Die Liebe in Zeiten von Flannel-Shirts und Grunge: Es waren komplizierte Zeiten, die uns heute einfach erscheinen. Es waren Winona Ryder und Ethan Hawke, Julie Delpy und Janeane Garofalo. Bevor Algorithmen uns prognostizierten, wen wir daten sollten, gab es das Mixtape, das Münztelefon und eine gehörige Portion existenzieller Unverbindlichkeit.
Die Generation X definierte sich über eine Mischung aus abgeklärter Ironie und dem Wunsch, im Kommerz nicht komplett unterzugehen. Es war die Ära der Videotheken und der Erkenntnis, dass „Erwachsenwerden“ oft nur bedeutet, seine Träume gegen eine Krankenversicherung einzutauschen. In diesen Filmen regiert kein glatter Kitsch, sondern eine raue Romantik. Hier sind 10 Filme, die dieses Lebensgefühl perfekt auf den Punkt bringen.
Before Sunrise (1995)
Eine Nacht in Wien mit zwei Fremden, großer Romantik und sehr, sehr langen Dialogen: Richard Linklater schuf den vielleicht reinsten dialogbasierten Liebesfilm der Dekade. Alles daran schreit nach Nineties und Generation X. Der Film fängt jene Magie ein, die entsteht, wenn man jung ist und glaubt, ein einziges Gespräch könnte die Weltordnung aus den Angeln heben. Rückblickend natürlich naiv, aber immer noch fieberhaft schön. Before Sunrise bleibt das intensivste Porträt dieser flüchtigen Sehnsucht. Die Chemie zwischen den Hauptdarstellern Ethan Hawke und Julie Delpy ist hinreißend – und man wünscht sich beinahe in eine Zeit zurück, in der es kein Social Media, kein Internet und kein Handy, dafür große Versprechungen und Dramatik gab zurück.
Singles (1992)
Mehr Gen X als das hier geht nicht! Cameron Crowes Liebeserklärung an Seattle traf den Zeitgeist unglaublich präzise. In Singles suchen junge Erwachsene in einem Apartmentkomplex nach der Balance zwischen Freiheit und Zweisamkeit. Mit heute längst als popkultureller Kult geltenden Cameos der Grunge-Ikonen Pearl Jam fängt der Film die Energie der Szene ein, bevor sie zum Massenphänomen wurde. Matt Dillon als Cliff Poncier ist die perfekte Karikatur eines Typen, den wir alle kannten: talentfrei, aber mit der besten Attitüde der Stadt. Singles ist ein Dokument über die Unsicherheit des Datings vor der Smartphone-Ära. Der Soundtrack war hier kein Beiwerk, sondern das emotionale Rückgrat einer Generation, die Gefühle lieber über verzerrte Gitarren als über Worte ausdrückte.
Reality Bites (1994)
Wenn man die Generation X mit nur einem Film veranschaunlichen müsste, wäre Reality Bites vielleicht das beste Beispiel. Hier pielt Winona Ryder die junge Lelaina, die eigentlich nur eine Doku über ihre Freunde drehen will, während Ethan Hawke als Slacker-König Troy im Hintergrund raucht (mehr 90s? Unmgölciuh!) und alles mit einem giftigen Zynismus kommentiert. Der Film ist die ultimative Bestandsaufnahme von Orientierungslosigkeit und der Angst, seine Seele für einen Corporate-Job zu verkaufen. Reality Bites zeigt uns dieses naive, seltsame aber rückblickend verklärt romantische Zwischenstadium: Man will alles, hat aber nichts außer einer Tankkarte und ein paar guten Platten. Wenn die vier an der Tankstelle zu „My Sharona“ tanzen, spürt man diesen kurzen Moment von Freiheit, bevor die Realität dann eben doch so richtig zubeißt.
Say Anything… (1989)
Der einzige Film aus unserer Liste, der nicht aus den 1990er-Jahren, sondern technisch gesehen noch aus den 1980ern stammt, allerdings von deren letzten Metern. Wir sehen hier John Cusack mit dem Ghettoblaster: Das Bild hat eine ganze Generation von Romantikern versaut. In Say Anything… (deutscher Titel: Teen Lover) ist Lloyd Dobler der Prototyp des Außenseiters, der sich weigert, im System zu funktionieren. „Ich will nichts verkaufen, kaufen oder verarbeiten“, ist sein Credo. Der Film verhandelt den harten Übergang von der Highschool-Naivität zur enttäuschenden Realität mit einer Aufrichtigkeit, die heute noch wehtut. Cameron Crowe zeigt hier, dass Loyalität die einzige Währung ist, die zählt. Say Anything… erinnert uns daran, dass das größte Risiko im Leben oft darin besteht, einfach nur ehrlich zu sein, wenn alle anderen eine Maske tragen.
Beautiful Girls (1996)
Ein Klassentreffen im tief verschneiten Massachusetts: Beautiful Girls ist die filmische Entsprechung zu einem melancholischen Song von The Replacements. Timothy Hutton und Matt Dillon spielen Männer, die sich verzweifelt weigern, ihre Jugend und die damit verbundene Unverbindlichkeit loszulassen. Der Film reflektiert präzise diese lähmende Angst der Generation X vor der Endgültigkeit von Lebensentscheidungen. Natalie Portman hält als frühreife Nachbarin den Männern den Spiegel vor – ein Moment, der heute vielleicht anders diskutiert würde, aber damals vor allem die emotionale Reife der Frauen gegenüber den festgefahrenen Männern unterstrich. Beautiful Girls ist ein stilles Meisterwerk über Freundschaften, die im Dauerfrost der Kleinstadt mühsam erwachsen werden müssen, während man am Tresen immer noch auf das nächste große Ding wartet.
The Truth About Cats & Dogs (1996)
Keine Frage, Janeane Garofalo ist die unangefochtene Queen des Gen-X-Sarkasmus! In The Truth About Cats & Dogs (deutscher Titel: Lügen haben lange Beine) spielt sie eine brillante Radiomoderatorin, die sich aus purer Unsicherheit hinter ihrer hübschen Freundin versteckt. Der Film verhandelt die Tyrannei der Schönheit mit einer Leichtigkeit, die dennoch diese typische, bittere Note behält. Es geht um die schärfste Waffe der Ära: den messerscharfen Verstand. The Truth About Cats & Dogs bricht eine Lanze für die Nerds und Intellektuellen, die in einer Welt voller Hochglanz-Bilder oft übersehen werden, am Ende aber die weitaus besseren Pointen liefern. Ein Film über die zeitlose Erkenntnis, dass eine Stimme am Telefon manchmal mehr echte Intimität erzeugen kann als ein vermeintlich perfektes Gesicht.
Empire Records (1995)
Fünf Jahre vor High Fidelity kam das hier! „Damn the man, save the Empire!“ Dieser Film ist der heilige Gral für jeden, der jemals in einem Plattenladen gearbeitet hat. In Empire Records wird ein chaotischer Tag zum Brennglas für alle Dramen und musikalischen Besessenheiten der Neunziger. Es geht um den Kampf gegen Großkonzerne und die Liebe zum Vinyl. Jede Figur trägt eine kleine Tragödie mit sich herum, die durch den richtigen Song geheilt wird. Empire Records ist vielleicht nicht der intellektuellste Film der Liste, aber er hat das größte Herz. Er ist ein Dokument einer Zeit, in der Musik noch eine physische Angelegenheit war, für die man bereit war, seinen Job zu riskieren.
Chasing Amy (1997)
Kevin Smith wagt sich hier tief in die oft unschönen Abgründe männlicher Unsicherheit. Was oberflächlich wie eine Indie-Komödie über Comiczeichner beginnt, entwickelt sich in Chasing Amy schnell zu einer verdammt schmerzhaften Analyse darüber, wie das eigene Ego eine Beziehung systematisch zerlegen kann. Ben Affleck spielt den Zeichner Holden, der auf die harte Tour lernen muss, dass die sexuelle Vergangenheit seiner Freundin kein Territorium ist, das er besetzen oder bewerten darf. Chasing Amy war für seine Zeit erstaunlich progressiv im Umgang mit Identität und zeigt uns heute noch ungeschönt, wie wir uns selbst im Weg stehen. Es geht um das Scheitern an kleingeistigen Vorurteilen, während man eigentlich versucht, bedingungslos zu lieben. Ein roher, ehrlicher Film über die Komplexität einer Liebe, die nicht in die einfachen Schubladen der Neunziger passen wollte.
10 Things I Hate About You (1999)
Man könnte 10 Things I Hate About You (deutscher Titel: 10 Dinge, die ich an dir hasse) als Schwanengesang auf die Gen X sehen, als das Ende der analogen Romantik und ein Übergangsfilm. Hier trifft Shakespeare auf Riot Grrrls. 10 Things I Hate About You funktioniert, weil der Film den rebellischen Geist der späten Neunziger noch einmal so richtig schön und naiv einatmet. Julia Stiles als Kat Stratford ist die feministische Heldin, die wir brauchten, und Heath Ledger liefert den ultimativen Charme-Angriff ab. Der Film verhandelt Rebellion und Identitätssuche mit einer Leichtigkeit, die nie flach wirkt. In 10 Things I Hate About You geht es um den Mut, unpopulär zu sein. Ikonisch bleibt das berühmte Gedicht am Ende des Films, bei dem die Maske der Coolness zugunsten der Verletzlichkeit fällt und gezeigt wird, dass man sich selbst mit einer demonstrativ miesen Einstellung und einer Vorliebe für kratzige Riot-Grrrl-Platten am Ende nicht vor der eigenen Verletzlichkeit schützen kann.
High Fidelity (2000)
Ein Abschiedsgruß an die 1990er und ein Relikt aus einer Zeit, in der Playlists noch auf Tapes und nicht auf Spotify gemacht wurden und der Musikgeschmack uns vollständig definierte. Klar, irgendwie wirkt das ziemlich anachronistisch: John Cusack sortiert seine Ex-Freundinnen wie seine Plattensammlung: chronologisch oder autobiografisch? Jack Black hatte hier einen grandiosen Auftritt und tauchte für viele erst so richtig auf Hollywoods Landkarte auf. Wer schon mal eine „Top 5“-Liste seiner Trennungen erstellt hat, wird sich in High Fidelity schmerzhaft wiedererkennen. Es ist das ultimative Werk für alle, die glauben, dass der Musikgeschmack über den Wert eines Menschen entscheidet. Ein Film wie ein guter B-Seiten-Track: nerdig, melancholisch und verdammt wahrhaftig.





































































































































































































































