
War Ted Kaczynski trans? Was hinter der Debattenszene in „Unabomber“ steckt
Eine unangenehme Debatte wird in Unabomber (2026) plötzlich persönlich. Der junge Ted Kaczynski (Jacob Tremblay), der später als „Unabomber“ mit tödlichen Briefbombenanschlägen bekannt wird, hat zuvor gesagt, er fühle sich in seinem eigenen Körper nicht richtig. Mr. C (Gus Halper) greift diese Aussage auf, unterstellt ihm, Frauenkleider tragen zu wollen, und versucht, ihn vor den anderen bloßzustellen. Der Film, der seit dem 25. September bei Netflix läuft, greift das Thema danach kaum noch auf. Doch Kaczynski beschäftigte sich später tatsächlich mit Fragen zu seinem Geschlecht – unter anderen Umständen, als die Szene nahelegt.
Mr. C macht aus Teds Vertrauen eine Waffe
Professor Henry Murray (Russell Crowe) und Christiana Morgan (Annabelle Wallis) geben Ted zunächst das Gefühl, er nehme an einem wissenschaftlichen Debattierprogramm teil. Tatsächlich wollen sie beobachten, was passiert, wenn Studenten gezielt persönlich angegriffen werden. Dinge, die Ted zuvor in vertraulichen Gesprächen preisgegeben hat, tauchen deshalb plötzlich in den Debatten wieder auf. Auch seine Aussagen über den eigenen Körper landen auf diese Weise vor Publikum.

Mr. C versucht nicht, mit ihm über Geschlechtsidentität zu sprechen. Er will ihn bloßstellen. Dadurch kann die Szene leicht so wirken, als verrate der Film hier beiläufig, Ted habe sich selbst als Frau verstanden. So eindeutig sind die historischen Quellen allerdings nicht.
Das reale Erlebnis fand Jahre nach Harvard statt
Was der Film hier verarbeitet, geschah 1966. Kaczynski studierte zu dieser Zeit bereits Mathematik an der University of Michigan. Nach seinen späteren eigenen Angaben hatte er über mehrere Wochen intensive sexuelle Fantasien, in denen er sich als Frau vorstellte. Er dachte sogar über eine geschlechtsangleichende Operation nach und vereinbarte deshalb einen Termin bei einem Psychiater. Als er dort saß, brachte er es jedoch nicht über sich, über sein eigentliches Anliegen zu sprechen. Stattdessen erzählte er dem Arzt von Depressionen und seiner Angst vor einer möglichen Einberufung zum Militär – seine Gedanken über eine Operation verschwieg er.
Diese Episode ist unter anderem durch die psychiatrische Untersuchung dokumentiert, die Dr. Sally Johnson 1998 während Kaczynskis Strafverfahren anfertigte. Dafür sprach sie ausführlich mit ihm und wertete auch ältere persönliche Aufzeichnungen aus. Unabomber erfindet den Kern der Geschichte also nicht, verschiebt ihn aber zurück in Kaczynskis Harvard-Zeit und verbindet ihn mit Murrays Experimenten.
War Ted Kaczynski deshalb trans?
Mehr als sechzig Jahre später lässt sich Kaczynski keine eindeutige Geschlechtsidentität zuschreiben. Sicher ist, dass er zeitweise darüber nachdachte, als Frau zu leben, und eine Operation so konkret erwog, dass er deswegen einen Arzt aufsuchte. Ob er sich selbst dauerhaft als Frau verstand, geht aus den bekannten Quellen dagegen nicht hervor. Kaczynski beschrieb die Gedanken später selbst vor allem im Zusammenhang mit Sexualität und seinen Schwierigkeiten, Beziehungen zu Frauen aufzubauen. Er behauptete rückblickend sogar, dass der Wunsch nach einer Operation für ihn ausschließlich erotisch motiviert gewesen sei. Wie viel Gewicht man dieser späteren Erklärung geben sollte, lässt sich kaum bestimmen. Sie stammt außerdem aus einer Zeit, in der es für Fragen rund um Geschlechtsidentität weder dieselbe Sprache noch dieselben gesellschaftlichen Möglichkeiten gab wie heute.
Wichtig ist auch, diese Episode nicht mit Kaczynskis psychischer Erkrankung oder seinen späteren Verbrechen zu vermischen. Die psychiatrischen Untersuchungen beschäftigten sich mit vielen Teilen seines Lebens. Aus seinen Gedanken über eine mögliche Transition lässt sich aber keinerlei Zusammenhang mit der Gewalt ableiten, für die er später verantwortlich war.
Der Arztbesuch beschäftigte Kaczynski noch Jahre später
Für Kaczynski selbst scheint der Termin trotzdem eine enorme Bedeutung gehabt zu haben. In seinen Aufzeichnungen schilderte er, wie Scham und Frustration nach dem Arztbesuch in Wut umschlugen. Auf dem Heimweg habe er erstmals sehr bewusst Gewaltfantasien entwickelt. Rückblickend beschrieb er diesen Tag als einen Wendepunkt in seinem Leben. Zwischen diesem Erlebnis und seinen ersten Bombenanschlägen lagen allerdings viele Jahre. Der Arztbesuch erklärt seine spätere Gewalt deshalb nicht. Auffällig ist eher, wie wichtig Kaczynski selbst dieser Moment war – offenbar sogar wichtiger, als er später Murrays berüchtigte Experimente einschätzte.

Der Film baut daraus eine direkte Verbindung, die es historisch so nicht gab. Er nimmt ein sehr persönliches Erlebnis aus Kaczynskis späterem Leben und bringt es in die Harvard-Debatten, wo Mr. C es gegen ihn verwenden kann. Deshalb wirkt die Bemerkung über Teds Körper zunächst wie ein überraschender Seitenweg, tatsächlich greift sie aber etwas Reales auf, das Kaczynski selbst noch Jahrzehnte später beschäftigte.











