
„Staatsschutz“ gibt Deutschland eine neue „Superheldin“ - bewaffnet mit dem Gesetz
Superheldinnen haben normalerweise einen ziemlich eindeutigen Vorteil: Wenn die Welt sie braucht, müssen sie sich nicht erst durch einen Aktenberg arbeiten. Bei Seyo Kim (Chen Emilie Yan) ist das anders. In Staatsschutz (2026) ist sie eine junge Staatsanwältin, die rechte Gewalt mit den Mitteln bekämpfen will, die ihr der Staat in die Hand gibt. Dann wird sie selbst Opfer eines rassistischen Brandanschlags und merkt, dass ihre eigene Behörde bei dem Fall erstaunlich wenig Entschlossenheit zeigt. Gegen die Anweisung ihres Vorgesetzten Forch (Arnd Klawitter) ermittelt Seyo weiter und stößt auf ein rechtes Netzwerk, das weit über den einzelnen Täter hinausreicht.
Shariats Politthriller gewann bei der Berlinale drei Preise und stand auf der deutschen Oscar-Vorauswahlliste. Noch interessanter ist allerdings, dass der Regisseur Seyo selbst als eine Art Superheldin beschreibt – und dieser Vergleich wirkt im Film schnell weniger ungewöhnlich, als er zunächst klingt.
Faraz Shariat braucht für seine Superheldin weder Umhang noch Superkräfte
Die Idee stammt nicht von einem besonders fantasievollen Vergleich mit Marvel, sondern vom Regisseur selbst. Auf Seyos besondere „Kraft“ angesprochen, nennt Shariat ihren Mut, ihren Scharfsinn und ihre Furchtlosigkeit, vor allem aber ihre Weigerung, sich einschüchtern oder vertreiben zu lassen. Das passt zu einer Heldin, deren Mittel auf den ersten Blick ziemlich unspektakulär wirken: Seyo kennt Gesetze, versteht Verfahren, kann Beweise lesen und besitzt als Staatsanwältin staatliche Autorität. Ihr Werkzeugkasten besteht also eher aus Paragrafen als aus Hightech-Gadgets.
Trotzdem steckt darin etwas, das Superheldengeschichten seit jeher interessiert, nämlich die Frage, was ein Mensch mit der Macht macht, die ihm zur Verfügung steht. Seyo beginnt ihre Arbeit mit erstaunlich viel Vertrauen in den Rechtsstaat und muss erst nach und nach feststellen, dass ein Gesetz auf dem Papier wenig nützt, wenn diejenigen, die es anwenden sollen, wegsehen, abwiegeln oder einen Fall lieber möglichst geräuschlos abschließen würden. Ihre Gegner sitzen deshalb nicht nur in der rechten Szene – manche sitzen wenige Türen weiter.
Der Anschlag macht aus der Staatsanwältin selbst eine Betroffene
Peter Parker wird von einer Spinne gebissen, Bruce Wayne verliert seine Eltern, Seyo überlebt einen rassistischen Anschlag. Der Vergleich soll ihre Erfahrung nicht in Comic-Unterhaltung verwandeln, macht aber sichtbar, wie Staatsschutz ihren Weg aufbaut: Es gibt ein Ereignis, nach dem sie nicht einfach zu ihrem bisherigen Leben zurückkehren kann, nur bekommt sie danach keine neuen Fähigkeiten. Stattdessen verändert sich ihr Blick auf jene, die sie längst besitzt, denn plötzlich ist Seyo nicht mehr allein die Staatsanwältin, die Fälle bearbeitet, sondern selbst eine Betroffene, deren Behörde darüber entscheidet, wie ernst die Gewalt gegen sie genommen wird.
Mit Unterstützung der Anwältin Alexandra Tiedemann (Julia Jentsch) und der Archivmitarbeiterin Ayten Alican (Alev Irmak) beginnt sie, längst erledigt geglaubte „Einzelfälle“ wieder hervorzuholen. Dabei wird aus einem konkreten Anschlag nach und nach eine sehr viel größere Sache: Seyo stößt immer tiefer in ein Netzwerk vor und muss sich fragen, wie viele Verbindungen vorher niemand sehen wollte. Eine radioaktive Spinne hätte ihr vermutlich weniger Papierkram eingebracht.
Dann bekommt die Staatsanwältin tatsächlich ihr eigenes Batmobil
Ganz beim nüchternen Justizdrama bleibt Shariat allerdings nicht: Je weiter Seyo sich in ihre Ermittlungen hineinsteigert, desto mehr darf auch der Film seine Krawatte lockern. Die kontrollierte Staatsanwältin wird härter, trägt schwarze Lederjacke, bewaffnet sich und fährt irgendwann in einem röhrenden Dodge durch die brandenburgische Provinz, was so ziemlich das Gegenteil von unauffälliger Ermittlungsarbeit ist.
Shariat selbst spricht von „aktivistischem Popcorn-Kino“ und hat erklärt, dass das Publikum bei einem so ernsten Stoff auch Spaß haben darf. Der Dodge passt dazu hervorragend, weil er zu laut für heimliche Ermittlungen, zu amerikanisch für deutsche Behördenflure und gerade deshalb ein herrlich überzogenes Gefährt für eine Frau ist, die inzwischen längst nicht mehr nur hinter ihrem Schreibtisch sitzt. Spätestens hier bleibt vom Superheldinnen-Vergleich nicht nur die innere Haltung übrig, sondern Staatsschutz gönnt Seyo stellenweise auch die passende Kino-Pose.
Seyos stärkste Waffe wird irgendwann selbst zum Problem
Ein gewöhnlicher Superheld kann irgendwann entscheiden, welche Regeln für ihn gelten. Für eine Staatsanwältin wird das etwas komplizierter. Seyo will mit staatlicher Macht gegen das Versagen staatlicher Institutionen vorgehen und gerät dadurch zunehmend in einen Widerspruch, den Staatsschutz nicht bequem auflöst: Sie ignoriert Anweisungen, bringt sich selbst in Gefahr und überschreitet bei ihren Ermittlungen Grenzen, während auch ihre Partnerin Min-Su (Kotbong Yang) erlebt, wie wenig Raum außerhalb dieses Kampfes noch bleibt.
Aus Seyo wird deshalb keine rechtschaffene Rächerin, bei der jedes Mittel automatisch erlaubt ist, nur weil ihre Sache richtig ist. Ihre besondere „Superkraft“ ist schließlich kein magischer Joker, sondern die Autorität eines Systems, das Regeln hat und haben muss. Je unbequemer Seyo wird, desto interessanter wird deshalb auch Shariats Vergleich mit einer Superheldin, denn sie kann ihre Robe eben nicht gegen einen Umhang tauschen und anschließend machen, was sie will – und der Dodge vor der Tür hilft ihr dabei leider auch nicht weiter.







