
Mutanten-Marathon: Alle X-Men-Animationsserien in der richtigen Reihenfolge
Bevor es die Realfilme mit Hugh Jackman gab, und bevor das MCU überhaupt ans Comicverfilmen dachte, liefen die X-Men schon im Vorabendprogramm. Generationen von Kindern haben ihre erste Begegnung mit Wolverine, Storm und Magneto nicht im Kino gehabt, sondern am Samstagmorgen vor dem Fernseher.
Das erklärt, warum die Zeichentrick-X-Men bis heute eine eigene, treue Fangemeinde haben. Über mehr als drei Jahrzehnte hinweg entstanden gleich sechs eigenständige Serien – jede mit eigenem Look, eigenem Ton und eigener Interpretation der Comicvorlage.
Am 1. Juli 2026 sind X-Men '97 mit einer zweiten Staffel auf Disney+ zurückgekehrt. Wer die komplette Geschichte noch einmal chronologisch erleben möchte, findet hier die richtige Reihenfolge aller animierten X-Men-Serien.
Ein Zweiteiler über gejagte Mutanten und ein Team, das gerade erst zusammenfindet, eröffnete im Herbst 1992 eine Serie, die das Mutanten-Genre im Fernsehen über Jahrzehnte prägen sollte. X-Men (1992), hierzulande oft auch X-Men: The Animated Series genannt, lief fünf Staffeln lang auf Fox Kids und adaptierte dabei direkt aus den Comics bekannte Handlungsbögen wie die Dark-Phoenix-Saga oder Days of Future Past.
Für ein Samstagvormittagsprogramm besaß die Serie damit eine erzählerische Tiefe, die ihresgleichen suchte. Cal Dodd lieh Wolverine seine raue Stimme, während Cedric Smith als Professor X für die ruhige moralische Mitte sorgte. Die Animation war je nach Staffel unterschiedlich solide, aber die Geschichten um Vorurteil, Ausgrenzung und Zusammenhalt trafen einen Nerv, der bis heute nachwirkt. Ohne diesen Ursprung hätte sich das Mutanten-Franchise im Fernsehen nie zu dem entwickelt, was es heute ist.
Mit einem kompletten Neuanfang reagierte Marvel auf den Kinoerfolg der ersten X-Men-Realverfilmung und verlegte die Handlung kurzerhand an eine ganz normale Highschool. In X-Men: Es geht weiter (2000), im Original X-Men: Evolution, besuchen Cyclops, Jean Grey, Rogue und ihre Mitschüler die fiktive Bayville High, während sie nebenbei lernen, ihre Kräfte zu kontrollieren und sich gegen Magnetos Bruderschaft zur Wehr zu setzen.
Mit dieser Verjüngung der Besetzung wollten die Macher ein jüngeres Publikum direkt ansprechen, ohne die Konflikte zwischen Mutanten und Menschen zu verwässern. Besonders gelungen ist die Einführung der jungen Figur X-23, die später sogar ihren Weg zurück in die Comics fand. Wer die klassische Serie kennt, wird in X-Men: Es geht weiter viele vertraute Namen in ungewohnt jugendlicher Form wiedertreffen, und genau dieser Kontrast macht den Reiz dieser vier Staffeln aus.
Eine einzige Staffel reichte aus, um bei Fans bis heute für Diskussionen über die nie produzierte Fortsetzung zu sorgen. Wolverine and the X-Men (2009) setzt nach einer Explosion an, die das Xavier-Institut zerstört und Professor X sowie Jean Grey verschwinden lässt, woraufhin ausgerechnet Wolverine die Rolle des Teamleiters übernehmen muss.
Logan ist kein geborener Anführer, und genau das bleibt über die ganze Staffel hinweg spürbar. Gegenwartshandlung und Rückblenden verweben sich zu einer möglichen Zukunft, in der die Mutant Response Division die Oberhand gewonnen hat, und diese Zeitebene gibt der Geschichte eine ungewohnt düstere, fast dystopische Note. Steve Blum sprach hier zum wiederholten Mal Wolverine und brachte eine Härte in die Rolle, die zur erwachseneren Erzählweise passte. Aus Budgetgründen blieb es bei dieser einen Staffel, was den offenen Cliffhanger umso bitterer macht.
Für ein japanisches Publikum neu gedacht, verlegte Marvel seinen wohl bekanntesten Mutanten ganz bewusst nach Japan und ließ das Animationsstudio Madhouse die Geschichte erzählen. In Wolverine (2011) reist Logan nach Tokio, um seine verschwundene Freundin Mariko Yashida zu retten, die von ihrem eigenen Vater in eine arrangierte Ehe mit einem Verbrecherboss gezwungen werden soll.
Die Serie verzichtet fast vollständig auf das übrige X-Men-Ensemble und konzentriert sich stattdessen auf Yakuza-Intrigen, Schwertkämpfe und Wolverines ungebremste Brutalität. Dadurch bekommt Wolverine einen deutlich härteren Ton als alle bisherigen Adaptionen. Der Verzicht auf ein großes Ensemble erlaubte es den Produzenten außerdem, tiefer in Logans Vergangenheit und seine Beziehung zu Ehre und Schuld einzutauchen, als es eine klassische Teamserie je könnte. Kompromissloser als in dieser Serie zeigt sich der Antiheld nirgendwo sonst im Franchise.
Direkt im Anschluss an die Wolverine-Anime-Serie brachte Madhouse das gesamte Team nach Japan und ließ es dort gegen eine neue Bedrohung antreten. In X-Men (2011) reisen Cyclops, Storm, Beast und Professor X nach Tokio, um das Verschwinden mehrerer junger Mutanten aufzuklären, das sich schnell als Werk der U-Men entpuppt, einer Organisation, die mutantische Organe für ihre eigenen Zwecke missbraucht. Schon die erste Folge nimmt keine Rücksicht auf zarte Gemüter, wenn Jean Grey stirbt und Cyclops sich fortan mit seiner Trauer und seiner neuen Führungsrolle auseinandersetzen muss.
X-Men übernimmt dieselbe visuelle Sprache wie sein Wolverine-Pendant, wirkt dabei aber durch das größere Ensemble noch verschachtelter und ambitionierter in seinen Charakterbögen. Für alle, die wissen wollen, wie ein japanisches Animationsstudio das X-Men-Konzept ganz ohne amerikanische Vorlage neu zusammensetzt, ist das zwölfteilige Experiment Pflichtprogramm.
27 Jahre nach dem Ende der Originalserie setzt X-Men '97 (2024) die Geschichte exakt dort fort, wo sie aufgehört hatte, und überspringt dabei elegant jede Konkurrenzserie der Zwischenzeit. Nach dem Tod von Professor X stehen die Mutanten plötzlich ohne ihren moralischen Anker da, während ausgerechnet Magneto die Führung des Teams übernimmt, eine Volte, die nur funktioniert, weil die Serie sich die Zeit nimmt, seine Motive ernst zu nehmen.
Cal Dodd, Alison Sealy-Smith und George Buza kehrten in der Originalvertonung als Sprecher von Wolverine, Storm und Beast zurück, eine Kontinuität zur Vorlage aus den Neunzigern, die selten so direkt umgesetzt wird. Gleichzeitig traut sich X-Men '97 an Themen wie Verlust, politische Radikalisierung und die Frage, wie viel Vertrauen man in Institutionen stecken sollte, die einen nie wirklich gewollt haben. Das Ergebnis ist eine seltene Fortsetzung, die ihre Vorlage versteht, ohne sich an sie zu klammern.





















