
„X-Men ’97“: Wer ist Cable? Das muss man nach Staffel 2, Folge 1 wissen
Wenn Marvel einen Menschen erfinden wollte, der die 1990er-Jahre in einem einzigen Bild zusammenfasst, käme vermutlich Cable dabei heraus: weißes Haar, ein leuchtendes Auge, ein Metallarm und Waffen, die kaum in denselben Raum passen wie ihr Besitzer. Lange funktionierte er vor allem als geheimnisvoller Soldat aus der Zukunft, der auftaucht, etwas Düsteres über die Zeitlinie murmelt und wieder verschwindet. Staffel 2, Folge 1 von X-Men ’97 nimmt diesem wandelnden Waffenarsenal nun ein Stück seines Mythos und macht ihn dadurch erst richtig interessant. Hinter Cable (Chris Potter) steckt Nathan Summers (Michael Johnston), ein Teenager, der seine Eltern kaum kennt, seinen eigenen Körper unter Kontrolle halten muss und trotzdem zum Retter einer ganzen Zukunft ausgebildet wird. Seine Lebensgeschichte ist kompliziert, aber längst nicht so undurchdringlich, wie Marvels Stammbaum zunächst vermuten lässt.
Cable ist der Sohn von Cyclops, allerdings mit Umwegen
Cable heißt vollständig Nathan Christopher Charles Summers. Sein Vater ist Scott Summers alias Cyclops (Ray Chase), seine leibliche Mutter Madelyne Pryor (Jennifer Hale). Madelyne wurde von Mister Sinister (Christopher Britton) als Klon von Jean Grey erschaffen. Jean hat Nathan also nicht geboren, ist genetisch jedoch praktisch mit seiner Mutter identisch und nimmt später selbst eine mütterliche Rolle in seinem Leben ein.

Kurz nach Nathans Geburt infiziert Mister Sinister ihn mit einem techno-organischen Virus. Die Krankheit verwandelt organisches Gewebe nach und nach in Metall und kann in der Gegenwart der Serie nicht geheilt werden. Bishop (Isaac Robinson-Smith) bringt das Baby deshalb in eine ferne Zukunft. Dort wächst Nathan unter der Obhut von Mother Askani (Gates McFadden) und einer Widerstandsbewegung auf, die gegen Apocalypse (Ross Marquand) kämpft. Als Cyclops und Jean ihren Sohn im Jahr 3960 wiedersehen, ist er längst kein Baby mehr. Er befindet sich mitten in seiner Ausbildung, zweifelt aber daran, ob er wirklich zu dem legendären Kämpfer werden kann, den alle in ihm sehen. Seine Eltern kennen das Ergebnis bereits: Der unsichere Junge wird eines Tages als Cable durch die Zeit reisen. Die Episode gewinnt ihren emotionalen Kern daraus, dass Scott und Jean Nathan nicht einfach zurückholen können. Eine Rückkehr in ihre Zeit würde bedeuten, ihn ausgerechnet aus jener Zukunft zu entfernen, in der er überleben und seine Fähigkeiten beherrschen kann.
Seine größte Stärke hält zugleich seine Krankheit in Schach
Cables metallische Körperhälfte ist keine schicke Aufrüstung, sondern das sichtbare Ergebnis des Virus. Nathan muss seine Telekinese durchgehend einsetzen, um deren Ausbreitung zu stoppen. Ein erheblicher Teil seiner Kraft steht ihm deshalb im Kampf gar nicht zur Verfügung. Ohne diese Belastung wäre sein psychisches Potenzial noch weitaus größer. Zu seinen wichtigsten Fähigkeiten gehören Telepathie und Telekinese. Er kann Gedanken wahrnehmen, mental kommunizieren, Gegenstände bewegen und Schutzfelder erzeugen. Die neue Episode erweitert die animierte Version außerdem um optische Energiestrahlen, die deutlich an Cyclops erinnern. Jean und Scott helfen Nathan dabei, diese unterschiedlichen Begabungen zu kontrollieren, während er zugleich lernen muss, mit den techno-organischen Teilen seines Körpers umzugehen. Seine Reisen durch die Zeit sind dagegen keine angeborene Superkraft. Cable benötigt dafür hochentwickelte Technik aus der Zukunft. Auch seine Vorliebe für riesige Gewehre ergibt mehr Sinn, als sein Äußeres zunächst vermuten lässt: Solange er konventionelle Waffen nutzt, kann er seine psychische Energie darauf konzentrieren, den Virus zurückzuhalten.

Apocalypse interessiert sich für Nathan, weil dessen genetisches Potenzial und seine Ausbildung ihn zu einem außergewöhnlich gefährlichen Gegner machen. Die Askani sehen in ihm den Kämpfer, der Apocalypse eines Tages besiegen soll. Nathan wächst damit zwischen zwei Erwartungen auf: Die einen wollen ihn als Werkzeug benutzen, die anderen als Erlöser. Viel Raum für ein gewöhnliches Teenagerleben bleibt da nicht.
Diese Filme und Serien erzählen mehr über Cable
Wer Cables frühere Auftritte kennenlernen möchte, sollte mit X-Men: The Animated Series (1992) beginnen. In der Originalserie taucht er zunächst als rätselhafter Söldner aus der Zukunft auf. Später trifft er im Zweiteiler „Time Fugitives“ auf Bishop und versucht, eine von Apocalypse ausgenutzte Seuche zu verhindern. Auch der große Handlungsbogen „Beyond Good and Evil“ bringt Cable zurück in den Kampf gegen seinen langjährigen Gegner. Seine Verbindung zu Cyclops wird dort allerdings weit weniger ausführlich behandelt als in X-Men ’97. Ebenso lohnt sich ein erneuter Blick auf die erste Staffel von X-Men ’97. Dort werden Nathans Geburt, seine Infektion und die Entscheidung seiner Eltern erzählt, ihn Bishop anzuvertrauen. Als erwachsener Cable versucht er später vergeblich, die Menschen auf Genosha vor dem bevorstehenden Angriff zu warnen. Nach der neuen Episode wirkt sein angespanntes Verhältnis zu Cyclops nicht mehr wie die übliche Härte eines Soldaten, sondern wie das Ergebnis einer Kindheit, die beide nie miteinander verbringen konnten.
Seinen bislang einzigen großen Realfilm-Auftritt hat Cable in Deadpool 2 (2018). Josh Brolin spielt ihn dort als Zeitreisenden, dessen Familie in der Zukunft von Russell Collins (Julian Dennison) ermordet wird. Cable will Russell deshalb bereits als Jugendlichen töten, während Deadpool (Ryan Reynolds) versucht, den Jungen zu retten.

Der Film verzichtet auf Madelyne Pryor, Apocalypse und große Teile von Cables psychischen Kräften. Er bewahrt aber das Entscheidende: Cable ist ein verbissener Mann mit einer tragischen Vergangenheit, der inmitten des Chaos ständig so aussieht, als bereue er bereits, überhaupt durch die Zeit gereist zu sein.




























