
Diese 10 Filme fühlen sich an wie eine Weltreise
Nicht jeder Reisefilm dreht sich ums Ankommen. Manchmal ist es das Taxi, das durch fünf Städte gleichzeitig rollt. Manchmal ist es ein Zug durch Rajasthan, der lauter spricht als jeder Reiseführer. Und manchmal sind es 30 Jahre auf einem Kontinent, die sich wie eine einzige, sehr lange Nacht anfühlen – die Art von Nacht, nach der man nicht mehr dieselbe Person ist.
Diese 10 Filme benutzen die Welt als Kulisse, aber keiner von ihnen ist wirklich ein Film über Sehenswürdigkeiten. Sie handeln davon, was mit Menschen passiert, wenn sie sich aus ihrem gewohnten Leben herausreißen, freiwillig – oder weil das Leben ihnen schlicht keine andere Wahl gelassen hat.
Europa, Südostasien, Mexiko, Japan, Hongkong, die Türkei: Die Orte wechseln, aber die Fragen bleiben dieselben. Wer bist du, wenn dich niemand kennt? Was erwartest du eigentlich vom Leben? Und warum benötigst du manchmal erst einen anderen Kontinent, um das herauszufinden?
Richard Linklater hat 30 Jahre gebraucht, um eine Liebesgeschichte zu erzählen, und das ist nicht zu lang, sondern genau richtig. Jesse und Céline begegnen sich in einem Zug von Budapest nach Wien, reden eine Nacht durch, und wer glaubt, das klingt nach wenig, hat Before Sunrise noch nicht gesehen.
Linklater lässt die beiden einfach gehen, durch Gassen, über Brücken, an Brunnen vorbei, und was dabei entsteht, ist kein Tourismusfilm, sondern das Gefühl, dass ein Gespräch eine ganze Welt sein kann. Before Sunset spielt dann in Paris, neun Jahre später, enger, drängender, mit dem Wissen im Raum, was damals nicht gesagt wurde. Und Before Midnight ist die finale Abrechnung: laut, unbequem und ehrlich. Als Trilogie ist das eines der ehrlichsten Porträts einer Beziehung, die das Kino je gewagt hat, und Europa ist dabei nie Dekoration, sondern immer Mitspieler.
Jim Jarmusch hat sich eines Abends hingesetzt und gedacht: Was wäre, wenn ich fünf Taxifahrten in fünf Städten gleichzeitig zeige und einfach schaue, was passiert? Was passiert, ist Night on Earth. Los Angeles, New York, Paris, Rom, Helsinki – in jeder dieser Kabinen entfaltet sich eine eigene Welt, mal laut und chaotisch und mal so still, dass man aufhört zu atmen.
Jarmusch lässt sich dabei die Zeit, die er braucht, und das Schöne ist, dass man ihm diese Zeit nie anmerkt – man sitzt einfach drin und fährt mit. Der Monolog des römischen Taxifahrers allein ist mehr wert als mancher abendfüllende Spielfilm. Und wer am Ende aussteigt, hat das seltsame Gefühl, wirklich woanders gewesen zu sein, ohne das Sofa verlassen zu haben.
Das Gepäck ist maßgefertigt, der Zug fährt durch Rajasthan, und die drei Brüder reden trotzdem nicht miteinander, zumindest nicht über das, was wirklich zählt.
Wes Anderson schickt seine Männer in The Darjeeling Limited auf eine Reise, die als spirituelle Selbstfindung geplant ist und sich schnell als sehr teures Ausweichen entpuppt. Indien ist dabei alles andere als Kulisse: Es ist laut, es riecht, es schiebt sich in jede Szene, egal wie penibel Anderson den Bildausschnitt komponiert.
Genau dieser Widerspruch zwischen dem kontrollierten Anderson-Universum und dem unkontrollierbaren Subkontinent macht den Film so lebendig. Darunter liegt etwas Echtes: drei Männer, die nach dem Tod ihres Vaters nicht wissen, wie sie füreinander da sein sollen, und die hoffen, dass ein Zug das irgendwie richten wird.
Bob Harris ist 50, in Tokio gestrandet und wach. Das Hotel ist zu groß, die Nächte sind zu lang, und der Whisky-Werbespot, für den er eingeflogen wurde, fühlt sich mit jedem Tag absurder an.
Sofia Coppola hat mit Lost in Translation einen Film gedreht, der weniger über Japan erzählt als über das Gefühl, irgendwo zu sein, ohne wirklich anwesend zu sein. Und wie aus dieser gemeinsamen Verlorenheit etwas entsteht, das sich echter anfühlt als alles, was die beiden zu Hause haben.
Charlotte, frisch verheiratet, wohnt im selben Hotel. Was die beiden miteinander anfangen – die langen Nächte, das Reden ohne Agenda, das gemeinsame Nichtstun –, lässt Coppola klug genug offen. Tokio brummt und leuchtet um sie herum, absolut gleichgültig gegenüber ihrer kleinen Krise. Das Flüstern in der letzten Szene gehört zu den klügsten Momenten, die das Kino der Nullerjahre zu bieten hat, und auch wer es nie ganz versteht, versteht es irgendwie trotzdem.
In diesem Film passiert nicht viel, und trotzdem hält man den Atem an. Wong Kar-wai erzählt in In the Mood for Love von zwei Nachbarn im Hongkong der frühen Sechziger, deren Partner sie betrügen, und von der Nähe, die sich zwischen ihnen aufbaut wie Feuchtigkeit in einem alten Haus: Man merkt es erst, wenn es schon überall ist.
Maggie Cheung und Tony Leung spielen zwei Menschen, die genau wissen, was sie füreinander empfinden, und die sich trotzdem dazu entscheiden, nichts zu tun. Und diese Entscheidung ist schwerer und dramatischer als jede Liebesszene, die ein anderer Regisseur hier hingesetzt hätte. Kar-wai dreht in Zeitlupe, in engen Treppenhäusern, bei Licht, das aussieht wie ein Gemälde kurz vor dem Verblassen. Wer den Film einmal gesehen hat, hört die Musik von Shigeru Umebayashi nie wieder ohne dieses Bild vor Augen.
Irgendwo in diesem Film kreuzen sich zwei Särge – einer reist von Deutschland in die Türkei, einer von der Türkei nach Deutschland. Das ist kein Zufall und keine Metapher, das ist der Takt, nach dem Auf der anderen Seite läuft.
Fatih Akin verknüpft sechs Leben aus Hamburg und Istanbul miteinander – über Verluste, Zufälle und Entscheidungen, die noch lange nachwirken, selbst bei Menschen, die sich nie begegnen.
Keiner bekommt eine einfache Auflösung, weil Akin seinen Figuren diese Höflichkeit verweigert. Dass dabei auch noch ein sehr genaues Porträt zweier Städte entsteht, die sich ähnlicher sind, als ihre Bewohner wahrhaben wollen, fühlt sich fast beiläufig an – ist es aber natürlich nicht.
Ein Motorrad, zwei Freunde, ein Kontinent – und die langsam wachsende Erkenntnis, dass das Abenteuer, das sie sich vorgestellt haben, ein ganz anderes ist als das, auf das sie stoßen werden.
Walter Salles erzählt in Die Reise des jungen Che, wie Ernesto Guevara und Alberto Granado 1952 von Buenos Aires aus durch Südamerika fahren, und er tut das ohne jedes revolutionäre Pathos, was eine sehr kluge Entscheidung ist. Der Film wird dadurch nie zur Ikonen-Hagiografie, sondern bleibt das, was er ist: ein Roadmovie über einen jungen Mann, der die Welt sieht, wie sie wirklich ist, und danach nicht mehr so tun kann, als hätte er es nicht gesehen.
Gael García Bernal spielt diese wachsende Verstörung mit einer Zurückhaltung, die überzeugender ist als jeder Monolog. Und Südamerika selbst – die Weite, die Armut und die Schönheit – dringt in jede Einstellung hinein.
Alfonso Cuarón lässt eine Stimme aus dem Off erzählen, was außerhalb des Autos und am Rand dieser Reise passiert – während die beiden Teenager konsequent nicht zuhören. Genau darin liegen der Witz und der eigentliche Kern von Y Tu Mamá También.
Tenoch und Julio fahren durch Mexiko, reden über Sex und streiten sich um dieselbe Frau – während Alfonso Cuarón im Hintergrund ständig zeigt, wie anders das Leben außerhalb ihrer privilegierten Welt aussieht.
Maribel Verdú gibt Luisa eine Tiefe, die den Film noch lange trägt, nachdem die letzte Szene vorbei ist, und Gael García Bernal und Diego Luna spielen ihre Freundschaft mit einer Chemie, die sich nie erkauft anfühlt. Cuarón hat hier etwas Seltenes geschafft: einen Film, der auf der Oberfläche nach Sommer riecht und darunter nach etwas ganz anderem.
Die Karte existiert wirklich, sagt der Verrückte im Nachbarzimmer, und kurz darauf ist er tot und Richard hält sie in der Hand. Danny Boyle weiß von Anfang an, dass The Beach eine Geschichte über eine Lüge ist, und er lässt Leonardo DiCaprio mit echter Energie in diese Lüge hineinlaufen. Richard sucht das Paradies und findet es tatsächlich, zumindest kurz – eine Insel in Thailand, eine Gemeinschaft, Meer und Stille und das Gefühl, endlich angekommen zu sein. Dann kippt es.
Boyle dreht Südostasien mit einer Energie, die nie in Reisefotografie kippt, und die zweite Hälfte hat eine Dunkelheit, die der erste Trailer sorgfältig versteckt hat. Kein perfekter Film, aber einer mit der richtigen Frage im Gepäck: Was passiert mit dem Paradies, wenn zu viele Leute davon wissen?
Zwei marokkanische Jungs schießen mit einem Gewehr auf einen Reisebus, weil sie testen wollen, wie weit es trägt. Was danach passiert, reicht bis nach Tokio.
Alejandro González Iñárritu baut in Babel eine Welt, in der alles zusammenhängt und sich trotzdem niemand versteht, und er tut das ohne den erhobenen Zeigefinger, der Filmen mit dieser Ambition so oft den Hals bricht. Was den Film trägt, sind nicht die eleganten Verbindungen zwischen den Handlungssträngen, sondern die Menschen darin – eine mexikanische Nanny, die eine Grenze überquert und dabei alles riskiert, ein japanisches Mädchen, das nicht sprechen kann und trotzdem gehört werden will.
Rinko Kikuchi trägt in ihrer Rolle eine ganze Einsamkeit in sich, ganz ohne Worte, und das ist der Moment, in dem der Film aufhört, ein Konstrukt zu sein, und anfängt, wirklich wehzutun.
























































