
Menschenfresser, Sirenen und Charybdis: Alle Monster aus „Die Odyssee“ erklärt
Regisseur Christopher Nolan hat Batman durch ein nächtliches Gotham gejagt, Träume ineinander verschachtelt und die Menschheit durch ein Wurmloch geschickt. In Die Odyssee (2026) muss er für spektakuläre Gefahren nicht einmal neue Regeln erfinden, denn Homers fast 3000 Jahre altes Epos bietet bereits eine erstaunlich gut gefüllte Monsterkammer. Während Odysseus (Matt Damon) nach dem Trojanischen Krieg nach Ithaka zurückkehren will, gerät er an menschenfressende Riesen, tödliche Sängerinnen und zwei Meereswesen, zwischen denen es im Grunde keine richtige Entscheidung gibt.
Nicht alle diese Bedrohungen sind Monster im klassischen Sinn. Manche besitzen weder Klauen noch Fangzähne und bringen Odysseus’ Männer trotzdem beinahe von ihrem Weg ab. Gerade darin liegt ihre Wirkung: Jede Station der Reise greift eine andere menschliche Schwäche an.
Die Lotosesser machen das Vergessen verführerisch
Auf den ersten Blick beginnt diese Begegnung ausgesprochen friedlich. Nachdem ein Sturm die Schiffe von ihrem Kurs abgebracht hat, landen Odysseus und seine Männer im Land der Lotosesser, die ihre Gäste weder angreifen noch gefangen nehmen. Stattdessen reichen sie ihnen Lotosfrüchte. Wer davon isst, verliert allerdings jeden Gedanken an die Heimat und möchte nur noch auf der Insel bleiben.

Als einige seiner Männer die Weiterreise verweigern, bringt Odysseus sie gewaltsam zurück an Bord und lässt sie an den Ruderbänken festbinden. Die Lotosesser sind deshalb keine Monster im körperlichen Sinn, gehören aber trotzdem zu den gefährlichsten Versuchungen der Geschichte. Sie bieten etwas an, das nach den Jahren des Krieges äußerst verlockend erscheinen muss: keine Verantwortung, keine schmerzhaften Erinnerungen und kein Ziel, für das man sich weiter anstrengen müsste.
Polyphem wird durch Odysseus’ Stolz zum mächtigen Feind
Ganz anders empfängt Polyphem seine ungebetenen Besucher. Der einäugige Kyklop lebt mit seinen Schafen in einer Höhle, in der Odysseus und einige seiner Männer auf Nahrung hoffen. Statt die Fremden nach den damaligen Regeln der Gastfreundschaft zu bewirten, verschließt Polyphem den Ausgang mit einem Felsblock und verspeist mehrere von ihnen.

Odysseus rettet die Überlebenden mit einem seiner berühmtesten Tricks. Er stellt sich als „Niemand“ vor, macht Polyphem mit starkem Wein betrunken und blendet ihn mit einem angespitzten Holzpfahl. Als der Kyklop um Hilfe ruft und erklärt, „Niemand“ habe ihn angegriffen, halten seine Nachbarn die Sache für göttlichen Wahnsinn und bleiben fern. Am nächsten Morgen entkommen die Männer unter den Bäuchen der Schafe aus der Höhle. Damit könnte die Geschichte enden, doch Odysseus hält seinen eigenen Erfolg nicht aus, ohne dafür Anerkennung zu bekommen. Vom Schiff aus verrät er Polyphem seinen wirklichen Namen. Der Kyklop ist der Sohn des Meeresgottes Poseidon und bittet seinen Vater, Odysseus’ Heimfahrt zu verhindern. Aus einer gewonnenen Begegnung wird dadurch der Ausgangspunkt für beinahe alles, was noch schiefgeht.
Die Laistrygonen zerschlagen Odysseus’ Flotte
Bei den Laistrygonen bleibt keine Zeit für einen ausgeklügelten Fluchtplan. Odysseus erreicht ihr Land, nachdem seine Mannschaft den Schlauch des Windgottes Aiolos geöffnet und dadurch die bereits fast geschaffte Heimkehr nach Ithaka vereitelt hat.

Einige Männer erkunden die Gegend, bis der riesenhafte König Antiphates einen von ihnen packt und auffrisst. Kurz darauf stürmen weitere Laistrygonen zum Hafen. Von den Klippen schleudern sie gewaltige Felsbrocken auf die Schiffe, während sie die Männer im Wasser aufspießen und als Beute davontragen. Elf der zwölf Schiffe werden zerstört, nur Odysseus kann entkommen, weil er sein eigenes Boot vorsichtshalber außerhalb des engen Hafenbeckens festgemacht hat. Nach diesem Angriff bleibt von der einstigen Flotte nur noch eine einzelne, zunehmend verzweifelte Besatzung übrig.
Die Sirenen locken Odysseus mit verbotenem Wissen
Die Sirenen müssen niemanden verfolgen, denn ihre Opfer kommen freiwillig zu ihnen. Ihr Gesang verspricht den vorbeifahrenden Seeleuten Wissen über die Welt und über alles, was in Troja geschehen ist. Wer zuhört, vergisst jedoch jedes andere Ziel, steuert auf ihre Insel zu und bleibt dort, bis von ihm nur noch Knochen übrig sind.

Odysseus kennt die Warnung der Zauberin Kirke und trifft entsprechende Vorbereitungen. Seinen Männern verschließt er die Ohren mit Wachs, während er selbst an den Mast gebunden wird. So kann er den Gesang hören, ohne das Schiff in den Tod zu lenken. Sobald die Sirenen einsetzen, fleht er seine Besatzung tatsächlich an, ihn loszumachen. Die Männer können ihn nicht hören, sehen aber seine Befehle und ziehen die Fesseln noch enger. Dieses Mal funktioniert Odysseus’ Plan vollständig, was auf dieser Reise keineswegs selbstverständlich ist.
Skylla und Charybdis lassen nur die Wahl zwischen zwei Katastrophen
Am Ende wartet eine Passage, in der Klugheit allein nicht mehr genügt. Auf der einen Seite lauert Skylla, ein Wesen mit zwölf Beinen, sechs langen Hälsen und sechs Köpfen, deren Mäuler mit mehreren Reihen scharfer Zähne gefüllt sind. Gegenüber lebt Charybdis unter der Meeresoberfläche. Dreimal täglich saugt sie das Wasser ein und erzeugt dabei einen Strudel, der ein ganzes Schiff verschlingen kann.

Kirke hat Odysseus geraten, näher an Skylla vorbeizufahren, weil sechs verlorene Männer weniger schlimm seien als der Untergang der gesamten Mannschaft. Genauso kommt es: Während das Schiff die Meerenge durchquert, reißt Skylla sechs Seeleute vom Deck. Die übrigen Männer überleben diese Passage zunächst. Erst später, nachdem sie entgegen aller Warnungen die heiligen Rinder des Sonnengottes Helios geschlachtet haben, zerstört Zeus ihr Schiff. Odysseus treibt allein zurück zu Charybdis und kann sich im letzten Moment an einen Feigenbaum klammern, der über dem Strudel wächst. Dort wartet er, bis das Monster Teile des Wracks wieder ausspuckt. Auf einigen Planken setzt er seine Reise fort, während von den Männern, die mit ihm Troja verlassen haben, niemand mehr übrig ist.












