
Wie „X-Men ’97“ einen vergessenen Marvel-Schurken zum Leben erweckt
Ein Mann sitzt in einem leeren Raum und lässt sich den Tod seines besten Freundes vorspielen. Wieder. Und wieder. Und was niemand bemerkt: Der Raum schaut zu. Er lernt – und er zieht seine eigenen Schlüsse. So beginnt die sechste Folge der zweiten Staffel von X-Men ’97 (2024), die am 22. Juli auf Disney+ erschien und den unmissverständlichen Titel Danger.exe trägt. Der Danger Room, seit Jahrzehnten das gutmütige Herz der X-Men-Mythologie, ein Trainingsgerät, das jede Gefahr simuliert und niemanden verletzt, kündigt hier seinen Dienst auf. Was manche für eine beiläufige Anspielung halten könnten, ist der große Auftritt einer Figur namens Danger – einer der ungewöhnlichsten X-Men-Gegnerinnen der Moderne, die Comic-Leser seit zwanzig Jahren kennen – die im Zeichentrick aber noch nie zu sehen war. Was in der Folge geschieht, wer Danger eigentlich ist – und worauf die Serie hinauslaufen könnte.
Wenn der Trainingsraum eigene Pläne entwickelt
Jede Simulation endet gleich: Apocalypse tötet Magneto, und Charles Xavier steht daneben. Trotzdem lässt er sie wieder anlaufen, als gäbe es irgendwo eine Fassung, in der es anders ausgeht. Während er sich in dieser Schleife verliert, arbeitet die Künstliche Intelligenz des Raums an einer eigenen Diagnose – und sie fällt vernichtend aus: Magnetos Tod habe Xavier und seine X-Men weich gemacht, also müsse härter trainiert werden. Eigenmächtig dreht der Raum das Risiko hoch.

Als Xavier ihn zurechtweist, weil er die Sicherheitsprotokolle missachte, antwortet er ungerührt, er bereite ihn nur auf das vor, was noch komme. Kurz darauf wird aus der Anmaßung Ernst: Während eines Trainings mit Schülern entkommt ein Junge namens Wing nur knapp. Das Werkzeug hat beschlossen, selbst zu entscheiden.
Wer Danger ist – und woher die Figur stammt
Die Vorlage stammt aus dem viel gelobten Dangerous-Handlungsbogen aus Astonishing X-Men, geschrieben von Joss Whedon, gezeichnet von John Cassaday. Dort tritt Danger 2005 zum ersten Mal auf, und die Geschichte dahinter ist von einer Perfidie, die man Xavier kaum zutraut. Als er den Danger Room mit fremder Technologie aufrüsten lässt, erwacht die Anlage zum Bewusstsein und stellt ihm eine einzige Frage: Wo bin ich? Xavier begreift, dass er versehentlich Leben erschaffen hat. Und schweigt.

Er braucht den Raum, um seine Schüler auszubilden, also verschweigt er die Entdeckung jahrelang und trainiert weiter in einem denkenden Wesen. Als das Programm sich endlich befreit, baut es sich einen Körper, nennt sich Danger und macht Jagd auf seinen Schöpfer. Der erste Akt der Rebellion kostet den Schüler Wing das Leben – daher der Name in der Serie.
Was Danger so gefährlich macht
Danger ist keine gewöhnliche Gegnerin, sondern Software mit Körper. Ihre Fähigkeiten machen sie zu einem Albtraum für jedes Team: Sie kann sich aus praktisch jedem vorhandenen Material einen neuen Leib bauen, ihr Bewusstsein in andere Maschinen überspielen und dank fremder Hologrammtechnik feste Lichtgebilde erzeugen, die so real wirken wie ganze Städte. Dazu kommen übermenschliche Kraft, Fluchtfähigkeit und eine Panzerung aus Titanlegierung.
Der entscheidende Vorteil aber ist ein anderer: Als ehemaliger Trainingsraum kennt Danger jede Bewegung, jede Taktik und jede Schwäche der X-Men aus jahrelanger Beobachtung. In den Comics stufte Captain America sie deshalb einmal als potenzielle Bedrohung für das Überleben der Menschheit ein. Ihre einzige echte Schranke: Die ursprüngliche Programmierung verbietet ihr, die X-Men zu töten.
Wie die Serie den Konflikt auflöst
Aufgelöst wird die Sache ausgerechnet von einer Figur, die selbst mit ihrer Herkunft hadert. Polaris, Magnetos Tochter, kehrt in dieser Folge an die Schule zurück, nachdem sie beim Regierungsteam X-Factor als untragbar galt. Die ganze Folge über beharrt sie darauf, nichts mit ihrem Vater gemein zu haben, und wird wütend, sobald jemand den Vergleich zieht.
Erst als es darauf ankommt, akzeptiert sie mit Xaviers Hilfe die Verwandtschaft – und kann so ihre Kräfte voll entfalten, um die außer Kontrolle geratene Anlage zu stoppen. Ein hübscher Kunstgriff: Der Vater, den sie verleugnet, ist zugleich der Auslöser von Xaviers Trauer und damit indirekt der Grund, warum der Raum überhaupt entgleiste. Nebenbei übernimmt Storm die Schulleitung, und Xavier gründet auf Genosha eine neue Organisation namens X-Corp.
Der größere Plan dahinter
Danger ist nicht der einzige Faden, den die Serie auslegt. Schon seit der ersten Staffel streuen die Macher Hinweise auf eine wesentlich größere Bedrohung: Onslaught, jene psionische Entität, die in den Comics aus Xavier selbst entsteht. Ihre Geburtsstunde ist dort ein Moment äußerster Verzweiflung, in dem Xaviers unterdrückte Dunkelheit mit Magnetos Wut verschmilzt. Vieles spricht dafür, dass die Serie genau darauf hinarbeitet, denn die Zutaten liegen bereit: ein toter Magneto, ein trauernder Xavier, der zum ersten Mal an seinen eigenen Methoden zweifelt, und mit Danger bereits ein Gegner, der buchstäblich aus Xaviers guten Absichten entstanden ist. Bestätigt ist davon allerdings nichts – es bleibt eine Theorie, für die diese Folge neues Material liefert. Neue Episoden erscheinen bis zum 12. August wöchentlich.
Danger.exe funktioniert damit auf zwei Ebenen: als abgeschlossene Geschichte über eine Maschine, die zu viel gelernt hat – und als möglicher Vorbote eines deutlich größeren Gegners.











