Mit seinem Debüt Reservoir Dogs mischte er Anfang der 1990er Jahre die Filmwelt auf und mit dem Nachfolger Pulp Fiction brannte er sich endgültig ins popkulturelle Gedächtnis ein. Heute kann Quentin Tarantino auf eine mehr als 30-jährige Karriere als Auteur-Regisseur zurückblicken und ein Werk, um dessen Bedeutung bis heute diskutiert wird. Denn einerseits strotzen Tarantinos Filme vor lustvollen popkulturellen Referenzen, liebevollen Huldigungen an vergangene (Film-)Ären und ikonischen Dialogsequenzen. Zugleich wird Tarantinos Werk für seine exzessive Gewaltdarstellung und seinen mitunter an Imitation grenzenden Eklektizismus kritisiert.
Doch ganz gleich, wie diese Diskussionen schließlich ausgehen, lässt sich Tarantinos Wirken heute kaum aus der Filmgeschichte der letzten drei Dekaden wegdenken – zumal dieses bewusst begrenzt ist. So kündigte Tarantino einst an, dass er sich nach zehn Filmen zur Ruhe setzen wolle. Nach seiner Zählweise, die Kill Bill – Volume 1 und Kill Bill – Volume 2 als einen Film begreift, sind wir aktuell bei neun Filmen. Da wir hier alle als Einzelwerke erschienenen Spielfilme chronologisch aufführen, bei denen Quentin Tarantino Regie führte, findet ihr im Folgenden zehn Filme.
Reservoir Dogs – Wilde Hunde (1992)
Tarantinos Filmographie beginnt mit seinem Spielfilmdebüt Reservoir Dogs – Wilde Hunde (1992), in dem eine wild zusammengewürfelte Ganoven-Bande – darunter Harvey Keitel, Michael Madsen und Tim Roth – einen Raubüberfall begeht, der zum Fiasko wird. Der Großteil des Films spielt in einem Lagerhaus, in dem die Überlebenden der Gruppe nach dem Überfall herausfinden wollen, wer der Maulwurf unter ihnen ist. So entwickelt sich Reservoir Dogs vom Heist-Thriller zum psychologischen Kammerspiel, in dem der Charakter jedes Einzelnen auf den Prüfstand gestellt wird.
Skurrile Dialoge, grandiose Musik-Momente, viel Blut und ein Faible für nonlineares Erzählen: Reservoir Dogs enthält im Kern schon alles, was in Tarantinos späterem Werk musterhaft werden sollte. Zudem ist dieses Debüt auch wegen seines überschaubaren Budgets so hochkonzentriert, dass es allen empfohlen sei, die mit dem stilistischen Pomp Tarantinos späterer Werke nicht so viel anfangen können.
Pulp Fiction (1994)
Das Spiel mit der Chronologie setzt Tarantino in seinem darauffolgenden Film fort und verstärkt es noch: Pulp Fiction (1994) ist ein rasanter Episodenfilm, dessen sieben Sequenzen nonlinear angeordnet sind und von den Verflechtungen im Umkreis des Großkriminellen Marcellus Wallace (Ving Rhames) zusammengehalten werden. Samuel L. Jackson, John Travolta, Uma Thurman und Bruce Willis geben sich hier die Klinke in die Hand und spielen Figuren, die stetig zwischen Abgestumpftheit und Exzess schwanken.
Mit Pulp Fiction, der mit der Goldene Palme von Cannes sowie dem Oscar fürs Beste Drehbuch ausgezeichnet wurde, setzte sich Quentin Tarantino endgültig und nachhaltig in der Film-Szene durch. Kein Wunder, schließlich mutet dieser schwarzhumorige Gangster-Krimi seinem Publikum nicht nur viel Gewalt, sondern auch ein unberechenbares Spiel mit Perspektivwechseln, abrupten Wendungen und unerwarteten Lachern zu. Der richtige Film für alle, die Tarantinos Essenz auf einen Schlag kennenlernen wollen und auch Hartgesotteneres durchstehen können.
Jackie Brown (1997)
Unerwarteterweise schlug Tarantinos dritter Film Jackie Brown (1997) eine etwas gemäßigtere Erzählweise als Pulp Fiction an, blieb aber weiterhin im kriminellen Milieu. Blaxploitation-Ikone Pam Grier spielt hier die titelgebende Stewardess, die sich ihr mageres Gehalt mit etwas Geldschmuggel für einen Waffenhändler aufbessert, dabei aber bald ins Fadenkreuz der Polizei sowie ihres Auftraggebers gerät. Dabei setzt Tarantino als großer Fan ihrer Filme Grier auf fast schon bedächtige Weise in Szene und bettet sie in eine reizvolle Erzählung über ein spätes Empowerment ein.
Auch wenn Jackie Brown an den Kinokassen nicht ganz so hohe Wellen geschlagen hat wie Tarantinos übrige Titel, halten ihn viele Kritiker heute aufgrund seiner Nuanciertheit für seinen womöglich besten Film. Wer zudem etwas übrig hat für einen frauenzentrierten, sanfter, aber dennoch unfassbar schneidig daherkommenden Film, wird Jackie Brown sehr schätzen.
Kill Bill – Volume 1 (2003)
Nach der Jahrtausendwende war Quentin Tarantino bereit, in die Vollen zu gehen und ein Rache-Epos sondergleichen zu präsentieren: In zwei Teilen verhandelt Kill Bill die Geschichte der hochversierten Auftragskillerin Beatrix Kiddo (Uma Thurman), die nach einem späten Erwachen einen Rachefeldzug gegen alle startet, die ihr nach dem Leben trachteten – allen voran ihr von David Carradine gespielter Ex Bill.
Als erster Teil führt Kill Bill – Volume 1 (2003) auf drastische Weise in diese mit Komik, Groteskem, Brutalem und Virtuosem um sich werfende Geschichte und vermengt Manga-Bezüge mit atemberaubenden Martial Arts-Einlagen. Der richtige Film für alle, die hochtourige Kampf-Action genauso schätzen wie einen Sinn für ästhetische Höhenflüge.
Kill Bill – Volume 2 (2004)
Die Frage, ob man Kill Bill – Volume 1 überhaupt mit Kill Bill – Volume 2 vergleichen sollte, wo doch Tarantino beide Teile als einen Film zählt, lässt sich schnell übergehen. Fest steht nämlich, dass Kill Bill – Volume 2 als Fortsetzung des Rache-Epos stilistisch andere Töne anschlägt: Western- und Eastern-Elemente ziehen sich durch diesen zweiten Teil, der auch in der Ausstattung, Musik und Rückblenden zu Beatrix Kiddos Ausbildung beim Kampfmeister Pai Mei eine entsprechend eigenwillige Gangart aufweist.
Da zudem die Geschichte um Beatrix Kiddos Vergangenheit vertieft wird und dies Uma Thurmans Schauspiel noch mehr Verletzlichkeit und Überwindung abverlangt, würde ich Kill Bill – Volume 2 als den überlegeneren der beiden Teile einstufen. Nichtsdestotrotz sollte man sich diesen der Vollständigkeit des Erlebnisses halber am besten nach Kill Bill – Volume 1 zu Gemüte führen.
Death Proof – Todsicher (2007)
Seit den 1990ern ist Quentin Tarantino mit dem Regisseur Robert Rodriguez befreundet. Aus der Begeisterung beider für B-Movies und Exploitation-Filme entstand schließlich der Plan, ein gemeinsames Grindhouse Double Feature herauszubringen. Robert Rodriguez steuerte dazu seinen Zombie-Horror Planet Terror (2007) bei, während Tarantino mit Death Proof – Todsicher (2007) einen Slasher-Film mit Kurt Russell als Bösewicht Stuntman Mike schuf.
Innerhalb Tarantinos Werk nimmt Death Proof bis heute keine Favoritenposition ein: Trotz ausgefeilter Action-Sequenzen und den gewohnt ausschweifenden Dialogen hat der Film in seiner B-Movie-Montur dem Publikum und der Kritik etwas zu wenig Substanz geboten. Dennoch wird er allen gefallen, die sich an rasanter, rauer Action erfreuen können, in der der Jäger schließlich zum Gejagten wird.
Inglourious Basterds (2009)
Mit Inglourious Basterds (2009) tauchte Tarantino schließlich in ein zeithistorisches Kapitel ein, das man eher nicht von ihm erwartet hätte: Der Film spielt in Europa während des Zweiten Weltkriegs und folgt der titelgebenden jüdischen Kampftruppe der ‚Bastards‘ bei der Jagd auf Nazis. Dabei entwickelt sich Inglourious Basterds kontrafaktisch und erzählt schließlich eine alternative Geschichte zum Ende von Hitler und dem Zweiten Weltkrieg.
Dies kann man erfrischend oder geschmacklos finden – ohne Zweifel ist Inglourious Basterds aber gespickt von Momenten höchster Anspannung und grandiosen Schauspielauftritten, etwa von Christoph Waltz, der für seine Performance als SS-Mann Hans Landa einen Oscar erhielt. Wer bei filmischer Unterhaltung also keinerlei Wert auf historische Genauigkeit legt oder diesen Anspruch für knapp 160 Minuten ausschalten kann, wird sich womöglich an dieser ausladenden Rachefantasie von Inglourious Basterds erfreuen können.
Django Unchained (2012)
Spätestens ab Kill Bill zogen sich Western-Elemente immer sichtbarer durch Tarantinos Filme, mit Django Unchained (2012) wurde es schließlich konsequent: Hierin erzählt Tarantino die Geschichte des von Jamie Foxx gespielten Django, der sich Mitte des 19. Jahrhunderts in den amerikanischen Südstaaten aus der Sklaverei befreit und auf die Suche nach seiner Frau begibt. Von Beginn an ist Django Unchained dabei sowohl als ausladende Hommage an den Italo-Western wie auch als provokante Auseinandersetzung mit Sklaverei und Rassismus angelegt.
Auch hier gingen die Einschätzungen darüber, ob Tarantino sich einem ernsten Thema zu verspielt oder eben doch pragmatisch nähert, weit auseinander. Doch wer sich für einen Blick in Django Unchained entscheidet, wird mit einem gleichermaßen wohldurchdachten wie brutalen Western-Epos belohnt, das sich an ein von Hollywood bislang weit unterbeleuchtetes historisches Kapitel der USA wagt.
The Hateful 8 (2015)
Passenderweise heißt Tarantinos (seiner Zählweise nach) achter Film The Hateful 8 (2015) und hält auch ansonsten, was der Titel verspricht: Acht hasserfüllte, einander feindlich gesinnte Figuren, die sich nach dem Sezessionskrieg während eines Schneesturms in einer Herbergshütte in Wyoming einfinden. Wie schon in Reservoir Dogs entwickelt sich hieraus ein auf Blutvergießen hinauslaufendes Kammerspiel, in dem bewährte Tarantino-Kollaborateure wie Kurt Russell, Tim Roth, Michael Madsen und Samuel L. Jackson mitspielen.
Doch trotz der Wiedererkennbarkeit vieler Elemente ist The Hateful 8 Tarantinos wahrscheinlich unzugänglichster und sperrigster Film. Zugänglicher wird er, wenn man ein Faible für die Darstellung giftiger Dynamiken hat und darüber hinaus den Film als Allegorie auf eine frakturierte amerikanische Gesellschaft begreift.
Once Upon a Time in Hollywood (2019)
Mit Once Upon a Time in Hollywood (2019) bewegte sich Quentin Tarantino schließlich wieder etwas weg von seinen extensiven Genre-Erkundungen und wandte sich einer geliebten Hollywood-Ära zu: Once Upon a Time in Hollywood dreht sich um einen von Leonardo DiCaprio verkörperten Schauspielstar, sein Stuntdouble (Brad Pitt) und die Verheißungen vom Hollywood der 1960er Jahre.
Diese sollten mit der brutalen Mordserie der Gang um Charles Manson in Wirklichkeit eine Zäsur erfahren. Doch wieder wählt Tarantino einen alternativen Ausgang der Geschichte und beschwört in seinem visuell sehr einnehmend gestalteten Film einen sorgenfreien Hedonismus herauf. Wer nichts gegen Beweihräucherung dieser Art und eigenwillige Interpretationen realer Personen hat, wird Once Upon a Time in Hollywood als das schätzen können, was es ist: eine wehmütige Liebeserklärung an eine vergangene Zeit, wie man sie nur erträumen kann.















































































































































































































































