
Vor „X-Men '97“ Staffel 2: Warum das Finale der Originalserie jetzt wieder wichtig wird
Es gehört zu den merkwürdigsten Abschiedsszenen der Animationsgeschichte: Ein sterbender Professor Xavier, umringt von seinen Schülerinnen und Schülern, verabschiedet sich unter Tränen von jedem Einzelnen und wird dann von einer außerirdischen Kaiserin ins All mitgenommen, weil die Erde ihn nicht retten kann. Kein Triumph, keine letzte große Schlacht. Nur ein Aufbruch, der sich wie Verlust anfühlt, obwohl der Mann offiziell noch am Leben ist. So endete X-Men – The Animated Series (1992) im September 1997 nach 76 Episoden. Und fast 30 Jahre später ist dieses Ende wieder hochaktuell: X-Men '97 (2024) knüpft direkt daran an, Staffel 2 startet am 1. Juli 2026 auf Disney+.
Ein Abschied, der sich wie ein Tod anfühlt
Was „Der Abschluss“ so ungewöhnlich macht, ist nicht der Anschlag selbst – Xavier wird von Gyrich, einem fanatischen Mutantenfeind, mit einem Energieimpulsstörer niedergestreckt und ins Koma versetzt – sondern das, was danach kommt. Die Serie verweigert den üblichen Ausweg. Es gibt keinen letzten Kraftakt, keine dramatische Heilung, keinen Triumph. Stattdessen kommt eine Rettung, die sich trotzdem wie Verlust anfühlt. Dass ausgerechnet Magneto der Schlüssel ist, hat eine eigene Logik. Seine elektromagnetischen Kräfte können Xaviers geschwächte Telepathie so weit verstärken, dass dieser die Shi'ar-Kaiserin Lilandra über interstellare Distanzen erreicht. Magneto, der in Genosha gerade dabei ist, seinen alten Traum von der Vorherrschaft der Mutanten zu verwirklichen, gibt diese Chance auf.

Er tut es nicht aus Überzeugung, sondern aus Freundschaft. Es ist der stärkste Moment der gesamten Serie, weil er zeigt, dass selbst der erklärte Gegner von Xaviers Idee am Ende für sie handelt. Lilandra erscheint und kann Xavier retten, aber nur fern der Erde, ohne Rückkehr. Die letzte Einstellung zeigt die X-Men und Magneto Seite an Seite, wie sie gemeinsam in den Himmel blicken. Es gibt keinen Sieg, nur einen Aufbruch und die offene Frage, was von einem Traum übrig bleibt, wenn sein Träumer weg ist.
Xaviers Vermächtnis und ein unwahrscheinlicher Nachfolger
X-Men '97 beginnt mit einer bewussten Umdeutung dieser Ereignisse. Auf der Erde gilt Xavier offiziell als tot, gestorben durch Gyrichs Angriff. Diese Lüge hatte einen Zweck: Sie brachte Gyrich hinter Gitter und schuf zumindest ein kleines Fenster an öffentlicher Sympathie für Mutanten.

Xavier hinterließ sein gesamtes Vermögen Magneto, der als Leiter der Xavier-Schule einspringt. Cyclops führt das Team, das die Mission seines Mentors weiterführt, ohne ihn. Magneto, einst der erklärte Gegner von Xaviers Idee, steht jetzt für genau diese Idee ein, und ob das gut gehen kann, ist der eigentliche emotionale Motor der Serie.
Was Staffel 1 daraus machte
Die Antwort, die Staffel 1 gibt, ist alles andere als bequem. Die Serie trieb den Konflikt zwischen Menschen und Mutanten auf eine Zuspitzung, die im Massaker von Genosha kulminierte – ein Moment, der selbst für eingefleischte Fans schwer zu verdauen war. Gambit stirbt. Wolverine verliert sein Adamantium-Skelett. Das Team zerbricht.
Das Finale zerstreut die X-Men buchstäblich durch die Zeit: Cyclops und Jean Grey landen im Jahr 3960 n. Chr., Storm, Beast, Rogue und Nightcrawler im alten Ägypten um 3000 v. Chr. Dort begegnen sie einem jungen En Sabah Nur, dem Mann, der später als Apocalypse die Welt terrorisieren wird. Als Abschluss einer Staffel ist das weniger ein Cliffhanger als eine Ansage: Diese Serie meint es ernst.
Staffel 2 – der nächste Schritt
Staffel 2 besteht aus neun Episoden und stellt die X-Men vor eine Aufgabe, die kaum größer sein könnte: über Epochen hinweg zueinanderfinden und gleichzeitig verhindern, dass Apocalypse die Geschichte der Mutanten in seinem Sinne umschreibt. Neu im Ensemble sind Charaktere wie Sabretooth, Lady Deathstrike, Psylocke und Archangel, und auch das Team X-Force taucht auf. Besonders das Schicksal von Gambit beschäftigt die Fangemeinde. Der Episodentitel „Dead Man’s Hand“, im Poker der Begriff für das Blatt, das man angeblich bei seinem letzten Spiel in der Hand hält, hat Spekulationen ausgelöst, ob Gambit als einer von Apocalypses Vier Reitern zurückkehrt. Ein Schicksal, das die Comics kennen, und das der Post-Credits-Stinger von Staffel 1 bewusst andeutete, als Apocalypse eine von Gambits Spielkarten aufhob.
Dass Ross Marquand, der Professor Xavier spricht, von der Dunkelheit der neuen Staffel öffentlich beeindruckt war und sagte, er sei erstaunt, dass das Material freigegeben wurde, deutet an, wohin die Reise geht. Die Originalserie endete 1997 mit einem offenen Abschied, der sich wie ein ungelöster Knoten anfühlte. Staffel 2 löst ihn nicht, sie macht ihn größer.











