
Plötzlich ist Shane der Vernünftige: „Tires“ Staffel 3 stellt alles auf den Kopf
Der eine will alles richtig machen und schafft nichts. Der andere will gar nichts und trifft trotzdem ins Schwarze. Zwei Staffeln lang war die Arbeitsteilung bei Tires (2024) klar verteilt: Will (Steve Gerben), der überforderte Erbe mit Ordner unterm Arm, und Shane (Shane Gillis), der Cousin, der lieber Witze reißt als Reifen wechselt: So kennen wir die beiden aus Tires. Am 13. August kommt die dritte Staffel, alle zwölf Folgen auf einen Schlag – und die Rollen könnten sich vertauschen. Denn am Ende von Staffel 2 stand ausgerechnet Störenfried Shane mit einer Idee da, während Will an sich selbst zweifelte. Wir haben nachgesehen, was das bedeutet, was Shanes neuer Titel als Miteigentümer ändert und wer dieses Mal vorbeischaut – oder sollen wir sagen: hereinschneit? Denn Gäste sind bei dieser Serie selten angemeldet.
Wie Staffel 2 den Rollentausch vorbereitet hat
Die zweite Staffel drehte sich um eine Marketingidee, die – wider Erwarten – tatsächlich funktionierte. Genau darin liegt der Bruch mit der Anlage der Serie. Bisher galt: Will plant, Shane sabotiert, am Ende steht ein Scherbenhaufen. Nun aber ist es Shane, dessen Instinkt trifft, während Will zunehmend an seinem eigenen Weg zweifelt. Die Werkstatt Valley Forge Automotive Center steht am Ende der Staffel nicht mehr am Abgrund, sondern nur noch daneben.
Was wie ein Erfolg klingt, ist für die Figurenkonstellation ein Problem: Wenn der Chaot recht behält und der Ordentliche danebenliegt, muss die Serie ihre Rollenverteilung neu auswürfeln. Genau in diese Richtung scheint Staffel 3 zu gehen. Und es wäre die interessantere Variante, denn eine Sitcom, die ihre eigene Grundregel umdreht, riskiert etwas.
Zwei Cousins, ein Betrieb: Was sich als Miteigentümer ändert
Der entscheidende Unterschied: Shane ist nicht mehr Angestellter, sondern Teilhaber. Für eine Sitcom ist das Gold wert. Bisher konnte Will ihm im Zweifel mit dem Chefton kommen, auch wenn er es nie durchhielt – diese Karte ist weg. Zwei gleichberechtigte Eigentümer, von denen einer alles nach Vorschrift will und der andere gar nichts, ergeben zwangsläufig Reibung. Netflix beschreibt es so, dass die Freundschaft der beiden an einen Bruchpunkt gerät, während sie den Laden am Leben halten müssen, und sie sich dabei ihrer Vergangenheit stellen. Das klingt nach mehr Drama, als diese Serie bisher zuließ. Ob es ihr guttut, ist die eigentliche Frage der Staffel. Zwölf Folgen sind zudem deutlich mehr als die sechs des Auftakts – Platz für Entwicklung ist also da.
Wer zurückkommt – und wer neu dabei ist
Die Stammbesetzung bleibt vollständig: Gerben und Gillis sind wieder dabei, ebenso Chris O’Connor als Cal, Kilah Fox als Kilah, Stavros Halkias als Dave und Thomas Haden Church als Shanes wohlhabender und selbst nicht gerade erwachsener Vater Phil. Bei den Gästen gibt es dagegen ein neues Aufgebot. Angekündigt sind unter anderem Jamie Lynn Sigler, Billy Magnussen, Bobby Lee, Dan Soder, Garret Dillahunt, Rachel Blanchard, Matt Walsh, Taylor Misiak, Sofia Hasmik und Anjelica Bette Fellini.
Jon Lovitz und Veronika Slowikowska, die derzeit häufig als Neuzugänge für Staffel 3 genannt werden, waren übrigens bereits in Staffel 2 zu sehen – neben Vince Vaughn, Ron White und Andrew Schulz. Ein Wiedersehen wäre natürlich möglich, bestätigt ist ihre Rückkehr bislang aber nicht.
Warum die Serie so umstritten bleibt
Ein Wort zur Rezeption, denn die fällt bemerkenswert auseinander. Die erste Staffel kam bei den Kritikern auf gerade einmal 40 Prozent, beim Publikum dagegen auf 87 Prozent. Die Diskrepanz passt zum Ton der Serie: Tires ist derb, improvisationsnah und interessiert sich wenig für klassische Sitcom-Punchlines. Wer geschliffenen Wortwitz sucht, ist hier falsch; wer Menschen mit großer Ausdauer beim Scheitern zusehen will, ist ziemlich richtig.
Immerhin gab es dieses Jahr eine Emmy-Nominierung – wenn auch in einer Kategorie, die selten auf der Titelseite landet: Tonmischung. Man könnte sagen, das passt zu einer Serie, in der ständig jemand dazwischenredet. Ein Kritikerliebling ist Tires damit weiterhin nicht. Netflix hält trotzdem an der Serie fest und verlängerte sie nach Staffel 2 innerhalb eines Monats für eine dritte Staffel – obwohl die Zuschauerzahlen gegenüber dem Auftakt gesunken waren.
Das Detail, das alles erklärt
Zum Schluss noch eine Sache, die man kennen muss, um Tires zu verstehen. Gedreht wird in West Chester, Pennsylvania, in einer ehemaligen Teppichlagerhalle direkt neben einem echten Reifenladen von Steve Gerbens Vater. Der heißt passenderweise Tires Etc., und als eine seiner Filialen ohnehin erweitert werden sollte, kam die Produktion an die Halle. Die Hebebühnen waren bereits da, den Rest des Sets bezahlte Gillis aus eigener Tasche.
Wer sich also fragt, warum diese Werkstatt so wenig nach Kulisse aussieht: weil sie kaum eine ist. Eine Serie, die praktisch neben dem Betrieb dreht, von dem sie erzählt, hat ein Problem weniger als die meisten Sitcoms – sie muss sich ihre Authentizität nicht erst ausdenken. Man könnte es Zufall nennen. Man kann darin aber auch ziemlich genau das erkennen, was Tires ausmacht: Jemand sah eine Gelegenheit und nutzte sie, ohne vorher groß einen Plan zu machen.












