Mit dem Kinostart von Der Medicus 2 rückt ein Filmtyp wieder ins Blickfeld, der lange als aus der Zeit gefallen galt: groß erzählte Historienfilme, die nicht auf Schlachtenlärm setzen, sondern auf Neugier, Erkenntnis und die “Zumutung” des Neuen. Diese Filme handeln von Außenseitern in fremden Kulturen, von Bildung als Befreiung oder Bedrohung, von Glauben, Moral und der Frage, was Fortschritt kostet.
Die folgende Liste versammelt – geordnet nach Erscheinungsjahr – deutsche und internationale Titel, die genau dieses Erzählen teilen. Mal opulent, mal philosophisch, oft dunkler als Der Medicus, aber stets getragen von der Idee, dass Wissen verändern kann – im Guten wie im Schlechten.
Der Medicus (2013)
Ausgangspunkt und Referenz dieser Liste. Der Medicus adaptiert Noah Gordons umfassenden Bildungsroman als Historienepos: Ein junger Engländer (Tom Payne) verlässt seine Heimat, um im Persien des 11. Jahrhunderts Medizin zu studieren. Bildung wird hier zum Motor sozialer Mobilität, aber auch zum Risiko – religiöse Dogmen, kulturelle Grenzen und politische Macht setzen dem Erkenntnisdrang klare Schranken.
Der Film ist bewusst zugänglich, fast altmodisch inszeniert, und setzt auf Pathos, Romantik und klare Identifikationsfiguren. Doch wahrscheinlich erklärt gerade das seine anhaltende Popularität. Wer Der Medicus schätzt, sucht oft weniger historische Genauigkeit als das Gefühl, in eine fremde Welt einzutauchen und dabei an etwas Größerem teilzuhaben: an Wissen, Sinn und moralischen Prüfungen.
Der Name der Rose (1986)
Wo Der Medicus erklärt, lässt Der Name der Rose zweifeln: Das mittelalterliche Kloster wird zum Denkraum, Schauplatz für Mordermittlungen und theologischen Debatten zugleich. In Jean-Jacques Annauds Adaption von Umberto Ecos gleichnamigen Roman ist Wissen gefährlich und Humor eine Bedrohung.
Der Film kreist um dieselben Motive wie Der Medicus – Glaube, Erkenntnis, Macht –, aber deutlich intellektueller und skeptischer. Sean Connerys Mönch ist weniger Heiler als Analyst. Für alle, die das Medicus-Gefühl mögen, aber eine strengere, etwas philosophischere Auslegung suchen, ist Der Name der Rose der logische nächste Schritt.
Der englische Patient (1996)
Historie als Erinnerung, Wissen als Fragmen: Der englische Patient verbindet persönliche Leidenschaft mit geopolitischen Umbrüchen. Auch hier stehen Außenseiter im Zentrum, Menschen zwischen Kulturen und Loyalitäten. Im Vergleich zu Der Medicus ist der Film deutlich melancholischer, weniger zielgerichtet, aber emotional fundierter.
In Anthony Minghellas Liebesdrama (u.a. mit Ralph Fiennes, Juliette Binoche und Willem Dafoe) wird Geschichte nicht überwunden, sondern erinnert – und genau darin liegt seine Nähe zu den großen, weltumspannenden Erzählungen dieser Liste.
Das Parfum – Die Geschichte eines Mörders (2006)
Wenn man so will, ist Tom Tykwers Verfilmung das dunkle Gegenstück zum Medicus-Prinzip. Auch hier steht ein Außenseiter im Zentrum, auch hier ist Erkenntnis der Schlüssel – doch sie führt nicht zu mehr Humanität, sondern zu drastischer Entmenschlichung. Jean-Baptiste Grenouille (Ben Whishaw) besitzt ein fast übermenschliches Geruchstalent, das ihn gewissermaßen zu Gott und Monster zugleich macht.
Der historische Hintergrund dient hier nicht für eine filmische Bildungsreise, sondern als sinnliche Hölle. Im Vergleich zu Der Medicus wirkt Das Parfum kälter, radikaler, aber auch exsitenzieller. Wer am Medicus vor allem die immersiv inszenierte Epoche und die obsessive Suche nach Erkenntnis schätzt, findet hier eine konsequent auf das Verstörende setzende Spielart.
The Fountain (2006)
Kein klassischer Historienfilm, aber thematisch durchaus verwandt: The Fountain verknüpft mehrere Zeitebenen und Erzählformen zu einer Meditation über Sterblichkeit, Liebe und die Obsession, den Tod zu überwinden. Hugh Jackman spielt darin Varianten ein und derselben Figur verschiedener Jahrhunderte: Forscher, Eroberer, Suchender. Wie Der Medicus stellt der Film die Frage, wie weit der Mensch gehen darf, um Leben zu retten – Darren Aronofsky allerdings rückt den Fokus von äußerer Handlung auf innere Erfahrung, weg von der Geschichte ins Fantastische.
Wissenschaft, Spiritualität und Emotion fließen dabei ineinander, und Erkenntnis wird nicht erklärt, sondern sinnlich erfahrbar gemacht. Für alle, die am Historienkino weniger Handlung als Sinnsuche interessiert, ist The Fountain die radikal poetische Fantasy-Entsprechung.
Agora – Die Säulen des Himmels (2009)
Alejandro Amenábars Agora verlegt den Konflikt von Wissen und Glauben ins antike Alexandria: Rachel Weisz spielt die Philosophin Hypatia, deren wissenschaftliche Neugier in einer zunehmend radikalisierten Welt keinen Platz mehr hat. Wie Der Medicus erzählt der Film von Bildung als Hoffnung – hier aber endet sie tragisch.
Agora ist kälter, politischer und pessimistischer und zeigt Fortschritt als etwas überaus Fragiles. Wer am Medicus vor allem die Idee liebt, dass Erkenntnis vermeintlich fremde Welten versöhnen kann, wird hier mit der bitteren Gegenüberlegung konfrontiert.
Die Päpstin (2009)
Sönke Wortmanns Historiendrama ist vielleicht der nächste Verwandte von Der Medicus: Die Päpstin erzählt vom Bildungsweg einer Frau (Johanna Wokalek) im Mittelalter, die sich Wissen aneignet, um zu überleben – und schließlich Macht zu erlangen. Auch hier kollidieren Erkenntnisdrang, Religion und gesellschaftliche Ordnung.
Der Film bleibt in seiner Inszenierung konventionell, manchmal sogar brav, doch gerade darin liegt seine Stärke: Er folgt der Erzähllogik des Historienepos, ohne zynisch zu werden. Bildung bedeutet hier zuerst Emanzipation, aber auch sie hat einen Preis. Wer Der Medicus mochte, weil er Wissen als subversive Kraft in einer dogmatischen Welt zeigt, wird auch diesen Film schätzen.
Die Königin und der Leibarzt (2012)
Nicolaj Arcels Historienfilm erzählt von der kurzen Phase der Aufklärung am dänischen Hof des 18. Jahrhunderts – und davon, wie gefährlich Ideen sein können. Im Zentrum steht der deutsche Arzt Johann Friedrich Struensee (Mads Mikkelsen), der durch medizinisches Wissen und aufgeklärtes Denken politischen Einfluss gewinnt. Wie Der Medicus verbindet der Film Bildung mit sozialem Aufstieg, allerdings ohne Abenteuerpathos.
Der Hof ist kein Ort der Neugier, sondern der Intrigen. Im Vergleich zum Medicus wirkt Die Königin und der Leibarzt nüchterner, intimer und stärker auf Machtmechanismen fokussiert. Ein idealer Titel für diese Liste, weil er zeigt, wie Wissen nicht nur heilt, sondern bestehende Ordnungen destabilisiert – und daran scheitern kann.
Silence (2016)
Martin Scorseses radikal ernster Film über jesuitische Missionare im Japan des 17. Jahrhunderts stellt den Glauben selbst in Frage. Zwei junge Priester (Andrew Garfield, Adam Driver) reisen voller religiöser Gewissheit in eine fremde Kultur – und werden dort mit Leid, Gewalt und moralischen Grauzonen konfrontiert, für die ihre Überzeugungen keine Antworten bereithalten.
Kulturbegegnung wird hier zur Zumutung, Erkenntnis zur Qual. Silence ist langsam, fordernd, kompromisslos – und ein wichtiger Gegenpol zum zugänglicheren Bildungsnarrativ des Medicus. Wer wissen will, wie düster und schmerzhaft diese Stoffe gedacht werden können, ist hier richtig.
Waiting for the Barbarians (2019)
Waiting for the Barbarians ersetzt konkrete Historie durch Allegorie – und passt dennoch hervorragend in diese Liste. In einem namenlosen Imperium verwaltet ein Grenzbeamter (Mark Rylance) einen abgelegenen Außenposten und beginnt zunehmend an der Gewalt zu zweifeln, die im Namen von Ordnung und Zivilisation ausgeübt wird. Als ein sadistischer Gesandter des Systems (Johnny Depp) auftaucht, wird aus administrativer Routine schließlich eine moralische Bewährungsprobe.
Wissen ist hier kein Buchwissen wie in Der Medicus, sondern eine Form von Einsicht: das Erkennen von Unrecht. Abenteuerpathos fehlt fast vollständig, stattdessen dominieren existenzielle Leere und Fragen nach Schuld und Verantwortung. Doch das zentrale Motiv bleibt vertraut: Ein Einzelner erkennt, dass das System, dem er dient, auf Lügen beruht. Ein stiller, unbequemer Film für jene, die Historienkino als ethische Versuchsanordnung begreifen – nicht als blanken Eskapismus.







































































































































































































































