
Die „Dark“-Macher verfilmen Deutschlands verstörendstes Kinderbuch als Serienkiller-Thriller
Dem Daumenlutscher werden die Daumen abgehackt. Paulinchen spielt mit Streichhölzern und verbrennt bei lebendigem Leib, betrauert nur von zwei Katzen. Der Suppenkaspar verweigert sein Essen und stirbt daran. Was klingt wie der Einstieg in einen modernen Horrorfilm, ist ein deutsches Kinderbuch aus dem Jahr 1845, das Generationen von Kindern in den Schlaf begleitet hat, ob sie wollten oder nicht. Dass ausgerechnet der Struwwelpeter jetzt als Vorlage für eine Serienkiller-Thrillerserie herhalten soll, klingt zunächst wie eine wilde Idee. Doch dann erfährt man, wer dahintersteckt.
Nach „Dark“ und „1899“: Die Rückkehr von bo Odar und Friese
Baran bo Odar und Jantje Friese haben mit Dark (2017) deutsche Seriengeschichte geschrieben. Die dreistafflige Zeitreise-Mystery wurde international als eine der besten Serien ihrer Generation gefeiert und bewies, dass deutschsprachiges Fernsehen auf Augenhöhe mit dem Besten spielen kann, was das globale Streaming-Zeitalter hervorgebracht hat.

Schuld, Strafe, Elternschaft, die Frage, ob Menschen in der Lage sind, ihre eigenen Fehler wirklich zu korrigieren: Das waren die eigentlichen Themen, verkleidet als Genreserie. Mit 1899 (2022) wagten sie anschließend ein noch ambitionierteres Projekt, eine vielsprachige Mysteryserie, die aber trotz begeisterter Fans nach einer Staffel von Netflix nicht fortgeführt wurde. Für viele war das eine der bittersten Streaming-Entscheidungen der letzten Jahre: ein Serienuniversum, das auf halbem Weg abgewürgt wurde, und das nicht wegen mangelnder Qualität, sondern wegen einer Plattformentscheidung. Das Struwwelpeter-Projekt ist ihr erster großer Anlauf seitdem.
Die Idee stammt dabei nicht von ihnen selbst, sondern vom Newcomer-Autor Matija Dragojević, der gemeinsam mit Kleo (2022)-Autor Bob Konrad die Drehbücher verantwortet. Bo Odar und Friese fungieren als Executive Producer über ihre Firma Dark Ways.
Dass sie sofort zusagten, ist kein Zufall: Dragojević präsentierte ihnen ein Konzept, das Strafe und Vergebung nicht als Kinderbuchweisheit, sondern als existenzielle Erwachsenenfrage behandelt. Was sie daran faszinierte, formulierten sie selbst so: Dragojević nutze das Genre, um etwas zutiefst Intimes zu erzählen, nämlich die fragile Verbindung zwischen Erzogenwerden und Elternsein. Das klingt weniger nach Serienkrimi als nach dem, was Dark im Kern war.
Ein Buch, das seit 180 Jahren verstört
Wer nicht in Deutschland aufgewachsen ist oder die Erinnerung erfolgreich verdrängt hat: Der Struwwelpeter ist kein normales Kinderbuch. Autor Heinrich Hoffmann war Psychiater, kein Schriftsteller, und schrieb die zehn Geschichten 1844 ursprünglich nur für seinen eigenen Sohn, weil ihm kein passendes Weihnachtsgeschenk einfiel. Ab 1845 erschienen sie im Druck und wurden schnell zum Massenphänomen.
Das Prinzip ist simpel und bleibt trotzdem seltsam wirkungsvoll: Ein Kind verstößt gegen eine Regel, die Konsequenz ist unverhältnismäßig grausam. Wer zu viel wackelt, reißt den gedeckten Tisch um. Wer in die Luft schaut, fällt in den Bach. Wer an den Daumen lutscht, verliert sie. Die Moral dieser Geschichten ist klar, die Verhältnismäßigkeit der Mittel schon weniger. Lange vor dem modernen Horrorfilm stellte das Buch eine Frage, die bis heute nicht veraltet ist: Was rechtfertigt Strafe, und wer darf sie verhängen?
Eine erste Verfilmung gab es bereits mit Der Struwwelpeter (1955) von Fritz Genschow. Darin erweckt ein Junge die Figuren aus dem Struwwelpeter in einem Spielzeugwarenhaus zum Leben. Der Film hielt sich nah an den gruseligen Grundton des Buchs, blieb in der Umsetzung aber eher zahm. Was HBO Max jetzt aus dem Stoff macht, hat damit wenig gemein.
Was bisher über die neue Serie bekannt ist
Die Dreharbeiten zur noch unbetitelten sechsteiligen Thrillerserie laufen derzeit in Berlin, Brandenburg und Sachsen-Anhalt. Im Mittelpunkt steht BKA-Ermittlerin Anja Vogler (Lisa Vicari), die in ihre Heimatstadt zurückkehrt, wo Ritualmorde begangen werden, deren Muster sich an den Geschichten des Struwwelpeter orientiert. Jede Tat ist eine Anklage, deren Bedeutung zunächst unklar bleibt, und während Anja versucht, die Hinweise zu entschlüsseln, muss sie sich gleichzeitig ihrer eigenen Schuld stellen und dem Sohn, den sie einst zurückgelassen hat.
Vicari ist keine zufällige Wahl. Sie spielte in Dark Martha Nielsen und ist für das Publikum bereits eng mit der Handschrift dieser Macher verbunden. An ihrer Seite ermittelt Peter Kurth (Babylon Berlin, 2017) als Kollege Norbert Troschitz, weitere durchgehende Rollen übernehmen Jan Friedrichsen als Anjas Sohn Max, Iris Böhm als ihre Mutter Kerstin sowie Merlin Rose, Maria Simon, Mišel Matičević und Stipe Erceg.
Regie bei allen sechs Folgen führt Lennart Ruff (Unfamiliar, 2026), die Kamera verantwortet Christian Stangassinger. HBO Max beschreibt das Projekt als „Cruel Reality“-Thriller, der gleichzeitig als Familiendrama funktionieren soll, mit Schuld, Verantwortung und Elternschaft als zentralen Themen. Welche der zehn Struwwelpeter-Geschichten konkret als Mordmotive dienen, hat HBO Max bisher nicht verraten. Ein Starttermin steht bisher nicht fest.




























