
Alle „Carrie“-Verfilmungen im Ranking
Mit der für Oktober angekündigten Prime-Video-Serie Carrie (2026) erhält Stephen Kings Romandebüt seine bislang umfangreichste Bildschirmfassung. Mike Flanagan erzählt die Geschichte erstmals über acht Episoden und verlegt Carries öffentliche Demütigung in eine Gegenwart, in der Mobbing nicht mehr an der Schultür endet. Damit stellt sich erneut die Frage, welche Adaption Carrie White nicht nur als telekinetische Rächerin, sondern vor allem als tragische Jugendliche verstanden hat.
Wir nehmen die bisherigen Adaptionen unter die Lupe und prüfen sie auf das, was zählt: Werktreue, Besetzung, Inszenierung, Gruselfaktor und Nachwirkung. Die neue Serie läuft außer Konkurrenz, da die Veröffentlichung noch aussteht. Konzept, die Besetzung sowie erste Bilder erlauben jedoch bereits eine erste Einordnung.
Brian De Palmas Carrie – Des Satans jüngste Tochter ist weder die vollständigste noch die buchstabengetreueste Umsetzung des Romans. Sie ist schlicht die beste Verfilmung. Sissy Spacek macht Carries Unsicherheit, Hoffnung und aufgestaute Wut gleichzeitig sichtbar, ohne die Figur auf ein hilfloses Opfer oder ein rachsüchtiges Monster zu reduzieren. Piper Laurie verwandelt Margaret White in eine Form häuslichen Terrors, die selbst ohne übernatürliche Kräfte extrem bedrohlich wirkt. De Palma nutzt Zeitlupe, subjektive Kamera und die charakteristische geteilte Leinwand nicht als bloße Spielerei.
Der Abschlussball wird zunächst zu Carries kurzem Traum von Anerkennung und anschließend zu einem kontrollierten Inferno, in dem Freude, Demütigung und Gewalt unmittelbar aufeinanderprallen. Carrie (2002) bewahrt mehr von Kings dokumentarischer Struktur, während Carrie (2013) größere Zerstörung bietet. Keine der beiden Fassungen erreicht jedoch De Palmas Präzision oder Spaceks verstörende Verletzlichkeit. Wer nur eine Version sehen möchte, muss daher nicht lange abwägen: Das Original bleibt die stärkste Adaption.
David Carsons Fernsehfilm Carrie verrät sein begrenztes Budget an mehreren Stellen, erweist sich inhaltlich aber als die ambitionierteste Neuverfilmung des Romans. Das Drehbuch übernimmt die Verhöre, Rückblenden und nachträglichen Rekonstruktionen, mit denen Stephen King die Katastrophe aus mehreren Perspektiven erzählt. Dadurch interessiert sich der Film nicht allein für Carries Leidensweg, sondern auch dafür, wie Mitschüler, Lehrer und Ermittler das Geschehen im Nachhinein erklären oder verdrängen.
Angela Bettis ist dabei die entscheidende Stärke. Ihre Carrie wirkt sozial unbeholfen, angespannt und so verletzlich, dass selbst kleine Momente der Zuneigung ein ungewohntes Gewicht erhalten. Patricia Clarkson spielt Margaret White zurückhaltender als Piper Laurie, wodurch der Missbrauch weniger theatralisch, aber nicht weniger bedrohlich erscheint. Im Vergleich zu Carrie (2013) hält sich der Fernsehfilm enger an Kings Roman und wagt zugleich deutlichere Abweichungen von De Palmas Klassiker. Seine überlange Laufzeit, die wenig überzeugenden Spezialeffekte und das veränderte Ende nehmen der Geschichte jedoch einen Teil ihrer Wucht. Die großartige Angela Bettis macht diese Schwächen nicht vollständig vergessen, liefert aber die vielleicht unterschätzteste Interpretation der Titelfigur.
Streng genommen ist Carrie 2 – Die Rache keine erneute Adaption des Romans, sondern eine Fortsetzung von De Palmas Film. In eine vollständige Betrachtung der Bildschirmfassungen gehört sie dennoch, weil Rachel Lang als Halbschwester von Carrie White eingeführt wird und dieselben telekinetischen Fähigkeiten besitzt. Emily Bergl spielt Rachel nicht als verängstigte Kopie, sondern als misstrauische Außenseiterin der späten Neunzigerjahre, deren Wut sich gegen eine Gruppe privilegierter Footballspieler richtet.
Amy Irving kehrt als Sue Snell zurück und stellt die direkte Verbindung zum Original her. Der Film wiederholt auffällig viele Stationen seines Vorgängers, verlagert den Schwerpunkt aber auf sexuelle Ausbeutung, männliche Gruppendynamik und eine Schulkultur, in der junge Frauen als austauschbare Trophäen behandelt werden. Darin wirkt er heute konsequenter als Carrie (2013), dessen digitale Modernisierung häufig an der Oberfläche bleibt. Das sprunghafte Drehbuch verhindert eine höhere Platzierung. Emily Bergls eigensinnige Hauptfigur und das kompromisslos inszenierte Finale verleihen der oft unterschätzten Fortsetzung dennoch eine erkennbare Eigenständigkeit.
Kimberly Peirces Adaption von Carrie versetzt Stephen Kings Geschichte in die Gegenwart: Carries Zusammenbruch wird mit einem Smartphone gefilmt und anschließend ins Internet gestellt. Die öffentliche Demütigung endet damit nicht mehr an der Schultür, sondern wird zum Cybermobbing mit unbegrenztem Publikum.
Chloë Grace Moretz spielt Carrie weniger hilflos als Sissy Spacek und zeigt eine Jugendliche, die ihre telekinetischen Fähigkeiten gezielt trainiert und beim Abschlussball bewusst gegen ihre Peiniger einsetzt. Gerade dadurch rückt der Film zeitweise näher an ein düsteres Superheldendrama als an De Palmas tragischen Horrorfilm. Julianne Moore überzeugt als Margaret White mit einer vergleichsweise stillen, körperlich selbstzerstörerischen Form religiösen Wahns. Im Vergleich zu Carrie (2002) ist Peirces Version kompakter und technisch aufwendiger, übernimmt jedoch mehr von der bekannten Handlung der De-Palma-Verfilmung und weniger von Kings dokumentarischer Romanstruktur. Wer den Stoff in einer modernen Schulwelt kennenlernen möchte, wird solide bedient. Eine zwingende Neuinterpretation ist diese Fassung dennoch nicht.
Die erste Serienadaption von Carrie wagt den bislang größten Umbau von Stephen Kings Roman. Summer H. Howell spielt Carrie White nicht als von vornherein verschlossene Außenseiterin, sondern als offene, neugierige und entsprechend arglose Jugendliche, die ihr gesamtes bisheriges Leben abgeschirmt zu Hause verbracht hat. Erst nach dem plötzlichen Tod ihres Vaters wird sie erstmals auf eine öffentliche Schule geschickt und dort mit einem viralen Mobbing-Skandal sowie den eigenen telekinetischen Fähigkeiten konfrontiert.
Samantha Sloyan verkörpert Margaret White nicht einfach als tyrannische religiöse Fanatikerin, sondern als Mutter, die ihre Tochter aufrichtig liebt und sie durch völlige Isolation vor der Außenwelt schützen will. Amber Midthunder, Matthew Lillard, Siena Agudong und Alison Thornton gehören ebenfalls zum Ensemble. Während Carrie (2002) Kings Geschichte noch als einzelnen Fernsehfilm erzählte, nutzt Mike Flanagan acht Episoden, um auch andere Frauen mit vergleichbaren Kräften einzuführen. Diese Erweiterung greift die im Roman angedeutete Vorstellung auf, dass telekinetische Fähigkeiten erblich sein könnten. Ob das Carries Tragödie vertieft oder unnötig aufbläht, entscheidet letztlich darüber, ob die Serie mehr wird als eine zeitgemäß aktualisierte Neuverfilmung.





























