
Pinocchio als Horrorfilm? Warum das düstere Märchen eigentlich perfekt dafür geeignet ist
In den vergangenen Jahren hat sich ein merkwürdiger Trend etabliert: Gemeinfreie Kinderbuchfiguren, deren Urheberrecht inzwischen also erloschen ist, werden plötzlich zu Horrorgestalten. Filme wie Winnie-the-Pooh: Blood and Honey (2023), Bambi: Die Abrechnung (2025) oder Peter Pan’s Neverland Nightmare (2025) wirken wie eine durchaus zynische Strategie: Man zehrt von der Bekanntheit vertrauter Kindheitshelden, versieht sie mit Gewalt und Splatter – und erzeugt so maximale Aufmerksamkeit.
Bei Pinocchio scheint die Idee, aus seiner Geschichte einen Horrorfilm zu machen, allerdings nicht völlig aus der Luft gegriffen. Denn auch jenseits der populären Disney-Version war die Geschichte um die lebendig gewordene Holzpuppe schon immer deutlich düsterer, unheimlicher, in gewisser Weise sogar verstörend. Wer einen Blick auf die literarische Vorlage von Carlo Collodi oder moderne Interpretationen wirft, erkennt schnell: In diesem Märchen steckt bereits mehr Horror, als man vielleicht vermutet.
Ein Märchen, das ursprünglich viel düsterer war
Die Geschichte von Pinocchio erschien erstmals 1881 als Fortsetzungsroman unter dem Titel „Le avventure di Pinocchio“. Und bereits Collodis Erzählung war nie als reine Kinderunterhaltung gedacht, sondern eine „pädagogisch“ angelegte Parabel über Verantwortung, Lüge, Schuld und Strafe – und diese Lektionen werden mitunter erstaunlich brutal vermittelt.
In frühen Versionen der Geschichte wird Pinocchio etwa gehängt, von Betrügern misshandelt oder verwandelt sich zeitweise in einen Esel. Die Welt, in der sich die Figur bewegt, ist weniger ein freundliches Märchenland als eine bizarre Albtraumlandschaft. Erwachsene Figuren nutzen Pinocchio aus, und immer wieder wird sein Körper selbst zum Schauplatz grotesker Transformationen.
Darüber hinaus ist Pinocchio eine Figur ohne greifbare Identität: Er ist weder Mensch noch Objekt, weder Kind noch Puppe. Diese Zwischenstellung – ein künstlich erschaffenes Wesen, das versucht, Mensch zu werden – erinnert an Motive aus der klassischen Schauerliteratur, etwa an Mary Shelleys Roman „Frankenstein“. Schon Collodis Vorlage besitzt daher Elemente, die man heute ohne Weiteres als prädestiniert für den Horror bezeichnen könnte.
Auch der Disney-Klassiker war für viele Kinder ein Albtraum
Als Disney dann 1940 den Animationsfilm Pinocchio veröffentlichte, wurde die Geschichte zwar entschärft – aber ihre dunklen Untertöne verschwanden nie ganz.
Viele Zuschauer erinnern sich noch heute an Sequenzen, die trotz der bunten Welt und der verspielten Animation verstörten: etwa die Szene auf der „Vergnügungsinsel“, in der Jungen langsam zu Eseln mutieren, während ihre panischen Schreie zu tierischem Wiehern werden. Auch die Begegnung mit dem riesigen Wal Monstro besitzt eine ganz eigene Bedrohlichkeit.
Anders ausgedrückt: Der Disney-Film gilt zwar als Klassiker der Familienunterhaltung, doch auch er beweist, wie leicht der Stoff ins Unheimliche kippen kann. Pinocchios Reise ist nicht nur ein Abenteuer über Moral, sondern auch eine Geschichte über Verlust von Kontrolle, über körperliche Verwandlung und über eine Welt, in der Erwachsene selten vertrauenswürdig sind.
All das sind Motive, die auch im Horrorgenre traditionell eine zentrale Rolle spielen.
Guillermo del Toro zeigte bereits, wie ernst Pinocchio sein kann
Eine der eindrucksvollsten modernen Interpretationen kommt übrigens vom mexikanischen Regisseur Guillermo del Toro.
In seinem schon optisch deutlich düsteren Stop-Motion-Film verlegte er die Handlung ins faschistische Italien der 1930er Jahre und verwandelte die Geschichte in eine melancholische Parabel über Sterblichkeit und die Angst vor dem Anderssein. In dieser Version wird Pinocchio aus der Trauer eines Vaters geboren, der seinen Sohn verloren hat.
Der Film begibt sich damit stark in existenzielles Terrain.
Pinocchio stirbt außerdem mehrfach und begegnet immer wieder einer surrealen Unterwelt, während er gleichzeitig mit einer Welt der Lebenden konfrontiert wird, die Konformität verlangt und ihn auszugrenzen versucht. Anders als viele frühere Versionen betont del Toro dabei, dass Pinocchios bisweiliger Ungehorsam keine moralische Schwäche ist, sondern gerade im Kontext des Faschismus eine wichtige Form der Widerständigkeit.
Diese Interpretation zeigt, wie nahe der Stoff ohnehin schon am Fantastischen, Grotesken und sogar am philosophischen Horror liegt. Der Gedanke, diese Elemente weiter in Richtung des ohnehin zum Tiefgründigen neigenden „Art Horror“ zu treiben, ist daher weniger abwegig, als es zunächst scheint.
Es liegt auf der Hand: Pinocchio als Körperhorror
Auch wenn man die Geschichte auf ihr Grundmotiv reduziert, enthält sie schließlich etwas, das im modernen Horrorkino ohnehin boomt: Body Horror.
Pinocchio ist ein künstlich erschaffenes Wesen, dessen Körper sich immer wieder seiner Kontrolle entzieht. Seine Nase wächst von allein, sein Körper verändert sich gegen seinen Willen, und zeitweise verwandelt er sich sogar in ein Tier. Diese permanente körperliche Veränderung erinnert an literarische Traditionen, die bis zu Franz Kafka seiner „Verwandlung“ zurückreichen.
Deshalb wirkt ein düsterer Genreansatz bei Pinocchio weniger wie ein kalkulierter Schockeffekt – anders als bei Figuren, deren ursprüngliche Geschichten kaum vergleichbare Abgründe enthalten.
Dass der kommende Horrorfilm diesem düsteren Kern wirklich gerecht wird, darf man allerdings bezweifeln
Trotzdem gibt es sehr gute Gründe, sich nicht zu früh über die Horroradaption des Pinocchio zu freuen. Der angekündigte Pinocchio: Unstrung ist unter der Regie von Rhys Frake-Waterfield entstanden, der bereits für Winnie-the-Pooh: Blood and Honey und andere Filme des sogenannten „Twisted Childhood Universe“ verantwortlich war. Filme, die vor allem durch ihren provokativen Ansatz für Aufmerksamkeit sorgten.
Auch der erste Trailer deutet eher auf einen bewusst brutalen Slasher hin, der das Pinocchio-Motiv vor allem als visuelle Kuriosität nutzt: eine mörderische Holzpuppe, die durch dunkle Wälder und heimische Wohnzimmer streift, auf der Suche nach Organen, um endlich menschlich zu werden. Subtilere Aspekte der Vorlage dürften dabei keine Rolle spielen.
Fest steht jedoch: Anders als bei vielen anderen Public-Domain-Horrorprojekten liegt im Fall von Pinocchio tatsächlich ein düsterer Kern im Original verborgen. Wenn ein Film diesen Kern ernst nimmt, könnte aus der scheinbar absurden Idee eines Pinocchio-Horrorfilms am Ende sogar etwas entstehen, das überraschend gut zum Geist der Geschichte passt. Und wer weiß, vielleicht interessieren sich künftig noch spannende Filmemacherinnen für den Stoff.







































