
10 Thriller mit Bösewicht-Enthüllungen, die niemand kommen sah
Es gibt zwei Sorten von Krimis, die einen wütend machen. Die eine ist die, in der am Ende ein Verdächtiger aus dem Off auftaucht, von dem vorher nie die Rede war. Die andere ist die, in der der Mörder ab Minute fünf im Bild ist.
Diese zehn Filme machen es anders. Sie lassen den Mörder die ganze Zeit mitspielen, oft prominent, geben ihm Dialoge, Mitleidsmomente, Kaffee mit den Ermittlern, und ziehen ihm im letzten Akt die Maske vom Gesicht. Man sieht dabei zu, ohne hinzusehen – das ist die Disziplin, um die es geht.
Spoiler gibt es hier keine. Nur die Garantie, dass jeder dieser Filme einen zweiten Durchlauf wert ist, weil man dann erst sieht, was beim ersten Mal alles vorbeigeflogen ist.
Edward Norton war 26 Jahre alt, hatte vor diesem Film keinen einzigen Spielfilm gedreht, und schickte der Casting-Direktorin Deborah Aquila ein Fax. So fängt die Hollywoodkarriere eines der besten Schauspieler seiner Generation an.
In Zwielicht (1996, Originaltitel Primal Fear) spielt er die Rolle des Ministranten Aaron Stampler, der einen Chicagoer Erzbischof in dessen Privatschlafzimmer abgeschlachtet haben soll. Richard Gere als Anwalt nimmt den Fall wegen der Schlagzeile, Laura Linney ist auf der Gegenseite, Frances McDormand spielt eine Psychiaterin.
Was Norton in der vorletzten Szene macht, ist eine dieser Leistungen, in denen ein Schauspieler die Tonart wechselt wie ein Pianist sein Stück – und das Publikum sitzt da und realisiert: Den habe ich zwei Stunden lang falsch eingeschätzt.
Gegen Norton vorgesprochen haben damals unter anderem Matt Damon, Leonardo DiCaprio und Pedro Pascal. Damon hat danach Good Will Hunting geschrieben und ist Filmstar geworden. DiCaprio sagte ab, weil er nach Gilbert Grape durchhing. Pascal hat zwanzig Jahre auf seinen Mando-Helm gewartet. Hollywood-Karrieren sind eine Frage der Reihenfolge.
„Who is Keyser Söze?“ – die wahrscheinlich am häufigsten gegoogelte Filmfrage der 90er, hätte es Google damals schon gegeben. Die üblichen Verdächtigen ist das Werk eines damals 29-jährigen Regisseurs (Bryan Singer) und eines damals 27-jährigen Drehbuchautors (Christopher McQuarrie), beide mit überschaubarem Vorwerk, beide gehen ins volle Risiko.
Kevin Spacey sitzt in einem Verhörzimmer und erzählt einem Zollinspektor (Chazz Palminteri) eine ausschweifende Geschichte über eine Schiffsexplosion mit 27 Toten. Was er erzählt, ist eine Lüge, aber das versteht man erst, wenn die Tasse mit dem Kobayashi-Schriftzug zu Boden fällt.
Zwei Oscars (Bester Nebendarsteller, Bestes Original-Drehbuch), Genrekanon, ungezählte Nachahmer. McQuarrie hat danach für Tom Cruise alle Mission: Impossible-Filme inszeniert, Singers Karriere ist Jahre später aus anderen Gründen kollabiert. Der Film bleibt davon unberührt – ein Glück, denn er erfindet das Konzept des unzuverlässigen Erzählers im Mainstream-Kino praktisch im Alleingang neu.
Es gibt Filme, deren Twist man kennt, bevor man sie gesehen hat. Psycho (1960) ist das Paradebeispiel: Norman Bates und seine Mutter sind eine Person, weiß jedes Kind, das jemals den Bates-Motel-Schriftzug gesehen hat. Trotzdem funktioniert der Film. Das liegt nicht am Twist, das liegt an Anthony Perkins, der diesen Norman mit einer Mischung aus Schüchternheit, Selbstmitleid und untergründiger Wut spielt, wie es vorher keiner gemacht hat und nach ihm auch keiner mehr.
Hitchcock lässt Janet Leigh – damals der größere Star – nach gut 47 Minuten in der Duschszene sterben, was 1960 ein Skandal war, weil Hauptdarstellerinnen sowas nicht einfach passierte. Bernard Herrmanns Streicher erledigen den Rest.
Robert Bloch hatte den Roman 1959 nach den Ed-Gein-Morden geschrieben, Hitchcock kaufte die Rechte für 9.000 Dollar, anonym, damit niemand auf die Preise spekuliert. Manchmal sind die besten Anekdoten die mit Buchhaltung.
Über keinen Film der späten 90er ist mehr Unsinn geschrieben worden als über Fight Club (1999). Männerkrise, Konsumkritik, Faschismus-Anbahnung, generationenübergreifendes Lebensgefühl – das volle Foren-Programm. Was dabei oft untergeht: Es ist auch ein technisch perfekt konstruierter Twist-Film.
David Fincher streut über zwei Stunden visuelle Hinweise – Frames, Spiegelungen, Bildlogik –, die das ganze Geheimnis vorab kommunizieren, ohne dass man sie beim ersten Mal sieht.
Edward Norton und Brad Pitt stehen im Mittelpunkt. Helena Bonham Carter als Marla Singer hält das Ganze emotional zusammen.
Nach Chuck Palahniuks Roman von 1996, Drehbuch Jim Uhls. Das Budget lag bei 63 Millionen Dollar, die Kinokasse bei mageren 100 Millionen, was den Film bei Erscheinen offiziell als Flop einsortierte. Heute ist er der meistdiskutierte 90er-Film, in dem zwei Männer in einem Keller aufeinander einprügeln.
James Wan und Leigh Whannell, zwei australische Filmstudenten Mitte 20, hatten 1,2 Millionen Dollar Budget und 18 Drehtage. Saw (2004) sieht entsprechend aus, und das ist nicht abwertend gemeint.
Zwei Männer hängen in einem heruntergekommenen Badezimmer, jeder an einem Bein angekettet, dazwischen eine Leiche, eine Pistole, ein Tonbandgerät und eine Stimme, die ihnen erklärt, dass sie einander oder sich selbst umbringen müssen. Cary Elwes (der Westley aus Die Braut des Prinzen, 1987) und Whannell selbst sind die beiden, Danny Glover spielt den ermittelnden Cop.
Der Twist in der letzten Minute ist eine dieser Schlusspointen, die das gesamte Subgenre umgeschrieben haben. 103 Millionen Dollar Box-Office bei den genannten 1,2 Millionen Budget, neun Sequels haben die Marke totgeritten, der Originalfilm bleibt straffer und brutaler, als die Reihe ihn heute aussehen lässt.
Wes Craven hatte 1996 schon Nightmare on Elm Street hinter sich und galt eigentlich als Veteran, der nichts Neues mehr zu sagen hatte. Dann landete Kevin Williamsons Drehbuch auf seinem Tisch und alles wurde anders.
Scream (1996) ist der Slasher-Film, der weiß, dass er ein Slasher-Film ist. Die Figuren reden über Horrorfilm-Regeln, kommentieren ihre eigene Lage und versuchen trotzdem, nicht zu sterben.
Drew Barrymore stirbt in der Eröffnungssequenz – die zwölf Minuten gehören zum Besten, was das Genre überhaupt zu bieten hat, und sie wurden bewusst so geschnitten, dass das Marketing den Eindruck erwecken konnte, Barrymore sei die Hauptdarstellerin. Sie war es nicht. Neve Campbell als Sidney Prescott trägt den Rest. Wer hinter der Ghostface-Maske steckt, ist beim Reveal eine doppelte Überraschung. Es ist eine der besten Casting-Entscheidungen der 90er. Sechs Sequels und ein siebter Film 2026 später bleibt der erste der schärfste.
Rian Johnson hatte gerade Die letzten Jedi gemacht und die halbe Star-Wars-Community gegen sich aufgebracht. Knives Out – Mord ist Familiensache (2019) war seine Antwort: ein klassischer Whodunnit, der den klassischen Whodunnit auf den Kopf stellt.
Daniel Craig als Privatdetektiv Benoit Blanc mit irrwitzigem Südstaaten-Akzent ermittelt im Tod des Bestseller-Krimi-Autors Harlan Thrombey (Christopher Plummer). Die Familie wird gespielt von Jamie Lee Curtis, Don Johnson, Michael Shannon, Toni Collette. Und Chris Evans ist der Enkel, der weiß, dass er ein Mistkerl ist, und es genießt.
Johnson lässt das Publikum in der ersten Stunde glauben, es habe die Lösung – ein Drehbuchtrick, der nur funktioniert, weil die Schauspieler ihn mittragen. Ana de Armas als Pflegerin Marta ist das emotionale Zentrum, und es ist kein Zufall, dass sie die Lateinamerikanerin ist, an deren Status sich die ganze Familie abarbeitet. Der Twist ist gut, der politische Subtext besser.
Vor seiner Prestige-Phase drehte James Mangold einen kleinen, eigenwilligen Thriller, der bis heute unterschätzt ist. Identität (2003, Drehbuch Michael Cooney) versammelt zehn Fremde in einem Wüstenmotel in Nevada während eines Unwetters, lässt sie nacheinander sterben und macht aus einem Agatha-Christie-Aufbau etwas, das mit Christie nichts mehr zu tun hat.
John Cusack als Chauffeur, Ray Liotta als Polizist, Rebecca De Mornay als alternde TV-Diva, Jake Busey als gefangener Mörder, Amanda Peet als Prostituierte. Wer der Mörder ist, ist nicht die eigentliche Frage. Was die Hauptfiguren miteinander verbindet, schon.
Der Twist verschiebt das ganze Genre des Films, und das ist eine Frechheit, die Mangold sich damals herausgenommen hat. Das Motel wurde auf Sony-Stage 27 in Culver City gebaut – derselben Sound Stage, auf der 1939 die Smaragdstadt für Der Zauberer von Oz stand. Kleine Fußnote für Filmnerds, ohne die diese Liste nicht vollständig wäre.
Christopher Nolan war Anfang 30, hatte einen Low-Budget-Film hinter sich und kein Geld für den nächsten. Bruder Jonathan pitchte ihm während einer Autofahrt eine Kurzgeschichte über einen Mann mit Gedächtnisstörung, Christopher machte daraus Memento (2000), seinen internationalen Durchbruch.
Guy Pearce spielt Leonard Shelby, der sich seit dem Mord an seiner Frau nichts mehr merken kann, was länger als ein paar Minuten her ist. Er tätowiert sich Hinweise auf den eigenen Körper, schreibt sich Polaroidnotizen, jagt einen Mörder, von dem er nicht mehr weiß, ob er ihn schon gefunden hat. Carrie-Anne Moss und Joe Pantoliano als Bekannte, denen er nicht traut, oder doch traut, das ist Leonards Problem, nicht unseres.
Die Geschichte wird rückwärts erzählt – jede Szene endet da, wo die vorherige anfing. Wer Leonard die ganze Zeit benutzt hat, ist der eigentliche Twist, und Nolan hat in Interviews später sinngemäß gesagt, die Antwort stehe klar im Film, nur wolle sie niemand sehen.
9 Millionen Dollar Budget, 40 Millionen weltweites Einspielergebnis, zwei Oscar-Nominierungen, 2017 ins National Film Registry aufgenommen. Brüder schreiben heute mit Brüdern, weil die Nolans es vorgemacht haben.
Johnny Depp in einer Phase, in der er noch ernst zu nehmende Filme gemacht hat – das ist heute, nach der Heard-Sache und ein paar Pirates-Filmen zu viel, schwer zu glauben.
Das geheime Fenster (2004) ist eine Stephen-King-Verfilmung von David Koepp. Depp spielt den geschiedenen Schriftsteller Mort Rainey, der allein in einer Hütte am See lebt und unter Schreibblockade leidet. Eines Tages steht ein wütender Hobbyschriftsteller (John Turturro, mit Strohhut, Südstaaten-Drohton und gefährlichster Höflichkeit der Filmgeschichte) vor seiner Tür und behauptet, Rainey habe seine Geschichte gestohlen.
Was wie ein klassisches Stalker-Set-up beginnt, dreht sich nach 70 Minuten in eine Richtung, die King-Leser ahnen können, die im Film aber trotzdem funktioniert – das Filmende weicht übrigens vom Buchende ab, das etwas düsterer war. Kein Meisterwerk, aber präzise gemacht, mit einer Philip-Glass-Filmmusik, die das Drehbuch deutlich höher trägt, als es verdient hätte.




















































