
„The Vampire Lestat“: Die 7 schrägsten Momente aus Folge 1
Nach zwei Staffeln wechselt Interview with the Vampire (2022) nicht nur den Titel, sondern auch die Perspektive. The Vampire Lestat (2026) basiert auf dem zweiten Band von Anne Rices Vampir-Chroniken und rückt Lestat de Lioncourt ins Zentrum. Bisher kannten wir ihn vor allem aus Louis’ Erinnerungen: als verführerischen, gewalttätigen und maßlos selbstbezogenen Vampir, der jede Beziehung in ein Machtspiel verwandelt. Lestat hält diese Darstellung erwartungsgemäß für eine Zumutung. Nun erzählt er seine eigene Version der Geschichte und nutzt dafür die größtmögliche Bühne: eine Rockband und eine Welttournee.
Die Auftaktfolge „Detroit“ macht sofort klar, wie stark sich die Serie verändert hat. Konzertfilm, Drogentrip, Familiendrama und schwarze Komödie wechseln sich beinahe im Minutentakt ab. Das ist nicht immer elegant, aber konsequent. Nachdem Louis zwei Staffeln lang die gemeinsame Vergangenheit aus seiner Sicht erzählte, übernimmt nun Lestat das Wort. Diese sieben Momente gehören zu den erstaunlichsten Szenen der ersten Folge.
1. Louis fehlt ein Fuß und Armand ein Auge
Bereits die Eröffnung macht deutlich, dass zwischen dem Beginn von Lestats Tournee und der späteren Gegenwart einiges schiefgehen wird. Bei einer Auktion werden die Besitztümer des angeblich verstorbenen Musikers versteigert. Unter den Interessenten befinden sich ausgerechnet Louis und Armand, die beide sichtbare Spuren der vergangenen Ereignisse tragen. Armand verbirgt ein Auge unter einer Klappe, Louis stützt sich auf einen Gehstock und hat einen Fuß verloren.

Erklärungen liefert die Episode zunächst nicht. Stattdessen übernimmt Lestats Stimme und führt die Handlung an den Anfang seiner Karriere zurück. Der Kunstgriff funktioniert, weil er dem folgenden Chaos ein konkretes Ziel gibt: Etwas wird diese drei Vampire schwer beschädigen und Lestat zumindest offiziell aus dem Verkehr ziehen. Anders als die späteren Absurditäten ist dieser Moment nicht komisch gemeint. Er erinnert daran, dass sich unter dem Glamrock weiterhin eine Geschichte über Menschen verbirgt, die sich seit Jahrzehnten lieben und zugleich hassen.
2. Lestat beschäftigt seinen eigenen Doppelgänger
Rockstars brauchen Tourmanager, Anwälte und Sicherheitspersonal. Lestat beschäftigt zusätzlich einen Mann, dessen wichtigste Aufgabe darin besteht, genauso auszusehen wie er. Nach den Konzerten übernimmt Jarda die öffentlichen Auftritte seines Arbeitgebers, besucht Restaurants, lässt sich von Paparazzi fotografieren und vermittelt den Eindruck, Lestat führe abseits der Bühne ein erstaunlich gewöhnliches Leben.

Anwältin Christine will damit sowohl seine nächtlichen Aktivitäten als auch die Vampirgerüchte als Teil einer kontrollierten Inszenierung erscheinen lassen. Noch merkwürdiger wird die Sache dadurch, dass Sam Reid beide Rollen spielt. Perücke und Kontaktlinsen reichen offenbar aus, um aus Lestat seinen eigenen Doppelgänger zu machen. Jarda könnte allerdings mehr sein als nur ein aufwendig organisierter Ablenkungstrick. Dass er in Europa entdeckt wurde und Lestat bis ins Detail ähnelt, liefert zumindest genug Stoff für Spekulationen über seine Herkunft.
3. Lestats Brust ist plötzlich voller Narben
In den ersten beiden Staffeln war Lestat selbst in seinen verletzlichsten Momenten beinahe unverschämt makellos. Detroit korrigiert dieses Bild. Als er mit freiem Oberkörper auf der Bühne steht, ist seine Brust von roten Narben überzogen. Sie stammen weder von Louis noch von Armand, sondern von einem Wolfsrudel, das Lestat angriff, als er noch ein Mensch war.

Die Folge greift damit einen wichtigen Abschnitt aus Anne Rices Roman auf, ohne ihn in einer langen Rückblende nachzuerzählen. Lestat merkt außerdem an, dass Louis seine Narben im Buch mit keinem Wort erwähnt habe. Sein Ex-Lover schilderte darin zwar ausführlich ihre von Gewalt, Abhängigkeit und Verrat geprägte Beziehung, ließ diesen sichtbaren Makel jedoch aus. Für Lestat ist das Beweis genug, dass Louis ihn noch immer liebt.
4. Kinder verkleiden sich als Claudia, Louis und Armand
In der Serie wurde Louis’ Lebensgeschichte als Buch veröffentlicht. Dadurch kennt die Öffentlichkeit auch Lestat, Claudia und Armand. Wie populär ihre Geschichte inzwischen geworden ist, zeigt eine Halloween-Szene vor Lestats Haustür: Mehrere Kinder sind als Claudia, Louis und Armand verkleidet.

Lestat reagiert wenig begeistert. Schließlich kennen ihn die Menschen vor allem aus Louis’ Erzählung, in der er als selbstverliebter und gewalttätiger Bösewicht erscheint. Die Szene ist witzig, aber nicht besonders glaubwürdig. Dass Kinder Figuren aus einem düsteren Buch für Erwachsene als Halloweenkostüme wählen, wirkt reichlich konstruiert. Lestat dürfte weniger die mangelnde Plausibilität stören als die Tatsache, dass Louis’ Version ihrer Geschichte inzwischen so populär ist, dass sie vor seiner Haustür lauert.
5. Ein Drogentrip führt zu einer Eiskunstlaufreferenz
Als Lestat von der jungen Verehrerin Baby Jenks trinkt, nimmt er unfreiwillig auch die Drogen in ihrem Blut auf. Kurz darauf schwebt sie an der Decke, Gesichter verformen sich und Lestat erlebt einen heftigen Horrortrip. Solche Bilder kennt man aus fast jedem Film über Musiker, die es mit den bewusstseinserweiternden Substanzen etwas zu gut meinen. Deutlich ungewöhnlicher ist seine Bezeichnung von MDMA und LSD als „Torvill und Dean der Halluzinogene“.

Jayne Torvill und Christopher Dean gewannen 1984 mit ihrer berühmten Boléro-Kür olympisches Gold im Eistanz und genießen vor allem in Großbritannien bis heute Kultstatus. Der Vergleich ist ziemlich speziell, passt aber zu einem Vampir, der seit Jahrhunderten kulturelle Referenzen sammelt und offenbar keine davon für zu alt oder zu britisch hält. Es ist einfach eine großartige Anspielung, die vermutlich nur ein kleiner Teil des Publikums sofort versteht.
6. Lestat uriniert Blut
Anne Rices Vampire weinen Blut, besitzen nach ihrer Verwandlung aber keinen funktionierenden menschlichen Stoffwechsel mehr. Essen, Verdauung und Toilettengänge sollten damit eigentlich erledigt sein. Detroit sieht das offenbar anders. Nach seinem unfreiwilligen Drogentrip steht Lestat mit zwei weiteren Vampiren am Urinal und pinkelt Blut.

Die Szene dauert nur wenige Sekunden, dürfte aber ausführlichere Diskussionen über die Anatomie der Unsterblichen auslösen als mancher zentrale Handlungsstrang. Im Gegensatz zum Drogentrip lässt sich der Moment kaum als bloße Halluzination abtun, da alle drei Vampire beteiligt sind. Entweder hat die Serie Anne Rices Mythologie verändert oder Lestat erzählt erneut eine Version der Ereignisse, bei der Wirkung wichtiger ist als Wahrheit. Beides passt zum neuen Erzähler. Louis wollte seine Vergangenheit aufarbeiten, aber Lestat möchte sein Publikum überwältigen. Elegant ist der Anblick eines blutgefüllten Urinals nicht, aber definitiv einprägsam.
7. Lestat küsst seine Mutter
Während der gesamten Folge schreibt Lestat intime Nachrichten an eine zunächst unbekannte Person. Vieles deutet darauf hin, dass Louis der Empfänger sein könnte. Erst am Ende erscheint Gabriella de Lioncourt und beendet diese naheliegende Vermutung. Sie ist nicht nur ein weiterer Vampir aus Lestats Vergangenheit, sondern seine Mutter.

Nach ihrer Ankunft bleibt es allerdings nicht bei einer familiären Umarmung. Lestat und Gabriella küssen sich leidenschaftlich, während er sie als seinen Schützling, seine Geliebte und seine Mutter bezeichnet. In Anne Rices Romanen heißt die Figur Gabrielle, und auch dort ist ihre Beziehung von einer Nähe geprägt, die weit über das Übliche zwischen Mutter und Sohn hinausgeht. Die Serie macht daraus gleich zum Auftakt eine unmissverständliche Ansage. Verglichen mit diesen Bildern wirkt selbst das blutige Urinal beinahe charmant.
Wer glaubte, House of the Dragon (2022) habe das Monopol auf komplizierte Familienverhältnisse, dürfte nach diesem Kuss ins Grübeln kommen. Die Serie lässt offen, wie viel Wahrheit in Lestats Schilderungen steckt. Nach zwei Staffeln voller widersprüchlicher Erinnerungen ist dieses Misstrauen längst Teil ihres Erzählprinzips. Niemand besitzt die Wahrheit, aber jeder beansprucht sie für sich.













