Wie Tim Curry im Londoner Bus seinen Frank-N-Furter fand – und was von ihm bleibt

Wie Tim Curry im Londoner Bus seinen Frank-N-Furter fand – und was von ihm bleibt

Veröffentlicht am29. August 2026

Aktualisiert am29. August 2026

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Tim Curry hat in seiner langen Karriere viele extravagante Filmrollen gespielt. Clowns, Dämonen, Butler und Piraten waren darunter. Er hat auf der Bühne gestanden, gesungen und zahllosen animierten Figuren seine unverwechselbare Stimme geliehen. Doch die Rolle, die ihn bis zuletzt begleitete, entstand ganz am Anfang seiner Karriere – und zum Teil durch einen Zufall.

Der britische Schauspieler, der gerade im Alter von 80 Jahren gestorben ist, war damals 27, als er im Jahr 1973 am Londoner Royal Court Theatre erstmals als „Dr. Frank-N-Furter“  auftrat. Richard O’Briens „The Rocky Horror Show“ war damals noch kein Kultphänomen, und für den exaltierten Wissenschaftler im Zentrum gab es kaum Vorbilder. Tim Curry musste also erst einmal herausfinden, wie er diese unvergleichliche Figur spielen sollte.

Beim Kostüm half ein Korsett, bei der Stimme eine Begegnung

Dazu gehörte auch die Frage, wie Frank-N-Furter überhaupt sprechen sollte. Tim Curry probierte zunächst einen deutschen Akzent aus, was bei einem verrückten Wissenschaftler mit einem so klingenden Namen durchaus nahe lag. Dann probierte er es mit einem amerikanischen. Beides aber verwarf er schließlich wieder, beides klang zu klischeebeladen und abgegriffen. 

Tim Curry Rocky Horror Picture Show

Die Lösung fand Tim Curry schließlich nicht auf der Bühne, sondern in einem Londoner Bus. Dort hörte er eine vornehme Frau darüber sprechen, ob jemand ein Haus „in town“ oder „in the country“ besitze. Er kannte diesen speziellen, kühlen Tonfall als das Englisch der Londoner Oberschicht. Und plötzlich hatte Frank seine Stimme: Frank-N-Furter, entschied er, sollte wie die Queen klingen.

Zwei Jahre später dann war diese Stimme erstmals im Kino zu hören. Bei seinem ersten Auftritt in The Rocky Horror Picture Show (1975) fährt Frank-N-Furter in einem offenen Aufzug hinab und begegnet den frisch verlobten Brad und Janet, die nach einer Autopanne ausgerechnet in seinem Schloss nach Hilfe suchen. Er öffnet seinen Umhang. Darunter kommen Korsett, Netzstrümpfe und Perlen zum Vorschein. 

Dann setzt Tim Curry schließlich zu „Sweet Transvestite“ an – und die Stimme, tief und maskulin, durchaus vornehm, passt eigentlich überhaupt nicht zu dem, was man sieht. Und deshalb passt sie perfekt. Denn im Grunde funktioniert vieles an Frank-N-Furter so, macht sogar seine DNA aus, wenn man so will: Der verrückte, durchaus grausame Wissenschaftler aus alten Horrorfilmen trifft auf „Glamrock“-Chic und den Wunsch nach sexueller Befreiung. 

Dass das funktioniert und nicht beliebig wirkt, liegt auch daran, dass Tim Curry diese Mischung in seinem Spiel vollkommen ernst nimmt. Er macht sich nicht über Frank lustig und lädt auch das Publikum nicht dazu ein. Natürlich ist The Rocky Horror Picture Show „komisch“, überdreht und voller Camp. Ihre Figuren sind Fantasien und wandelnde sexuelle Anspielungen. Über alledem aber eben auch tatsächlich anziehend und begehrenswert.

Vom Flop zum Mitternachtsritual

Für Tim Curry war es seine erste Filmrolle – und zunächst sah wenig danach aus, als würde sie ihn ein Leben lang begleiten. Als The Rocky Horror Picture Show im September 1975 in den USA anlief, blieb das Publikum weitgehend aus, weshalb der Film schon nach wenigen Wochen wieder aus vielen Kinos genommen wurde. Was wie ein ziemlich kurzes Nachleben eines erfolgreichen Bühnenmusicals aussah, entwickelte sich allerdings bald in eine unerwartete Richtung.

Zunächst fiel in Los Angeles auf, dass eine kleine Schar von Fans immer wieder in den gleichen Film ging. Im April 1976 begann dann das Waverly Theater in New York, das Werk regelmäßig um Mitternacht zu zeigen. Dort bildete sich schließlich nach und nach jenes Ritual heraus, das heute so berühmt ist wie der Film selbst: Dieselben Zuschauerinnen und Zuschauer kamen Woche für Woche, konnten die Dialoge bald auswendig und begannen, der Leinwand zu „antworten“. 

Tim Curry Rocky Horror Picture Show

Die Midnight-Screenings verbreiteten sich in andere amerikanische Städte, das Publikum kam kostümiert, brachte Requisiten mit und tanzte gemeinsam den „Time Warp“. Gegen Ende der Siebziger traten schon die ersten sogenannten „Shadow Casts“ vor der Leinwand auf und spielten den Film nach, während er hinter ihnen zu sehen war. Aus dem Flop wurde allmählich Kult.

Tim Curry und der Schatten des Frank-N-Furter

Für Tim Curry war das nicht nur angenehm. Seine erste Filmfigur begann, ein Eigenleben zu entwickeln, während er selbst noch am Anfang seiner Karriere stand. Später erzählte er, dass er nach The Rocky Horror Picture Show eine Zeit lang sehr darauf bedacht gewesen sei, deutlich zu machen, dass Frank-N-Furter und Tim Curry nicht dieselbe Person waren.

Doch auch wenn The Rocky Horror Picture Show die anderen Stationen einer langen Karriere überstrahlte, brachte sie weitere markante Darstellungen hervor: Tim Curry wurde unter anderem zum Fürsten der Finsternis in Ridley Scotts Legende (1985), zu Long John Silver in Muppets – Die Schatzinsel (1996) und, allen voran, zu Pennywise in Stephen Kings Es (1990). Dazu kamen zahlreiche Theater- und Musicalrollen sowie eine kaum zu überschauende Zahl an Sprechrollen. 

Tim Curry Seine besten Filme

Vielleicht konnte er deshalb später auch entspannter auf die Figur zurückblicken. Zum 50. Jubiläum von Rocky Horror erzählte Tim Curry noch einmal die Geschichte von der Frau im Bus. Und erst vergangenes Jahr erinnerte er sich daran, wie riskant die Rolle Anfang der Siebziger gewesen war. Ihre offene Sexualität, ihre Androgynität, das lustvolle Durcheinanderbringen dessen, was männlich oder weiblich aussehen und klingen sollte – Tim Curry wusste, dass er sich damit weit aus dem Fenster lehnte.

„Ich hielt es für riskant, und das war es tatsächlich auch“, sagte er 2025 dem Guardian. „Aber ich mag Risiken. Ich würde mich immer für das Risiko entscheiden. Das ist die beste Art, zu leben.“

Glamour und Kulturkampf: Eine Performance, die aktuell bleibt

Womöglich ist Frank-N-Furter über die Jahrzehnte nicht zuletzt deshalb so interessant geblieben, weil sich an dieser Figur, ihrem Potenzial zu provozieren, im Verlaufe der Jahrzehnte viel über die Entwicklung des Zeitgeistes ablesen lässt. 

Im Jahr 1975 etwa genügte schon der erste Anblick von Tim Curry in Korsett, Netzstrümpfen und High Heels, um vertraute Vorstellungen von Männlichkeit lustvoll zu hinterfragen. In den Jahrzehnten danach verloren zumindest einige dieser Bilder ihren vermeintlichen Schrecken: Männer in Kleidern oder hohen Schuhen blitzten auch im Pop-Mainstream auf, auf Glamrock folgte „New Romantic“ und einige Zeit später wurde die Drag-Kultur populär. Auch The Rocky Horror Show selbst wurde zur Institution. 

Man hätte also annehmen können, Frank-N-Furter würde irgendwann historische Patina ansetzen. Im Jahr 2026 sieht es wieder deutlich weniger danach aus: Heute werden die Fragen hinter Frank-N-Furters äußerer Erscheinung wieder schärfer verhandelt, Geschlecht und sexuelle Identität sind hart umkämpfte Themen im Kulturkampf. Was für eine Weile nach unabänderlich gewonnener Freiheit ausgesehen haben mag, ist wieder Gegenstand politischer und gesellschaftlicher Auseinandersetzungen.

Tim Curry

Dabei ist Tim Currys exzentrischer Wissenschaftler selbst nichts, das sich auf eine eindeutige Botschaft reduzieren lässt: Er ist egoistisch und großzügig zugleich, komisch und bedrohlich, sowohl männlich als auch feminin, ein Befreier und ebenso Tyrann. Frank-N-Furter will weder Vorbild sein noch um Akzeptanz werben, sondern ist von vornherein überzeugt, dass er der interessanteste Mensch im Raum ist – und die anderen sich damit arrangieren müssen. Darin liegt bis heute etwas Befreiendes.

Tim Curry selbst wusste, dass die Zuschauerinnen und Zuschauer in dieser Figur etwas von Bedeutung finden. In seinen späteren Jahren sprach er mit Stolz darüber, dass „Rocky Horror“ seinem Publikum als Bestärkung diente, herauszufinden, wer man sein will, und es dann auch zu sein.

Nicht eine bestimmte Vorstellung davon, wie Anderssein aussehen soll, sondern die Selbstverständlichkeit, die Tim Curry in dieses Anderssein legte, ist wahrscheinlich auch das Entscheidende, das von dieser Figur bleibt.

Brad und Janet haben sich gerade verlobt und wollen ihren früheren Collegeprofessor besuchen, als sie wegen eines platten Reifens während eines Sturms Zuflucht in einem abgelegenen Schloss suchen müssen. Dort will der Transvestit Frank-N-Furter beim jährlichen Treffen für Besucher vom Planeten Transsylvanien gerade seine neueste Kreation, den blonden, muskelbepackten Rocky Horror, vorstellen. Im Laufe einer aufregenden Nacht verführt Frank sowohl Janet als auch Brad. Als Janet ihre neu gewonnene Lust an Sex auch mit Rocky teilt, hört der Spaß für Frank jedoch auf...

Über diese Liste

Titel

1

Gesamtkosten fürs Ansehen

5,99 €

Gesamtlaufzeit

1h 41min

Genres

Horror, Komödien, Science-Fiction

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