Klar, es gibt die großen Anime-Klassiker, die jeder kennt. Akira etwa oder Ghost in the Shell, Filme, die das Genre auch außerhalb Japans endgültig in den Mainstream katapultierten und bis heute als Referenzpunkte gelten. Anime, das wissen wir längst, ist mehr als Neon, Mechs und futuristische Stadtpanoramen – es handelt sich um große Kunstwerke, um Monumente der Film- und Popkultur, die längst über ihre Herkunft hinausgewachsen sind.
Aber nicht jeder Film, der es auch verdient hätte, hat seinen Platz in diesem Kanon gefunden. Aus diesem Grund lohnt es sich, genauer hinzusehen und jene Titel hervorzuholen, die im Schatten der großen Namen standen.
1. Angel’s Egg (1985)
Unter Kennern ist Angel’s Egg ein absoluter Fixstern, aber im Mainstream sucht man ihn bis heute vergeblich. Das liegt wohl daran, dass der Film sich konsequent gegen alles sperrt, was wir von normalem Kino erwarten: Es gibt fast keine Dialoge, die Handlung lässt sich kaum in Worte fassen und die Motive der Figuren bleiben im Dunkeln. Mamoru Oshii lässt uns stattdessen durch endlose, melancholische Bilder wandern. Ein Mädchen hütet ein Ei in einer sterbenden Stadt, ein Mann mit einer Waffe kreuzt ihren Weg …ob er Feind oder Retter ist, bleibt offen. Die Architektur der Welt wirkt verlassen, aber seltsam geordnet, fast wie ein vergessenes religiöses Denkmal. Gewalt passiert hier nur beiläufig. Der Film ist kein leichter Einstieg, sondern eine Grenzerfahrung. Er ist bemerkenswert und radikal langsam, visuell streng und völlig offen für eigene Interpretationen des Zuschauers.
2. Gauche the Cellist (1982)
Gauche the Cellist ist ein Film, der das Unspektakuläre feiert. Isao Takahata erzählt hier keine Heldengeschichte, sondern beobachtet einen jungen Orchestermusiker, der zwar sein Handwerk beherrscht, dem es aber an Seele fehlt. Die sprechenden Tiere, die ihn nachts besuchen, sind keine niedlichen Sidekicks, sondern strenge Lehrer, die ihn unnachgiebig korrigieren. Der Clou ist, dass die Fantasie hier nur Mittel zum Zweck ist: Es geht um den harten Prozess des Übens. Wir sehen Fehlgriffe, endlose Wiederholungen und die mühsame Disziplin, die hinter jeder Note steckt. Die Animation ist dabei wunderbar zurückhaltend und fängt jede kleinste Regung, jedes Atmen und jede Anspannung im Arm perfekt ein. Ein nüchternes, aber zutiefst ehrliches Porträt darüber, wie eng Kunst und Charakter eigentlich miteinander verknüpft sind.
3. Space Adventure Cobra: The Movie (1982)
Cobra ist das perfekte Destillat des selbstbewussten 80er-Jahre-Animes. Hier geht es nicht um die großen Fragen der Menschheit, sondern um pures Charisma und Design. Der Held mit der Armkanone rast durch eine Galaxie, die so glitzert und funkelt, wie man es sich damals eben vorgestellt hat: voller Piraten, schlagfertiger Frauen und Schauplätzen, die vor Dekadenz nur so triefen. Der Film setzt voll auf Tempo. Die Story ist zwar simpel, aber die visuelle Umsetzung ist fantastisch – schlanke Schiffe, knallige Neonfarben und Charaktere mit messerscharfen Silhouetten. Erotik, Humor und Action fließen hier völlig ungefiltert ineinander. Cobra ist kein tiefschürfendes Drama, sondern ein Lehrstück in Sachen Stil: laut, ein bisschen arrogant und technisch auf absolutem Top-Niveau. Ein Muss für jeden, der den Sci-Fi-Vibe dieses Jahrzehnts verstehen will.
4. Lensman (1984)
Lensman fühlt sich an wie ein Trip ohne Anschnallgurt. Der Film wirft dich ohne jede Einleitung mitten in einen gigantischen galaktischen Krieg. Telepathie, riesige Flottenverbände und bizarre Energiewaffen prallen hier in einer Geschwindigkeit aufeinander, dass einem schwindelig werden kann. Man merkt dem Film an, dass er aus einer Zeit stammt, in der man jede verfügbare Idee sofort visualisieren wollte – egal, ob die Zuschauer noch mitkommen oder nicht. Die Story ist zwar völlig überladen und manchmal chaotisch, aber die rohe Kraft der Animation ist beeindruckend. Die Figuren sind eigentlich nur Funktionsträger in diesem riesigen Feuerwerk. Am Ende ist Lensman weniger eine erzählte Geschichte als vielmehr ein faszinierendes Zeitdokument für den absoluten Größenwahn und die visuelle Experimentierfreude der 80er Jahre.
5. The Dagger of Kamui (1985)
Rintarō zeigt uns in The Dagger of Kamui, dass Ninja-Geschichten auch ohne Pathos funktionieren. Der junge Kamui ist kein strahlender Krieger, sondern ein Gejagter, der zwischen Japan und den USA in die Mühlen internationaler Politik gerät. Die Kämpfe sind kurz, hart und schmerzhaft realistisch inszeniert – kein langes Geplänkel, sondern tödliche Präzision. Spannend ist vor allem, wie der Film klassische Samurai-Motive mit modernen Kulissen wie Hochhäusern oder Militärbasen mischt. Es gibt kein klares Gut oder Böse; jeder verfolgt seine eigenen, oft schmutzigen Interessen. Die Inszenierung bleibt dabei kühl und kontrolliert. Der Film beweist eindrucksvoll, dass Anime schon Mitte der 80er in der Lage war, komplexe politische Verschwörungen zu erzählen, ohne in die üblichen Klischees abzudriften.
6. Birth (1984)
Birth ist ein Film für die ruhigen Momente, ein Vorläufer des Cyberpunk, der sich mit der Frage nach der eigenen Identität beschäftigt. Ein Wissenschaftler erwacht nach seinem Tod in einem künstlichen Körper und muss feststellen, dass von seinem alten „Ich“ kaum etwas übrig ist. Die Optik ist faszinierend klinisch: sterile Räume, klare geometrische Formen und eine sehr reduzierte Farbwahl. Selbst die Gewalt wirkt hier nicht wie Action, sondern fast schon bürokratisch und sachlich. Der Film verzichtet auf große Schlachten und konzentriert sich stattdessen auf die philosophische Frage: Was macht uns zum Menschen, wenn der Körper austauschbar ist? Es ist kein Film, den man mal eben wegkonsumiert, aber er ist bemerkenswert vorausdenkend und nimmt Themen vorweg, die heute durch KI und moderne Technik wieder extrem aktuell sind.
7. A Wind Named Amnesia (1983)
Die Idee hinter diesem Film ist so simpel wie gruselig: Ein globaler Wind löscht das Gedächtnis der Menschheit aus. Alles – Sprache, Moral, Identität – verschwindet von einer Sekunde auf die andere. Wir begleiten einen Mann, der sich als einer der wenigen noch an die alte Welt erinnert, durch ein verlassenes Amerika. Der Film ist kein lauter Endzeit-Actioner, sondern eine melancholische Reise. In langen, ruhigen Einstellungen stellt er die Frage, was vom Menschen eigentlich übrig bleibt, wenn man ihm seine Vergangenheit nimmt. Die Welt wirkt isoliert und zerbrechlich, die Kommunikation ist mühsam. A Wind Named Amnesia ist eher eine philosophische Studie als ein Genre-Film. Er bleibt konsequent pessimistisch, verzichtet aber auf den üblichen Bombast und setzt stattdessen auf eine dichte, fast schon spirituelle Atmosphäre.
8. Harmagedon (1983)
Harmagedon ist der Inbegriff eines filmischen Exzesses. Hier wird alles zusammengeworfen: Okkultismus, Science-Fiction, telepathische Wunderkinder und biblische Apokalypse. Ein junger Mann soll die Welt retten, während um ihn herum alles im Chaos versinkt. Visuell ist das Ganze ein absolutes Brett – leuchtende Energiephänomene und surreale Traumsequenzen, untermalt vom epischen Sound eines Vangelis. Erzählerisch ist der Film zwar völlig überladen und man verliert leicht den Faden, aber genau das macht seinen Reiz aus. Es ist ein wildes, ungebremstes Werk, das technisch alles wollte und dabei keine Kompromisse einging. Harmagedon ist vielleicht nicht der am besten strukturierte Film der Liste, aber er ist das reinste Destillat des 80er-Jahre-Anime-Gigantismus: maßlos, laut und visuell berauschend.
9. Miyuki (1983)
In einem Jahrzehnt, das von Robotern und Weltraumschlachten dominiert wurde, wirkt Miyuki fast wie ein Wunder. Der Film verzichtet komplett auf Spektakel und erzählt stattdessen eine sehr intime, fast schon erwachsene Liebesgeschichte. Es geht um einen Mann zwischen zwei Schwestern, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Statt großer dramatischer Wendungen setzt der Film auf die kleinen Momente: Blicke, Pausen und die unausgesprochene Spannung in einem Raum. Die Animation ist realistisch und verzichtet auf jede Übertreibung, was die emotionalen Konflikte nur noch greifbarer macht. Miyuki zeigt, dass Anime schon damals meisterhaft in der Lage war, psychologisch präzise Porträts zu zeichnen, die ganz ohne Kitsch auskommen und stattdessen durch ihre ehrliche Beobachtung von menschlichen Unsicherheiten bestechen.
10. Dallos (1983)
Dallos hat seinen Platz in der Geschichte sicher, da es als erste echte OVA den Markt für anspruchsvollere Heimvideos ebnete. Die Story führt uns auf den Mond, wo eine Kolonie von Bergarbeitern gegen die Ausbeutung durch die Erde aufbegehrt. Der Film ist erstaunlich politisch und zeigt den Klassenkampf in all seiner Härte. Es gibt keinen strahlenden Anführer, sondern nur Menschen, die zwischen Loyalität und nacktem Überlebenswillen schwanken. Die Mondlandschaften sind karg, die Stimmung ist düster und fast schon bedrückend. Die Animation mag aus heutiger Sicht etwas rau wirken, aber sie erzeugt eine dichte, fast greifbare Atmosphäre. Dallos war der Beweis, dass Anime abseits vom Fernsehen den Raum hatte, komplexe und ungeschönte Geschichten für ein erwachsenes Publikum zu erzählen.






























































































































































































































