
Warum „The Last Sunrise“ im Film ganz anders endet als im Buch
Ry hat einen Sommer lang endlich einmal nicht nur an ihre Krankheit gedacht. Sie hat Mallorca erlebt, sich verliebt und mit Julián etwas gefunden, das sich verdächtig nach Zukunft anfühlt. Doch dann kommt das Ende von The Last Sunrise (2026), und der Film nimmt ihr und uns genau diese Sicherheit wieder. Das Buch endet dagegen völlig anders.
Nach Rys riskanter Hirnoperation stellt Julián sich im Film ihr noch einmal vor, als würden die beiden einander gerade zum ersten Mal begegnen. Hat sie ihn tatsächlich vergessen? Wer anschließend zu Anna Todds Roman The Last Sunrise greift, erlebt eine Überraschung: Dort bleibt das Ende keineswegs so grausam offen. Ry erinnert sich an Julián, und ein Epilog verrät sogar, wie es mit den beiden weitergeht. Dass Film und Buch ausgerechnet im entscheidenden Moment so weit auseinanderliegen, hat einen ungewöhnlichen Grund: Hier wurde nicht einfach ein Roman verfilmt.
Im Film wird aus Rys Liebesgeschichte ein Gedächtnisrätsel
Als Ry (Maia Reficco) mit ihrer Mutter Isolde (Eva Longoria) nach Mallorca reist, bestimmt ihre Krankheit schon so lange ihr Leben, dass medizinische Entscheidungen beinahe selbstverständlich zu ihrem Alltag gehören. Auf der Insel lernt sie Julián (Fernando Lindez) kennen und beschäftigt sich zum ersten Mal seit Langem weniger mit dem, was sie verlieren könnte, als mit dem, was ihr Leben gerade zu bieten hat.
Genau deshalb wiegt die Entscheidung für die Operation am Ende so schwer. Der Eingriff könnte Ry helfen, birgt aber ein erhebliches Risiko: Sie könnte Erinnerungen verlieren. Nachdem sich ihr Zustand verschlechtert hat, entscheidet sie sich dennoch dafür.

Anschließend lässt der Film das Publikum gemeinsam mit Julián rätseln, was von ihrem Sommer geblieben ist. Als er Ry wieder begegnet, stellt er sich mit seinem Namen vor, fast so, als müsste ihre Beziehung ganz von vorn beginnen. Eine eindeutige Antwort gibt es nicht. Vielleicht erkennt Ry ihn tatsächlich nicht mehr. Vielleicht kehren ihre Erinnerungen nur langsam zurück. Oder die beiden spielen ihr erstes Kennenlernen ganz bewusst noch einmal nach. Der Film lässt all diese Möglichkeiten nebeneinander bestehen und macht ausgerechnet die Liebesgeschichte, die Ry so viel Hoffnung gegeben hat, zu seiner größten offenen Frage.
Der Roman gönnt Ry und Julián eine klare Antwort
Anna Todds Roman ist an diesem Punkt wesentlich gnädiger. Nach der Operation erkennt Ry Julián sofort, womit die schlimmste Befürchtung ausgeräumt ist. Der Epilog schafft endgültige Klarheit: Ein Jahr später sind die beiden noch immer zusammen.
Dadurch verändert sich nicht nur die letzte Szene. Auch die Operation bekommt ein anderes Gewicht. Im Roman liegt die Spannung vor allem in der Frage, ob Ry den Eingriff übersteht und danach tatsächlich das Leben führen kann, auf das sie sich im Laufe der Geschichte wieder eingelassen hat. Der Film fragt zusätzlich, welchen Teil dieses neuen Lebens sie durch die Operation womöglich verloren hat.

Julián ist dabei mehr als eine flüchtige Sommerbekanntschaft. Ihre Beziehung steht für alles, was Ry sich trotz ihrer Krankheit wieder erlaubt hat: Nähe, Spontaneität und die Vorstellung, dass ihr Leben mehr sein kann als Arzttermine und die Angst vor der nächsten schlechten Nachricht. Sollte sie sich daran tatsächlich nicht mehr erinnern, wäre der emotionale Preis der Operation erheblich höher als im Roman.
Bei „The Last Sunrise“ kam das Drehbuch vor dem Buch
Bei einer gewöhnlichen Literaturverfilmung wäre schnell von einer großen Änderung der Romanvorlage die Rede. Nur passt dieses Schema hier überhaupt nicht. Todd verkaufte die Geschichte zunächst als Filmprojekt und schrieb den Roman erst später. Das Drehbuch von Anna Klassen existierte bereits, und der Film war schon auf dem Weg zur Produktion, bevor das Buch fertiggestellt war.

Für Regisseurin Carlson Young war der Roman deshalb nie eine verbindliche Vorlage, die sie möglichst originalgetreu auf die Leinwand bringen sollte. Stattdessen entwickelten sich Buch und Film gewissermaßen nebeneinander aus derselben Geschichte. Todd konnte beim Schreiben andere Entscheidungen treffen, während Young nach einem Ende suchte, das auf der Leinwand funktionierte.
Auch dieses Ende stand lange nicht endgültig fest. Für das Finale wurden mehrere Varianten gedreht, bevor Young sich für jene Fassung entschied, die Rys Erinnerungen bewusst nicht eindeutig erklärt. Das Fragezeichen am Ende ist daher kein Zufall, sondern eine bewusste Entscheidung: Das Publikum soll den Film mit genau dieser Unsicherheit verlassen.
Das offene Ende liefert Stoff für „The Last Sunrise 2“
Für Ry und Julián ist Todds Buchende eindeutig angenehmer. Für einen möglichen zweiten Film wäre es allerdings beinahe zu bequem. Die Leinwandfassung hinterlässt sofort einen Konflikt, der eine Fortsetzung tragen könnte: Was passiert, wenn Ry sich tatsächlich nicht an Julián erinnert? Würde sie sich noch einmal in ihn verlieben? Und wie geht Julián damit um, wenn für ihn ein ganzer gemeinsamer Sommer existiert, an den sie sich vielleicht nicht mehr erinnern kann?

Diese Fragen sind inzwischen besonders interessant, weil bereits an einem Drehbuch für eine mögliche Fortsetzung gearbeitet wird. Offiziell bestätigt ist Teil 2 bislang allerdings nicht; Amazon MGM hat noch keinen zweiten Film bestellt. Sollte er kommen, müsste die Geschichte keinen neuen Grund erfinden, um Ry und Julián wieder aus dem Gleichgewicht zu bringen. Der erste Film hat diesen Konflikt bereits vorbereitet.










