Das Kinojahr 2025 war sicherlich reich an großen Namen, Blockbustern und Streaming-Großereignissen – doch einige der interessantesten Filme gingen beinahe geräuschlos unter. Gerade abseits von Marketing-Coups und jenseits algorithmischer Empfehlungen, tummeln sich Werke, die leiser, eigensinniger und oft nachhaltiger wirken als viele der breit beworbenen Titel.
Sie erzählen von Einsamkeit und Gewalt, von Erinnerung und Begehren, von Kapitalismus, Kunst und Kontrollverlust – manchmal experimentell, manchmal überraschend zugänglich. Die folgende Liste versammelt zehn Filme, die 2025 mehr Aufmerksamkeit verdient gehabt hätten.
10. Freaky Tales
Ein Episoden-Film, der wirkt wie ein filmisches Mixtape aus Nostalgie, Popkultur und Martial-Arts: In mehreren lose verbundenen Geschichten beschwört Freaky Tales ein urbanes Amerika der späten Achtziger und frühen Neunziger herauf, irgendwo zwischen Videothekenästhetik, B-Movie-Exzess und sozialem Kommentar.
Der Film erinnert an frühe Arbeiten von Quentin Tarantino, ohne deren narrative Geschlossenheit zu suchen. Stattdessen setzt er auf Atmosphäre und Energie, auf Figuren, die eher spannende Skizzen als präzise Psychogramme sind. Darin liegt der Reiz: Freaky Tales ist roh, überladen und manchmal absurd – aber dabei immer unterhaltsam. Ein Film, der lieber zu viel will als zu wenig und dabei hängen bleibt. Und: Pedro Pascal ist auch dabei.
9. Caught Stealing
Wer hätte gedacht, dass Darren Aronofsky sich einmal für einen Heist-Movie interessieren würde? Caught Stealing folgt einem New Yorker Barkeeper (Austin Butler), der zunehmend tiefer in ein Netz aus Schuld und falschen Entscheidungen gerät und bald vor skurril überzeichneten Unterweltgestalten fliehen muss – nicht weil er eine kriminelle Ader hätte, sondern schlicht weil er zur falschen Zeit am falschen Ort war.
Der Film erinnert in seinem Tonfall an frühe Safdie-Arbeiten, bleibt dabei aber kontrollierter im Stil, wirkt bisweilen fast melancholisch. Caught Stealing ist kein lauter Genrebeitrag, sondern ein nervöser und elegant inszenierter Film über das Gefühl, in der eigenen Stadt keinen sicheren Ort mehr zu haben.
8. Grand Theft Hamlet
Was zunächst wie ein kurioser Gag klingt, entpuppt sich als erstaunlich ernsthafte und überraschend berührende Auseinandersetzung mit Kunst, Spiel und digitalem Raum. Grand Theft Hamlet dokumentiert ein Shakespeare-Projekt, das zwei britische Theaterschauspieler während der Pandemie vollständig innerhalb der Welt von GTA Online realisiert haben – inklusive Proben, Aufführungen und unvorhersehbarer, oft absurder Begegnungen mit anderen Spielerinnen und Spielern.
Der Film nutzt diese Störungen nicht als Gimmick, sondern als produktiven Teil seiner Erzählung. Er fragt, was Theater im 21. Jahrhundert sein kann, wenn Öffentlichkeit fragmentiert, Aufmerksamkeit flüchtig und Räume zunehmend virtuell werden. Dabei geht es letztlich weniger um Shakespeare als um Gemeinschaft: um das beharrliche Bedürfnis nach Austausch, Bedeutung und kollektiver Erfahrung – selbst dort, wo man sie am wenigsten erwartet.
7. The Assessment
Ein Science-Fiction-Film, der seine dystopische Prämisse nicht ausstellt, sondern in einem Aspekt des Alltags nüchtern durchdekliniert: In The Assessment ist die Erde unwirtlich geworden, Ressourcen knapp und Elternschaft damit zu einem seltenen und bürokratisch überwachten Privileg. Mia (Elizabeth Olsen) und Aaryan (Himesh Patel) wollen ein Kind – und müssen dafür zunehmend absurde Tests durchlaufen, für die eine staatliche Prüferin (Alicia Vikander) bei ihnen einzieht.
Die Idee des Films erinnert dabei durchaus an Werke wie Gattaca, verzichtet jedoch auf große Weltentwürfe zugunsten einer deutlich intimen, fast kammerspielartigen Situation. The Assessment interessiert sich weniger für Rebellion als für Anpassung. Ein kühler, präziser und vielleicht gerade deswegen erschreckender Film.
6. Sorry, Baby
Das Regiedebüt von Eva Victor nähert sich einem Trauma nicht über das auslösende Ereignis, sondern über das Danach, in dem Sprache brüchig wird und Nähe immer wieder ihre Wirkung verfehlt: Sorry, Baby folgt einer jungen Frau, die nach einem sexuellen Übergriff versucht, ihren Alltag neu zu ordnen – ohne große Gesten, ohne Katharsis.
Die fragmentarische Erzählweise, die zwischen Zeiten und Situationen springt, erinnert an Kelly Reichardt (First Cow) oder Dramen wie Aftersun, bleibt dabei jedoch bewusst unspektakulär. Der Film beobachtet kleine Verschiebungen: abgebrochene Gespräche, zögernde Freundschaften, routinierte Ablenkungen. Die Stärke von Sorry, Baby liegt in der Zurückhaltung – und im Vertrauen darauf, dass emotionale Wahrheit vor allem im Leisen entsteht.
5. The Mastermind
Dass Kelly Reichardts Filme auch 2025 oftmals noch als Geheimtipps gelten, ist angesichts ihrer Schönheit beinahe absurd – und doch symptomatisch. The Mastermind fügt sich nahtlos in ihr Werk ein: Ein scheinbar kleiner Film über Macht, Kontrolle und das langsame Auseinanderfallen sozialer Gefüge. Die Handlung folgt dem arbeitslosen Tischler JB Mooney, gespielt von Josh O’Connor, der mindestens so sehr aus Ennui wie aus finanzieller Not heraus und einen Kunstraub plant. Vier Gemälde sollen aus einem kleinen Museum in Massachusetts verschwinden, der Raub von anderen ausgeführt werden – doch die Kontrolle über den Plan entgleitet ihm.
Kelly Reichardt interessiert weniger der Coup als seine Folgen: Das Kippen von Loyalitäten, die Unsicherheit sozialer Bindungen, die Illusion von Überlegenheit. The Mastermind erzählt leise und präzise von Macht ohne Größe – und von einem Mann, der glaubt zu lenken, während er längst getrieben ist.
4. Das Mädchen mit der Nadel
Ein historisches Drama, das sich weigert, Geschichte als abgeschlossene Vergangenheit zu behandeln. Das Mädchen mit der Nadel erzählt von Armut, Körperpolitik und weiblicher Ausbeutung in einer Gesellschaft, die Moral predigt und Gewalt bedingt. Der dänische Film ist kühl inszeniert, fast dokumentarisch, und entfaltet gerade dadurch eine enorme emotionale Wucht.
Vergleiche mit Filmen wie Das weiße Band oder Portrait einer jungen Frau in Flammen drängen sich auf, auch wenn der Ton hier deutlich rauer als bei Céline Sciamma ist, und nahezu keine Wärme zulässt. Ein unbequemer Film, der lange nachwirkt.
3. Kein Tier. So Wild.
Ein deutscher Film, der sich radikal gegen naturalistische Erwartungen stellt und seine Wucht gerade aus der bewussten Überhöhung bezieht: Kein Tier. So Wild. ist lose von Shakespeares Richard III. inspiriert und überträgt dessen Macht- und Gewaltlogik in eine zeitgenössische, urbane Umgebung – und auf eine weibliche Hauptfigur.
Im Zentrum steht Rashida (grandios: Kenda Hmeidan), die den klassischen Aufstieg des Intriganten als radikale Selbstermächtigung verkörpert. Entscheidend ist dabei die Sprache – artifiziell, rhythmisiert, oft brutal präzise. Dialoge dienen weniger der psychologischen Erklärung denn als Machtdemonstration. Worte werden zu Waffen, Sprache selbst zum Schauplatz der Gewalt. Kein leicht zugänglicher Film, aber einer, der zeigt, wie kraftvoll deutsches Kino sein kann, wenn es sich traut.
2. Train Dreams
Trotz Netflix-Präsenz bislang erstaunlich wenig besprochen – bedenkt man die tragische Schönheit dieses Films. Basierend auf der gleichnamigen Novelle von Denis Johnson erzählt Train Dreams vom Leben eines einfachen Arbeiters (Joel Edgerton) im frühen 20. Jahrhundert, vom Preis des Fortschritts, von Heimatlosigkeit und der Einsamkeit der Moderne. Der Film verzichtet auf klassische Dramatisierung und setzt stattdessen auf die Gravitas von Zeit, Natur und Rhythmus.
In seiner kontemplativen Haltung erinnert Train Dreams bisweilen an Terrence Malick (Ein verborgenes Leben), bleibt aber deutlich nüchterner. Train Dreams ist ein bestechend zärtlicher Film über das Verschwinden – von Lebensformen, Menschen, Gewissheiten – und einer der Höhepunkte des Kinojahres.
1. Memoiren einer Schnecke
Ein Animationsfilm, der sich einfacher Niedlichkeit verweigert und stattdessen eine zutiefst menschliche Geschichte von Rückzug und Verlust erzählt. Memoiren einer Schnecke begleitet Grace, eine scheue Frau, die nach dem Tod ihres Zwillingsbruders immer weiter in sich selbst verschwindet – und bald eine obsessive Liebe zu Schnecken entwickelt.
Der Film nutzt Stop-Motion nicht als Gimmick, sondern als emotionales Ausdrucksmittel: Jede Bewegung wirkt fragil, jeder Blick schwer. Viele Jahre nach Mary & Max gelingt Adam Elliot erneut ein Werk, das gekonnt zwischen Melancholie und stiller Wärme balanciert.



































































































































































































































