in Staffel 3 verlobt mit Nate in einem Vorstadthaus sitzt und OnlyFans-Content in Hundekostüm dreht, klingt absurder als es ist, weil es eigentlich eine völlig logische Weiterentwicklung dieser Figur ist. Cassie wird nie die klügste Person im Raum sein, aber sie ist mit Abstand die ehrlichste darüber, was sie will, auch wenn sie selbst nicht genau weiß, was das ist.

6. Jules 

Jules ist die, die man am schwersten einordnen kann, und das ist gleichzeitig ihr größtes Problem und ihre größte Stärke. Hunter Schafer spielt sie mit einer fragilen Intensität, die in den besten Momenten der Serie atemlos macht, besonders in den Episoden, die Jules gehören und in denen die Kamera einfach bei ihr bleibt. Die Beziehung zu Rue ist das emotionale Herzstück von Euphoria, eine co-abhängige, zerstörerische, trotzdem irgendwie zärtliche Verbindung, die beide gleichzeitig rettet und ruiniert. Aber Jules bleibt über drei Staffeln seltsam schwer zu greifen, immer dann am interessantesten, wenn sie im Orbit einer anderen existiert, und allein nie ganz so viel Gewicht entwickelnd, wie die Serie ihr gerne zumessen würde. Dass sie in der Premiere von Staffel 3 komplett fehlt und nur als Gerücht existiert, ist vielleicht unfreiwillig ehrlich darüber, welchen Platz sie im Gefüge wirklich einnimmt.

5. Fezco

Fez redet nicht viel, und wenn er es tut, meint er alles genau so. Angus Clouds Darstellung dieses Dealers mit dem ruhigen Blick und dem unerwarteten Herz war von Anfang an eine der warmsten Performances der ganzen Serie, umso erschütternder, dass Cloud 2023 gestorben ist und Staffel 3 ohne ihn auskommen muss. Fez ist in Staffel 3 im Gefängnis, Lexi denkt an ihn, aber sie ruft nicht an, und in dieser kleinen Geste steckt so viel ungelöste Emotion, dass es wehtut. Was Fez als Figur so besonders macht, ist die Schlichtheit seiner Moral: Er weiß, wer er ist, was er tut und wen er schützt, ohne großes Drama darum zu machen. In einer Serie voller Figuren, die ständig an sich selbst scheitern, war Fez der einzige, dem man einfach geglaubt hat.

4. Ali

Colman Domingo hat für diese Rolle einen Emmy gewonnen, und wer die Diner-Episode gesehen hat, weiß warum. Ali ist der moralische Anker der Serie, der einzige Erwachsene, der Rue nicht rettet, sondern ihr die Wahrheit sagt, auch wenn sie nicht hören will. Das klingt nach einer Funktion, ist aber keine, weil Domingo aus Ali einen Menschen macht, der selbst Fehler gemacht hat, der seine eigene Geschichte kennt und genau deshalb weiß, was Rue braucht. Dass er in Staffel 3 zurückkehrt, ist fast eine Erleichterung, weil er einer der wenigen Charaktere ist, bei dem man sicher sein kann, dass er nicht bloß da ist, um die Handlung voranzutreiben. Er ist da, weil Rue ihn braucht. Und weil die Serie ohne ihn ein Stück Boden verlieren würde, auf dem sie sonst fest stehen kann.

3. Maddy 

Maddy betritt jeden Raum so, als wäre er für sie gebaut worden, und meistens stimmt das. Alexa Demies Performance ist einer der am meisten unterschätzten Aspekte von Euphoria, weil sie eine Figur spielt, die auf dem Papier die Mean Girl-Schablone ausfüllt, im Spiel aber ständig darüber hinauswächst. Was Maddy in Staffel 2 zeigt, als sie sich von Nate löst und beginnt, sich selbst zu gehören, ist eine der überzeugendsten stillen Entwicklungen der ganzen Serie. Dass sie in Staffel 3 in Hollywood arbeitet, Talente managt und mit scharfem Blick durch eine Welt navigiert, die genauso performativ ist wie sie selbst, passt perfekt. Maddy ist nicht gut, sie ist klug, und dieser Unterschied macht sie zu einer der interessantesten Figuren, die Euphoria je hatte. Dass sie den besten Einzeiler der Premiere hat, ist keine Überraschung.

2. Lexi 

Lexi schaut zu, merkt sich alles, sagt lange nichts, und schreibt dann ein Theaterstück, das die halbe Schule in Aufruhr versetzt. Maude Apatow spielt diese stille Beobachterin mit einer Präzision, die in Staffel 1 kaum auffällt und in Staffel 2 plötzlich alles dominiert. Das Stück ist Lexis große Abrechnung, nicht mit den anderen, sondern mit ihrer eigenen Passivität, mit dem Zuschauer in sich, der immer gewartet hat statt zu handeln. Dass sie in Staffel 3 in einem Hollywood-Writers-Room gelandet ist, fühlt sich nicht wie Belohnung an, sondern wie logische Konsequenz: Lexi hat immer schon erzählt, jetzt darf sie es offiziell. Was sie als Figur über alle drei Staffeln so außergewöhnlich macht, ist die Ehrlichkeit ohne Boshaftigkeit, die Intelligenz ohne Herablassung, die Entwicklung ohne Bruch. Sie ist vielleicht die einzige Figur in Euphoria, der man am Ende wirklich alles gönnt.

1. Rue 

Es gibt Rollen, die eine Karriere definieren, und dann gibt es Rollen, die eine Serie erst möglich machen. Zendaya spielt Rue Bennett als Erzählerin, Hauptfigur und emotionales Zentrum von Euphoria, und sie macht das mit einer Tiefe, die die Serie weit über ihr Ausgangsmaterial hebt. Rue ist kein sympathischer Charakter im klassischen Sinne: Sie lügt, sie manipuliert, sie verletzt die Menschen, die sie liebt, und sie tut das oft mit offenen Augen. Genau das macht sie so unwiderstehlich. Staffel 3 schickt sie nach Mexiko, clean, auf der Flucht, in einem Westernszenario, das sich zunächst seltsam anfühlt und dann doch irgendwie nach Rue, weil Rue immer in Landschaften existiert hat, die zu groß für sie waren. Dass man nach drei Staffeln immer noch mit ihr leidet, hofft und manchmal wütend auf sie ist, ist der beste Beweis dafür, was eine außergewöhnliche Figur und eine außergewöhnliche Darstellerin zusammen anrichten können.

Euphoria
Euphoria

Euphoria

2019

Die 17-jährige drogenabhängige Rue Bennett hat bereits einen Entzug gemacht hat, doch sie kann die Finger nicht von Drogen lassen. Eine Gruppe von Schülern setzt sich mit Drogen, Sex, Gewalt und Freundschaft auseinander.

Über diese Liste

Titel

1

Gesamtkosten fürs Ansehen

5,98 €

Gesamtlaufzeit

23h 36min

Genres

Drama

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