
Der vergessene Denzel-Washington-Film, den du nach „Spider-Man: Brand New Day“ sehen musst
Jeman fängt an, zu summen. Ein Kollege im Revier, eine Fremde auf dem Gehsteig, der Mann an der Bushaltestelle, immer dieselbe Melodie, immer derselbe alte Rolling-Stones-Song. Fragt man nach, erinnert sich niemand daran. Das ist die beste Idee eines Films, den 1998 kaum jemand sehen wollte, und der Grund, warum Dämon – Trau keiner Seele (1998) mit Denzel Washington ausgerechnet jetzt wieder im Gespräch ist. Denn Spider-Man: Brand New Day (2026) arbeitet mit exakt derselben Regel: Der Gegner steckt nie in sich selbst. Er trägt das Gesicht von Freunden, Kollegen, Unbeteiligten, und wer ihn treffen will, prügelt auf Unschuldige ein. Peter Parker (Tom Holland) tappt damit in die gleiche Falle wie vor knapp drei Jahrzehnten ein Detective in Philadelphia. Der hatte allerdings keine Superkräfte. Nur eine Dienstwaffe und ein sehr schlechtes Gefühl.
Worum es in „Dämon – Trau keiner Seele“ geht
Detective John Hobbes, gespielt von Denzel Washington, hat den Serienmörder Edgar Reese (Elias Koteas) hinter Gitter gebracht und sieht ihm bei der Hinrichtung zu. Vorher greift Reese nach seiner Hand und hält einen Monolog in einer Sprache, die niemand versteht. Später stellt sich heraus: Er sprach auf Aramäisch. Kurz darauf gehen die Morde weiter, mit exakt der Handschrift des Toten.

Hobbes ermittelt, gerät selbst unter Verdacht und lernt von der Theologin Gretta Milano (Embeth Davidtz), womit er es zu tun hat: Azazel, ein gefallener Engel, der Menschen durch Berührung in Besitz nimmt und von Wirt zu Wirt weiterzieht. An Hobbes’ Seite stehen sein Partner Jonesy (John Goodman) und Vorgesetzter Lt. Stanton (Donald Sutherland), in einer seiner frühen Rollen ist auch James Gandolfini dabei. Regie führte Gregory Hoblit, das Drehbuch schrieb Nicholas Kazan.
Die Parallele zu Spider-Man
Die Regel ist in beiden Filmen dieselbe, die Folgen sind es nicht. Azazel wechselt den Wirt durch bloße Berührung, und jeder neue Körper kündigt sich an, indem er Time Is on My Side von den Rolling Stones anstimmt. Im Revier fährt der Dämon einmal quer durch die Belegschaft, spottet aus dem Gesicht eines Kollegen und ist im nächsten Moment jemand anders. Fragt Hobbes hinterher nach, weiß niemand etwas von einem Lied.

In Brand New Day greift die Gegnerin ebenso auf fremde Körper zu und schickt Menschen aus Peters Umfeld gegen ihn ins Feld. Der Unterschied liegt in der Fallhöhe. Peter hat ein Netz aus Verbündeten, Kräfte und eine Stadt, die zu ihm hält. Hobbes hat eine Dienstwaffe, Kollegen, die ihn bald selbst für den Täter halten, und niemanden, dem er das alles erzählen könnte, ohne für verrückt gehalten zu werden.
Warum der Film 1998 unterging
Die Zahlen waren damals ernüchternd. Rund 46 Millionen Dollar kostete die Produktion, gut 25 Millionen spielte sie ein. Der Start Mitte Januar 1998 fiel in die Wochen, in denen James Camerons Schiffsdrama Titanic (1997) sämtliche Rekorde brach und die Säle blockierte. Dazu kamen durchwachsene Kritiken, Roger Ebert etwa fand die Idee besser als ihre Ausführung, und ein mäßiges Publikumsurteil. Auch Washington selbst war 1998 noch nicht der Kassenmagnet, der er später wurde. Es folgte ein Jahr mit gleich mehreren Enttäuschungen. Kurios am Rande: Ursprünglich wurde Arnold Schwarzenegger für die Hauptrolle umworben. In Deutschland startete der Film Ende März 1998 und verschwand danach recht zügig aus den Sälen. Bis heute ist es der einzige echte Horrorfilm in Washingtons Laufbahn geblieben.
Warum er heute besser funktioniert als damals
Der Film ist langsam, und das war 1998 ein Vorwurf. Heute ist es sein Kapital. Hoblit, der zwei Jahre zuvor mit Zwielicht (1996) den damals unbekannten Edward Norton auf die Leinwand gebracht hatte, erzeugt seinen Schrecken ohne große Effektschau: ein Händedruck, ein Blick zu lange, eine Melodie von der falschen Straßenseite. Für Azazels Sicht wählt er ein verzerrtes, gelbstichiges Bild, das die Regel des Films erklärt, ohne dass jemand sie aussprechen müsste. Washington spielt Hobbes als grundanständigen Mann, dem der Boden unter den Füßen weggezogen wird, und Goodman gibt den Partner, an dem man sich festhält, solange es geht. Am Ende steht eine Wendung, über die bis heute gestritten wird und die hier niemand verrät. Nach Brand New Day sollte das der zweite Film des Abends sein. Er ist definitiv der unheimlichere von beiden.


































