Diese zehn Filme haben in Cannes die längsten Standing Ovations erhalten

Diese zehn Filme haben in Cannes die längsten Standing Ovations erhalten

Oliver Baumgarten
Oliver Baumgarten

Veröffentlicht am 15. Mai 2026

Aktualisiert am 16. Mai 2026

In der Welt des Kinofilms existieren viele verschiedene Währungen, mit denen Filmschaffende ihren Erfolg messen: das Einspielergebnis zum Beispiel oder der Gewinn bedeutender Preise. Auf den Filmfestspielen in Cannes jedoch, einem der drei bedeutendsten Filmfestivals der Welt, gibt es einen ganz speziellen Goldstandard: Seit vielen Jahren machen es sich Journalist:innen zur Gewohnheit, auf Premieren im Wettbewerb die Länge des abschließenden Applauses zu messen, der aus Begeisterung, aber durchaus auch aufgrund der Filmlängen, gerne im Stehen absolviert wird.

Diese „Standing Ovations” sind tatsächlich insofern eine eigene Währung, als dass sie nicht sonderlich viel über die Preiswürdigkeit aussagen – Länge des Beifalls und Vergabe der Goldenen Palme stehen wahrlich nicht im zwingenden Verhältnis zueinander. Vielmehr sagt die Länge stehender Akklamation vor allem etwas über die Beschaffenheit des Publikums aus. Trotzdem: Wer es schafft, das edle Cannes-Publikum zu 22 Minuten Applaus zu motivieren (das ist der bisherige Rekord), hat definitiv einen fesselnden Film gemacht. Auf Grundlage einer aus verschiedenen Quellen zusammengetragenen Liste folgen hier jene zehn Filme der Cannes-Geschichte, die das Publikum zu längsten Beifallsstürmen animiert haben – in aufsteigender Reihenfolge.

Die ersten fünf Plätze der Top Ten teilen sich Filme, denen es jeweils gelungen ist, das Publikum nach dem Abspann für 15 Minuten Beifall von den Sitzen zu reißen. Darunter befindet sich Sergio Leones Epos, das bis heute als Opus Magnum des italienischen Regisseurs gilt und als einer der wichtigsten und einflussreichsten Beiträge zur jüngeren US-Geschichte aus der Perspektive migrantisch geprägter Gangstermilieus. Eine fantastische Riege an Schauspieler:innen, überwältigende Bilder des Kameramannes Tonino Delli Colli und die unvergessliche emotionale Musik Ennio Morricones tragen bis heute dazu bei, das Publikum bis zum Ende zu fesseln. Leone, Coppola und Scorsese haben den epischen US-Mafiafilm geprägt wie niemand sonst – der opernhafte Pathos, den Leone so meisterhaft traf, bleibt jedoch für immer dessen einzigartige Spezialität.

02

The Paperboy
Zu ebenfalls 15 Minuten Standing Ovations animierte Lee Daniels’ historischer Thriller. Es ist definitiv ein Beispiel dieser Liste, das etwas verwundert. The Paperboy ist kein Film, der in irgendeiner Weise zu einem Kanon zählt, der bedeutende Preise gewonnen oder gar an der Kinokasse überzeugt hätte, im Gegenteil. Trotzdem soll er bei der Premiere das Publikum in Cannes wie beschrieben begeistert haben. Vielleicht ist der Film damit auch schlicht ein Beleg für diese ganz eigene, unerklärliche, aber faszinierende Dynamik eines Festivals, die Stimmungen zu schaffen vermag, die schon eine Woche nach Abschluss kaum mehr nachvollziehbar erscheinen. Mit Nicole Kidman, Zac Efron, Matthew McConaughey und John Cusack hervorragend besetzt, spielt der Film Ende der 1960er Jahre und erzählt auf durchaus spannende Weise vom Versuch eines Reporters, die Unschuld eines vermeintlichen Mörders zu beweisen.
Über alle Zweifel erhaben ist natürlich dieses Sozialdrama der belgischen Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne, das in Cannes ebenfalls mit 15 Minuten Schlussapplaus geehrt wurde. Auf intensive Weise erzählen die Dardenne-Brüder die Geschichte der jungen Sandra, die um ihren Arbeitsplatz kämpft. Der Betrieb hat ihren Kolleg:innen eine Geldprämie versprochen, wenn sie für Sandras Entlassung stimmen. Nun sucht Sandra alle auf, um sie umzustimmen. Marion Cotillard spielt die Hauptrolle in diesem 95-minütigen Drama, das auf meisterhafte Weise die sozialen Mechanismen des Kapitalismus aufzeigt. Für ihre bewegende Darstellung wurde Marion Cotillard 2015 für einen Oscar nominiert.
Nadine Labakis Drama vermag damals wie heute sein Publikum gehörig durchzuschütteln mit seiner bewegenden Geschichte über das Leben eines Jungen in ärmsten Verhältnissen in Beirut. Über sechs Jahre hinweg erstreckte sich die Produktion des Films. Ihre enorme Kraft und Intensität verdanken die 126 Minuten vor allem Labakis Ansatz, mit dokumentarischen Mitteln zu erzählen, was nicht nur Kameraarbeit und Schauplätze einbezieht, sondern insbesondere auch, dass nahezu ausschließlich Laien besetzt sind. Dieses teils erschütternde Werk erhielt in Cannes 2018 tatsächlich nicht nur 15 Minuten Standing Ovations, sondern auch drei Preise, zog anschließend um die Welt und wurde 2019, den Libanon repräsentierend, als Bester fremdsprachiger Film 2019 für einen Oscar nominiert.
Im selben Jahrgang wie Capernaum – Stadt der Hoffnung wurde Alice Rohrwachers Glücklich wie Lazzaro in Cannes uraufgeführt und ebenfalls mit 15 Minuten Dauerapplaus belohnt. Auch Rohrwachers Film ist ein Plädoyer für Gemeinschaft und Zusammenhalt angesichts der Skrupellosigkeit des kapitalistischen Systems und seiner Nutznießer. Ihr wunderschöner Neorealismus, mit einem Hauch von Magie versehen, wurde in Cannes ebenso nicht von der Jury übersehen und erhielt den Drehbuchpreis.

06

The Neon Demon
Der dänische Regisseur Nicolas Winding Refn hatte in Cannes 2011 den Regie-Preis für Drive (2011) erhalten und wurde 2016 erneut in den Wettbewerb eingeladen. Mitgebracht hatte er diesmal einen vom Body-Horror inspirierten Hochglanz-Thriller, der sich kritisch mit Schönheitsideal und Modelbusiness auseinandersetzt. Die Hauptrolle spielt Elle Fanning, die zur Drehzeit zwar erst 16, aber als Kinderstar fast schon ein alter Hase im Beruf war. Bei der Premiere erntete der 117-minütige Film genau 17 Minuten Standing Ovations – was ihn nicht davor bewahrte, an der Kinokasse eher durchzufallen.
Ähnlich wie schon bei The Paperboy überrascht es aus heutiger Sicht ein wenig, dass angesichts all der Meisterwerke, die in Cannes gelaufen sind, ausgerechnet Mud – Kein Ausweg auf Platz 4 der längsten Standing Ovations der Cannes-Geschichte gelandet ist. 18 Minuten soll der Applaus gedauert haben. Wer weiß schon im Nachhinein, welche Festivalereignisse dazu geführt haben mögen: Das Schöne an solchen Listen ist ja, dass der damit verbundene Ruhm bleibt. Wie in The Paperboy spielt auch hier Matthew McConaughey die Hauptrolle, diesmal einen Flüchtigen, der sich auf einer Flussinsel versteckt und sich mit zwei Jungs aus der Gegend anfreundet. Das unterschwellige Mark-Twain-Setting mag viele gerührt haben, doch es hat nicht dazu geführt, dass der Film in Deutschland einen Kinostart bekam. Umso schöner, dass er wenigstens als Stream verfügbar ist und wir ihm nun vom Sofa aus applaudieren können. Wer mag, kann dafür auch aufstehen.
Ein europäisches Filmphänomen im Jahr 2025 war Joachim Triers Sentimental Value: egal, wo er gelaufen ist, er wurde durchweg gefeiert und die gesamte Saison durch mit Preisen versehen. 19 Minuten Standing Ovations gab es bei der Premiere in Cannes und später von der Jury noch den Spezialpreis oben drauf. Es folgten u.a. sechs Europäische Filmpreise sowie der Oscar für den Besten Internationalen Film. Großartig gespielt und exzellent inszeniert traf das Familiendrama um zwei Schwestern, die sich ihrem entfremdeten Vater anzunähern versuchen, der als Filmregisseur ein Comeback feiert, einen ganz speziellen Nerv. Insbesondere für die norwegische Schauspielerin Renate Reinsve bedeutet der 133-minütige Film einen enormen Schub ihrer international sowieso schon eindrucksvollen Karriere. So spielt sie neben Chiwetel Ejiofor die Hauptrolle im heiß erwarteten Thriller Backrooms (2026).

09

Fahrenheit 9/11
Eine hohe Kunst des Filmemachens besteht u.a. darin, mit einem Film sowohl das Publikum als auch eine fachkundige Jury zu begeistern. Absolut gelungen ist das 2004 dem legendären US-Krawall-Dokumentarfilmer Michael Moore. Ganze 20 Minuten hatte sich das Premierenpublikum in Cannes nach dem Film zum Applaus erhoben, und die Jury sprach dem Film später die Goldene Palme zu. Michael Moores im Stil gewohnt provokanter und stark subjektiv geprägter Film beleuchtete kritisch die Politik des damaligen US-Präsidenten George W. Bush im Nachgang zu Nine-Eleven und war ganz unverhohlen dazu gedacht, Argumente gegen seine Wiederwahl zu liefern. Damit ist der lange Applaus ganz klar auch als politisches Statement des Publikums zu lesen. Einen derart politisierenden und agitierenden Film hatte jedenfalls nicht nur Cannes lange nicht gesehen: Der 122-minütige Film sorgte weltweit für mächtigen Rummel.

10

Pans Labyrinth
22 Minuten und damit die längsten Standing Ovations im Cannes-Wettbewerb aller Zeiten erhielt 2006 Guillermo del Toros eigenwilliges Fantasydrama. Bei 118 Minuten Lauflänge bedeutet das, es kam bei der Premiere nochmal ein Fünftel der Zeit für Applaus drauf. Ob das ein Rekord für die Ewigkeit sein wird, muss sich zeigen – definitiv aber würdigte damit das Publikum einen Film, der irgendwie stellvertretend für Cannes Werte stehen könnte: Große Emotionen und künstlerische Visionen vereinen sich in einer zweiten Ebene mit gesellschaftlichen Themen zu einem Ereignis, das das Kino als Erlebnisort feiert. Und so gesehen hat diese Liste mit Pans Labyrinth eindeutig einen würdigen Spitzenreiter.

Über diese Liste

Titel

10

Gesamtkosten fürs Ansehen

13,46 €

Gesamtlaufzeit

21h 48min

Genres

Drama, Produziert in Europa, Fantasy

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