
„Brand New Day“-Autoren wollten aus Spider-Man eine Horrorfigur machen
Ein Rasierer, ein Krankenhaus, ein Körper mit Eigenleben. Bevor Spider-Man: Brand New Day (2026) seine endgültige Form fand, spielten die Autoren Chris McKenna und Erik Sommers mit Veränderungen, die Peter Parkers (Tom Holland) Verhältnis zu seinen Kräften verschoben hätten. Weg vom Werkzeug, hin zum körperlichen Kontrollverlust.
Eine der Ideen hätte dafür nicht einmal Peters Aussehen verändern müssen. Sein Körper sollte ein Pheromon produzieren, auf das Spinnen reagieren. McKenna und Sommers dachten das bis zu einer Szene weiter, in der Peter sich in einem Krankenhaus befindet und plötzlich Spinnen von der Decke fallen. Kinder schreien. Peter muss niemanden gebissen, geschlagen oder mit Netzen beworfen haben, damit die Situation kippt. Das ist der entscheidende Unterschied. Die Gefahr wäre nicht aus einer Handlung entstanden, sondern aus seiner Biologie.
Und das war nur eine Variante.
Borsten, Gift und schwarze Augen: Peter gegen den eigenen Körper
McKenna erinnerte sich im Interview an die verworfene Pheromon-Fassung: „Die Idee war eine ganze Weile im Spiel und ging deutlich stärker in Richtung Horror. Peter sonderte tatsächlich ein Spinnenpheromon ab, sodass die Tiere überall zu ihm strömten. Es gab sogar eine Krankenhausszene mit Kindern: Plötzlich fielen die Spinnen von oben herunter und die Kinder fingen an zu schreien“, so McKenna.
Sommers wollte Peters Veränderung noch sichtbarer machen. An dessen Beinen sollten Borsten wachsen, wie man sie von Spinnen kennt. Das blieb nicht bei einem Entwurf für die Maske: Die Autoren entwickelten eine Szene, in der Peter versucht, die neuen Haare mit gekauften Rasierern wieder loszuwerden. Eine Superkraft, für die man morgens ins Badezimmer muss. Weniger Avengers, mehr Körperpanik.

Auch Peters Biss beschäftigte die Autoren. McKenna zufolge gab es Überlegungen, Peter Gift entwickeln zu lassen. Entscheidend war die Dosierung: Spinnen können beim Biss regulieren, wie viel Gift sie einsetzen, und diese Eigenschaft sollte Peter möglicherweise ebenfalls besitzen. In einer Drehbuchidee hätte er damit sogar die Wirkung von Jean Grey (Sadie Sink) neutralisieren können.
Dass solche Einfälle in Richtung Körperhorror gingen, war kein Zufall. McKenna nannte Die Fliege (1986) ausdrücklich als einen Film, an dem sich die Autoren während ihrer Arbeit orientierten. Bei David Cronenberg beginnt das Grauen schließlich nicht erst mit der fertigen Kreatur. Entscheidend sind die Veränderungen davor – jene Momente, in denen der eigene Körper plötzlich Dinge tut, die gestern unmöglich waren.
Peter sollte allerdings nicht vollständig zum Spinnenwesen werden. Genau dort lag für die Autoren die Grenze. Übrig blieben unter anderem die schwarzen Augen und organischen Netze, vor denen Peter selbst zurückschreckt. Sommers beschrieb, wie er seine neue Fähigkeit untersucht und dabei beinahe erbricht.

Organische Netze sind für Spider-Man im Kino kein Neuland. Peter Parker (Tobey Maguire) produzierte sie bereits in Spider-Man (2002). Der entscheidende Unterschied liegt in der Reaktion: Was dort schnell zur praktischen Erweiterung des Körpers wird, löst diesmal Ekel aus.
Der Superheld betrachtet seine eigene Superkraft – und möchte wegsehen.
Spiders-Man: Peter Parker nur noch als Fassade
Marvel Comics kennt eine Antwort auf die Frage, wie weit sich Peter von seinem menschlichen Ausgangspunkt entfernen lässt. Sie trägt einen vertrauten Namen mit vertauschter Reihenfolge: Spiders-Man.
Spiders-Man von Earth-11580 erschien erstmals 2018 in Spider-Geddon #3 und wurde von Christos Gage und Jorge Molina geschaffen. Seine Entstehung nimmt das berühmteste Element von Spider-Mans Ursprung und kehrt dessen Richtung um. Peter wird nicht von einem einzelnen Tier gebissen. Er gerät in eine Kolonie von Spinnen und wird von ihnen gefressen.
Danach existiert Peter nur noch auf andere Weise.
Die Spinnen verbinden sich zu einem Schwarmbewusstsein, das seine Persönlichkeit aufgenommen hat. Was anschließend wie Peter auftritt, ist deshalb kein verwandelter Mensch. Es ist eine Vielzahl von Tieren, die als gemeinsame Identität einen Toten fortsetzt.
Die Figur selbst formuliert den Zweifel daran entsprechend drastisch: „Glaubst du, ich bin ein Mensch? Glaubst du, du kannst mich von dem hier zurückholen? Und selbst wenn es dir gelingen würde … könntest du mich jemals wieder ansehen, ohne an das Monster zu denken, zu dem ich geworden bin?“

Es gibt keinen belastbaren Beleg dafür, dass McKenna und Sommers Spiders-Man für ihre Filmideen als Vorlage verwendeten. Der Vergleich funktioniert deshalb nicht als Entstehungsgeschichte, sondern als Gegenprobe. Beide Konzepte beginnen an derselben empfindlichen Stelle von Spider-Man: Peter verdankt seine außergewöhnlichen Fähigkeiten einem Tier, soll aber selbstverständlich Mensch bleiben.
Die verworfenen Ideen aus Brand New Day hätten diese Selbstverständlichkeit angekratzt. Borsten lassen sich abrasieren. Schwarze Augen verschwinden wieder. Selbst organische Netze kann Peter irgendwann als Teil seines Körpers akzeptieren. Ein Pheromon wäre schwerer einzuhegen gewesen, denn es hätte nicht nur Peter verändert, sondern jeden Raum, den er betritt.
Spiders-Man zieht diesen Gedanken bis ins Extrem. Dort stellt sich nicht mehr die Frage, wie viel Spinne Peter verträgt. Es gibt keinen Peter mehr, der sie beantworten könnte.
Eines steht fest: Spider-Man wird nicht dann unheimlich, wenn er wie eine Spinne aussieht – sondern wenn der Mensch unter der Maske seine Selbstverständlichkeit verliert.































