
Hat „Friends“ wirklich „Matrix“ vorhergesagt? Die virale Fan-Theorie erklärt
Das eine ist eine Sitcom über sechs Twens in New York, die hauptberuflich Kaffee trinken und nebenbei ihr Liebesleben ruinieren. Das andere ein legendärer und hochphilosophischer Cyberpunk-Thriller über die Versklavung der Menschheit durch Maschinen, mit Sonnenbrillen und Ledermantel. Gemeinsamkeiten: keine. Dachte man – bis jemand anfing, zu rechnen.
Die britisch-australische Komikerin Heidi Regan behauptet seit einiger Zeit, Friends (1994) habe Matrix (1999) vorweggenommen – und zwar nicht irgendwo in Staffel sieben, wo man ohnehin alles hineinlesen kann, sondern gleich in der ersten Folge. Das tut sie natürlich mit viel Humor und Augenzwinkern, aber mit bemerkenswerten Schlussfolgerungen.
Ihre Beweisführung startete als Bühnennummer, lief über ein Videoformat des Senders Radio X und kulminierte in einer achtteiligen TikTok-Serie, bei der jeder Teil den endgültigen Beweis für den nächsten ankündigt. Als Indizien dienen: ein Löffel, eine Aura-Reinigung, ein Springbrunnen und eine Hausnummer, die man erst in den Binärcode übersetzen muss. Klingt dünn? Ist es auch. Und trotzdem – oder sollten wir sagen: gerade deshalb – kommt man beim Zuhören aus dem Nicken kaum heraus. Gehen wir die Beweisstücke der Reihe nach durch.
Der Löffel, der keiner ist
Das stärkste Indiz zuerst. In der Pilotfolge von Friends sitzt Ross frisch geschieden auf der Couch, und Joey hält ihm eine Ansprache: Es gebe nicht nur eine Frau, so wenig wie es nur eine Eissorte gebe. Es gebe Rocky Road, Cookie Dough, Cherry Vanilla. Sein Schlusssatz lautet: Willkommen zurück in der Welt, greif zum Löffel. Ross wiederholt es höhnisch. Später, nach einem guten Moment mit Rachel, sagt er den Satz noch einmal, dieses Mal ernst: Ich habe gerade zum Löffel gegriffen.
Fünf Jahre danach sitzt Neo in Matrix im Vorzimmer des Orakels neben einem Jungen, der einen Löffel allein mit Gedankenkraft verbiegt, und erklärt ihm den berühmtesten Satz des Films: Es gibt keinen Löffel. Zwei Werke, ein Besteckteil, zwei entgegengesetzte Lehren: Bei Joey ist der Löffel die Aufforderung, sich der Wirklichkeit zu bedienen. Bei den Wachowskis ist er der Beweis, dass es diese Wirklichkeit gar nicht gibt.
Die Frage nach dem Einen
Der zweite Baustein sitzt direkt davor. Ross fragt in die Runde, was eigentlich das Schlimmste sei, und beantwortet es selbst: Was, wenn es für jeden Menschen nur eine einzige Richtige gebe? Was, wenn man eine bekommt, und das war es dann? Genau diese Frage treibt Friends zehn Staffeln lang an, und genau diese Formulierung ist im anderen Film der Kern von allem.
Neo ist der Eine, die einzige Person, auf die alles hinausläuft. Morpheus sucht ihn, das Orakel prüft ihn, die Maschinen fürchten ihn. Wo Ross die Vorstellung eines einzigen vorbestimmten Gegenübers als Albtraum empfindet, baut der andere Film seine gesamte Erlösungslehre darauf. Dass Ross am Ende der Folge Rachel hinterhersieht und den Löffel-Satz noch einmal sagt, macht die Sache für Anhänger der Theorie nur besser: Der Mann findet seine Eine in derselben Szene, in der das Stichwort fällt.
Wer ist das Orakel?
Bleibt die Frage nach der Seherin, und auch dazu liefert der Pilot eine Kandidatin. Als Ross zerknirscht ins Central Perk kommt, greift Phoebe in die Luft vor seinem Gesicht und beginnt, seine Aura zu reinigen. Ross wehrt ab, das Publikum lacht, die Figur ist damit in fünf Sekunden eingeführt: die Mystikerin der Gruppe, zuständig für alles Unsichtbare.
Das Orakel im anderen Film wiederum ist eine Frau in einer Küche, die Kekse backt und nebenbei die Zukunft kennt, wobei sie ihre Auskunft in Rätsel verpackt. Beide sind die einzige Figur ihres Ensembles, der man übersinnliche Fähigkeiten zutraut, ohne dass es je bewiesen würde. Phoebe wird später noch Geister sehen und mit ihrer toten Mutter sprechen. Das Orakel wiederum sagt Neo genau das, was er hören muss, nicht das, was stimmt. Beide arbeiten mit derselben Methode.
Wohnung fünf und die Rechnung dahinter
Und jetzt wird es albern, im besten Sinne. Neo wohnt in Apartment 101 des Heart O’ The City Hotel, eine Zimmernummer, über die schon viel geschrieben wurde. Monicas Wohnung wiederum trägt im Piloten die Nummer fünf, die von Joey und Chandler die vier – später änderte die Produktion beides auf zwanzig und neunzehn, weil die Aussicht aus dem Fenster nicht zu einem unteren Stockwerk passte. Bleibt die Ausgangsnummer: Fünf ist im Binärcode 101. Regan legt noch nach, denn Binärzählungen beginnen bei null, weshalb die fünf der sechste Wert der Reihe ist. Sechs. Sechs Freunde. An dieser Stelle merkt man, dass die Nummer weniger eine These ist als eine Parodie – auf jene Netzlogik nämlich, mit der sich alles mit allem verbinden lässt, solange man nur lange genug rechnet. Genau das macht die Sache gut, nicht die Beweiskraft.
Der Vorspann als Erschaffungsszene
Der vielleicht hübscheste Einfall betrifft etwas, das jeder Zuschauer hunderte Male gesehen und nie hinterfragt hat. Der Vorspann zeigt die sechs Figuren, wie sie um einen Springbrunnen tanzen, mit Lampen in der Hand, bei Nacht, vor schwarzem Hintergrund. Sie kommen nirgendwoher, sie gehen nirgendwohin, sie erscheinen einfach. Wer die Theorie ernst nimmt, sieht darin keine Titelsequenz, sondern eine Erschaffungsszene: sechs Konstrukte, die in eine kontrollierte Umgebung geladen werden, samt Firmenlogo darüber. Dazu setzt der Titelsong mit einer Klage darüber ein, dass die Figuren niemand vorgewarnt hat, wie das Leben laufen würde – und sie ihre Tage vor allem damit verbringen, irgendwie durchzuhalten. Als Beschreibung einer Simulation, in der man aufwachen müsste, funktioniert das ziemlich gut.
Der Traum mit dem Telefon
Ein letztes Indiz ist der allererste Dialog der Serie. Noch bevor irgendetwas passiert, erzählt Chandler, gespielt von Matthew Perry, einen Traum: Er steht nackt in der Cafeteria seiner alten Schule, blickt an sich herunter und findet dort ein Telefon, wo keines sein sollte. Dann klingelt es – und er geht ran. Am Apparat ist seine Mutter, was ihn verwundert, weil sie sich sonst nie meldet.
In Matrix ist genau das die Mechanik: Das Telefon ist der einzige Weg hinein und hinaus. Wer die Simulation verlassen will, muss abnehmen. Die erste Figur, die Friends zeigt, tut also nichts anderes, als in einem Traum einen Anruf entgegenzunehmen, der aus dem Nichts kommt. Der Traum ist im Original ein derber Witz über Chandlers Peinlichkeit, gebaut, um die Figur in dreißig Sekunden einzuführen. Dass er sich Jahre später wie eine Inhaltsangabe liest, konnte 1994 niemand ahnen.
Was davon übrig bleibt
Fairerweise: nichts, was einer Prüfung standhielte. Der Löffel bei Joey ist eine Eisdielen-Metapher, der Löffel bei den Wachowskis stammt aus buddhistischem Gedankengut. Ross’ Frage nach der einen Richtigen ist Beziehungsangst, kein Messias-Motiv. Und ein dokumentierter Hinweis darauf, dass beim Schreiben irgendjemand an eine Sitcom gedacht hätte, existiert natürlich nicht.
Nüchtern betrachtet könnte man argumentieren: Was hier passiert, ist Mustererkennung: Wer zwei große Werke lange genug nebeneinanderlegt, findet (fast) immer Übereinstimmungen. Beide stammen überdies aus derselben Zeit und demselben Land und handeln im Kern von jungen Leuten, die nicht wissen, wohin mit sich – die eine Fassung schickt sechs davon in ein Café, die andere einen in einen Kaninchenbau. Aber darum geht’s hier nicht, denn die Friends-Matrix-Theorie ist vor allem eines: sehr, sehr unterhaltsam!






























